2
Inhalt
Vorbemerkung 3
1. Das Leib Seele-Problem 5
2. Begriffskritik und Naturalisierung des Bewusstseins9
3. Möglichkeiten und Grenzen der Emergenztheorie 15
Schlussbemerkung 28
Literaturverzeichnis 31
3
Vorbemerkung
Die vorliegende Arbeit soll eine Darstellung und
Analyse von John R. Searles Auseinandersetzung mit dem
Leib/Seele-Problem 1
leisten. Dabei soll kritisch
überprüft werden, ob es Searle gelingt, zwischen der
Skylla des Dualismus und der Charybdis des Monismus
einen Ausweg zu finden, der seinem eigenen Anspruch
einer „Lösung“ bzw. Überwindung 2 des Körper/Geist-
1 Im Folgenden werde ich die Begriffe ‚Leib/Seele-Problem‘ und
‚Körper/Geist-Problem‘ synonym verwenden. Dies bedarf einer kurzen
Rechtfertigung, da es einerseits im angelsächsischen
Sprachgebrauch kein äquivalentes Wort für ‚Leib‘ gibt und die
Bezeichnung ‚mind/body-problem‘ üblich ist, andererseits das
traditionelle Leib/Seele-Problem aufgrund der umfangreichen
wissenschaftlichen Erkenntnisse
neuropsychologischen Korrelationsforschung im Laufe der
Philosophiegeschichte in einem neuen Licht erscheint. Nicht
zuletzt die Einsichten der Evolutionstheorie und der Quantenphysik
lassen das Leib/Seele-Problem nicht mehr als ein genuin
metaphysisches erscheinen, sondern machen eine interdisziplinäre
Zusammenarbeit von Philosophie und Naturwissenschaften
unabdingbar. Und diese wissenschaftlichen Neuerungen innerhalb
einer eigentlich alten Debatte sind der Grund dafür, dass auch im
deutschsprachigen Raum meist nur vom ‚Körper/Geist-Problem‘
gesprochen wird, um zu suggerieren, man hätte sich allen
metaphysischen Ballastes entledigt. Doch gibt es einige Hinweise
darauf, dass der Kern der Problematik von Körper und Geist sich in
seiner über 2000jährigen Geschichte nicht wesentlich geändert hat:
So mühen sich die meisten zeitgenössischen Naturwissenschaftler
und Philosophen –wer nicht zu diesen Sparten gehören möchte,
bezeichnet sich als „Kognitionswissenschaftler“ – noch immer an
der cartesianischen Zweiweltenlehre ab. Auch wenn es in
kognitionswissenschaftlichen
Descartes widerlegt zu haben, kann dies nicht darüber
hinwegtäuschen, dass in den Meditationes eine Grundintuition des
Menschen ausgesprochen ist: Das Psychische stellt etwas
Irreduzibles dar, das sich in einem besonderen Sinne von den
Entitäten der körperlichen Welt unterscheidet. Wie auch immer in
dieser Frage entschieden wird, die klassischen Positionen des
Leib/Seele-Problems sind auch in der aktuellen Diskussion präsent.
Ein Blick in die Philosophiegeschichte offenbart zumeist, dass
sich innovativ gebende Positionen der zeitgenössischen Diskussion
– in welchem Gewand sie auch erscheinen mögen – nur zu oft als
‚alte Hüte‘ erweisen.
2 In Die Wiederentdeckung des Geistes spricht Searle explizit von
(s)einer „Lösung“ (Searle (1996), 13) des Köper/Geist-Problems,
während er in seinem aktuellen Werk Geist, Sprache und
4
Problems gerecht wird. Searle vertritt einen
„biologischen Naturalismus“ 3 , der Bewusstsein als ein
„höherstufiges Merkmal des Gehirns“ 4 auffasst, das von
„neurophysiologischen Vorgängen im Gehirn verursacht“
wird. 5 Um seinen Ansatz zu begründen, entwickelt er
eine emergentistische Theorie, die insbesondere
Aussagen über die kausalen Zusammenhänge von Körper und
Geist sowie über die Irreduzibiltät von Bewusstsein
macht.
