Inhalt
I. Einleitung 1
II. Hauptteil
1 Das totemistische System und das Wesen der Tabuvorschriften 2
1.1 Totemismus und Exogamie 2
1.2 Funktion und Inhalt der Tabuvorschriften 3
1.3 Die Bedeutung von ambivalenten Gefühlsregungen 4
1.4 Das Totemtier als Vaterersatz 6
1.5 Der Vatermord als Ursprung des Totemismus und der Tabuvorschriften 7
2 Das schöpferische Schuldbewusstsein 8
2.1 Zur Terminologie 8
2.2 Die Psychogenese des Über-Ichs als Träger der Moral 9
2.3 Die Strenge des Gewissens 10
2.4 Die Bedeutung des Ödipuskomplexes 12
2.5 Kritik an Freuds Moraltheorie 12
3 Freuds Kritik der herrschenden Moral 13
III. Fazit 16
IV Literaturverzeichnis 17
Einleitung:
Der einzige für jeden erkennbare Sinn des menschlichen Lebens ist für Freud das Streben nach Glück. Dieser in der menschlichen Psyche durch das Lustprinzip präsentierte Glücksanspruch findet in vielgestaltigen Wunschregungen seinen Ausdruck. Leider kollidieren viele unserer Triebansprüche mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, und wir werden gezwungen, auf die Befriedigung zahlreicher Wünsche zu verzichten. Es versteht sich von selbst, „daß eine Hemmung übermäßiger Wünsche und zerstörerischer Aggressionen notwendig ist, um das menschliche Zusammenleben zu ermöglichen.“ 1 Trotzdem erkannte Freud in den gesellschaftlich geforderten Versagungen den Ursprung für die Kulturfeindlichkeit der Menschen. Wie schafft es nun die Kultur den Einzelnen für seine Triebverzichte zu entschädigen? „Welcher Mittel bedient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehenden Aggressionen zu hemmen, unschädlich zu machen, vielleicht auszuschalten?“ 2 In seinen kulturtheoretischen Schriften suchte Freud nach den Kräften, die den Einzelnen daran hindern, seine Triebansprüche ungehemmt zu befriedigen und die eine Gemeinschaft trotz der Feindseligkeit der Menschen gegeneinander zusammenhalten. Der Moralität des Menschen kommt hierfür zweifelsfrei eine herausragende Bedeutung zu, denn sie „ist eines der bedeutendsten >Zwangsmittel<, deren sich die menschliche Gemeinschaft zur Bändigung egoistischer Instinkte bedient.“ 3 Freud ging sogar soweit, dass er Moralität und Triebeinschränkungen als dasselbe auffasste. 4 In seinen Arbeiten versuchte er zu beleuchten, welche psychischen Mechanismen und kulturellen Institutionen dafür sorgen, dass Menschen sich an moralische Normen und Regelungen halten und somit freiwilligen Triebverzicht leisten.
Getrieben von der Frage nach dem Ursprung des sittlichen Empfindens und der Moralvorstellungen des Menschen studierte Freud die Arbeiten zahlreicher Ethnologen über die Ureinwohner Australiens, Amerikas und Afrikas und untersuchte die Organisationsstrukturen dieser primitiven Völker mit dem methodischen Werkzeug des Psychoanalytikers, um so neue Erkenntnisse über den Anfang und die Bedingungen der menschlichen Zivilisation und Kultur zu gewinnen. Besonderes Interesse zeigte Freud für die Tabuvorschriften des Totemismus, denn er nahm an, „daß die Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten und daß die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres eigenen >kategorischen Impera-
1 Schöpf,
2 Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur, in: Ders.: Studienausgabe Band IX, hrsg. v. Mitscherlich, Ale- u.a., Frankfurt a.M. 1974, S.191-270, S.250.
