Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Aufgabenstellung 2
3. Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte 3
4. Die dramatischen Varianten von Weilen und Hammer 6
4.1 Vorbemerkung 6
4.2 Zusammenfassung der Dramen 7
4.3 Der Bruderkonflikt 10
4.3 Die Schuld der Protagonisten und deren Krankheit 12
4.4 Das Mädchen 16
4.5 Erlösung und Untergang 19
5. Fazit 21
6. Literaturverzeichnis 23
6.1 Primärliteratur 23
6.2 Sekundärliteratur 23
6.3 Quellenangaben 23
1. Einleitung
Die Legende ‚Der arme Heinrich’ von Hartmann von Aue [1] erzählt die Geschic hte eines hoch angesehenen Adligen, der an Aussatz erkrankt und auf der Suche nach Heilung von einem Arzt in Salerno erfährt, dass er nur durch das Blut einer Jungfrau, die sich freiwillig opfert, von seiner Krankheit befreit werden kann. Tatsächlich trifft er auf eine junge Meierstochter, die zu einer solchen, kaum vorstellbaren Tat bereit ist und die, nach schwieriger Überzeugungsarbeit bei Heinrich und ihren Eltern, mit ihm die Reise nach Salerno antritt. Kurz bevor der Arzt jedoch sein Werk vollenden kann, besinnt sich Heinrich und verhindert im letzten Moment gegen deren erklärten Willen den Tod des Mädchens, woraufhin er durch ein von Gott bewirktes Wunder geheilt wird. Wieder in der Heimat angelangt, kommt es zu einer ständeübergreifenden Hochzeit zwischen den beiden, einer Mesalliance.
Gattungsgeschichtlich lässt sich ‚Der arme Heinrich’ nur schwer zuordnen. Cormeau führt dazu aus, dass eine Einordnung als „Märe“, als „Mirakelerzählung“ oder als „Erlösungsmärchen“ in Frage kommt, aber auch, dass der Text als Legende gelesen werden kann. [2] Daher wird im Folgenden, wie schon zu Beginn, wenn es um die Hartmannsche Fassung geht, von der Legende die Rede sein.
Da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit jedoch auf den neueren Bearbeitungen dieses Stoffes liegen soll, wird hier auf eine nähere Analyse der Hartmannschen Arbeit verzichtet. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die umfangreiche Forschungsliteratur zum ‚Armen Heinrich’, zu der beispielsweise Petra Hörner in ihrem Buch „Hartmann von Aue “ eine ausführliche Bibliographie, die bis ins Jahr 1997 reicht, aufgeführt hat. [3] Aufgrund der „wenigen Textzeugen“ geht Ursula Rautenberg davon aus, dass die Geschichte über den ‚Armen Heinrich’ im Mittelalter selbst nur auf wenig Begeisterung beim zeitgenössischen Publikum gestoßen ist und auch andere Autoren sich nur wenig für diese Materie interessiert haben. Vielmehr konstatiert sie, dass „die Rezeptionsgeschichte […] vom 14. bis zum 19. Jahrhundert unterbrochen“ und der Text somit nahezu in Vergessenheit geraten ist. [4] Diese Situation ändert sich laut Rautenberg erst grundlegend zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Übersetzung von Wilhelm Grimm, der sie ein eigenes Kapitel widmet [5] und die sie als Ausgangspunkt für alle weiteren Arbeiten ansieht, wenngleich sie auch „Büschings Umsetzung von 1810“ [6] nicht une rwähnt lässt:
1
Die hinter der höfischen Fassung Hartmanns stehende Volkssage hatten zuerst die
Brüder Grimm in ihrer Ausgabe von 1815 aufgespürt. Indem sie diese Sage der
Volkspoesie zuordnen, haben die Grimms die Rezeptionsgeschichte des Armen
Heinrich im 19. Jahrhundert entscheidend geprägt. [7]
In der Folge dieser Arbeiten entsteht eine wahre Flut an Übersetzungen, Nachdichtungen und Bearbeitungen des Stoffes, die darauf schließen lassen, dass die Geschichte des ‚Armen Heinrichs’ eine ungeheure Faszination auf die Autoren des 19. Jahrhunderts ausgeübt hat, wobei über die möglichen Gründe dafür noch zu sprechen sein wird. In einer nach Jahreszahl und Gattung (Übersetzung, Volksbuch, Drama, Gedicht und Erzählung) sortierten graphischen Übersicht identifiziert Rautenberg immerhin mehr als 50 verschiedene Fassungen und Versionen des ‚Armen Heinrichs’ in der Zeit zwischen 1810 und 1930, wobei einige Autoren sich gleich mehrfach des Themas angenommen haben. [8] Ihrem Anspruch auf Vollständigkeit dieser Übersicht [9] wird sie jedoch nicht gerecht, da sie nachweislich zumindest das Drama von Ernst Hammer [10] übersehen hat, welches in den kommenden Abschnitten näher beleuchtet werden wird.