Dabei unternimmt Searle einen Spagat zwischen
Monismus und Dualismus: Mit dem Erklärungsmodell einer
„kausalen Emergenz“ 6 hat er die Ambition, den Geist als
natürliches Phänomen zu klassifizieren und zu
entmystifizieren; zugleich will er anhand einer „Erste-
Person-Ontologie“ 7 die Subjektivität von Bewusstsein
untermauern, um mögliche Reduktionen auf die mikro-
physikalische Kausal-Basis zu verhindern. Die Arbeit
soll daher eine grundsätzliche Überprüfung der Position
Searles unternehmen und auf die Möglichkeiten und
Grenzen einer Emergenztheorie reflektieren.
Gesellschaft vorsichtiger von einer Überwindung der Frage spricht
(vgl. Searle (2001), 70).
3 Searle (1996), 13; Searle (2001), 70.
4 Exemplarisch für eine Vielzahl ähnlicher Formulierungen: Searle
(2001), 70.
5 Searle (1996), 13.
6 Searle (1996), 132.
7 Searle (1996), 30; Searle (2001), 73.
5
1. Das Leib/Seele-Problem
Die Ausgangslage des Leib/Seele-Problems besteht in unterschiedlichen Auffassungen über jene Eigenschaften und Beziehungen von physischen und mentalen Phänomenen, die in irgendeiner Form miteinander korrelieren. Nach
Bieri 8
Peter lassen sich drei Grundannahmen rekonstruieren, von denen je zwei zum Konflikt mit der dritten führen:
(1) „Mentale Phänomene sind nicht physische Phänomene“; hiermit wird von einer grundsätzlichen ontologischen Differenz von Physischem und Psychischen ausgegangen und ein psycho-physischer Dualismus behauptet.
(2) „Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam“, d. h. Psychisches kann Physisches kausal verursachen, insofern z. B. ein Wunsch zu einer Handlung führt. (3) „Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen“; was einen physikalischen Vorgang bewirkt, gilt als physikalisches Ereignis. Alles physikalische Geschehen läuft nach rein
physikalischen physikalischen Vorgänge lassen sich prinzipiell rein physikalisch erklären. In der Tat ergeben sich Probleme, wenn an diesen Thesen im Ganzen festgehalten wird: So widerspricht der psycho-physische Dualismus (1) in Verbindung mit psychischer Verursachung (2) der These von der kausalen Geschlossenheit d es Physischen (3). Des Weiteren
8 Peter Bieri (1981): Generelle Einführung. In: ders. [Hrsg.]:
Analytische Philosophie des Geistes, Königstein/Ts. 1981, 5 ff.
6
erscheint ein psycho-physischer Dualismus (1), der von
der kausalen Geschlossenheit des Physischen (3)
ausgeht, nicht mit der Annahme der psychischen
Verursachung (2) vereinbar. Und will man an der
Überzeugung der psychischen Verursachung (2)
festhalten, zugleich aber auch die These der kausalen
Geschlossenheit des Physischen (3) respektieren, lässt
sich der psycho-physische Dualismus (1) nicht mehr
halten.