3 Lambertino, Antonio: Psychoanalyse und Moral bei Freud, Bonn 1994, S.262.
4 Vgl.: Spengler, Ernst: Das Gewissen bei Freud und Jung, Zürich 1964, S.19.
1
tivs< zu werfen vermöchte.“ 5 Das Resultat seiner Überlegungen scheint so sonderbar wie unfassbar zu sein, denn Freud sah den Vatermord als Beginn der Sittlichkeit des Menschen, ja sogar als „Urakt der Menschheitsgeschichte“ 6 .
Im Folgenden möchte ich die Linien nachzeichnen, die Freud zu diesem Ergebnis führen. Freuds Überlegungen zum totemistischen System mit seinen Tabuverboten werde ich im ersten Teil meiner Arbeit wiedergeben. Im zweiten Teil werde ich die Entstehung des Über-Ichs als Träger der Moral beschreiben. Im letzten Teil möchte ich Freuds Kritik der herrschenden Moral darstellen. Das Ziel meiner Arbeit besteht darin, herauszuarbeiten worin Freud die psychologischen Ursprünge des Gewissens, der Sittlichkeit und der Moralität des Menschen sieht.
1 Das totemistische System und das Wesen der Tabuvorschriften
1.1 Totemismus und Exogamie
Bei fast allen von Freud untersuchten Naturvölkern findet sich anstelle „aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen ... das System des Totemismus.“ 7 Das Totem ist in der Regel ein Tier 8 , dem gewisse magische Kräfte zugeschrieben werden und von dem die Mitglieder eines Stammes glauben, dass sie von ihm abstammen. Die Angehörigen der jeweiligen Sippe sehen sich also als Abkömmlinge eines gemeinsamen tierischen Ahnen. Das Totemtier, das der Totemgemeinschaft auch seinen Namen gibt, wird deshalb als Ahnherr bzw. als Stammvater einer Sippe verehrt und darf nicht getötet oder verletzt werden. Gleichzeitig erwartet der Stamm von seinem Totemtier Schutz und Schonung. Die Zugehörigkeit zu einem Totemclan bildet für den Einzelnen gegenüber der Sippe die „Grundlage aller sozialen Verpflichtungen“ 9 und übertrifft in seiner Bedeutung die Blutsverwandtschaft. Die Totemzugehörigkeit wird entweder in mütterlicher oder väterlicher Linie vererbt und bleibt somit für das ganze Leben bestehen.
Freud und viele Ethnologen gehen davon aus, dass nicht nur die noch vorhandenen Naturvölker das System des Totemismus praktizieren, sondern dass der Totemismus eine Vorstufe jeder Kultur ist und somit „eine notwendige und überall durchschrittene Phase der menschli-
5 Freud,
Frankfurt a.M. 1974, S. 287-444, S.315.
6 Lambertino: Psychoanalyse und Moral bei Freud, S.130.
7 Freud: Totem und Tabu, S.296.
8 Gemeint ist hier nicht ein einzelnes Tier, sondern die gesamte Gattung.
9 Freud: Totem und Tabu, S.296.
2
chen Entwicklung“ 10 darstellt. Dies impliziert, dass viele Kulturschöpfungen unserer modernen Gesellschaft als Rudimente dieser alten totemistischen Kultur anzusehen sind. Was Freud beim Studium der primitiven Völker nun stark verwundert, ist die Tatsache, dass sich diese Wilden, von denen man sittliches Verhalten und selbst auferlegte Beschränkungen des Trieblebens kaum erwartet, „mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben.“ 11 Das Inzestverbot, das mit härtesten Strafandrohungen verbunden ist, erstreckt sich nicht nur auf Angehörige der Familie, sondern auf alle Mitglieder einer Totemgemeinschaft, sodass geschlechtliche Beziehungen innerhalb der Sippe unmöglich sind. Die einzige Möglichkeit einer Familiengründung besteht in der Eheschließung mit einem Mitglied eines anderen Totemstammes. Diese mit dem Totem verbundene Exogamie „macht dem Manne .. die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt.“ 12 In „Totem und Tabu“ werden noch zahlreiche weitere Beispiele von Sitten und Bräuchen aus dem Leben der Naturvölker beschrieben, die ihre hohe Inzestempfindlichkeit belegen. Woher stammt nun diese ungewöhnlich starke Inzestscheu der Wilden? Freud begründet dies vorerst damit, dass die primitiven Völker die bei modernen zivilisierten Menschen verdrängten Inzestwünsche „noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.“ 13
1.2 Funktion und Inhalt der Tabuvorschriften
Die Tatsache, dass die wilden Völker weder Religion noch Sittlichkeit nach unserem Verständnis kennen, aber trotzdem einer Vielzahl von Tabus unterworfen sind und insbesondere die zwei Grundgesetze des Totemkultes befolgen, nach denen die Tötung des Totemtieres sowie sämtliche sexuellen Beziehungen zu Totemgenossen streng verboten sind, drängt Freud dazu, sich gründlicher mit dem Phänomen dieser Tabuverbote zu beschäftigen. Freud beginnt seine Untersuchung mit einer Beschreibung der vielfältigen Funktionsweisen und Erscheinungsformen dieses „ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der Menschheit.“ 14 Zunächst jedoch erklärt er den etymologischen Ursprung und den allgemeinen Sprachgebrauch des Wortes „Tabu“.
