Proseminar II: Wahnsinn, Hysterie und Verbrechen: Das andere Gesicht der Aufklärung Eberhard-Karls-Universität Tübingen WS 2002/03
Über die Geisteszerrüttungen von Medardus in E.T.A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“
Sarah Trede
5. Sem. Allg. Rhetorik, Neuere Geschichte, Neuere deutsche Literaturwissenschaft
1. Einleitung
„..., da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüfte aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht – ich erkannte mich selbst – mir vergingen die Sinne.“ 1 In derart furchterregenden Bildern schildert E.T.A. Hoffmann in seinem Roman „Die Elixiere des Teufels“ (erschienen 1815/1816), der zum Genre des Schauerromans gezählt wird, den Wahnsinn seiner Hauptfigur Medardus, einem Kapuzinermönch. Durch den autobiographischen Erzählstil und immer wiederkehrende unheimliche Motive werden dessen psychische Grenzerfahrungen dem Leser sehr eindrücklich vermittelt.
Medardus, entschließt sich, bedingt durch eine äußerst kirchliche Prägung seiner Kindheit, bereits in jungen Jahren, ins Kloster einzutreten und wird dort bald ein bekannter Prediger, den die Menschen bewundern. Sein Bekanntheitsgrad steigt ihm schnell zu Kopf, doch er verschließt sich vor den Warnungen seines Priors, der ihn vor allzu großer Überheblichkeit bewahren will. Erst die gespenstische Erscheinung eines fremden Malers, der im Verlauf der Geschichte wiederholt auftaucht und der Stammvater seiner sündenbeladenen Familie ist, bringt die Wende und straft Medardus für seinen Hochmut: Er verliert nach diesem Ereignis sein Rednertalent. Dieses versucht er durch den Mißbrauch einer ihm anvertrauten Reliquie, ein Fläschchen, gefüllt mit einem Elixier, das der heilige Antonius einst dem Teufel abgenommen haben soll, zurückzugewinnen. Sein Vorhaben gelingt ihm, doch erwachen nun seine sündigen Triebe und Gedanken, die er zuvor unterdrückte und schließlich läßt die Begegnung mit einer Unbekannten, die ihm im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht, seinen Wahnsinn ausbrechen - sie zu besitzen entwickelt sich zu seinem einzigen Lebensziel. Seine Geistesstörung steigert sich immer weiter, nachdem er das Kloster verlassen und die Fremde – Aurelie – gefunden hat. Er bricht sein klösterliches Gelübde und begeht während seiner Wahnsinnsanfälle mehrere Verbrechen. Auf seinem weiteren Weg, während er wiederholt seine Identität wechselt, um unerkannt zu bleiben, wird er von einem mysteriösen, ebenfalls wahnsinnigen Doppelgänger verfolgt.
Aufgerüttelt durch seinen seelischen Tiefpunkt nach einer geplanten, nicht vollzogenen, Hochzeit mit Aurelie, unterzieht sich Medardus zur Wiederherstellung seines Verstandes strengen Bußübungen und Selbstkasteiungen. Doch erst durch die eigene Erkenntnis seiner Verbrechen und das Eingeständnis seiner Schuld gelingt es ihm schließlich, seine psychische Zerrissenheit zu überwinden. Von E.T.A. Hoffmann ist bekannt, daß er sehr an der Medizin, Psychologie und Naturphilosophie seiner Zeit interessiert war. Während seiner Zeit in Bamberg bekam er durch seinen Freund, den Arzt Adalbert Friedrich Marcus, sowie durch den Zugang zur umfassenden Bibliothek eines Bekannten, in der nahezu alle wichtigen naturphilosophischen und medizinischen Fachbücher vorhanden waren, einen Einblick in den zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Forschungsstand. Er begleitete Mar-
