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1. . E Ei in nl le ei i t tu un ng g
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„Große Hoffnungen ruhten auf ihm, und so reich war er mit Gaben ausgestattet,
dass er selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen haben würde“, schreibt Wil- helm Schulz in seinem Nachruf auf den Freund Georg Büchner. Schulz sieht in dem Dichter und Gelehrten Büchner ein politisches Talent, dem er Großes zutrau-
te: „(Er) war mit zu viel Tatkraft ausgerüstet, als dass er bei der jüngsten Bewe- gung im Völkerleben, die eine bessere Zukunft zu verheißen schien, in selbstsüch-
tiger Ruhe hätte verharren sollen“ 1 , schreibt er in Anspielung auf Büchners Versu- che, in seiner hessischen Heimat einen Aufstand der Armen und Unterdrückten gegen ihre adeligen und bürgerlichen Ausbeuter anzufachen. Die Gesellschaft des
Vormärz schloss sich diesem Urteil nicht an. Georg Büchner - geboren am 17. Ok- tober 1813, gestorben am 19. Februar 1837 - geriet in Vergessenheit. Ebenso wie
seine Werke, die mit Ausnahme von „Dantons Tod“ posthum erschienen. Erst En- de des 19. Jahrhunderts wurde Georg Büchner wiederentdeckt. Die Literaten des Naturalismus schickten sich an, die Wirklichkeit ohne jede idealistische Schminke
abzubilden und fanden in Büchner ein Vorbild, der dies bereits Jahrzehnte zuvor umgesetzt hatte. Nun wurde er als Revolutionär bewundert, der neue Maßstäbe
literarischer Wirklichkeitsintegration gesetzt hatte. Revolutionär muten auch die materialistisch geprägten gesellschaftskritischen Ansätze seines Werkes an, die ihrer Zeit weit voraus waren.
Die vorliegende Seminararbeit spürt diesen Ansätzen im „Woyzeck“ und in der Novelle „Lenz“ nach. Außerdem versucht sie zu klären, inwieweit diese literari-
schen Äußerungen deckungsgleich sind mit Büchners eigenem Weltbild. 2 Dazu werden Büchners Biographie und briefliche Äußerungen analysiert. Die Seminar- arbeit bezieht hierzu auch den „Hessischen Landboten“ mit ein, anhand dessen
Büchners realpolitische Ambitionen umrissen werden können.
1 Zit. nach Karl Pörnbacher u.a. (Hrsg.), Georg Büchner – Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Mün-
chen 8 2001, S. 394.
2 Vgl. Wolfgang Kayser: „Dieser Gedanke aber, die gesellschaftliche Deutung (...) von Kunstwerken, darf
nicht unvermittelt auf den sog. gesellschaftlichen Standort oder die gesellschaftliche Interessenslage der
Werke oder gar ihrer Autoren zielen.“ Zit. Nach Bo Ullmann: Die sozialkritische Thematik im Werk
Georg Büchners und ihre Entfaltung im Woyzeck. Stockholm 1972, S.8
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Schon in früher Jugend formen sich Georg Büchners gesellschaftspolitische
Grundhaltungen. Seine Sympathien für republikanisches Gedankengut manifes- tieren sich in Aufsätzen zum „Helden-Tod der 400 Pforzheimer“ und zur „Vertei- digung des Kato von Utika“. Ersterer beschreibt den Kampf der Pforzheimer
Bürger gegen den Feldherren Tilly im 30-jä hrigen Krieg, in der Verteidigungsre- de rechtfertigt der junge Büchner den Selbstmord des Kato als konsequente
Freiheitsliebe: Der römische Politiker will lieber sterben als sich dem Diktator Cäsar zu unterwerfen. In diesen frühen Schriften spürt man eine große Begeis- terung für Freiheit und Demokratie. Die Wurzeln dieser Überzeugungen liegen
in Büchners Elternhaus im hessischen Goddelau – einem Dorf wenige Kilome- ter von Darmstadt entfernt, der Hauptstadt des Großherzogtums Hessen. Be-
sonders der Vater, Ernst Büchner, spielt hier eine herausgehobene Rolle. Er muss eine recht widersprüchliche Persönlichkeit gewesen sein. Als engagier- tem Arzt war es ihm ein echtes Anliegen, seinen leidenden Mitmenschen zu
helfen, was ihn in den Augen des Sohnes zweifelsohne zum Vorbild erhob. An-
dererseits pflegte er einen extrem autoritären Erziehungsstil 3 und verkörpert damit in gewisser Weise jene Georg Büchner verhassten Unterdrückungsme- chanismen. So mögen beide Aspekte auf den sensiblen Knaben gewirkt haben. Aus der Identifikation mit dem gewissenhaften Arzt ließe sich Georg Büchners
soziale Zugewandtheit, aus dem Widerstand gegen den Tyrannen-Vater die Abscheu gegen obrigkeitliche Instanzen erklären.
3 Noch als erwachsener Mann fürchtete Büchner seinen Vater. Seine Verlobung mit Wilhelmine Jaeglé
offenbarte er der Familie aus Angst vor dessen Reaktion erst zwei Jahre später.
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Die politische Gedankenwelt Büchners erschöpft sich jedoch nicht in der Ablehnung der gegenwärtigen absolutistischen Ordnung. In den Jahren an der Straßburger U- niversität, wo er ab 1831 studiert, schärfte er in Diskussionen mit Freunden (Eugène Boeckel, Wilhelm Baum, Alexis Muston, August und Adolph Stoeber sowie deren Vater Ehrenfried Stoeber) seinen Blick für die Tatsache, dass der Grund des Übels nicht nur in der Vorenthaltung bürgerlicher Rechte, sondern in erster Linie in der ma- teriellen Unterdrückung des Volkes liegt. Frankreich bot ihm hierfür ein gutes Bei- spiel. Im Juli 1830 hatte ein großer Volksaufstand Karl X zum Thronverzicht ge- zwungen. An seiner Ste lle als König trat Louis Philippe, Herzog von Orléans. Das Bürgertum, das seine Regierung stützte, erhielt die angestrebten wirtschaftlichen und bürgerlichen Freiheiten. Allein die soziale Lage der breiten Masse, die den Wechsel erzwungen hatte, besserte sich nicht. Aus der absolutistischen Diktatur war eine Diktatur des Großbürgertums hervorgegangen. In Straßburg knüpfte Büchner Kontakte zur linksrepublikanischen Opposition, wurde Mitglied in der Gesellschaft der Menschenrechte. Hier kam er mit den politischen Theorien der sogenannten utopischen Sozialisten, z.B. Saint-Simon, in Berührung, die ihn nachhaltig beein- flusst haben. Die Saint-Simonisten etwa gingen von einer zweigeteilten Gesellschaft aus. Die große Masse der elenden und ausgebeuteten Menschen erschafft alle Produkte. Die Produktionsmittel sind im Besitz einer kleinen unproduktiven Klasse, die herrscht und genießt. Daraus leiten sich die Ablehnung des Privateigentums an Produktionsmitteln ab. Das Grundpostulat der Sozialisierung entsprach durchaus der Überzeugung Büchners, nicht jedoch die Vorste llung der Saint-Simonisten, dass dieser Prozess in Form einer friedlichen Zusammenführung der Klassen vonstatten gehen kann. „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt“, schreibt Büchner an die Eltern. Persönlich beteiligte sich Büchner jedoch nicht an Umsturz- versuchen, „weil ich im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als
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Steffen Becker, 2002, Gesellschafts- und Klassenkritik in Georg Büchners Dichtung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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