Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Historisches Seminar
Proseminar (A): Vernichtungspolitik in Afrika zur Zeit des Imperialismus Wintersemester 2000/01
Vorgelegt von:
Geoffrey Schöning
1
,QKDOW
1. Einleitung
2. Wunsch und Wirklichkeit - Voraussetzungen
2.1. Aus der Sichtwarte Berlins
2.2. Die Situation im Schutzgebiet
3. Ideelles Rüstzeug - Leutweins Analysen
3.1. Entwicklungsziele
3.2. Staatlichkeit und persönliche Führung
3.3. Die Logik des Friedens
4. Pragmatische Lösungen - Die Umsetzung
4.1. Anstrich der Legalität
4.2 Divide et impera - Teile und herrsche
4.2.1.Militärische Eingrenzung
4.2.2.Stabilität auf dem Thron
4.2.3.Disziplin und Gewaltbereitschaft
5. Grenzen des Erfolgs - Die Hererofrage
5.1. Umstrittene Hierarchie
5.2 Kooperation als politisches Mittel
5.3. Linienführung mit doppeltem Boden
5.4. Die Eigendynamik der Stammespolitik
6. Fazit
7. Bibliographie
7.1. Quellen
7.2. Darstellungen
2
(LQOHLWXQJ
Jede historische Betrachtung des kolonialen Südwestafrika ähnelt sich in einem Punkte. Ganz gleich welchen Themenaspekt sie aus dem nur 30-järigen Intermezzo deutscher Herrschaft erarbeitet, früher oder später muss sie sich mit dem Herero- und Namaaufstand der Jahre 1904-1907 beschäftigen - ein unbestrittener Wendepunkt in der Geschichte Namibias. In einer sozialen Explosion brachte dieser „erste Krieg des Wilhelminischen Deutschland“ 1 ein bereits in zahlreichen Aufständen bewährtes politisches System zu Fall. Gouverneur Theodor Leutwein war es nach seinem Dienstantritt 1894 binnen weniger Jahre gelungen, die bis dato rein nominelle Schutzherrschaft in eine „tatsächliche“ 2 zu verwandeln. Begründet lag dieser Erfolg in einer ausgefeilten Strategie politischer Balance den eingeborenen Stämmen gegenüber, bei deren Ausgestaltung sich der Major besonders Elementen britischer Kolonialherrschaft bediente.
Nicht erst mit Ausbruch des „Krieges“ mehrte sich jedoch Kritik an seiner Vorgehensweise. Der expansionswilligen Siedlerschaft galt Leutwein als „Kaffernfreund“ 3 , ließ in seiner Politik „übelangebrachte Sentimentalität“ 4 erkennen.
Auch nach dem Verlust der Kolonie, 1919 im Versailler Friedensvertrag fixiert, blieb die offensichtliche Milde des Landesvaters im Mittelpunkt der Debatten: Nun diente sie den Apologeten der deutschen Weltmachtambitionen als Feigenblatt:
„[Das] seltene Beispiel einer europäischen Schutzherrschaft, welche durch vertragliche Mittel zur Herrschaft im Lande gekommen war, Frieden und Ordnung zwar mit militärischer Macht herbeiführte und aufrechterhielt, die Selbstständigkeit des Stammeslebens der Eingeborenen aber nicht angriff und auch nicht antasten wollte.“ 5
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung möchte die vorliegende Arbeit politisch-taktische Leitbilder des Gouverneurs im Umgang mit den Eingeborenen aufzeigen. Welche Motive leiteten Leutwein bei der Konzeption seines Systems, das zumindest in der deutschen Kolonialgeschichte ohne gleichen blieb?
Gleichzeitig sollen aber auch Tendenzen und Probleme in der praktischen Umsetzung herausgestellt werden. Fraglos können sie nicht allein den großen Aufstand provoziert haben - es bleibt aber zu analysieren, inwiefern sie zur Instabilität des System Leutwein beitrugen.
