Gliederung
1. Einleitung 4
2. Jugendliche auf der Suche - Die Lebenslagen von 5
Jugendlichen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
3. Neue Chancen - Alte Zwänge: Die Lebenslagen 13
von schwulen, lesbischen und bisexuellen
Jugendlichen
4. Zielgruppenspezifische Jugendarbeit für 19
homosexuelle Jugendliche
5. Sozialpädagogische Rahmenkonzepte für schwul- 21
lesbische Jugendarbeit
5.1 Alltags- und Lebensweltorientierung 21
5.2 Biographisch orientierte Sozialarbeit 23
5.3 Empowerment 25
5.4 Milieubildung / Netzwerkorientierung 27
6. Angebote für schwule und lesbische Jugendliche 28
6.1 Das Angebot eines sozialen Ortes und die 30
Anforderungen an den Sozialpädagogen
6.2 Beratung im Rahmen der Offenen 39
Jugendarbeit
6.2.1 Lösungsorientierte Beratung als 44
effizientes Beratungskonzept
7. Weitere und ergänzende Angebote 46
8. Die gesetzliche Grundlage - Das SGB VIII 49
9. Kommune und Land als öffentlicher Träger der 53
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Jugendhilfe
10. Referate für gleichgeschlechtliche Lebensformen S. 54
11. Akteure im Sozialstaat und ihre Zusammenhänge S. 56
12. Umgang mit Homosexualität in der Gesellschaft S. 62
13. Parteien und ihre Position zu Lesben und S. 65 Schwulen im Sozialstaat 14. Bestehende Angebote und deren Erfahrungen S. 71
15. Wichtige Maßnahmen zur Umsetzung einer S. 76
schwul- lesbischen Jugendarbeit Quellenangabe S. 82
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1. Einleitung
In der vorliegenden Diplomarbeit beschäftige ich mich mit zielgruppenspezifischen Angeboten der Jugendarbeit für schwule und lesbische Jugendliche, die bisher in der Jugendarbeit, Jugendforschung und Jugendpolitik eine wenig beachtete Zielgruppe darstellen. „Gilt nach wie vor Jugendsexualität und spezifisch, gleichgeschlechtliche Orientierung bei Jugendlichen als ein Tabu. Ein Tabu, welches allerdings massive Auswirkungen auf die Lebenspraxis von vielen jungen Menschen hat, die zwischen Isolation, kommerzieller Subkultur und Selbstverunsicherungen ihren als anders zu klärenden biographischen Entwurf zu entwickeln haben.“ (Hofsäss 1999a: 7).
Neben der verwendeten Literatur fließen in diese Arbeit zahlreiche persönliche Erfahrungen aus der schwul- lesbischen Jugendarbeit ein. Da ich in diesem Bereich seit mehr als 5 Jahren nebenberuflich tätig bin, bin ich parteiisch für die besondere Berücksichtigung von schwulen und lesbischen Jugendlichen in der Jugendarbeit. Zu klären war es für mich daher im Rahmen dieser Arbeit, wie ein geeignetes Angebot der Jugendarbeit für diese Zielgruppe gestaltet sein könnte und wie es im Rahmen der deutschen Jugend- und Sozialpolitik umzusetzen ist.
Um ein geeignetes Angebot zu entwickeln, betrachte ich zunächst die Lebenslagen der Zielgruppe und sozialpädagogische Rahmenkonzepte, um hieraus eine Konzeption für ein mögliches Angebot zu entwickeln. Im nächsten Schritt betrachte ich den Rahmen der deutschen Sozialpolitik, um hieraus Möglichkeiten und Strategien zu entwickeln, wie derartige Angebote umgesetzt werden können. Ich würde mir wünschen, dass diese Arbeit AktivistInnen in schwul- lesbischen Jugendgruppen Anregungen geben würde, eine eigene Konzeption für ihre Angebote zu erstellen und ihnen Wege aufzeigt, den Sozialstaat zu nutzen, um diese Angebote für schwule und lesbische Jugendliche umzusetzen. Nicht
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zuletzt aus diesem Grund, finden die Aufgaben eines in diesem Arbeitsfeld tätigen Sozialpädagogen, vor allem bei der Darstellung der Angebote besondere Beachtung. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich mit den Lebenslagen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 26 Jahren beschäftigen, da dies in der Regel die Lebensphase ist, in der die eigene Homosexualität für die Jugendlichen zum Thema wird. Auf eine sinnvolle Unterscheidung zwischen lesbischen und schwulen Jugendlichen werde ich, vor allem auf Grund der notwendigen Beschränkung verzichten müssen. Da die meisten mir vorliegenden Untersuchungs- und Umfrageergebnisse sich vornehmlich auf schwule und lesbische oder aber nur auf schwule Jugendliche beziehen, wäre zu hinterfragen, ob die dargestellten Lebensumstände ebenso auf lesbische Mädchen und junge Frauen zu treffen.
