Vorwort
„Mittelstand zunehmend in der Kreditklemme“ 1
„Die Finanzierung der deutschen Unternehmen steht vor dem größten Umbruch in der Geschichte des Landes“ 2
„Mezzanine-Kapital gilt als Wundermittel für Finanzierungen im Mittelstand“ 3
„Mezzanine-Kapital ideal für den Mittelstand“ 4
Solche oder ähnliche Aussagen lassen sich seit einiger Zeit häufig in Tages- und Fachpresse wieder finden. Angesichts der oft angemahnten defizitären Mittelstandsfinanzierung können in jüngster Zeit verstärkt Bemühungen in Praxis und Wissenschaft beobachtet werden, Auswege aus dieser gesamtwirtschaftlichen Krisensituation zu finden. Dabei werden verstärkt alternative Finanzierungsformen diskutiert, wobei der Finanzierung über Mezzanine-Kapital zuletzt besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Mezzanine-Kapital ist derzeit ein absolutes Trendthema, was sich insbesondere auch in der Vielzahl aktueller wissenschaftlicher Veröffentlichungen widerspiegelt.
Für alle Unternehmen, also auch für den Mittelstand, ist der Zugang zu geeigneten Finanzierungsquellen eine entscheidende Voraussetzung um langfristig die Unternehmensexistenz sicherzustellen. Da dem Mittelstand in Deutschland ein besonders hohes Gewicht in der Gesamtwirtschaft zukommt, muss ein ausreichender Zugang zu Finanzmitteln, für diese Gruppe von Unternehmen, von besonderem gesellschaftlichem Interesse sein. Dementsprechend ist die Aufmerksamkeit, die diesem Themenkomplex in jüngster Zeit zuteil wird, durchaus gerechtfertigt und angemessen.
Bislang war der Mittelstand in der komfortablen Situation, dass Bankkredite in ausreichenden Volumina und zu günstigen Konditionen relativ leicht zu beschaffen waren. In der Vergangenheit war deshalb die geringe Eigenkapitalausstattung des deutschen Mittelstands wenig problematisch. Dies hat sich jedoch dauerhaft geändert, wobei eine weitere Zuspitzung zu Ungunsten des Mittelstands zu prognostizieren ist.
Insbesondere die drastischen Veränderungen auf den Finanzmärkten führen zu neuen Bedingungen und stellen die Unternehmen bezüglich ihrer Finanzplanung vor große Herausforderungen. Die vielfach noch nicht abgeschlossene Umsetzung der neuen Eigenkapitalvorschriften im Rahmen von Basel II und die extreme Ertragsschwäche der deutschen Banken werden schon bald zu weiteren spürbaren Veränderungen führen, denen sich der Mittelstand stellen muss.
Abgeleitet aus dieser für den Mittelstand vielfach existenzbedrohenden Situation ergibt sich die Suche nach neuen mittelstandstauglichen Finanzierungsalternativen. Um den neuen Anforderungen zu entsprechen wird der Mittelstand gezwungen sein, seine vorherrschenden Finanzierungsstrukturen anzupassen und durch innovative, neuartige Elemente zu ergänzen.
1 Die Welt 16. Jan 2004
2 Externbrink (2004a) S. 106
3 Ebenda S. 106
4 Taski (2003) S. 542
1
Hierzu kann Mezzanine-Kapital einen entscheiden Beitrag leisten, wenn rechtzeitig, am besten aus einer Position der Stärke heraus, gehandelt wird.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass dem Mittelstand attraktive mittelstandstaugliche Produkte angeboten werden, wobei hier noch viel Financial Engineering-Arbeit durch die Finanzintermediäre zu leisten ist, bevor eine ausreichende Mezzanine-Kapital Versorgung des Mittelstands attestiert werden kann. In diesem Licht erscheint, das als durchaus innovativ zu bezeichnende Mezzanine-Kapital Produkt der Norddeutschen Landesbank, als Schritt in die richtige Richtung.
Ich möchte insbesondere Herrn Jochen Asmussen von der Corporate Finance Abteilung der Sparkasse Hannover für die zuvorkommende Unterstützung beim Erarbeiten von Kapitel 5 danken. Ohne seine Auskünfte wären die detaillierten Einblicke hinter die Kulissen des vorgestellten Produkts nicht möglich gewesen.