1 E.T.A.Hoffmann: „Die Elixiere des Teufels“, S.190 (im folgenden nur: Elixiere, S.x)
2
cus, der Leibarzt des örtlichen Regenten und außerdem Direktor des Bamberger Krankenhauses war, sogar bei seiner Visite, wobei er unter anderem auch Geisteskranke zu sehen bekam. Hoffmann war davon sehr beeindruckt und überhaupt interessiert an dieser Art von Krankheiten, mit denen er sich in seinen Werken immer wieder beschäftigte. Die Heila nstalt St. Getreu, die er selbst besichtigte, und auch Marcus, als deren Direktor und „genialen Arzte,“ 2 werden von Hoffmann in den „Elixieren des Teufels“ direkt erwähnt. 3 Im folgenden möchte ich untersuchen, inwieweit Hoffmann seine Darstellung des Wahnsinns an den medizinischen und psychologischen Kontext der Romantik anlehnt bzw. diesen adaptiert oder inwieweit seine Beschreibungen als literarisches Stilmittel - zur Erzeugung eines möglichst starken Gruselgefühls der Leser - und damit als Produkt von Hoffmanns Phantasie gesehen werden können. Festgemacht werden soll der medizinisch-psychologische Hintergrund an Johann Christian Reils Buch: „Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen“ (erschienen 1803), das als erstes psychiatrisches Lehrbuch in Deutschland gilt. In Reils Ausführungen werden sowohl mögliche Ursachen von Wahnsinn, als auch dessen Äußerungsformen und Heilungsmöglichkeiten geschildert. Es muß allerdings gesagt werden, daß Reil selbst keine praktische Erfahrung mit Geisteskranken hatte, es sich also um ein rein theoriebezogenes Werk handelt. 4 Den einzelnen Krankheitsbildern, die von Reil aufgestellt werden, sollen Hoffmanns Beschreibungen gegenübergestellt und mit diesen verglichen werden, um so die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der medizinisch-theoretischen und der literarischen Darstellung von Wahnsinn in der Romantik herauszufinden. Allerdings beschränke ich mich auf die Figur des Medardus und damit auf die Krankheitsbilder der Melancholie bzw. des fixen Wahnsinns und der Manie bzw. der Tobsucht, da die beiden anderen von Reil unterschiedenen und vorgestellten Arten, die Narrheit und der Blödsinn auf diesen nicht zutreffen.
2. Melancholie bzw. Fixer Wahnsinn 2.1. Ursachen der Melancholie
a) Reil:
Die Anlage zu fixen Ideen befindet sich laut Reil in jedem Menschen, da dieser von Natur aus dazu neigt, sich bestimmte Dinge zu erhoffen und zu erträumen, auch wenn dieses Erträumte mit der Realität in keinem Zusammenhang steht. 5 Auch kennt jeder das Gefühl, daß sich ein Gedanke förmlich im
2 Elixiere, S. 303
3 Vgl. Patricia Tap: E.T.A. Hoffmann und die Faszination romantischer Medizin. Düsseldorf 1996, S. 7 ff. (im
folgenden nur: Tap 1996)
4 Vgl. Tap 1996, S. 34 f.
5 Vgl. Johann C. Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen,
S.320 ff. (im folgenden nur: Rhapsodieen, S. x)
3
Kopf „festsetzt“ und man sich eine Zeitlang auf nichts anderes mehr konzentrieren kann. Beim gesunden Menschen dauert solch ein Zustand in der Regel nicht sehr lange an, beim Geisteskranken brennt sich die fixe Idee je doch so im Gehirn ein, daß er für nichts anderes mehr aufnahmefähig ist und darüberhinaus gewillt ist, zur Erreichung seines, durch diese Idee vorgegebenen, Zieles jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen.