1 Helmut Bley: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914, Hamburg 1968, S. 195.
2 Zu diesem Vokabular vgl. Theodor Leutwein: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 3 1908, Kapitel II „Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft, S. 13-96.
3 Zitiert nach Helga und Ludwig Helbig: Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die Deutschen, Weinheim/Basel 1983, S. 124.
4 Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 430.
5 Alfred Neubert: Die Schutzherrschaft in Deutsch-Südwestafrika 1884-1903. Eine Untersuchung zum Wandel kolonialer Herrschaftsformen im Zeitalter des heraufkommenden Imperialismus (Diss. JMU Würzburg), Würzburg 1954, S. 147. Auch die noch zu zitierende Arbeit Gert Sudholts zählt ohne Zweifel zu dieser Fraktion.
Um diese Fragen zu klären, soll zunächst einmal die theoretische Seite der deutschen Schutzherrschaft beleuchtet werden. Angefangen bei Ansprüchen und Erwartungen, die den Major auf seinen Weg nach Südwestafrika begleiteten, geht es hier vor allem um die grundsätzliche Konzeption von Staat und Herrschaft, so wie sie Leutwein für das Schutzgebiet vorschwebte.
Im Anschluss folgt der Blick auf die Anwendung der Theoreme - Welche Methoden wandte Leutwein tatsächlich an? Schließlich gilt es, die dabei auftretenden Schwierigkeiten am Beispiel der Hererofrage 1894-96 darzustellen.
Damit ist ebenfalls der Zeitraum umrissen, der dieser Arbeit zu Grunde liegt: In den ersten beiden Jahren Leutweinscher Regierung kamen bereits alle bedeutsamen Strategien der Herrschaftssicherung zum Einsatz.
:XQVFKXQG:LUNOLFKNHLW±9RUDXVVHW]XQJHQ
$XVGHU6LFKWZDUWH%HUOLQV
Auch wenn das Deutsche Reich unter Bismarck nur widerwillig in den Kreis der Kolonialmächte eingetreten war, den Rahmen, innerhalb dessen Politik vor Ort betrieben werden konnte, steckte die Metropole stets selbst ab.
Für das erste der deutschen Schutzgebiete wurde die politische Marschrichtung 1893 festgelegt. In einer Rede vor dem Reichstag erteilte Bismarcks Nachfolger Caprivi allen Plänen zur Aufgabe der Kolonie eine endgültige Absage:
„Wir wollen keinen Krieg führen, wir wollen auf unblutige Weise uns immer mehr zu Herren dieses Landes machen und unsere Herrschaft befestigen. Wir haben Südwestafrika einmal, jetzt ist es deutsches Land und muss als deutsches Land erhalten bleiben.“ 6
Hinter diesem Interesse an einer friedlichen Entwicklung stand nicht etwa der Glaube an die Souveränität der eingeborenen Stämme und ein konfliktloses Nebeneinander von Schwarz und Weiß. Vielmehr war die „unblutige“ Eroberung Deutsch-Südwests innenpolitischen Konstellationen geschuldet.
Jede Truppenverstärkung zur Niederwerfung von Aufständen musste unausweichlich die Leistungsbilanz der überseeischen Besitzungen verschlechtern. Zudem hatte die Bewilligung des dafür notwendigen Nachtragetats über den Reichstag zu erfolgen. In den damit verbundenen Debatten sah die Opposition meist eine willkommene Gelegenheit, die
6 Zitiert aus Bley: Sozialstruktur, S. 18.
2
Kolonialpolitik der Regierung zu attackieren. Erste Priorität war also, die Kosten für staatliche Interventionen auf ein finanzielles Minimum zu beschränken. 7 In gleicher Weise liest sich denn auch die Instruktion, die Leutwein vor seinem Dienstantritt in Südwestafrika erhielt 8 . Neben dem Auftrag, sich ein Bild über die Verhältnisse in der Kolonie, vor allem über den bisher erfolglos verlaufenen Krieg gegen die Nama zu machen, finden sich darin größtenteils Hinweise auf das knappe Budget. So solle „tunlichst vermieden werden“, „[g]rößere Mittel als die im Etatentwurf [...] vorgesehenen in Anspruch zu nehmen“; und auch von einer „wünschenswerte[n] Verminderung der Truppe in absehbarer Zeit“ war die Rede.