2. Jugend auf der Suche - Die Lebenslagen von
Jugendlichen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Wenn man sich mit Jugendarbeit beschäftigt, ist es zwingend notwendig sich zunächst ausführlich mit den Lebensumständen der Zielgruppe zu beschäftigen. Nur so ist es möglich die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe zu ermitteln, um anschließend adäquate und zielgruppengerechte Unterstützungsangebote zu entwickeln. Selbstverständlich sind die Lebenslagen von Jugendlichen geprägt durch die gesellschaftliche Situation in der sie aufwachsen, und die für sie sich wandelnde Entwicklungsaufgaben vorhält. Nach wie vor stehen zwei Entwicklungsaufgaben für die Jugendphase im Vordergrund. Zum einen wird von Jugendlichen erwartet, dass sie sich zu eigen- und selbstständigen Persönlichkeiten entwickeln und zugleich in die bestehende Gesellschaft integrieren.
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Die gesellschaftliche Situation, in der Jugendliche aufwachsen wird in durch den von Ulrich Beck (1986) geprägten Begriff der „Risikogesellschaft“ treffend bezeichnet. „Dieser Begriff weist auf einen (…) anhaltenden gesellschaftlichen Prozess der Individualisierung (hin)“ (Böhnisch 1997: 25). Dieser Prozess geht einher mit Endtraditionalisierung und ermöglicht so eine Pluralisierung von Lebensformen und einer ungeahnten Freizügigkeit und Chancenvielfalt in der Lebensplanung. Gleichzeitig geht er einher mit dem Verlust an Orientierungsmustern und legt somit das Gelingen verstärkt in die Hände des Einzelnen, verbunden mit der Notwendigkeit von eigenen Entscheidungen (vgl. Gudjons, 1999). Damit liegt das Risiko des Misslingens verstärkt beim Individuum, welches bei Misslingen „umso tiefer abstürzt“ (Sickendiek u.a. 2002: 161). Hiermit stellt sich der Prozess der Individualisierung gleichzeitig als Chance (auf Individualität) und Risiko (von Versagen) dar. Durch diese gesellschaftlichen Veränderungen sind Jugendliche gleichermaßen betroffen wie Erwachsene. Auch sie stehen vor einer Vielfalt von Optionen und damit verbundenen Risiken, welche ihnen Entscheidungen ermöglichen und zugleich abverlangen, die teilweise ihr ganzes Leben prägen. Jugend ist somit kein abgeschlossener Schon- und Experimentierraum mehr, sondern muss (von den Jugendlichen) biographisch bewältigt werden (vgl. Böhnisch, 1997). Die Entwicklungsaufgaben der Personalisation und Integration gestalten sich für Jugendliche zunehmend schwierig, fehlen ihnen doch wichtige Orientierungsmöglichkeiten, um ihren eigenen Weg zu finden. Schon früh stehen sie der Aufgabe entgegen zu schauen, „dass ihre Biographie im Fluss bleibt.“ (Böhnisch, 1990: 16) und biographisch wichtige Weichen stellen. So müssen Jugendliche darauf achten, dass sie gut ausgebildet sind. Denn auch wenn ihnen dies keinen Arbeitsplatz garantiert, erhöht es dennoch ihre Chance nicht dauerhaft von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass Jugendliche unter dem enormen Druck