Auch wenn das Interesse am ‚Armen Heinrich’ dann im Laufe des 20. Jahrhunderts ein wenig nachlässt, so taucht das Thema dennoch immer wieder bis in die jüngste Gege nwart auf, wobei hier vor allem die Arbeiten von Markus Werner [11] und Tankred Dorst [12] genannt seien. Nicht zuletzt deshalb scheint eine Beschäftigung mit dieser Thematik auch heute noch nach wie vor lohnenswert zu sein.
2. Aufgabenstellung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zwei recht unbekannte und von der Forschungsliteratur weitgehend unberücksichtigte dramatische Fassungen des ‚Armen Heinrichs’ näher zu untersuchen, die, wie noch zu zeigen sein wird, zumindest eine gemeinsame Verbindungsachse aufweisen. Dabei handelt es sich zum einen um das Drama „Der arme Heinrich“ von Ernst Hammer [13] aus dem Jahre 1905 und zum anderen um das Drama „Heinrich von der Aue“ von Josef Weilen [14] (1874). Zudem werden auch immer wieder stoffliche Parallelen und Unterschiede zur Ursprungslegende benannt werden. Darüber hinaus sollen zu Beginn die Gründe für das außergewöhnlich starke Interesse am armen Heinrich um 1900 diskutiert werden.
2
3. Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist die Hartmannsche Legende im Laufe des 19. Jahrhunderts auf enorme Beachtung bei Autoren, aber auch beim Publikum gestoßen. Rautenberg hält dazu fest:
Mit den 19 Übersetzungen, zehn dramatischen Fassungen (Uhlands Fragment ein-
gerechnet), dem Musikdrama, den Jugendspielen und der Singfabel, mit den vier
‚Volksbuch’-Bearbeitungen, den beiden Gedichten, den Erzählungen Ferdinand
Bäßlers und Ricarda Huchs und Albert Geigers Roman gehört der Arme Heinrich
schon von der Anzahl der Bearbeitungen her zu den im literarischen Bereich am
meisten rezipierten mittelhochdeutschen Werken. [15]
Weiterhin zitiert Rautenberg eine Aussage Simrocks aus dem Jahre 1875, der damals die Auffassung vertrat, dass das Hartmannsche Werk „wie für den heutigen Geschmack geschrieben“ sei und die Menschen dieses „im neunzehnten Jahrhundert mit demselben Entzücken“ lesen werden „wie im Anfang des dreizehnten“. [16]
Gleichzeitig fällt jedoch auf, dass trotz dieser offenbar außergewöhnlich großen Begeisterung und der Vielzahl an Werken rund um den ‚Armen Heinrich’ die Zahl der speziellen Forschungsliteratur ausgesprochen niedrig ist und das Thema der Rezeptionsgeschichte geradezu ausgeklammert worden ist, worauf auch Rautenberg hinweist. [17] Sieht man von so bekannten Autoren wie Gerhart Hauptmann oder den Brüdern Grimm ab, die etwas häufiger erwähnt werden, so sind es in erster Linie nur drei wissenschaftliche Arbeiten, die sich ausführlich mit der Geschichte des ‚Armen Heinrichs ’ in der Zeit um 1900 befassen und in denen auch diejenigen Werke besprochen werden, die von weniger bekannten Autoren verfasst worden sind. Dazu zählen „Der arme Heinrich in der neueren Dichtung“ von Hermann Tadel [18] aus dem Jahre 1905, „Das Volksbuch vom armen Heinrich“ von der bereits mehrfach genannten Ursula Rautenberg (1985) [19] und die Arbeit „Todessehnsucht und Erlösung, ‚Tristan’ und ‚Armer Heinrich’ in der deutschen Literatur um 1900“ von Sulamith Sparre (1988). [20] Aufgrund dieser dünnen Decke an Sekundärliteratur werden auch in den folgenden Abschnitten fast ausschließlich diese Arbeiten als Que llen herangezogen werden.