Hannover, August 2004 Thilo Soboll
2
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Exposé 5
2 Die Bedingungen der mittelständischen Finanzplanung 6
2.1 Definition Bedeutung und Lage des Mittelstands 6
2.2 Status Quo der Mittelstandsfinanzierung 8
2.3 Ursachen der vorherrschenden Finanzierungsstruktur 10
2.3.1 Attraktive Kreditkonditionen als Folge des Wettbewerbs im Bankensektor 10
2.3.2 Geringe Differenzierung nach Schuldnerbonität 12
2.3.3 Managementdefizite 12
2.3.4 Eingeschränkte Einsetzbarkeit von Finanzierungsalternativen 12
2.3.5 Psychologische und sonstige Ursachen 13
2.4 Zwischenfazit I: Bankkredite waren die attraktivste Finanzierungsform 13
2.5 Neue Anforderungen an die mittelständische Finanzplanung 14
2.5.1 Auslöser des Finanzmarktwandels 14
2.5.1.1 Basel II 14
2.5.1.2 Ertragsprobleme deutscher Banken 15
2.5.2 Herausforderungen der mittelständischen Finanzplanung 16
2.5.2.1 Der „Credit Crunch“ 16
2.5.2.2 Veränderte Kreditvergabepolitik der Banken 18
2.5.2.3 Firmenfinanzierungen werden komplexer und anspruchsvoller 20
2.5.3 Zusammenfassung 20
2.6 Zwischenfazit II: Großer Bedarf nach Finanzierungsalternativen 21
3 Alternative Finanzierungsoptionen für den Mittelstand 21
3.1 Grundeigenschaften mittelstandstauglicher Finanzierungsalternativen 22
3.2 Potenzielle Finanzierungsbausteine neben Mezzanine-Kapital 23
3.2.1 Erhöhung der Einlagen Senkung der Entnahmen 23
3.2.2 Operative Finanzierung 23
3.2.3 Beteiligungskapital durch Public Equity 24
3.2.4 Beteiligungskapital durch Private Equity 24
3.2.5 Pensionsrückstellungen 25
3.2.6 Lieferantenkredite 25
3.2.7 Anleihen Commercial Paper 25
3.2.8 Asset Backed Securities 25
3.2.9 Leasing 26
3.2.10 Factoring 26
3.2.11 Projektfinanzierungen 27
3.3 Zwischenfazit III: Viele Alternativen erscheinen ungeeignet 27
4 Basiswissen zur Finanzierungsform Mezzanine-Kapital 28
4.1 Begriff Definition und Potenzial 28
4.2 Unterscheidungsmerkmale Grundeigenschaften und Stellschrauben 29
4.2.1 Strukturiertes Kapital 29
4.2.2 Covenants 29
4.2.3 Mitwirkung Kontrolle und Information (§32a GmbHG-Problematik) 30
4.2.4 Equity vs Debt Mezzanine 30
4.2.5 Steuerliche und bilanzielle Behandlung 31
4.2.6 Ökonomische Einordnung Nachrangigkeit 31
4.2.7 Private vs Public Mezzanine 31
4.2.8 Due Diligence Rating 32
4.2.9 Rendite-Risikorelation 33
3
4.2.10 Verzinsungskomponenten und optionen (§ 489 BGB-Problematik) 33
4.2.11 Laufzeit und Tilgungsmodalitäten 35
4.3 Mezzanine Einzelinstrumente 35
4.3.1 Nachrangdarlehen 35
4.3.2 Verkäuferdarlehen 35
4.3.3 Partiarisches Darlehen 36
4.3.4 Typische und Atypische stille Gesellschaften 36
4.3.5 Genussscheine 37
4.3.6 Wandel- und Optionsschuldverschreibungen 37
4.4 Anwendungsgebiete Finanzierungsanlässe 37
4.4.1 Unternehmensübernahme Buy-Outs 37
4.4.2 Gesellschafterwechsel 38
4.4.3 Wachstumsfinanzierung 38
4.4.4 Bridge Loan Going Public 39
4.4.5 Going Private 39
4.4.6 Projektfinanzierung 39
4.4.7 Sanierung 39
4.5 Vor- und Nachteile mezzaniner Finanzierungslösungen 40
4.6 Zwischenfazit IV: Grundlagen erarbeitet 41
5 Mittelstandstauglichkeit von Mezzanine-Kapital 41
5.1 Grundsätzliche Eignung von Mezzanine-Kapital 41
5.2 Spezielle Eignung von Mezzanine-Kapital 42
5.3 Anforderungen an mittelstandskompatible Mezzanine-Produkte 43
5.4 Anbieter von mittelstandstauglichem Mezzanine Kapital 46
5.5 Zwischenfazit V: Eingeschränkte Mittelstandstauglichkeit 48
6 Das Mezzanine-Kapital Produkt der Norddeutschen Landesbank 49
6.1 Das Produkt aus der Perspektive der Nord LB 49
6.2 Die Kooperation der Nord LB mit den Sparkassen am Bsp SK Hannover 49
6.3 Standardisierte Prozesse und geringe Transaktionskosten 50
6.4 Flexible Komponenten (Verzinsung Laufzeit Volumen) 51
6.5 Covenants Mitsprache Kontroll- und Informationsrechte 52
6.6 Ökonomische Einordnung steuerliche Behandlung 52
6.7 Anforderungen Zielgruppen Finanzierungsanlasse regionale Begrenzung 52