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stehen ihren eigenen Lebensweg / Lebensstil zu finden. Gleichzeitig sollen sie „offen, flexibel, optionsbereit und fungibel und (..) bei sich, mit sich identisch, sozialemotional geborgen sein“ (Böhnisch, 1997: 135). Hiermit ist eine Spannung zwischen Flexibilität und Festlegung aufgezeigt, die das Jugendalter prägt. Jugendliche müssen so einen Weg finden, über Sich- Ausprobieren und Experimentieren ihr eigenes Selbst zu finden und zu festigen und zugleich durch richtungweisende Entscheidungen ihre eigene Biographie planen. Hierbei müssen sie sich möglichst viele Handlungsoptionen eröffnen und offen halten. So ist das Jugendalter geprägt durch die Suche nach einem eigenen Lebensweg in Bezug auf die Zukunft und zugleich die Suche nach einem geeigneten Lebensstil in der Gegenwart. Bei dieser Suche nach einem eigenen Lebenskonzept stehen Jugendlichen, auf Grund des Verlustes an standardisierten Normalitätsmustern, wenig Orientierungsmuster zur Verfügung. Die Chance auf eine gesicherte Zukunft ist für die heutige Jugend alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Auf Grund von struktureller Arbeitslosigkeit und zurückgehenden Zahlen an Einstiegs- und Lehrberufen, sind Jugendliche gefordert ihre Basisqualifikationen immer weiter zu steigern (vgl. Belardi, 2001), um in der härter werdenden Leistungs- und Bildungskonkurrenz zu bestehen. „Jeder muss selbst schauen, wo er bleibt. Diese Biographisierung beruflicher Integration hat den Einstieg in die Arbeitswelt zum sozialen Bewältigungsproblem gemacht.“ (Böhnisch, 1997: 157). Dies prägt vor allem auch den Umgang von Jugendlichen mit der Schule und Gleichaltrigen in der Schule. Hier wird von den Jugendlichen individuelles und intellektuelles Verhalten erwartet (vgl. Baacke, 1985). Die Bedürfnisse nach „zwanglosem Kontakt und Gemeinschaft, nach Anerkennung und Beliebtheit, aber auch nach Bewegung und körperlichem Ausgleich sind hier (in der Schule, T.S.) nur im geringen Maße erfüllbar“ (Freese, 1985 nach Böhnisch, 1997: 163). Im Mittelpunkt der
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Institution Schule steht die Bildungskonkurrenz und nicht das Erfahren von Gemeinschaft, oder das über erproben von verschiedenen Rollen Bilden der Persönlichkeit. Die notwendige, ständige Steigerung der Basisqualifikationen führt zu einer Verlängerung der Jugendphase. Aus der Übergangsphase „Jugend“ ist somit eine eigene Lebensphase geworden (vgl. Belardi, 2001). Der gesellschaftliche Wandel und die verlängerte Jugendphase haben auch das Verhältnis zwischen Jugendlichen und deren Eltern verändert. So leben Jugendliche heute in der Regel länger bei ihren Eltern. „Man lebt in einem unentwirrbaren Gemisch aus individueller Selbstbestimmung und materieller Abhängigkeit“ (Gudjons, 1999: 144). Dies ist nur möglich durch einen entschärften Ablösungsprozess, der nur dadurch möglich ist, dass die Eltern den eigenen Lebensweg der Jugendlichen akzeptieren. Zu diesem eigenen Lebensweg gehört es, dass Jugendliche heute außerhalb der Schule „gegenwartsorientiert“ leben. Dies ist vor allem darin begründet, dass die Zukunft nicht kalkulierbar erscheint. Sie wollen heute etwas vom Leben haben und suchen nach einer „lebbaren Gegenwart“ (vgl. Böhnisch, 1990 / Böhnisch, 1997). Jugendliche suchen somit nach einem eigenen jugendlichen Lebensstil und vor allem nach sozialemotionalem Rückhalt, als Ausgleich zu den an sie gestellten Anforderungen.
Auch hier liegt ein Risiko der Individualisierung, da diese häufig mit Vereinsamung und Isolation einhergeht. Dies liegt an dem Verlust an zusammenhaltende Werte und Traditionen; sowie an Erfahrungen traditioneller Milieubildung, die mit Solidarität und dem Gefühl des „Aufeinander- Angewiesen- Seins“ einhergehen, die den Jugendlichen im Rahmen der Bildungs-und Leistungskonkurrenz vorenthalten bleiben (vgl. Böhnisch 1997).