Dieser, von manchen Theoretikern als „argumentatives
Dilemma“ 9 bezeichnete Sachverhalt, nötigt Bieri zu der
Vermutung, dass das aufgezeigte Problem eigentlich
„nicht gelöst werden“ könne, „da es keine Möglichkeit
gibt, die drei Sätze miteinander in Übereinstimmung zu
bringen.“ Vielmehr müsse es „aufgelöst“ werden, und
zwar in dem Sinne, dass man einen der drei Sätze
hätte. 10
aufzugeben Folgt man dieser Überlegung,
9 Heiner Hastedt (1988): Das Leib-Seele-Problem, 10. 10 Bieri (1981), 7. Zu diesem Schluss gelangt auch Franz von Kutschera (von Kutschera (1993): Die falsche Objektivität, 252), der die drei Aussagen für unvereinbar erachtet, „und zwar unabhängig vom verwendeten Kausalbegriff“. Die Aufgabe der These des Dualismus hält von Kutschera allerdings keineswegs für zwingend; er schlägt daher mit Rekurs auf die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik vor, die These von der kausalen Geschlossenheit des Physischen zu überdenken. Folgt man seinen Ausführungen, wird jedoch schnell deutlich, dass ihm eine radikale Abkehr von der Autonomie des Physischen missfällt. So unterscheidet er zwischen einer „Geschlossenheit im starken Sinn“ und einer „Geschlossenheit im schwachen Sinn“ (von Kutschera (1993), 253), um plausibel zu machen, dass nur eine bestimmte (starke) Auffassung von Kausalität mit der Annahme psycho-physischer Wechselwirkungen unverträglich sei. Und daher muss man die Frage stellen, was von Kutschera unter der Aufgabe der These von der kausalen Geschlossenheit des Physischen eigentlich versteht, denn weiter unten erklärt er: „Es besteht also durchaus die Möglichkeit, solche Wechselwirkungen mit einer bestimmten Art von kausaler Geschlossenheit des Physischen zu vereinbaren“. Schon hier zeigen sich einige Parallelen mit der Position von John R. Searle, auf die im Folgenden näher eingegangen wird; auch von Kutschera sucht den Mittelweg zwischen Dualismus und Monismus, allerdings kommt er zu einer anderen
7
bleiben tatsächlich nur Monismus oder Dualismus in den
vielen Varianten und Spielarten zur Auswahl, die aber
allesamt zu kontraintuitiven Konsequenzen führen. 11 Dies hat seinen Grund in dem Umstand, dass alle
Annahmen für sich genommen eine gewisse lebensweltliche
Plausibilität aufweisen, wenn diese auch nicht immer wissenschaftlich fundiert ist. So spricht der Dualismus
die ursprüngliche Intuition aus, dass Geist und Materie
etwas voneinander Verschiedenes darstellen: Gedanken
sind nicht messbar; zwar muss das Gehirn elektrische
Energie liefern, um den Gedanken denken zu können, doch der Bedeutungsgehalt ist selbst nicht energetisch. Aus
diesem Grund erscheint ein strikter Materialismus als
eine wenig überzeugende Auffassung.
Und gibt man die Annahme auf, dass Psychisches etwas
Physisches kausieren kann, verstößt man gegen die unmittelbare Evidenz, dass vermittels mentaler Vorgänge
reale Handlungen umgesetzt werden können. Psychisches
würde demzufolge zu einem bloßen Begleitphänomen, einer
Ausschwitzung der Nieren, die zwar physisch kausiert
ist, selbst aber in einem kausalen Sinne impotent wäre,
wie es der Epiphänomenalismus annimmt. Eine andere ebenso problematische Erklärung liefern Vertreter, die
einen Dualismus für unvermeidlich halten. Sie
argumentieren hinsichtlich dieser Problematik im Sinne
eines psycho-physischen Parallelismus, wie ihn Leibniz
entworfen hat: Eine ‚prästabilierte Harmonie‘ der
Bewertung bezüglich der wissenschaftlichen Zugänglichkeit zur
Subjektivität.
11 Einen kenntnisreichen Überblick über die unterschiedlichen
Varianten sowie eine immanente Kritik liefert Hastedt (1988), 91-
175.