6.8 Investitionsvolumen und eventuelle Verbriefung 53
6.9 Marktpotenzial und bisheriger Geschäftverlauf (Stand 03 08 2004) 53
6.10 Die Mittelstandstauglichkeit im Vergleich zur Konkurrenz 54
6.11 Zwischenfazit VI: Bisher unerreichte Mittelstandstauglichkeit 55
7 Finanzierungskultur und Finanzierungsmix angesichts neuer Anforderungen 55
8 Ergebnisse und Ausblick 58
Abbildungsverzeichnis 61
Literaturverzeichnis 62
Anhang: Datenbasis des Scoring Modells 67
4
1 Problemstellung und Exposé
Ob Mezzanine-Kapital tatsächlich ideal für den Mittelstand ist, ergo ob es als wirklich Mittelstandstauglich bezeichnet werden kann, ist Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Um den Bezug zur Praxis zu gewährleisten, wird weiterhin das neue Mezzanine-Kapital Produkt der Norddeutschen Landesbank hinsichtlich seiner Mittelstandstauglichkeit beurteilt, was zu einer praxisnäheren Beurteilung der Mittelstandstauglichkeit von Mezzanine-Kapital führen soll. Aufbauend hierauf wird der Versuch unternommen, Mezzanine-Kapital hinsichtlich seiner Stellung im zukünftigen mittelständischen Finanzierungsmix einzuordnen. Dabei wird als Grundlage eins veränderten Finanzierungsverhaltens eine neue mittelständische Finanzierungskultur entwickelt.
Um diese Aufgabenstellungen zu lösen, müssen ex ante eine Reihe von Grundlagen geschaffen und Vorarbeiten geleistet werden, was im Wesentlichen in den Kapiteln 2, 3 und 4 geleistet wird.
In einem ersten Schritt müssen die Bedingungen analysiert werden unter denen mittelständische Finanzabteilungen ihre Aufgaben der Finanzierungskostenminimierung bei gleichzeitiger Liquiditätssicherung wahrnehmen. Dazu wird, nachdem kurz Definition, Bedeutung und Lage des Mittelstands geklärt wurden, der aktuelle Stand der Mittelstandsfinanzierung dargelegt. Um den Mittelstand mit seiner Finanzierungsstruktur zu verstehen, werden daraufhin die Ursachen der vorherrschenden Merkmale, namentlich die schwache Eigenkapitalausstattung und die Bankkreditabhängigkeit, ergründet. Dies ist notwendig, um im Folgenden die neuen Anforderungen an die mittelständische Finanzplanung zu erkennen, ergo um die Herausforderungen abzuleiten, die sich aufgrund des Finanzmarktwandels ergeben.
Nachdem in Kapitel 2 das notwendige Basiswissen bezüglich der Bedingungen der mittelständischen Finanzplanung geliefert hat, können hiervon ausgehend in Kapitel 3 alternative Finanzierungsoptionen, nachdem sie kurz vorgestellt wurden, bewertet werden. Diese Optionen hinsichtlich ihrer Mittelstandstauglichkeit zu untersuchen hat dabei den Zweck, zu einem späteren Zeitpunkt Mezzanine-Kapital in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Kapitel 3 dient somit als Grundlage zur Entwicklung eines neuen Finanzierungsmix in Kapitel 7, in dessen Kontext auch Mezzanine-Kapital zu finden sein wird.
Bevor Mezzanine-Kapital in einem ersten Anlauf in Kapitel 5 hinsichtlich seiner Mittelstandstauglichkeit untersucht werden kann und es in einem übergeordneten Zusammenhang hinsichtlich seiner zukünftigen Rolle im mittelständischen Finanzierungsmix betrachtet werden kann, muss in Kapitel 4 das nötige Basiswissen hinsichtlich der Finanzierungsform Mezzanine-Kapital geschaffen werden. Weiterhin dient dies Kapitel insbesondere dazu, den theoretischen Hintergrund zur Bewertung des in Kapitel 6 vorgestellten Mezzanine-Kapital Produkts der Nord/LB zu liefern. Nachdem Begriff, Definition und Potenzial von Mezzanine-Kapital erläutert wurden, erfolgt eine ausführlichere Darstellung der Unterscheidungsmerkmale und Grundeigenschaften von Mezzanine-Kapital. Parallel dazu werden entscheidende Stellschrauben im Rahmen eines Financial Engineerings von Mezzanine-Produkten aufgezeigt, die im späteren Kapitel 5 dazu genutzt werden, um Eigenschaften mittelstandstauglicher Mezzanine-Produkte zu begründen.
