Mitherausgeber der Revista de avance. Nachdem er 1927 wegen einer politischen
Protestaktion gegen die Machado-Diktatur sieben Monate inhaftiert war, emigriert er im darauf folgenden Jahr nach Paris, wo er die Arbeit als Musikkritiker und Komponist aufnimmt. Hier kommt Carpentier mit den Surrealisten in Kontakt. Die Zeit in Frankreich waren für ihn eine geistige Vorbereitung auf die langersehnte Rückkehr, eine Neuentdeckung Amerikas, das er mit den n eugewonnen Ansichten des Surrealismus neu zu erkennen glaubte. 2 Ab 1939 ist er als Professor für Musikgeschichte an der Universität in Havanna tätig, arbeitet als stellvertretender Rundfunkdirektor und Rundfunkleiter des Erziehungsministeriums. So stellt C arpentier nicht nur eine wichtige Person in der Literatur Lateinamerikas dar, sondern gilt dort als einer der bedeutendsten Musikwissenschaftler und Musikkritiker. 3
1945 geht er aufgrund der Batista-Diktatur ins Exil nach Venezuela und bereist 1947/48 die Urwälder des Orinoco Diese Reise liefert ihm die Grundlage für den in dieser Ausarbeitung dargestellten Roman Los pasos perdidos. Nach dem Sieg Castros kehrt Carpentier nach Kuba zurück und arbeitet weiterhin an der Universität in Havanna. Seit 1966 ist er als Kulturattaché der kubanischen Botschaft in Paris tätig.
Am 24. April 1980 stirbt Alejo Carpentier in Paris, wird aber in Havanna beigesetzt, womit selbst nach seinem Tod eine Brücke zwischen diesen beiden Welten, der europäischen und der lateinamerikanischen, geschlagen wurde.
2.2 Carpentiers Werk
Kennzeichnend für das Werk Alejo Carpentiers ist die engagierte Verbindung von Literatur, Kultur, Politik und Geschichte und die Verbindung zwischen lateinamerikanischer und europäischer Tradition. 4 Hierbei handelt es sich um geographische sowie historische, rassische, soziale, ideologische, ökonomische und zivilisatorische Zusammenhänge.
Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben Los pasos perdidos die Romane !Ecué-Yamba-O! (1933), in dem das Aufeinanderprallen moderner Zivilisation und mythischen Kulturen Lateinamerikas dokumentarisch dargestellt wird, La música en Cuba (1946), in dem er sein Wissen als Musikwissenschaftler beweist, in El reino de este mundo (1949) verarbeitet Carpentier Eindrücke einer langen Haiti-Reise und thematisiert den Aufstand der Haitianer
2 Dieter Günter: Die lateinamerikanische Literatur von ihren Anfängen bis heute, Frankfurt am Main, 1995,
S.353
3 Eitel, Ebd., S.265
4 Ebd., S.266
2
gegen die französischen Unterdrücker in Napoleonischer Zeit. El siglo de las luces (1962) ist ein historischer Roman, der die Folgen der französischen Revolution auf Kuba behandelt. Mit La consagración de la primavera (1978) bilanziert Carpentier das 20. Jahrhundert und mit El arpa y la sombra (1979) greift er den gescheiterten Versuch auf, Columbus heilig zu sprechen.
In vielen dieser Werke beweist Carpentier sein Können, zentrale Ereignisse und Ideen der europäischen Geschichte in ihrem Einfluss auf die lateinamerikanische Entwicklung zu zeigen und aus der Wirkungsgeschichte die jeweiligen Lehren abzuleiten. Obwohl Capentier zahlreiche Preise erhielt, u.a. den Alfonso-Reyes-Preis (1975) und den Cervantes-Preis (1977), jahrelang als Anwärter für den Literatur-Nobelpreis galt, 5 seine Werke große Erfolge im Spanischen und in der Übersetzung in andere Sprachen erzielten, fanden sein Leben, seine Persönlichkeit und sein künstlerischer Weg nicht die verdiente Resonanz.