Das Bedürfnis nach Orientierung und sozialemotionalem Rückhalt suchen viele Jugendlichen in den Medien. Für einige
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Jugendliche, vor allem solche die besonders von Isolation und Ächtung der Gleichaltrigengruppe betroffen sind, sind die Medien der einzige Kontakt zur Außenwelt und stellen stets präsente Partner dar, die sie beachten, ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben dabei zu sein. Durch Serien und Wiederholungen bieten sie ihnen zudem das Gefühl von Vertrautheit. Lothar Böhnisch formuliert diesbezüglich die Gefahr, dass die über Medien vermittelte Wirklichkeit dominant werden kann und somit die Orientierung „in der Wirklichkeit des sozialen Nahraumes“ immer weniger gelingt. In diesem Falle würden die Medien schon vorliegende Isolation und Vereinsamung sogar unterstützen (vgl. Böhnisch, 1990). Ähnlich wie die Medien bietet auch der Konsum für Jugendliche eine Möglichkeit, durch die Wahl von speziellen und sehr unterschiedlichen Marken, ihre Dazugehörigkeit und gleichzeitig ihre Individualität / ihren eigenen Lebensstil miteinander zu verbinden. Der Konsum stellt somit für viele Jugendliche einen Experimentierraum dar, sich von den Eltern abzugrenzen und neue Rollen, in Form von Stilen und Marken zu erproben, um einen eigenständigen Status und Individualität zu erreichen und darzustellen (vgl. Böhnisch, 1997). In der Nutzung von Medien und Konsum sind in Form von Suche nach Experimentieren mit Rollen und Stilen, Vertrautheit und sozialemotionalem Rückhalt, sowie Orientierung, wichtige emotionale Bedürfnisse von Jugendlichen abzulesen, die wie oben gesehen auf Grundprobleme bzw. Risiken der Individualisierung hinweisen, die durch Elternhaus und Schule nicht in ausreichendem Maße geboten werden können. Nicht allein, aber auch nicht zuletzt aus diesem Grund, stellt die Gleichaltrigengruppe für Jugendliche eine wichtige Bezugsgröße dar. Nando Belardi u.a. stellen fest, dass Kinder und Jugendliche schon seit längerem ihre Orientierung außerhalb der Herkunftsfamilie suchen (vgl. Belardi, 2001). Er begründet die Tatsache, dass sie als Vorbilder wenig gefragt
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sind damit, dass sich der bisher übliche Wissens- und Erfahrungsvorsprung der Eltern durch die rasche Wissensvermehrung und den gesellschaftlichen Wandel relativiert, wenn nicht gar aufhebt. Die Altersgruppe stellt für die Jugendlichen Spielraum für emotionale Erprobung dar und bietet ihnen während der Ablösung aus der Familie die Möglichkeit sich aneinander zu orientieren. Dieter Baacke bezeichnet die Gleichaltrigengruppe als „entscheidenden sozialen Lernort“ „, an dem die Jugendlichen ihre Selbstinterpretation durch Beziehungen zu anderen vervollständigen“ (Baacke, 185: 146). Der Vorteil zu den sozialen Lernmöglichkeiten in der Herkunftsfamilie ist, dass die sozialen Kompetenzen, die in der peergoup gelernt werden, nicht durch Übernahme, sondern durch Interaktion und gemeinsame Aneignung von (Handlungs-)räumen und Stilen entsteht. (vgl Böhnisch, 1997). Der entscheidende Unterschied liegt hier in der Hierarchiestruktur. In der Gleichaltrigengruppe sind Jugendliche in der Regel gleichberechtigt und haben so die Möglichkeit auf gleicher Augenhöhe Rollen zu erproben und ihre Persönlichkeit durch Identifikation oder Ablehnung, Integration oder Separation zu bilden, ohne das dies für sie elementare Auswirkungen hätte. Darüber hinaus bietet die Gleichaltrigengruppe, gerade im Rahmen der Ablösung aus der Herkunftsfamilie die Möglichkeit gemeinsam mit Gleichaltrigen einen eigenen, von dem der Erwachsenen abgrenzenden Lebensstil und eine jugendliche Lebensform zu bilden und zu reflektieren. Hierdurch hat die Gleichaltrigengruppe für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen einen besonderen Stellenwert.