Daraufhin werden typische Mezzanine-Instrumente bezüglich ihrer Eigenschaften, Restriktionen und Möglichkeiten untersucht. Mezzanine-Instumente bilden die Grundlage
5
eines jeden Mezzanine-Produkts und sind deshalb, wie das gesamte Kapitel 4 insbesondere auch im Zusammenhang mit den in Abschnitt 5.4 und Kapitel 6 vorgestellten Mezzanine-Produkten wichtig. Weiterhin werden in Kapitel 4 die typischen Anwendungsgebiete und Finanzierungsanlässe von Mezzanine-Kapital vorgestellt, während zum Ende von Kapitel 4 die Vor- und Nachteile von Mezzanine-Kapital extrahiert werden.
Nachdem die Grundlagen zur Untersuchung der oben aufgezeigten Problemstellungen in den Kapitel 2, 3 und 4 geschaffen wurden, wird in Kapitel 5 in einem ersten Anlauf Mezzanine-Kapital hinsichtlich seiner Mittelstandstauglichkeit untersucht. Es wird insbesondere überprüft, ob sich mezzanine Finanzierungen zur Bewältigung der in Kapitel 2 aufgezeigten Herausforderungen eignen. Weiterhin wird untersucht, ob Mezzanine-Kapital für den einzelnen Mittelständler als Finanzierungsalternative in Betracht kommt, woraufhin Anforderungen an mittelstandskompatible Mezzanine-Produkte abgeleitet werden. Schließlich wird im letzen Abschnitt dieses Kapitels eine komprimierte Darstellung bekannter Mezzanine-Produkte geliefert, was der späteren vergleichenden Darstellung der Mittelstandstauglichkeit des Nord/LB Produkts dienen soll.
Im folgenden Kapitel 6 wird das neue Mezzanine-Kapital Produkt der Nord/LB so detailliert wie möglich dargestellt. Dabei wird auf die erarbeiteten Grundlagen der vorigen Kapitel zurückgegriffen, welche die Grundlagen zur Beurteilung der Mittelstandstauglichkeit dieses Produkts liefern. Nachdem aufbauend auf Kapitel 5 eine praxisnähere Beurteilung der Mittelstandstauglichkeit von Mezzanine-Kapital geleistet wurde, kann in Kapitel 7 die Einordnung von Mezzanine-Kapital im Hinblick auf weitere Finanzierungsalternativen erfolgen. Dabei wird insbesondere der potenzielle Beitrag von Mezzanine-Kapital zu einem zukunftsweisenden, alternativer Finanzierungsmix ergründet, der jedoch nur Realität werden kann, sollte sich die Finanzierungskultur des Mittelstands stark wandeln. Schlussendlich erfolgt daraufhin in Kapitel 8 eine kurze Darstellung der erarbeiteten Ergebnisse, während weiterhin ein Blick in die Zukunft der Mittelstandsfinanzierung mit Mezzanine-Kapital gewagt wird.
2 Die Bedingungen der mittelständischen Finanzplanung
Indem in diesem Kapitel die Bedingungen unter denen Mittelständler ihre Finanzierung zu optimieren haben dargestellt werden, soll erforderliches Basiswissen zum Verständnis der folgenden Kapitel sichergestellt werden. Diese Grundlagen sollen insbesondere dazu dienen, die Frage nach der Mittelstandstauglichkeit von Mezzanine-Kapital zu beantworten. Es ist zwingend notwendig einen eventuell vorherrschenden Bedarf nach Finanzierungsalternativen zu ermitteln, denn sollte kaum Bedarf bestehen, so würde dem Einsatz von Mezzanine-Kapital die wirtschaftliche Grundlage fehlen, sodass diese Finanzierungsmöglichkeit nicht als Mittelstandstauglich bezeichnet werden könnte.
2.1 Definition, Bedeutung und Lage des Mittelstands
Diese Arbeit orientiert sich hinsichtlich der Abgrenzung und Unterteilung des Mittelstands in Gruppen, an der ab 01.01.2005 geltenden neuen EU-Regelung. 5 Die derzeit noch gültige
5 Vgl. Europäische Union (2003)
6
Definition wird aufgrund der anstehenden Änderung nicht mehr verwendet. 6 Nach der neuen Definition gelten die in Abb. 1 dargestellten Größenklassen. Folglich sind alle Unternehmen, die diese Anforderungen nicht erfüllen Großunternehmen im Sinne der neuen EU-Definition. Als Mittelstand werden in dieser Arbeit alle Unternehmen verstanden, die keine Großunternehmen sind.