3. Das „Real Maravilloso“
1943 lernt Carpentier auf seiner Haiti-Reise die Welt der Voodoo-Zeremonien kennen, welche ihn zur Konzeption des Real Maravilloso, der Wunderbaren Wirklichkeit, veranlasst. 6 Jene Wirklichkeitsauffassung sei im heutigen modernen leiteinamerikanischen Roman nicht mehr wegzudenken, so Günther. 7 Sein Konzept stellt Carpentier in seinem Über die wunderbare Wirklichkeit Amerikas titulierten Manifest, welches als Vorwort des Romans El reino de este mundo erschien, dar:
„...Überall begegnete mir das ‚wunderbar Wirkliche’. Aber ich dachte auch, dass diese Gegenwärtigkeit und Gültigkeit des ‚wunderbar Wirklichen’ nicht Privileg Haitis sei, sondern Erbgut ganz Amerikas. Das ‚wunderbar Wirkliche’ findet sich auf Schritt und Tritt im Leben der Menschen, die die Geschichte des Kontinents machten und Familien gründeten, die noch heute angesehen sind...“ 8
Trotz seiner Kürze wird dieses Manifest als wichtigster theoretischer Entwurf der lateinamerikanischen Literatur angesehen, 9 denn die damit geprägte Formel der wunderbaren Wirklichkeit wird in ihren verschiedenen Varianten in der Folge als Charakteristikum der
5 Günther: Die lateinamerikanische Literatur von ihren Anfängen bis heute, Frankfurt am Main, 1995, S.354
6 Eitel, ebd., S.270
7 Günther, ebd. S.353
8 A.C., Über die wunderbare Wirklichkeit Amerikas; in: Strausfeld, 1976, S.328f
9 Eitel, ebd., S.270
3
lateinamerikanischen Andersartigkeit dienen. Dieses Konzept wir als Theorie der lateinamerikanischen Realität u nd Kultur bezeichnet. „Lateinamerikanische Kultur sei, anders als im soziologischen Wirklichkeitsbegriff der Realisten, das ‚wunderbare Zusammentreffen’ von Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart, Regionalem und Universalem, Mythos und Realismus.“, so Dill. 10
Die Theorie des Real Maravilloso ist aus dem dialektischen, konfliktreichen Verhältnis zwischen dem europäischen und lateinamerikanischen Element entstanden. Dieses wechselseitige Geben und Nehmen zwischen beiden Kulturtraditionen hat für Carpentier im Mittelpunkt seines Schaffens gestanden.
Zu der Definition des Real Maravilloso gelangt Carpentier hauptsächlich durch die sinnliche Wahrnehmung. Anders, als er in verschiedenen Literaturgattungen charakteristisch war, wendet sich Carpentier deutlich gegen die künstlich abstrakte Kreation des Wunderbaren. 11 Er ist sich sicher, die wahre Realität Lateinamerikas sei mehr, als mit wissenschaftlichem Auge wahrzunehmen sei. 12 Das „Wunderbare“ verkörpert sich für ihn im mythischen Denken der Indios, das f rühzeitliche Bewusstsein wird zu einem Element der Wirklichkeit Lateinamerikas, weil die Empfindungen des Wunderbaren einen echten Wunderglauben voraussetzen.
Bei dem Real Maravilloso handelt es sich um eine klare Abgrenzung zur Traumtheorie des Surrealismus: Carpentier setzt das wunderbar Wirkliche deutlich ab von den „Wundern“ seiner früheren Freunde, den europäischen Surrealisten, die er als „Quacksalber“ diffamiert. 13 Denn während der Surrealismus als Reise ins Innere der Psyche zu sehen ist, meint seine Konzeption eine Sichtweise der Eingeborenen, in der jene Gegenstände der Wirklichkeit miteinander vermischt vorkommen. Ein Teil davon ist für den außenstehenden Europäer absolut realistisch, ein anderer Teil aber völlig unrealistisch. 14
Mit diesem Konzept hat Carpentier einen wesentlichen Beitrag zur lateinamerikanischen Literatur geleistet. Trotzdem sind seine Thesen nicht unwidersprochen geblieben. 15
10 Hans-Otto Dill: Geschichte der lateinamerikanischen Literatur im Überblick, Stuttgart, 1999, S.314
11 Eitel, ebd., S.270
12 Günther, ebd., S.354
13 Sabine Harmuth: Lateinamerikanische Literatur des 20.Jahrhunderts, 1.Auflage, Stuttgart, 2001, S.79
14 Christoph Strosetzki: Kleine Geschichte der lateinamerikanischen Literatur im 20.Jahrhundert, München,
1994, S. 49
15 Hans-Otto Dill: Lateinamerikanische Wunder & kreolische Sensibilität, Hamburg, 1993, S.54
4
Arbeit zitieren:
Juliane Ziegler, 2004, Das "Real Maravilloso" in "Los pasos perdidos" von Alejo Carpentier, München, GRIN Verlag GmbH
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Das "real maravilloso" im Werk Alejo Carpentiers
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