Institut für Soziologie RWTH Aachen Kettenhofen / Mihelli Staat, Gesellschaft und Kultur im modernen China Die Vierte Mai Bewegung 2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Der geschichtliche Hintergrund 5
2.1 Die historischen Vorgänger 5
2.1.1 Erste Phase: die Selbsterstarkungsbewegung 5
2.1.2 Zweite Phase: die Revolution von 1911 6
2.2 Der Versailler Vertrag 7
3. Die Ausführenden 10
3.1 Die Studenten 10
3.2 Die Intellektuellen 11
4. Die Veränderungen 13
4.1 Der Konfuzianismus 13
4.2 Die Reform der Literatur 16
4.3 Der Kommunismus 18
5. Schlusswort 21
6. Literatur 23
7. Anhang 26
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Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Karte von China die Provinz Shandong 8
Abbildung 2: Die fünf Beziehungen 13
Abbildung 3: Die Verwaltung der Ch´ing Dynastie 27
Tabelle 1: Die vier Abschnitte der Revolution von 1911 7
Tabelle 2: Die Neubewertung der Traditionen 16
wichtige innenpolitische Veränderungen skizziert und die Grundlagen des "Versailler Vertrages" betrachtet werden. Über die Träger der Bewegung, den Studenten und den Intellektuellen, werde ich im Folgenden dann den Bogen zu den Veränderungen des Schlüsseljahrs 1919 kommen und die Abkehr vom Konfuzianismus, die Erneuerung der Literatur und den Kommunismus genauer betrachten, um zum Schluss die Frage zu erörtern, ob möglicherweise die Vierte Mai Bewegung der Auslöser für den kulturellen Wandel in China war.
2. Der geschichtliche Hintergrund
2.1 Die historischen Vorgänger
Es gab bereits vor dem vierten Mai 1919 in der langjährigen Entwicklung Chinas - auch in jüngerer Geschichte - zwei Ereignisse, die den Versuch darstellten, sich von dem antiquierten Erbe zu lösen und sich den Herausforderungen zu stellen, denen sich das Reich aus Europa und den Vereinigten Staaten gegenüber sah 5 . Die erste Bemühung dieser Art war die Selbsterstarkungsbewegung von 1861
- 1898, abgelöst von der zweiten Periode 1898 - 1912, in die auch die Revolution von 1911 hinein fällt 6 .
2.1.1 Erste Phase: die Selbsterstarkungsbewegung
In der Chronologie verschiedener Dynastien und Reiche begrenzt der Zeitraum von 1861 - 1889 die Ch´ing Dynastie (1644 - 1912) 7 , bei der es sich um eine Fremdherrschaft der Mandschuren 8 handelte, die trotz ethnischer Unterschiede alte chinesische Traditionen fortführten und an konservativen Idealen festhielten 9 . Sie verwalteten das Reich nach den Mustern vergangener Dynastien, bei denen der Kaiser an der Spitze des Systems stand, gefolgt von seinen Beiräten und neun Chefministern, die alle in der Hauptstadt Peking lokalisiert waren. Die Verwaltung der Provinzen oblag verschiedenen Gouverneuren, Meistern, Verwaltern und Kommissaren, die den Beiräten und unterschiedlichen Ministern unterstellt waren 10 . Die ausgeklügelte, faire Staatsform verfiel bereits Ende des 18. Jahrhunderts immer stärker der Macht von Korruption und ausländischer Einflussnahme, was zur Steigerung der Unzufriedenheit in der Bevölkerung führte, so dass in der folgenden Entwicklung von 1840 - 1842 zum Opium Krieg mit England kam 11 . Nach der raschen Kapitulation musste der Markt für ausländische Waren weiter geöffnet werden, wodurch China mit fremden Gütern nahezu überschüttet wurde, was wiederum Feindseligkeit im Land schürte. Es entstanden
5 Vgl. Weggel, Oskar: a.a.O., S. 36.
6 Vgl. Weggel, Oskar: a.a.O., S. 37.
7 Vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 39.
8 Bei der Mandschurei handelt es sich um eine Landschaft im Nordosten Chinas. Sie umfasst die heutigen Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning, zusammen 802 000 km 2 mit 94 Millionen Einwohnern; im Westen, Norden und Osten wird die Mandschurei von Gebirgsketten begrenzt.
9 Vgl. Rodzinski, Witold: China. Das Reich der Mitte und seine Geschichte, Herford, 1987, S. 147.
10 Eine Skizze der Ch´ing Verwaltung befindet sich im Anhang, S. 27. Vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 56.
11 Während des Opiumkrieges von 1840 - 1842 eroberte eine kleine englische Flotte chinesische Küstenstützpunkte, nachdem der Kaiser zuvor die Vernichtung der englischen Opiumvorräte in Kanton und den Rückzug der Engländer erzwungen hatte. Vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 59.
Geheimgesellschaften, deren Lehren insbesondere von unterdrückten Minderheiten und Randgruppen positiv aufgenommen wurden und gegen welche die Regierung nur wenig ausrichten konnte. Das Resultat dieser Untätigkeit war die erzwungene Öffnung weiterer Häfen durch Frankreich und England, um mehr Waren einführen zu können 12 .