Alle drei haben sich mehr oder weniger intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, warum es gerade die Legende des ‚Armen Heinrichs’ war, die auf die Menschen eine solch außergewöhnliche Anziehungskraft ausgeübt hat und sind dabei zu durchaus unterschiedlichen Antworten gelangt.
3
Tardel zum Beispiel erklärt das große Interesse am ‚Armen Heinrich’ mit dem in der Legende ausgesprochenen Erlösungsgedanken als zentralem Motiv:
Während noch Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik die Aufopferungsidee
des Armen Heinrich als „barbarisch“, weil vernunftwidrig bezeichnete, obwohl er
die verwandte Iphigeniensage und Goethes Behandlung nicht zu umgehen ve r-
mochte, ist gerade dieses Motiv unter dem Einfluß der Christus-Idee und der
christlichen Ethik der Hauptanziehungspunkt für die modernen Bearbeiter der Le-
gende geworden. Das Trachten, sich im Bewußtsein der eigenen Schwäche,
Schuld und Sünde zu einem reineren und höheren Leben zu erheben, hatte bereits
in Dichtung und Kunst vielfach die Form angenommen, daß der zweifelnde, kran-
ke oder schuldbeladene Mann durch die hingebende Liebe eines Weibes gerettet
wird. [21]
Einen ganz anderen Ansatz wählt dagegen Rautenberg. Sie beschreibt in den ersten Kapiteln ihres Buches zunächst ganz allgemein, wie es zu einem Wiederaufflammen des Interesses an mittelhochdeutscher Literatur im 19. Jahrhundert kam und benennt als ein wichtiges Datum für die „Entwicklung der Altgermanistik“ das Jahr 1810, welches die „Einrichtung des ersten Lehrstuhls für deutsche Sprache und Literatur an der preußischen Re-formuniversität Berlin“ markiert. [22] Vor alle m unterstellt sie auch ein besonderes nationales Interesse an älterer Literatur, die aus ihrer Sicht dazu geeignet zu sein scheint, als Identifikationsmerkmal zu dienen:
Das deutsche Mittelalter, vor allem die staufische Herrschaftsepoche, garantiert
eine eigene kulturelle Identität des ganzen deutschen Volkes, die schließlich im
„Zweiten Reich“ wieder in einen geeinten deutschen Nationalstaat einmündet. Die
Wiederentdeckung des eigenen alten Kulturgutes gewinnt politische Dimensio-nen, denen sich die frühe n Germanisten kaum entziehen. [23]
Während diese Ausführungen noch recht plausibel sind, wirken Rautenbergs Erläuterungen in Bezug auf das spezielle Interesse am ‚Armen Heinrich’ jedoch wenig überze ugend. Sie geht davon aus, dass es „die vulgäre Seite des Stoffes“ [24] sei, welche die Erzä hlung so attraktiv mache. Weiterhin spricht sie davon, dass die Faszination an dem Stoff vor allem hinsichtlich der Opferszene auf die Vereinigung wesentlicher Elemente wie „Lust und Grausamkeit, sex and crime“ [25] zurückzuführen sei und dass der Text insgesamt dem Leser eine Mischung aus „Sensation und Rührung, Erotik und Verbrechen“ [26] garantiere. Eine solche Sichtsweise, die man sicherlich den ökonomischen Interessen heutiger Filmemacher aus Ho llywood unterstellen würde, darf mit Blick auf die Autoren des 19. Jahrhunderts zumindest kritisch betrachtet und angezweifelt werden. Es ist zwar