Aber auch bezogen auf das Bedürfnis nach sozial- emotionalem Rückhalt bietet die Gleichaltrigengruppe, die Clique bzw. der Freundeskreis den Jugendlichen die Möglichkeit nach zweckfreiem Zusammensein, Gesprächen und Geselligkeit. Über dieses scheinbar zweckfreie Zusammensein machen die Jugendlichen wichtige Beziehungserfahrungen und können sich
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in Interaktion mit anderen erproben. Der Freundeskreis / die Clique bietet den Jugendlichen im Idealfall sozial- emotionalen Rückhalt, Anerkennung und Bestätigung. Bereits aus diesen Überlegungen lassen sich für die Jugendarbeit wichtige Anforderungen deutlich machen. Wichtig ist für die Jugendlichen vor allem die Möglichkeit des Kontaktes zu und des Austausches mit Gleichaltrigen. Aufgabe der Jugendarbeit wäre es demnach Möglichkeiten des Kontaktfindens, des Treffens und des „zweckfreien Zusammenseins“ zu bieten. Notwendig sind verloren gegangene Schon- und Experimentierräume, in den die Jugendlichen ihre eigenen Lebensstile entwickeln können. Gerade dem Risiko der Isolation sollte durch die Förderung von Gemeinschaft entgegen gewirkt werden. Die Individualisierung muss um die Gemeinschaft ergänzt werden. Hier hat Jugendarbeit die Möglichkeit und die Aufgabe einen Ausgleich zu Schule und Bildungskonkurrenz zu schaffen. Eine „Insel“, auf der die Jugendlichen statt Leistungsdruck und Konkurrenz, Gemeinschaft und Solidarität erfahren. Ebenso ist es für die Jugendlichen wichtig, dass die Jugendarbeit ihnen Orientierungsmöglichkeiten bietet. Neben der Gleichaltrigengruppe, die dies leistet, erscheint es sinnvoll, dass Jugendarbeit und die hier beschäftigten Sozialpädagogen sich mit Jugendlichen als Gruppe oder auch mit Einzelnen immer wieder auf die Suche macht und eine Art Lotzen- Funktion übernimmt.
Auch die Jugendarbeit sollte dem gesellschaftlichen Wandel der Individualisierung Rechnung tragen. Wie oben bemerkt, ist es nicht möglich von „den Jugendlichen“ als eine Gruppe auszugehen. Vielmehr zerteilt sich die Jugend derzeit in eine Vielzahl von Szenen und Cliquen. Dies ist Zeichen für die Suche der Jugendlichen nach Individualität und Persönlichkeit. So ist es nicht mehr möglich von „allen Jugendlichen“ als
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Zielgruppe eines Angebotes zu sprechen. Vielmehr sollte Jugendarbeit diese Pluralisierung von Jugendkulturen aufnehmen und jeweils einzelne Gruppen als Zielgruppen definieren. Hierdurch wäre es möglich, für die unterschiedlichen Bedürfnis- und Interessenslagen, aber auch den unterschiedlichen Ausdrucksformen adäquate Angebote zu entwickeln. Dies würde zum einen die Jugendlichen in ihrer Suche nach Orientierung unterstützen und zum anderen entspräche dies eher den Bedürfnislagen von Jugendlichen, was wiederum die Attraktivität der -in Konkurrenz mit verschiedenen kommerziellen Angeboten stehenden-Jugendarbeit steigern würde. Notwendig erscheint es mit bestehenden und sich entwickelnden Jugendszenen Räume zu bieten, um sich zu stabilisieren und eine wichtige Aufgabe für die Entwicklung von Jugendlichen erfüllen zu können. Ergänzend sollte Jugendarbeit hierzu die Begegnung der verschiedenen Cliquen und Szenen fördern und unterstützen, um somit die Handlungsräume von einzelnen Jugendlichen und einzelnen Jugendszenen zu erweitern und zu ergänzen. Bei all den auch positiven Betrachtungen, der durch Endtraditionalisierung freigesetzten Chancen auf Individualität und selbstbestimmte Lebensplanung ist zu beachten, dass diese Chancen nicht gleichermaßen für alle Jugendlichen offen stehen. Zu bemerken ist hier vor allem, dass die finanziellen und sozialen Ressourcen, die zum Nutzen der Chancen benötigt werden, sehr ungleich verteilt sind. Auch ist zu bemerken, dass die Möglichkeit auf Individualität und selbstbestimmte Lebensführung nicht grenzenlos ist. Weiterhin bestehen gesellschaftliche Normen, Werte und Traditionen, die die Freiheit einzelner Bevölkerungsgruppen einschränken und ihnen die individuelle Lebensführung massiv erschweren. Auch auf Jugendliche dieser Gruppen sollte die Soziale Arbeit und vor allem die Jugendarbeit ihren Blick richten und notwendige Unterstützungsmöglichkeiten bereithalten.