8
Seelen- und Körpermonade garantiere eine Entsprechung
von mentalen und physischen Zuständen. 12
Ein Zweifel an der kausalen Geschlossenheit des
Physischen schließlich widerspricht einer Überzeugung,
die nicht nur in der Alltagspsychologie verankert ist,
sondern auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse
rekurriert, wenn diese gleichfalls nicht unumstritten
sind. 13 Teilt man mit Konrad Lorenz die Vorstellung,
dass Verursachung immer mit Energieübertragung
verbunden ist, so ist die kausale Geschlossenheit des
Physischen eine Folge d es fundamentalen Satzes der
Energieerhaltung. 14
Akzeptiert man nun die Darstellung der Problematik in
der Form, wie sie Bieri skizziert hat, bleiben in der
Tat nur diese Möglichkeiten: Entweder man lässt eine
oder mehrere der Annahmen fallen und entscheidet sich
für eine monistische oder dualistische Position, oder
man untersucht die Frage, ob es zu den
charakterisierten Fällen
12 In der aktuellen Diskussion ist sowohl im analytischen wie auch
im kontinentalen Lager diese Position aber eher exotisch. Vittorio
Hösle gehört zu den wenigen, die sich für einen Parallelismus
stark machen, nicht ohne auch auf die grundsätzlichen Probleme
dieses Ansatzes aufmerksam zu machen. Vgl. Vittorio Hösle:
Rationalismus, Determinismus und Freiheit. In: ders.: Die
Philosophie und die Wissenschaften, München 1999, 43f. Über die
Möglichkeiten und Grenzen eines Parallelismus à la Leibniz kann im
Rahmen dieser Arbeit nicht diskutiert werden. Es sei lediglich
darauf hingewiesen, dass vermittels eines Parallelismus nicht nur
die genaue Beziehung zwischen Physischem und Mentalem im Dunklen
bleibt, sondern auch von der evolutionären Bedeutung des Geistes
abgesehen wird.
13 Erwähnt wurde bereits die Kopenhagener Deutung der
Quantenphysik, nach der von einer kausalen Geschlossenheit im
physischen Bereich nicht die Rede sein kann.
14 Ein Verstoß gegen den Satz der Energieerhaltung scheint auch
Hösle zu befürchten (Hösle (1999), 43), wenn man eine Interaktion
zwischen physischer und mentaler Sphäre annimmt: „[...] Die
Annahme, daß eine physische Bewegung durch etwas Immaterielles
verursacht sein könnte, [gefährdet] die Erhaltungssätze der Physik
(ja, sie öffnet sogar die Tür für magische Vorstellungen).“
Quote paper:
Till Spielmann, 2001, Über einige Schwierigkeiten der Emergenz von Bewusstsein - Das Leib/Seele-Problem und Searles emergentistische Überwindung, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Was ist das eigentlich, diese 'LTI'?
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Das Problem vollständigen Wissens - Eine Kritik an Frank Jacksons Argu...
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 31 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Fodors RGT und der Konnektionismus
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Termpaper, 20 Pages
Der Freiheitsbegriff bei Jean-Jacques Rousseau
Politics - Political Systems - History
Intermediate Examination Paper, 36 Pages
Wie vereinbart Rousseau in seiner Theorie die Freiheit mit der Einbezi...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Intermediate Examination Paper, 20 Pages
Die Zeitanalytik in Heideggers Sein und Zeit
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Alltäglichkeit des Daseins und In-der-Welt-sein sowie deren zeitliche ...
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Die Entwicklungsstufen und das politische Denken der 'Gruppe 47...
German - History of Literature, Eras
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Neurowissenschaften und Philosophie des Geistes
Philosophy - Philosophy of the Present
Thesis (M.A.), 105 Pages
Die Literaturkritik der Gruppe 47 und ihre Entwicklung
Von der Konstitutionsperiode b...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Zur Symbolik des Löwen in Hartmanns Iwein
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Bewusstsein - Aspekte der Philosophie des Geistes
Philosophy - Philosophy of the Present
Thesis (M.A.), 108 Pages
Günter Grass: Deutschland wach getrommelt
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 19 Pages
Höfische Freundschaft: Der Löwe im "Iwein" von Hartmann von ...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Kapital und Arbeit in Bezug auf das erste Manuskript der ökonomisch-ph...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Till Spielmann has published the text Über einige Schwierigkeiten der Emergenz von Bewusstsein - Das Leib/Seele-Problem und Searles emergentistische Überwindung
Till Spielmann has uploaded a new text
Das Leib-Seele-Problem in der Phänomenologie
Cathrin Nielsen, Michael Steinmann, Frank Töpfer
Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist
Über frühe Erdzustände. Zehn V...
Rudolf Steiner
0 comments