Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 2
2. Natural Born Killers als potentielle Gefahr S 2-3
2.1 Gewalt im Film als Gegenstand der Wirkungsforschung S 3
2.2 Die Stimulations- oder Imitationshypothese S 3-4
2.3 Die Habitualisierungshypothese S 4-5
2.4 Kritik an der Wirkungsforschung S 5-6
2.5 Mögliche Gefahren des Films NBK S 6
2.6 Beispiele für Nachahmungstaten im Zusammenhang mit NBK S 6-7
3. Natural Born Killers als Gesellschafts- und Medienkritik S 7
3.1 Die Frage nach dem Sinn oder: Wieviel Gewalt verträgt ein Film S 8
4. Natural Born Killers als (postmodernes) Kunstwerk S 9
4.1 Die Ästhetik extremer Gewalt S 10-11
5. Fazit S 11-12
6. Literaturverzeichnis S 13-14
1. Einleitung
Gewaltdarstellungen sind schon lange fester Bestandteil des Kinos. Fast ebenso alt ist die Kontroverse um mögliche Auswirkungen von Gewalt im Film auf den Zuschauer. Im Falle von besonders extremen Formen der Gewaltdarstellung kommt immer wieder die Frage auf, ob diese Gewalt eine potentielle Gefahr darstellen könnte, ob der Zuschauer gar animiert wird selbst Gewalt anzuwenden. Jedoch ist Gewalt im Film meist nicht einfach ‘Gewalt um der Gewalt willen’, sondern sie trägt eine Bedeutung in sich, soll eine bestimmte Botschaft des jeweiligen Films übermitteln.
Gewaltdarstellung im Film ist auch immer ein künstlerisches Stilmittel. Sie hat ihre eigene Ästhetik und kann, losgelöst von ihrer Bedeutung, als Kunstform betrachtet werden. Die folgende Arbeit soll am Beispiel von Oliver Stone’s Film Natural Born Killers die Frage erörtern, ob extreme Gewalt im Film ein gefährliches Vorbild ist oder als ästhetischer Genuß gesehen werden kann. Hierbei soll und kann die Frage keiner endgültigen Beantwortung zugeführt werden. Vielmehr sollen die verschiedenen Seiten von Gewalt im Film betrachtet werden.
Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich für den Filmtitel Natural Born Killers die gebräuchliche Abkürzung NBK verwenden.
Nach einer kurzen Einführung in die Kontroverse um NBK, werden zunächst die möglichen Auswirkungen von Gewaltdarstellungen anhand der Erkenntnisse der Wirkungsforschung dargelegt und in Bezug zu NBK gesetzt, um dann über die intendierte Bedeutung der Gewalt in NBK auf die Bedeutung des Films als Kunstwerk und die Ästhetik der Gewalt zu kommen.
2. ’Natural Born Killers’ als potentielle Gefahr
Wegen seiner extremen Gewaltdarstellungen löste der Film NBK seinerzeit eine hitzige Diskussion aus. Während die meisten Filmkritiker zwar den Film inhaltlich stark kritisierten, kamen die Rufe nach einem Verbot des Filmes in Deutschland eher aus den Kreisen von Politik und besorgten Zuschauern. Vor allem Norbert Geis, rechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU Fraktion im Bundestag, forderte in Zeitungsberichten ein Verbot des Filmes zu prüfen, und auch Burkhard Hirsch, innenpolitischer Sprecher der FDP Fraktion, äußerte sich besorgt über die vermehrte Darstellung von Gewalt. 1
1 Vgl. DPA: Freiwilliger Seiltanz. Stuttgarter Zeitung, 29.10.1994. In: Zündstoff – Kino der Gewalt. Hrsg. v.
Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1995, S.19.
2
Zuvor war der Film in Irland von Sheamus Smith, dem Leiter der staatlichen Filmzensur, kurzerhand verboten worden, da die irischen Medien einen Zusammenhang mit dem Film und zehn Tötungsfällen im Ausland hergestellt hatten. 2 Was macht NBK und andere Filme mit extremen Gewaltdarstellungen zu einer potentiellen Gefahr?
2.1 Gewalt im Film als Gegenstand der Wirkungsforschung
Wissenschaftler untersuchen die Frage nach den möglichen Wirkungen von Gewalt im Film und anderen Medien seit langem.
Schorb führt hierzu vier Hypothesen an, die sich teilweise gegenseitig ausschließen:
Die Stimulations- oder Imitationshypothese, die davon ausgeht, daß das Sehen von Gewalt beim Zuschauer gewalttätiges Handeln stimuliert und er dieses imitiert.
Die Katharsishypothese nimmt den schon von Aristoteles formulierten Gedanken einer „reinigenden“ Wirkung von Gewaltbetrachtungen auf und verbindet ihn mit der Freudschen Projektionsannahme, die besagt, daß sich der Zuschauer durch Gewaltdarstellungen abreagiert und deshalb auf die Ausübung von Gewalt verzichtet.