Die große gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Mittelstands ist unbestritten und leicht nachzuweisen, weshalb an dieser Stelle auf eine ausführliche Argumentation verzichtet wird. 7 Das im Jahr 2002 fast 70% aller Arbeitnehmer vom Mittelstand beschäftigt wurden, soll hier ausreichen um die obige Aussage zu verifizieren. 8
Die Rezessionsphase der letzten Jahre war für viele Mittelständler insbesondere aufgrund der starken Konzentration auf die seit langer Zeit schwache Binnennachfrage problematisch. 9 Nach einer aktuellen Umfrage unter Mittelständlern bezeichnen zwei von drei Mittelständlern ihre wirtschaftliche Lage als sehr schlecht oder eher schlecht. 10 Neben der Politik, der schlechten ökonomischen Verfassung der Kunden, schlechter Zahlungsmoral, einem überregulierten Arbeitsmarkt sowie steigendem Preis- und Konkurrenzdruck werden auch die Banken für die schlechte Situation verantwortlich gemacht.
Die schlechte Lage des Mittelstands wird auch bei der Betrachtung der in den letzten Jahren stark angestiegene Zahl der Unternehmensinsolvenzen deutlich. Es ist davon auszugehen, dass die Insolvenzen fast vollständig auf das Konto des Mittelstands gehen. Von 1999 bis 2003 stieg deren Anzahl um 52% auf 19.940, wobei im Jahr 2004 nach Hochrechnungen von Creditreform ca. 19.300 Unternehmensinsolvenzen zu erwarten sind. 11 Die zuletzt positiven Konjunkturmeldungen, die Deutschland bereits am Anfang einer konjunkturellen Aufwärtsentwicklung sehen, 12 lassen jedoch Raum für Hoffnung, dass der leichte Rückgang der Unternehmensinsolvenzen den Anfang eines Trendwechsels bilden könnte.
Neben weiteren Problemen, wie z.B. die vielfach offenen Nachfolgeregelungen, werden aktuell insbesondere Finanzierungsprobleme des Mittelstands konstatiert. In den Nachfolgenden Abschnitten werden die Ursachen dieser Probleme untersucht, welche zum einen beim Mittelstand selber, zum anderen in der Veränderung des Finanzierungsumfelds zu suchen sind.
6 Vgl. Europäische Union (1996)
7 Vgl. hierzu z.B.: Institut für Mittelstandsforschung (2004b)
8 Vgl. Institut für Mittelstandsforschung (2004b)
9 Vgl. KfW (2004b) S. 11
10 Vgl. Manager Magazin (2003) S. 1
11 Vgl. Creditreform (2004)
12 Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2004)
7
2.2 Status Quo der Mittelstandsfinanzierung
Nachfolgend wird die aktuelle Situation bezüglich der Finanzierung des deutschen Mittelstands genauer analysiert. Dies geschieht hier insbesondere mit dem Ziel Schwachstellen und Risiken zu erkennen die, wie nachfolgend gezeigt wird, bei sehr vielen Mittelständlern nach wie vor vorhanden sind. Weiterhin soll diese Analyse dazu dienen, im Abschnitt 2.4 die aktuellen Herausforderungen der mittelständischen Finanzplanung zu begründen.
Die Deutsche Bundesbank untersucht in regelmäßigen Abständen eine große Anzahl von Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen. Dabei werden u.a. auch die hochgerechneten, kumulierten Bilanzen aller deutschen Mittelständler veröffentlicht. Hierdurch lassen sich durchschnittliche Finanzierungsstrukturen berechnen, die in der Folgenden Abb. 2 dargestellt sind.
Abb. 2: Durchschnittliche Finanzierungsstruktur des deutschen Mittelstands im
Auf Basis der Daten aus Abb. 2 lassen sich eindeutige Rückschlüsse auf die Finanzierungssituation des Mittelstands ziehen 13 Durch den Vergleich mit der Situation der Großunternehmen, lassen sich folgende wesentliche Merkmale einer typischen mittelständischen Finanzierungssituation bestimmen:
• Schwache Eigenkapitalausstattung • Hoher Fremdkapitalanteil • Hohe Bankkreditabhängigkeit
Die in Abb. 2 errechnete Eigenkapitalquote von 7,3% erscheint dramatisch niedrig. Es sind jedoch folgende Faktoren zu berücksichtigen, die eine in Wirklichkeit höhere Eigenkapitalquote und insbesondere eine höhere Haftungsbasis begründen.