4
nicht auszuschließen und vermutlich auch wahrscheinlich, dass auch damalige Autoren zur Gewinnung breiterer Publikumsschichten denjenigen Elementen nicht abgeneigt waren, die der Befriedigung der Sensationslust des Publikums dienten, aber als monokausale Erklärung für die enorme Bedeutung des ‚Armen Heinrichs’ greifen sie definitiv zu kurz. Schließlich würde ein Streifzug durch die mittelhochdeutsche Literatur von den Artusromanen, über diverse Schwänke und weiteren legendarischen Erzählungen bis hin zu anderen Gattungen zahlreiche Texte zu Tage fördern, die nicht weniger „sensationslüstern“ wären, weshalb diese Erklärung für die besonders exponierte Stellung des ‚Armen Heinrichs’ allenfalls als ein Merkmal unter vielen gewertet werden sollte. Ein wesentlich differenzierteres Erklärungsmodell findet sich hingegen bei Sulamith Sparre, die sehr stark auf die literarischen Gegebenheiten und Gewohnheiten der Décadence-Literatur um 1900 eingeht. [27] Dem vorangestellt werden soll jedoch ein Zitat von Cormeau, der auf einen wichtigen Umstand der recht handlungsarmen Hartmannschen Legende hinweist:
Offensichtlich überwiegt hier das ‚innere Geschehen’, die Reflexion und das Ge-
spräch über den Zustand, seine Deutung und die Möglichkeit, darauf zu reagieren.
Die psychischen Vorgänge prägen die Dynamik der Erzählung, nicht die äußere
Handlung. Subjektive Reaktion, die sonst nur bruchstückhaft als Motivation des
Handelns thematisch wird, rückt hier in den Mittelpunkt. [28]
Vor allem diese für das Mittelalter eher ungewöhnlich stark psychologisierende Komponente der Legende ist einer der zentralen Aspekte, der sich Sparre widmet und worin sie vollkommen zu Recht einen entscheidenden Grund für die Rezeption der Legende im 19. Jahrhundert findet. Immer wieder erwähnt sie in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten Sigmund Freuds, dessen Werke gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer stärkere Bedeutung erlangen und die viele Autoren der damaligen Zeit stark beeinflusst haben, auch wenn das von der Zeitachse her nur auf Hammer zutreffen könnte, aber nicht eindeutig zu belegen ist.
Hinsichtlich der Epoche skizziert Sparre einige Grundlinien, die für die Rezeption des ‚Armen Heinrichs’ von Bedeutung sind. So spricht sie von „der Polarität von Eros und Thanatos“ [29] , von einer geradezu „erotischen Todestrunkenheit“ [30] , aber auch von einer ausgeprägten „Erlösungssehnsucht“ [31] als charakteristische Kennzeichen der Literatur der damaligen Zeit. Ein ausführlicheres Zitat Sparres soll dies noch weiter konkretisieren:
5
Arbeit zitieren:
Sascha Fiek, 2004, "Der Arme Heinrich" Hartmanns und die dramatischen Bearbeitungen von Josef Weilen und Ernst Hammer, München, GRIN Verlag GmbH
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