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Mit einer dieser Gruppen von Jugendlichen, den schwulen, lesbischen und bisexuellen Jugendlichen sowie ihren besonderen Lebenslagen werde ich mich im nächsten Schritt beschäftigen.
3. Neue Chancen - Alte Zwänge - Die Lebenslagen von schwulen, lesbischen und bisexuellen Jugendlichen Betrachtet man die Lebenslagen von schwulen, lesbischen und bisexuellen Jugendlichen, so ist es wichtig zu beachten, dass diese zunächst auch Jugendliche sind, die mit allen dazu gehörenden Entwicklungsaufgaben, Schwierigkeiten und Risiken belastet sind, wie ihre heterosexuellen Altersgenossen. Allerdings müssen sie den wichtigen Aufgaben der Personalisation und Sozialisation unter erschwerten Bedingungen gerecht werden. Diese erschwerten Bedingungen resultieren aus dem gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität.
Auch wenn der Individualisierungsschub die gesellschaftliche Situation von Schwulen und Lesben entscheidend verbessert hat (Abschaffung des §175, Lebenspartnerschaftsgesetzt etc.) so gilt Heterosexualität als selbstverständlich und unhinterfragt als soziale Praxis (vgl. Hark, 2000). Neben der beschriebenen Individualisierung und der freien Wählbarkeit von Lebensformen steht nach wie vor die „heteronormative Strukturierung von Lebenschancen, d.h. das bestimmte, nämlich heterosexuell organisierte Lebenswege gesellschaftlich nahe gelegt und privilegiert sind und andere Lebensentwürfe marginalisiert werden.“ (Hark, 2000: 6). Entgegen dem durch Vorabendserien vorgegaukeltem Bild des „everything goes“ zeigen Umfrageergebnisse in der deutschen Bevölkerung und die Erfahrungen vieler Lesben und Schwulen eine andere Situation. So glauben laut einer Umfrage vom Michael Bochow im Jahre 1991 noch 40% der Westdeutschen, „Homosexuelle hätten häufig Verbindung zum kriminellen Milieu.“ (Hark, 2000: 5). Die
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Toleranz / Akzeptanz von Lesben und Schwulen endet in der Regel spätestens dann, wenn das eigene Umfeld betroffen ist. Dies fasst Sabine Hark zusammen mit der Aussage: „ Solange sie nicht in meinem Lebensumfeld auftauchen, solange ich nicht behelligt werde, bin ich tolerant.“ (Hark, 2000: 5). Dieser Umgang mit Homosexualität hat selbstverständlich Einfluss auf die Erziehung und Sozialisation. „Die Sozialisationsbedingungen und Erziehungsmuster, welche auf Kinder und Jugendliche einwirken, sind unhinterfragt selbstverständlich an heterosexuellen Normen und Wertvorstellungen orientiert. Jugendliche mit gleichgeschlechtlichen sexuellen Neigungen wachsen in einer ausschließlich auf Heterosexualität festgelegten Sozialisations-und Erziehungsräumen und mehr oder minder ausgeprägtem homophoben Umwelt auf.“ (Hörz, 1999: 46). Das heißt, dass homosexuelle Jugendliche heterosexuell sozialisiert werden. Von Kindheit an erleben sie Heterosexualität als unhinterfragte Norm. Diese Norm wird zunächst selbstverständlich von den Kindern und Jugendlichen übernommen. So sind die ersten Ahnungen selbst schwul bzw. lesbisch zu sein für die Jugendlichen dramatisch. „Dem Verlangen nach emotionaler und körperlicher Nähe zu Angehörigen des gleichen Geschlechts stehen somit internalisierte Muster der Gesellschaft entgegen“ (Hörz, 1999: 47). Sie nehmen sich selbst als anders, als Abweichler, als unnormal wahr. Dies bringt für die Jugendlichen massive Irritationen mit sich und schädigt zunächst das Selbstwertgefühl. Die betroffenen Jugendlichen stehen nun vor der Aufgabe die eigene Homosexualität in ein positives Selbstbild zu integrieren. Dies stellt bereits für einige Jugendliche eine Überforderung dar, mit der Folge, dass sie die eigenen homosexuellen Neigungen lange Zeit vor sich selbst unterdrücken, verleugnen oder separieren. Dies verstärkt selbstverständlich die Schäden am Selbstwertgefühl.