• Der Anteil von Einzelunternehmen und Personengesellschaften, die ihr Vermögen oft aus steuerlichen Gründen auf das Privatvermögen übertragen ist in Deutschland sehr hoch. 14 Ihr Anteil macht 65,6% des Mittelstands aus. 15 Häufig dient dieses private Vermögen dennoch der Besicherung von Unternehmenskrediten und ist deshalb dem Haftkapital zuzurechnen. 16 Dieser Effekt wird besonders deutlich wenn berücksichtigt wird, dass die Bundesbank für Einzelunternehmen eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von ca. -10% für das Jahr 2000 ermittelt hat. 17
13 Vgl. Deutsche Bundesbank (2001) S. 63
14 Vgl. KfW (2003) S. 4
15 Vgl. Institut für Mittelstandsforschung (2004a) S. 15
16 Vgl. KfW (2003) S. 4
17 Vgl. Deutsche Bundesbank (2003a) S. 64
8
• Außerdem haben deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich sehr hohe Rückstellungen gebildet, welche ökonomisch oft Eigenkapitalcharakter aufweisen. 18 Dies gilt in abgeschwächter Form auch für den Mittelstand.
• Weiterhin ist die Bildung von stillen Reserven in Deutschland aufgrund steuerlicher und handelsrechtlicher Bestimmungen stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Berechnungen des DIW ergaben für das Jahr 1995 eine durchschnittliche Eigenkapitalquote aller Unternehmen unter Einschluss der stillen Reserven von 40%, wobei die Deutsche Bundesbank zu diesem Zeitpunkt nur 18% auswies. 19
Aus den genannten Gründen dürfte die tatsächliche Eigenmittelausstattung deutlich über 7,3% für 2003 liegen. Wie aus Abb. 3 erkennbar haben die Auswertungen der KfW denn auch deutlich höhere Eigenkapitalquoten für den Mittelstand ergeben. Aus der Abbildung wird weiterhin die trotzdem im internationalen Vergleich sehr geringe Eigenkapitalausstattung des deutschen Mittelstands deutlich. 20
50%
45%
40%
35%
30%
25%
20%
15%
10%
5%
0%
* Angaben aus 2000; ** Nur zwei Größenklassen, <25 Mio. USD und >25 Mio. USD
Quelle: KfW (2003) S. 3 und Kaserer (2004) S. 3
Wie aus Abb. 2 weiter ersichtlich, ist der Mittelstand, im Vergleich zu großen Unternehmen, weitaus abhängiger von Fremdkapital. Bei einer genaueren Analyse der Fremdkapitalstruktur fällt insbesondere die hohe Bankkreditabhängigkeit des Mittelstands auf. Große Unternehmen sind im Durchschnitt nur hinsichtlich ca. 9% ihrer Bilanzsumme abhängig von Bankkrediten, während der Mittelstand mit ca. 37% in einem weitaus stärkern Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Banken steht.
Die starke Bankkreditabhängigkeit spiegelt sich in den Antworten einer aktuellen repräsentativen Umfrage unter Mittelständlern wider, in der gefragt wurde, wie wichtig
18 Vgl. KfW (2003) S. 4
19 Vgl. KfW (2003) S. 4
20 Analysen der KfW zeigen, dass diese Situation nicht nur für das verarbeitende Gewerbe, sondern auch für den gesamten Mittelstand gilt
9
Bankkredite für die Finanzierung von Investitionen sind. Für ca. 70% des Mittelstands sind Bankkredite unverzichtbar oder sehr wichtig zur Finanzierung von Investitionen. 21
Die nachfolgende Abb. 4 zeigt zusammenfassend, wie sich die Eigenkapitalsituation mit zunehmender Größe der Unternehmen verbessert, während die Bankkreditabhängigkeit parallel sinkt.
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%
0-1 Umsatz in Mio. €
Datenbasis: Kaserer (2004), Hommel/Schneider (2003)
Nach herrschender Meinung ist die Ausstattung des deutschen Mittelstands mit Eigenkapital, trotz der oben angesprochenen Einschränkungen hinsichtlich der Aussagekraft des Zahlenmaterials, mangelhaft. Der Zustand der hohen Bankkreditabhängigkeit wird weiterhin heute von einigen Fachleuten als rückständig und entwicklungshemmend kritisiert. 22 Als potenzielles Risiko für den Mittelstand müssen deshalb im Hinblick auf die Finanzierungsstruktur insbesondere diese beiden Zustände angesehen werden.