Um das Land wieder zu stärken, versuchte die konservative Beamtenschaft ab 1862 einerseits Agrarreformen durchzuführen, während andererseits die Generäle TSENG, TSO und LI den Plan erarbeiteten mit westlicher Technologie eine Rüstungsindustrie aufzubauen. Es wurden Kanonen- und Munitionsfabriken errichtet sowie Kohle im eigenen Land gefördert und verarbeitet. Diese Bewegung der Selbsterstarkung verfehlte jedoch ihr Ziel, es gab nicht genügend Arbeitskräfte und Fachwissen für die neuen Aufgaben, außerdem mangelte es an chinesischem Kapital, so dass die neuen Firmen von westlichen Konzernen übernommen wurden. Änderungen, die in Folge der Modernisierungsversuche auch im Prüfungswesen durchgeführt worden waren, zeigten nicht das erhoffte Ergebnis, da traditionelle Vorrechte der konservativen und technologiefeindlichen Beamtenschaft nicht abgeschafft wurden und das generelle Problem nicht beseitigt werden konnte. China verfiel zusehend in ein halbkoloniales Staatsgebilde, in dem die westliche Einflussnahme immer stärker wurde 13 .
2.1.2 Zweite Phase: die Revolution von 1911
Auch die Ereignisse des zweiten Zeitabschnitts 1898 - 1912 gehören zeitlich in die Ch´ing Dynastie, wobei das Jahr 1912 das Ende des Kaiserreichs und den Anfang der Republik China markiert 14 . Nachdem der Machtbereich des Auslands vor allem im Osten Chinas immer stärker zugenommen hatte 15 , versuchte die Regierung im Sommer 1898 politische, industrielle und pädagogische Reformen durchzuführen, deren Streben jedoch nicht die gewünschten Wirkungen zeigten 16 . Uneinigkeit und Zerwürfnisse in der chinesischen Regierung stärkten die Geheimgesellschaften, welche große Unterstützung von wohlhabenden Kaufleuten sowie jungen Studenten erhielten, die vielfach im Ausland studiert hatten. Ihr Ziel war es eine parlamentarische Demokratie einzurichten und die kaiserliche Regierung zu stürzen 17 .
Zur Revolution als Ausdruck der Unzufriedenheit kam es in China im Oktober 1911. Sie war letztendlich Voraussetzung dafür, dass die Republik ausgerufen wurde 18 . Notwendig war aber zuvor, dass zwei widerstreitende Positionen miteinander vereinigt werden mussten, zum einen der
12 Vgl. Rodzinski, Witold: a.a.O., S. 161 ff.
13 Vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 59.
14 Vgl. Weggel, Oskar: a.a.O., S. 3.
15 Darunter fiel auch die Besetzung der Hafenstadt Tsingtau in der Provinz Shandong durch deutsche Truppen im Dezember 1897. Diese Eroberung sollte einige Jahre später im Versailler Vertrag zur Streitfrage zwischen China und den alliierten Mächten werden. Siehe hierzu in dieser Arbeit S. 9 und vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 60.
16 Vgl. Weggel, Oskar: a.a.O., S. 37.
17 Vgl. China-Ploetz: a.a.O., S. 61 f.
18 Vgl. Weggel, Oskar: a.a.O., S. 24.
Revolutionären SUN YATSEN zerstritten hatte 22 . Nachdem die Republik 1913 auch von ausländischen Nationen anerkannt worden war, wollte YUAN SHIKAI sie jedoch 1915 erneut in eine konstitutionelle Monarchie umwandeln, an deren Spitze er selber als Kaiser stehen würde 23 . Diese Pläne verwarf er allerdings wieder 1916, nachdem sich starker Widerstand im Land regte und sich einige der südlichen Provinzen für unabhängig erklärten 24 . Der Präsident wollte sich dennoch das Recht als Diktator vorbehalten, den Staatsrat und die Militärgouverneure der einzelnen Provinzen selber zu ernennen. Doch durch den Rückzug von seinen Monarchieabsichten, verlor er schnell an Ansehen und Autorität, was seiner politischen Karriere allerdings nicht mehr schaden konnte, da er im Juni 1916 unvorhergesehener Weise verstarb 25 .
Als Nachfolger YUAN SHIKAIS trat LI YUAN-HUNG das Amt des Präsidenten an, der auf der Seite des 1913 gewählten Parlaments stand 26 , welches sich gegen einen Eintritt Chinas in die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs aussprach. Damit stand das Parlament aber auf der Gegenseite der Regierung, die eine Beteiligung am Krieg befürwortete, nachdem die Vereinigten Staaten sie dazu gedrängt hatten. LI YUAN-HUNG entließ daraufhin kurzerhand die Regierung, die jedoch mit Hilfe einiger Militärs, den Präsidenten zwang das Parlament aufzulösen. Damit war der Zerfall des von YUAN
22 Vgl. Franz - Willing, Georg: a.a.O., S. 104.
23 Vgl. Ladstätter, Otto; Linhart, Sepp: China und Japan. Die Kulturen Ostasiens, Wien, 1983, S.200.
24 Vgl. Franz - Willing, Georg: a.a.O., S. 105.
25 Vgl. Ladstätter, Otto; Linhart, Sepp: a.a.O., S. 200.
26 Die Wahl des Parlaments 1913 gilt als umstritten, da sie entscheidend durch Korruption und Gewalt beeinflusst war. Vgl. Franz - Willing, Georg: a.a.O., S. 106.
Arbeit zitieren:
Robert Mihelli, Verena Kettenhofen, 2004, China: Die Vierte Mai Bewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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