Gleichwohl blieb die Etablierung des deutschen Herrschaftsanspruches oberstes Ziel. Dem Landeshauptmann in spe wurde unmissverständlich klargemacht, „daß [die eigene] Machtstellung den Eingeborenen gegenüber XQWHU DOOHQ 8PVWlQGHQ [...] mehr und mehr befestigt werden [müsse].“
In der Auswahl der Mittel war Leutwein demnach freie Hand gegeben - ausschlaggebend sollten hier die Kolonie selbst werden.
'LH6LWXDWLRQLP6FKXW]JHELHW
Europa hatte nicht erst mit Erscheinen der Deutschen Einfluss auf die Strukturen Südwestafrikas gewonnen. Schon im späten 18. Jahrhundert bestanden wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Eingeborenen und der Kapkolonie, vornehmlich in Form eines regen Viehhandels. Spätestens aber seit die Rheinische Missionsgesellschaft ihre Aktivität im Lande aufgenommen hatte - immerhin knapp fünfzig Jahre vor der „Ära Lüderitz“ - waren den Stämmen Grundbegriffe europäischen Denkens bekannt. 9 Dem deutsche Anspruch auf Oberhoheit standen mit rund 80.000 Herero im Zentrum des Schutzgebietes und 20.000 Nama im Süden Bevölkerungsgruppen gegenüber, die einen routinierten Umgang mit modernen Schusswaffen und christlichen Herrschaftsbegriffen pflegten. 10
Zu diesem Problem rein politischer Natur traten äußere Faktoren: Fehlende Infrastruktur 11 und chronischer Wassermangel schlossen militärische Aktionen größeren Formates nahezu aus.
7 Wolfgang Mayer/Franz Metzger/Jürgen Wilhelmi: Schwarz-Weiß-Rot in Afrika. Die deutschen Kolonien 1883-1918, Puchheim 1985, S.176; vgl. auch Albert Wirz: „Die deutschen Kolonien in Afrika“; in: Rudolf von Albertini: Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Stuttgart 4 1997, S. 302-27; hier S. 306f.
8 Im Folgenden zitiert aus Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 16f.
9 Zum Vorgehen der Mission vgl. Helbig: Mythos Deutsch-Südwest, S. 22ff.
10 Demographische Verhältnisse von 1892 (ferner: 4.000 Bastards, 40.000 Bergdamas und 100.000 Ovambos); Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 11; zum intellektuellen Habitus vgl. Bley: Sozialstruktur, S. 22.
11 Erst 1902 war der Bau einer Bahnstrecke von Swakopmund nach Windhoek abgeschlossen, vorher wurde der gesamte Warentransport zwischen Zentrum und Hafen mit zwölfspännigen Ochsenkarren abgewickelt; eine
3
Arbeit zitieren:
Geoffrey Schöning, 2001, Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geoffrey Schöning hat den Text Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen veröffentlicht
Geoffrey Schöning hat einen neuen Text hochgeladen
Gewerkschaftsmitgliedschaft in Deutschland: Strukturen, Determinanten ...
Schwerpunktheft der Industriel...
Claus Schnabel, Joachim Wagner
Zur deutschen Literatur der Zeit I. Traditionen und Tendenzen
Materialien zur Literatur der ...
Fritz J. Raddatz
Die Statthalter Von Gypten Zur Zeit Der Chalifen Die Statthalter Von G...
Ferdinand Wstenfeld
Die schönsten Lodges und Natio...
Astrid Därr, Christian Heeb, Roland F. Karl
Ich hab den Durchblick 2 Uhr und Zeit
2. Klasse Volksschule
Henrietta Bacovsky, Christine Drexler, Petra Schiller, Katrin Wolff
In Masken geht die Zeit. In Masks the Times Proceed
Das Werk des Maskenbildners Wo...
Frank Hörnigk
0 Kommentare