2.3 Ursachen der vorherrschenden Finanzierungsstruktur
Im Hinblick auf die im vorigen Abschnitt aufgezeigten Risikopotenziale der Mittelstandsfinanzierung, widmet sich dieser Abschnitt der Analyse in der Vergangenheit vorherrschender Bedingungen, die zu einer geringen Eigenkapitalausstattung und einer hohen Bankkreditabhängigkeit geführt haben.
2.3.1 Attraktive Kreditkonditionen als Folge des Wettbewerbs im Bankensektor
Der deutsche Markt für Bankkredite ist durch einen außergewöhnlich intensiven Wettbewerb gekennzeichnet. Eine Erklärung hierfür liefert die relativ geringe Konzentration der deutschen Bankenlandschaft, welche in Abb. 5 im internationalen Vergleich darstellt ist.
21 Vgl. Institut für Mittelstandsforschung (2004a) S. 19
22 Vgl. Rajan/Zingales (2003)
10
Das jede dritte Bank im Euroraum ein deutsches Institut ist und Deutschland weit mehr Banken hat als Frankreich und Italien zusammen 23 , verdeutlicht weiterhin die extreme Wettbewerbssituation. Dieser intensive Wettbewerb hat eine im internationalen Vergleich sehr geringe Nettozinsspanne zur Folge, welche in Abb. 6 für das Jahr 2003 dargestellt ist.
Abb. 5: Konzentration im Bankensektor im internat. Vergleich (Aktiva
0%
Datenbasis: Bank for International Settlements (2004) S.145
0,00%
* Anzahl der einbezogenen Banken in Klam m ern Datenbasis: Bank for International Settlements (2004) S.137
Die geringe Nettozinsspanne deutscher Banken ist nicht nur Ausdruck und Beleg des Starken Wettbewerbs zwischen den deutschen Banken, sondern deutet gleichzeitig auch auf, im internationalen Vergleich, relativ günstige Bankkreditkonditionen für deutsche Unternehmen hin. Diese Einschätzung wird dadurch untermauert, dass deutsche Unternehmen trotzt des hohen Fremdkapitalanteils im internationalen Vergleich relativ geringe Zinsaufwendungen verbuchen. 24 Insbesondere in der Vergangenheit führte weiterhin eine oftmals extensive Kreditvergabepolitik der Banken zu einer komfortablen Situation hinsichtlich der Verfügbarkeit von Krediten. Es ist daher anzunehmen, dass die Aufnahme von Bankkrediten für viele Unternehmen im Vergleich zu etwaigen Finanzierungsalternativen (z.B. dem Eigenkapital) relativ attraktiv erschien. Aufgrund der Ausrichtung auf möglichst minimale Kapitalkosten war die Präferenz von Bankkrediten somit ökonomisch gerechtfertigt und rational. 25 Diese Erkenntnis liefert somit einen Erklärungsansatz, sowohl für die im internationalen Vergleich geringen Eigenkapitalquoten deutscher Unternehmen (Vgl. Abb. 3), als auch für die große Bedeutung des Bankkredits in der Finanzierungspraxis des deutschen Mittelstands.
23 Vgl. BVB (2003) S. 11
24 Vgl. KfW (2003) S. 3f
25 Vgl. Franke (2004) S. 35
11
2.3.2 Geringe Differenzierung nach Schuldnerbonität
Die in Deutschland noch vergleichsweise geringe Differenzierung der Kreditkonditionen in Abhängigkeit von der Schuldnerbonität liefert einen weiteren Ansatz zum Verständnis der Bankkreditpräferenz des Mittelstands. 26 Viele deutsche Kreditinstitute beklagen, dass die Zinsmargen für Schuldner schlechter Bonität nicht ausreichen um sämtliche Anfallende Kosten zu decken. Die bedeutet, dass diese Gruppe von Kreditnehmern Subventioniert wird, während Schuldner guter Bonität benachteiligt werden. Nach Franke ist dies ein Ansatz um die geringen Eigenkapitalquoten deutscher Unternehmen zu erklären. 27 Gleichzeitig liefert diese Perspektive, insbesondere für den im Durchschnitt mit relativ schlechter Bonität ausgestatteten Mittelstand, einen weiteren Grund der Bankkreditpräferenz, da über diesen Weg subventionierte Kredite in Anspruch genommen werden konnten.