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Ein großes Problem stellt es für gleichgeschlechtlich empfindende Jugendliche dar, dass sie in dieser Situation in der Regel keine unterstützenden Gesprächspartner finden. Kaum einer kennt zu diesem Zeitpunkt offen lebende Lesben und Schwule (vgl. Hofsäss, 1999a / Biechele u.a., 2001). Die Herkunftsfamilie kommt für die meisten Jugendlichen nicht in Frage, erwarten sie doch hier statt akzeptierender Unterstützung ablehnende Reaktionen. Diese Befürchtungen sind durchaus realistisch betrachtet man Umfrageergebnisse, wonach 74% der Eltern der Aussage zustimmen: „Ich fände es schlimm wenn meine Tochter oder mein Sohn homosexuell wäre.“ (vgl. Hark, 2000) und bewahrheiten sich bei etwa der Hälfte der durch Hofsäss befragten Jugendlichen, deren Eltern über die eigene Homosexualität Beschied wissen bei mindestens einem Elternteil (vgl. Hofsäss, 1999a). „Ein knappes Fünftel der Mütter und ein gutes Viertel der Väter akzeptieren die Homosexualität des Sohnes bis heute nicht.“ (Biechele u.a., 2001: 8). Von der Familie, die den Jugendlichen vor allem sozialemotionalen Rückhalt bieten sollte, können die Jugendlichen in der Regel wenig Unterstützung erwarten. Aus vielen Gesprächen mit schwulen Jugendlichen konnte ich erfahren, dass schon die Ignoranz und Nicht- Thematisierung von ihnen als positive Reaktion gewertet wird. Auch in der Gleichaltrigengruppe vermuten die meisten schwulen und lesbischen Jugendlichen keine akzeptierenden Gesprächspartner. „Wer in der Schule arbeitet, weiß, dass „schwul“ unter den Jungen aller Altersklassen mit das beliebteste Schimpfwort ist“ (Biechele u.a., 2001: 1), laut einer im Kölner Stadtanzeiger zitierten Umfrage bei Jugendlichen finden sogar 71% der Jungen Schwule „nicht gut“ bzw. „gar nicht gut“ (vgl. Kölner Stadtanzeiger v. 6.5.2002). Verständlich, dass es für schwule und lesbische Jugendliche, die täglich auf dem Schulhof oder im Freundeskreis erfahren, dass „schwul“ ein Schimpfwort ist, nicht leicht ist, sich in der Gleichaltrigengruppe, bei FreundInnen und Bekannten zu
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„outen“. Aus Angst davor als Schwuler bzw. als Lesbe entdeckt und diskriminiert zu werden, nehmen sich viele Jugendliche im „vorauseilenden Gehorsam“ selbst so weit zurück, dass die lesbische und schwule Identität nach außen hin unsichtbar wird (vgl. Kerntopf, 2000), oder ziehen sich vollständig aus der Gleichaltrigengruppe zurück.