10 Freud: Totem und Tabu, S.297.
11 Ebd., S.296.
12 Ebd., S.299.
13 Ebd., S.310.
14 Ebd., S.311.
3
Tabu ist ein polynesisches Wort, das zwei entgegengesetzte Bedeutungen umfasst. „Es heißt .. einerseits: heilig, geweiht, anderseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein... [die] Zusammensetzung >heilige Scheu< würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.“ 15 Der Gegensatz von Tabu heißt in Polynesien „noa“, was mit „gewöhnlich“ oder „gemein“ übersetzt werden kann. Häufig beinhalten Tabus Berührungsverbote von Personen oder Gegenständen, von denen man annimmt, dass sie eine geheimnisvolle, magische Kraft besitzen. Tabus können dauerhaft oder auch nur vorübergehend bestehen. Freud fasst die Vielfalt der Erscheinungsformen von Tabus folgendermaßen zusammen: „Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich diese primitiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern sie unterwerfen sich wie selbstverständlich und sind überzeugt, daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen wird.“ 16
1.3 Die Bedeutung von ambivalenten Gefühlsregungen
Dem zuletzt erwähnten Zitat kann man den wesentlichen Unterschied zwischen Tabubeschränkungen und religiösen oder moralischen Verboten entnehmen. Während letztere in der Regel auf das Gebot eines Gottes zurückgeführt werden können, entbehren Tabuverbote jeder Begründung. Obwohl die Wilden ihre Tabuverbote mit größter Anstrengung befolgen, ist ihnen die Motivierung dieser Verbote nicht bewusst. Das Tabu wird also nie hinterfragt; es verbietet Handlungen, ohne dass dem Handelnden der Grund oder die Ursache des Verbots bewusst ist. Der Zwangscharakter ist also klar zu erkennen. Hinzu kommt, dass ein Teil der Verbote durchaus „verständlich [ist], ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinnlos.“ 17 Diese Tatsachen benutzt Freud, um eine Parallele zu dem psychischen Mechanismus der Zwangsverbote des Neurotikers zu ziehen, welche sich ebenfalls durch Berührungsängste von Objekten und Personen auszeichnen und in vielen Erscheinungsformen Übereinstimmungen mit den Tabuverboten aufweisen. So ist zum Beispiel bei Beiden eine „äußere Strafandrohung .. überflüssig, weil eine innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem unerträglichen Unheil führen.“ 18 Auch Buß- und Reinigungsrituale für Übertretungen des Verbots sind dem Neurotiker und dem Wilden gleichermaßen vertraut. Mit Hilfe der Kenntnisse und Erfahrungen, die Freud während seiner Studien der
15 Freud: Totem und Tabu, S.311.
16 Ebd., S.314.
17 Ebd., S.319.
18 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Andre Fischer, 2004, Freud und Moral - Eine Darstellungen von Freuds Betrachtungen zum Ursprung der Moral, München, GRIN Verlag GmbH
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