Die Inhibitionshypothese postuliert, daß auf die Darstellung von Gewalt deswegen keine Aggression erfolgt, weil die Ablehnung von Gewalt im Menschen inhibiert („verinnerlicht“) sei. Die Habitualisierungshypothese behauptet, die ständige Konfrontation mit Gewalt führe durch Gewöhnung zu einem Abstumpfungseffekt. 3
Während es zu der Stimulations-, der Inhibitions- und der Habitualisierungshypothese wissenschaftliche Untersuchungen gibt, findet man für die Katharsishypothese bislang keine Belege. 4 Im Zuge der vorliegenden Fragestellung sind vor allem die Untersuchungen zur Stimulations- und Habitualisierungshypothese interessant.
2.2 Die Stimulations- oder Imitationshypothese
Diese Theorie befaßt sich vor allem mit möglichen Kurzzeiteffekten, die nach dem Konsum von Medien mit gewalttätigem Inhalt auftreten können. 5 Leonard Berkowitz führt eine ganze Reihe von Versuchen an, die von den späten Sechzigern bis mitte der achtziger Jahre an amerikanischen Universitäten durchgeführt wurden. Die zahlreichen Versuche hier alle zu beschreiben würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb sollen nur einige Beispiele angeführt werden.
2 Vgl. AP: Stone-Film in Irland verboten. Kölner Stadtanzeiger, 28.10.1994. In: Zündstoff – Kino der Gewalt. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1995, S.18.
3 Bernd Schorb: Medien wirken mit. In: Zündstoff – Kino der Gewalt. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1995, S.12.
4 Vgl. ebd., S.12.
5 Vgl. ebd., S.12.
3
So wurde zum Beispiel zwei Gruppen von Jungen und Mädchen entweder eine kurze Szene eines Kampfes oder eine gewaltlose Kurzdokumentation über Boote gezeigt. Nach Beendigung der Filmvorführung wurden den Kindern zwei Aktivitäten zur Auswahl angeboten: Eine Tortenschlacht oder eine Schlauchbootfahrt. Das Ergebnis war, daß sich die Kinder, je nachdem welchen Film sie kurz zuvor gesehen hatten, mehrheitlich entweder für die gewalttätige oder die gewaltlose Aktivität entschieden. 6 In einem weiteren Experiment wurden die Versuchspersonen angewiesen, während sie den Film eines Kampfes betrachteten, sich in die Rolle des Siegers zu versetzen. Nach dem Film zeigten diese eine verstärkte Aggressivität gegenüber einer Person, die sie beleidigte. Berkowitz führt dies auf die verstärkten aggressiven Gedanken und die Identifikation mit dem Protagonisten zurück, welche die Personen hatten während sie den Film sahen. 7 In einer Reihe weiterer Versuchsbeschreibungen zeigt Berkowitz, daß Gewaltdarstellungen durchaus einen unmittelbaren Einfluß auf den Zuschauer haben können.
Ein weiterer wichtiger Gegenstand der Wirkungsforschung sind auch die möglichen Langzeitauswirkungen von vermehrtem Konsum von Filmen, die Gewaltdarstellungen beinhalten. Mit diesen beschäftigt sich die Habitualisierungshypothese.
2.3 Die Habitualisierungshypothese
Auch hier führt Berkowitz eine Reihe von Versuchen an, welche zeigen sollen, daß die Akzeptanz von Gewalt und die Bereitschaft selbst Gewalt anzuwenden mit der Quantität der gesehenen Gewaltdarstellungen wächst.
Hierzu wurde in einem Versuch beispielsweise einem Teil der Testpersonen eine große Menge an filmischen Sexszenen gezeigt. Daraufhin wurde allen Testpersonen die Aufgabe gestellt das Strafmaß für einen verurteilten Vergewaltiger festzulegen. Diejenigen Personen, die einer großen Anzahl von Szenen mit pornographischem Inhalt ausgesetzt waren, bevorzugten mehrheitlich geringere Strafmaße, wohingegen die Personen, die den sexuellen Darstellungen nicht ausgesetzt worden waren, eher zu den härteren Strafmaßen tendierten. Es war offensichtlich unter den Versuchsteilnehmern zu einer höheren Akzeptanz von sexueller Gewalt gekommen. 8 In einem weiteren Experiment wurde den Testpersonen zunächst entweder ein fiktionaler Film mit gewalttätigem Inhalt oder ein neutraler Film gezeigt. Anschließend wurde allen
6 Vgl. Leonard Berkowitz: Some Effects of Thoughts on Anti- and Prosocial Influences of Media Events. In:
Screening Violence. Hrsg. v. The Athlone Press. London 2000, S.218.
7 Vgl. ebd., S.223.
8 Vgl. ebd., S.220.
4
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Christian Honeck, 2004, Oliver Stone's Natural Born Killers. Extreme Gewalt im Film - ästhetischer Genuß oder gefährliches Vorbild?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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