Wie aber kann es dazu kommen, daß eine fixe Idee ein solches Maß annehmen und dadurch zum Wahnsinn führen kann? Die Gründe hierfür können in einer allzu lebhaften Phantasie liegen, durch welche die Träumereien eines Menschen diesem als so lebendig erscheinen, daß er sich immer mehr in sie vertieft, bis er schließlich nicht mehr in der Lage ist, sie loszulassen und sie für ihn zur Wirklic hkeit werden. Zusätzlich können falsche moralische Wertvorstellungen oder eine übersteigerte bzw. anomale Sexualität und Triebhaftigkeit dazu führen, daß die Vernunft eines Menschen, die ansonsten ein Gegengewicht zu fixen Ideen bildet, außer Kraft gesetzt wird 6 . Daraufhin kann dieser so sehr an einem Gegenstand oder Gedanken festhalten, daß sich ein fixer Wahn entwickelt. „Treffen vollends noch mit diesen inneren Zuständen äussere Verhältnisse, z.B. Aufenthalt an öden Orten, Einsamkeit, einförmige Arbeit, Klosterleben u.f.w. zusammen, die die Phantasie wenig beschäftigen, so entsteht der fixe Wahn umso leic hter.“ 7 Des weiteren ist auch wichtig, welcher Art die fixe Idee ist, d.h. auf was für einen Gegenstand oder für eine Vorstellung sie sich bezieht. Denn Ideen, die sich auf sehr emotionelle Gegenstände beziehen, beschäftigen den Menschen viel stärker und können dadurch leichter eine Geisteszerrüttung verursachen. Dies können Ideen sein die sich auf die persönliche Ehre und das Ansehen eines Menschen beziehen, die oft aus Selbstüberschätzung, Eitelkeit oder der Angst, die Ehre zu verlieren, entstehen. 8 Gefährlich sind auch fixe Vorstellungen, die sich auf Liebe, besonders unerfüllte, und Sexualität beziehen, wofür jüngere Menschen am anfälligsten sind. 9 Auch Gegenstände, die sich auf den Glauben und die Religion beziehen werden oft fixiert, da diese mit vielen Verboten und Drohungen behaftet ist und der Mensch rational nicht erklärbare Vorstellungen mit ihr verbindet. Zum Gegenstand der Religion sagt Reil sogar: „Man soll daher dem Wahnsinn aus dieser Quelle vorbeugen, da er so schwer zu heilen ist, den Fanatismus bekämpfen, die Religion von Schwärmerey, Mystik und Pietismus reinigen.“ 10
b) Hoffmann:
Wenn man in den „Elixieren des Teufels“ nach den Ursachen für Medardus’ Wahnsinn sucht, findet man fast alle Punkte, die bei Reil genannt werden. Hoffmann skizziert seine seelische Entwicklung bereits von Geburt an, denn schon als Kind wird sein Leben stark von der Religion dominiert. Er ver-
6 Vgl.Rhapsodieen, S.279 f. und S. 255 ff.
7 Rhapsodieen, S.322 8 Vgl. Rhapsodieen, S. 288 ff.
9 Vgl. Rhapsodieen, S. 346 ff.
10 Rhapsodieen, S. 281
4
Quote paper:
Sarah Trede, 2003, Über die Geisteszerrüttungen von Medardus in E.T.A. Hoffmanns Roman "Die Elixiere des Teufels", Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
E.T.A. Hoffmann - Die Elixiere des Teufels
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 18 Pages
Das Doppelgängermotiv in der Romantik anhand E.T.A. Hoffmanns: Die Eli...
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Hoffmann, E.T.A. - Die Elixiere des Teufels - Analytischer Vergleich d...
Research Paper (Pre-University), 16 Pages
Die Evolution in der Vorstellung der Menschen über das Weltall
Presentation / Essay (Pre-University), 12 Pages
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Presentation / Essay (Pre-University), 6 Pages
Raumfahrt - Fortschritt in Wissenschaft und Technik
Engineering - Aerospace Technology
Presentation / Essay (Pre-University), 6 Pages
Lee, Harper - To Kill A Mockingbird - Presentation
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“
Diagnose seiner Reise über die...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
The Space Race of the 1960s between the United States and the Sovi...
American Studies - Culture and Applied Geography
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Die deutsche Komödie. Ludwig Tieck. Der gestiefelte Kater.
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm un...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 24 Pages
Platon - Sein Leben, sein Werk
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Raumfahrt- Nutzen oder Geldverschwendung
Engineering - Aerospace Technology
Research Paper (Pre-University), 56 Pages
Die Landschaftsdarstellungen in E.T.A. Hoffmanns "Die Elixiere de...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholarly Research Paper, 26 Pages
Sarah Trede has published the text Über die Geisteszerrüttungen von Medardus in E.T.A. Hoffmanns Roman "Die Elixiere des Teufels"
Sarah Trede has uploaded a new text
Eine Auswahl aus 40 Jahren Fra...
Steven Marcus, Margarete Mitscherlich-Nielsen, Reimut Reiche, Élisabeth Roudinesco, Daniel N. Stern, Hermann Argelander, Martin S. Bergmann, Rachel Blass, Harold P. Blum, Werner Bohleber, Raymond Borens, Martin Dannecker, Jean Laplanche, Sibylle Drews
Surrealism and madness
Ingrid von Beyme, Bettina Brand-Claussen, Peter Bürger, Gisela Steinlechner, Thomas Röske, Barbara Safarova
Nationale Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen / National Pros...
Band 4: Côte d'Ivoire, Espana,...
Albin Eser, Ulrich Sieber, Helmut Kreicker
0 comments