Wählen schwule und lesbische Jugendliche doch den Weg des Coming-Out bei FreundInnen, machen sie oft die zuvor befürchteten Erfahrungen der Diskriminierung, Marginalisierung und des Ausschlusses aus der Clique. Am häufigsten nennen die durch Hofsäss befragten Jugendlichen Beschimpfungen / Beleidigungen und Kontaktabbrüche als negative Reaktionen der Gleichaltrigengruppe auf ihr Coming-Out (vgl. Höfsäss, 1999a). Sabine Hark fasst zusammen: „Es ist Isolation, die die Situation von lesbischen und schwulen Jugendlichen bestimmt“ (Hark, 2000: 27), da die wichtigsten Lebensfelder von (Familie, peer-group) zugleich die homophobsten sind (vgl. Biechele u.a., 2001: 31).
Die Lebenssituation ist also für viele schwule und lesbische Jugendliche geprägt durch den Ausschluss aus dem Freundeskreis, Isolation, Einsamkeit, Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühlen. Dies zeigt, dass die homosexuelle Jugendlichen mit zahlreichen psychosozialen Belastungen umzugehen haben, die häufig zu psychischen Erkrankungen führen. So ergeben Studien aus den Niederlanden, dass homosexuelle Männer einem zwei- bis dreimal höheres Risiko unterliegen an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken als heterosexuelle Männer (vgl. Biechele u.a., 2001). Auch konnten Umfragen und Untersuchungen aus den USA und Deutschland einen Zusammenhang nachweisen zwischen Suizidverhalten und gleichgeschlechtlicher Orientierung. Schwule und lesbische Jugendliche unternehmen zwischen 4-und 6-mal häufiger einen Suizidversuch als ihre heterosexuellen Altersgenossen (vgl. Hofsäss 1999b).
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Durch den Ausschluss aus den sozialen Bezugssystemen Freundeskreis und Familie mangelt es schwulen und lesbischen Jugendlichen an Kontakt- und Kooperationsspielräumen, sowie Experimentier- und Erfahrungsspielräumen bezogen auf soziale Beziehungen, die oben gesehen bedeutend sind für das psychische Wohlbefinden, die Bildung einer eigenen Persönlichkeit und die Integration in die Gesellschaft. Schwule und lesbische Jugendliche stehen somit vor der Notwendigkeit brüchig werdende soziale Netze durch neue zu ersetzen. Hierzu erfahren sie nur selten Unterstützung durch die soziale Arbeit, auch fehlen ihnen wichtige Vorbilder, die ihnen die Homosexualität als „normale Lebensweise vermitteln (vgl. Hörz, 1999: 41).
„Was es gibt ist die schwule Szene mit ihrer eher sexuellen Orientierung“ (Biechele u.a., 2001: 13). Als Sozialisations- und Enkulturationsraum muss die schwule Szene allerdings abgelehnt werden, da die hier verkehrenden Schwulen faktisch älter sind und das hieraus resultierende Kompetenzgefälle eine Kontaktfindung auf gleichem Niveau verhindert. Dies reduziert auch die Chance auf positiv wahrgenommene sexuelle Erlebnisse. „Das Bild, dass sexuelle Initiation im Regelfall eine gemeinsame Erkundungsreise zweier Unerfahrener sei, gilt für schwule Jugendliche nicht.“ (Biechele u.a., 2001: 14). 14 % der befragten Jugendlichen erlebten den ersten Sex mit einem Mann der 10 Jahre oder mehr älter war als sie. Zwar bietet die schwul- lesbische Szene den Jugendlichen in der Regel Kontakt zu Schwulen und Lesben sowie mögliche offen homosexuell lebende Vorbilder, sozialemotionalen Rückhalt und freundschaftlichen Kontakt zu Gleichaltrigen finden sie allerdings in der Regel nicht. Zusammenfassend kann ausgesagt werden, dass die Entdeckung der eigenen Homosexualität für Jugendliche eine kritische und zu bewältigende Lebensphase einleitet, die mit enormen Risiken einhergeht und in der die Jugendlichen
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Arbeit zitieren:
Dipl. Soz. Päd. / Dipl. Soz. Arb. Torsten Schrodt, 2004, Schwul-lesbische Jugendarbeit als sozialpädagogische Herausforderung und sozialpolitische Aufgabe, München, GRIN Verlag GmbH
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