2.3.3 Managementdefizite
Einen weiteren, sicherlich trivialen Grund, für eine hohe Bankkreditpräferenz liegt vermutlich (leider) in der teilweise fehlenden Professionalität der für Finanzierungsfragen Verantwortlichen in mittelständischen Unternehmen. Es ist davon auszugehen, dass ein nicht geringer Teil der aufgenommenen Bankkredite durch attraktivere Finanzierungsformen substituiert werden könnten, wenn die notwendige Transparenz, Qualifikation und Information in jedem mittelständischen Unternehmen ausreichend vorhanden wäre. Defizite in diesen Bereichen können dazu führen, dass kein Bewusstsein über den Bedarf nach alternativen Finanzierungslösungen vorherrscht. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das Problem der mangelnden Professionalität zukünftig abmildert, da in Zukunft mit verschärften Anforderungen an die Finanzplanung aufgrund steigender finanzwirtschaftlicher Komplexität zu rechnen ist. 28
2.3.4 Eingeschränkte Einsetzbarkeit von Finanzierungsalternativen
Abb. 7: Finanzierungsalternativen nach Unternehmensgröße
26 Vgl. Abschnitt 2.5.2.2
27 Vgl. Franke (2004) S. 35
28 Vgl. Abschnitt 2.5.2.3
12
Die im Vergleich zu großen Unternehmen eingeschränkte Einsetzbarkeit bestimmter Finanzierungsalternativen liefert einen weiteren Hinweis zum Verständnis der verschärften Konzentration des Mittelstands auf den Bankkredit. So wird bei der Betrachtung von Abb. 8 deutlich, dass insbesondere für kleine Unternehmen nur wenige der Dargestellten Finanzierungsalternativen prinzipiell einsetzbar sind.
2.3.5 Psychologische und sonstige Ursachen
Zur Erklärung der vorherrschenden Finanzierungssituation und des Finanzierungsverhaltens der Mittelständler können weiterhin folgende Aspekte herangezogen werden: 29
• Spezifika des deutschen Steuersystems und Rechnungslegungsvorschriften führen zu höherer Attraktivität von Fremdkapital im Vergleich zu Eigenkapital. • Das Hausbankenprinzip führt zu transaktionskostenminimierendem „Relationship Lending“.
• Eine dem Mittelstand attestierte „Herr im Haus“ Mentalität führt zu Vorbehalten hinsichtlich der Aufnahme von „fremdem“ Eigenkapital.
Ein weiterer Ansatzpunkt zur Erklärung der Bankkreditabhängigkeit könnte in der psychologischen Analyse bestimmter Unternehmertypen liegen. 30 Nach Einschätzung des Autors könnten 21,7% bis 44,5% der Mittelständler aufgrund ihres psychologischen Profils vom Einsatz neuartiger alternativer Finanzierungsformen absehen, was sich wiederum ein einer verstärkten Bankkreditpräferenz widerspiegeln könnte. Gründe hierfür könnten z.B. in allgemeiner Neuerungsfeindlichkeit, fehlender langfristiger strategischer Ausrichtung, fehlendem Interesse für neue Entwicklungen, ausgeprägtem Vertrauen auf bewährte Vorgehensweisen oder fehlender Risikobereitschaft liegen.
2.4 Zwischenfazit I: Bankkredite waren die attraktivste Finanzierungsform
Der Status Quo der Mittelstandsfinanzierung ist ergo im Wesentlichen die Folge bestimmter finanzwirtschaftlicher Rahmenbedingungen, wie einer hohen Wettbewerbsintensität im Bankensektor und einer unzureichenden Differenzierung der Kreditkonditionen nach Schuldnerbonität. Dies hat in der Vergangenheit zu einer besonders hohen Attraktivität der Finanzierungsform Bankkredit geführt. Es gab folglich handfeste ökonomische Gründe für die geringe Eigenkapitalausstattung und die hohe Bankkreditabhängigkeit des Mittelstands. Es liegt somit nahe, dass die Finanzierung mit Eigenmitteln, aber auch die Aufnahme von Krediten über den Kapitalmarkt sowie andere alternative Finanzierungsformen, wie z.B. das später ausführlich vorgestellte Mezzanine-Kapital, für viele Unternehmen aufgrund der attraktiven Bankkredite vergleichsweise uninteressant erschien. Weiterhin haben das Hausbankprinzip, steuerliche Gegebenheiten, die Mentalität und fehlende Professionalität vieler Mittelständler und
Finanzierungsalternativen zu einer verstärkten Präferenz des Bankkredits und einer schwachen Eigenkapitalausstattung geführt.
29 Vgl. KfW (2003) S. 6
30 Vgl. Institut für Mittelstandsforschung (2004a) S.44ff
13
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Thilo Soboll, 2004, Die Mittelstandstauglichkeit von Mezzanine Kapital am Beispiel einer Produktinnovation der Norddeutschen Landesbank, Munich, GRIN Publishing GmbH
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