1 EINLEITUNG. 1
1.1 Erasmus´ Humanismus. 2
2 HAUPTTEIL 5
2.1 Erste Kontakte zwischen Erasmus und Luther. 5
2.2 Die Stellung des Erasmus zu Luther bis zur Leipziger Disputation 1519 7
2.2.1 Annährungen in den Jahren 1517 / 1518. 7
2.2.2 Erasmus Reformwünsche und Kontroversen mit Luther im Jahre 1519. 10
2.3 Erasmus gescheiterte Vermittlungsversuche. 14
2.4 Erasmus Bruch mit Luther nach dem Wormser Reichstag 16
3 SCHLUSS. 19
LITERATURVERZEICHNIS 22
ANHANG 23
1 Einleitung
Die Aufgabe in dieser Arbeit besteht darin, die Stellung des Erasmus von Rotterdam, geboren zwischen 1466 und 1469, gestorben 1536, zu Martin Luther (1483-1546) und der Reformation darzulegen. Als bedeutendster Repräsentant des europäischen Humanismus und eine der höchsten Instanzen in Glaubensfragen, ist Erasmus von Rotterdam in der Reformationsfrage lange Zeit eine wichtige Autorität für beide Seiten. Deswegen haben sowohl Reformer als auch diejenigen, die der römischen Kirche und Ordnung treu geblieben sind, sich um seine Gunst bemüht und versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen.
Erasmus´ Verhältnis zur Reformation und zu Martin Luther darzustellen, ist das Ziel dieser Arbeit.
Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Luther und der Reformation ist in der wissenschaftlichen Forschung bereits oft thematisiert worden. Die Einschätzung seiner Rolle, die er vor, während und nach der Reformation gespielt hat, ist dabei sehr verschieden ausgefallen.
Ein Grund dafür ist die Herangehensweise vieler Wissenschaftler aus einer theologischen Perspektive, die von der jeweiligen Konfession beeinflusst ist und eine objektive Analyse erschwert. Die Beeinflussung durch die jeweilige Konfession wird in Heinz Holeceks Essay Erasmische Reform und Reformation deutlich, wenn er schreibt, dass die Katholiken Erasmus vorwerfen, er habe „das Ei gelegt, welches Luther ausbrütete," 1 während die Protestanten, „die in ihrer Substanz alles aus seinen Schriften erlernt hatten," 2 ihn heftig angreifen, da er sich ihrer Sache letztendlich nicht anschließt. Aber dass Erasmus seinen eigenen Standpunkt vertritt und sich über den Interessenskonflikt stellt, würdigten lange Zeit weder Katholiken, noch Protestanten.
Viele Forschungsansätze stellen Erasmus als tragischen Helden dar. Dies wird auch in dem Beitrag „Erasmus von Rotterdam 1469-1536" von Goffe Jensma deutlich. Jensma schreibt, dass sich für Erasmus „zwischen 1517-1536 auf dem Hintergrund der Reformation eine persönliche Tragödie" 3 abzeichne. Denn noch 1517 ist Erasmus „der gefeierte Humanist, der geistige Führer des
1 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation. In: Erasmus von Rotterdam. Vorkämpfer für Frieden und Toleranz. Ausstellung zum 450. Todestag des Erasmus von Rotterdam. Basel 1986; S.58
2 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58
3 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536. In: Erasmus von Rotterdam. Aktualität seines Denkens; hrsg. von Jan-Sperna Weiland. Hamburg : Wittig 1988; S.45
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Kontinents, die religiöse und moralische Autorität West-Europas,“ 4 doch in seinem letzten Lebensjahr 1536 „ein verbitterter, kranker, isolierter Gelehrter.“ 5 Diese Entwicklung vom populären Humanisten zum isolierten Gelehrten vollzieht sich mit Beginn der reformatorischen Bewegung und dem Auftreten Martin Luthers.
„Erasmus nahm eine für ihn persönlich tragische Rolle ein," 6 meint auch Heinz Holecek, denn es ist Erasmus, welcher der Reformation wichtige Ideen aus seiner humanistischen Lehre bereitstellt und dies sogar „so weit, daß man sagen kann, ohne den Humanismus wäre die Reformation nicht möglich gewesen." 7
Stefan Zweig stellt ihn in seiner Erasmus-Biographie „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" als tragischen Helden dar, berücksichtigt dabei aber vor allem immer Erasmus` Standpunkt der „neutralen Mitte," was er als das „Erasmische," 8 das bedeutet den Willen zur Verständigung, bezeichnet. Er bedauert, dass die Geschichte „an diesem stillen Diener des Humanen fast verächtlich vorbeigesehen" 9 habe und lobt ihn als den „Mann der Mitte," 10 als einen Vermittler, der „in einen der wildesten Ausbrüche nationalreligiöser Massenleidenschaft herabgerissen wurde." 11
1.1 Erasmus´ Humanismus
Obwohl Erasmus von Rotterdam im Kloster aufwächst, 1492 die Priesterweihe 12 erhält und 1506 auch den Doktor der Theologie 13 zugesprochen bekommt, hat er nicht das zurückgezogene Leben eines Mönches geführt. Seine Leidenschaft gehört den „bonae littera", welche „die gesamte klassische Bildung, Literatur und Wissenschaft" 14 umfassen. Die bonae litterae sind auch als die „Sieben freien Künste" (Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie) bekannt.
4 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.45
5 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.45
6 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58
7 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58
8 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; Berlin 1986; S.14
9 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.18 f.
10 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.16
11 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.15
12 Uwe Schultz: Erasmus von Rotterdam. Der Fürst der Humanisten. Ein biographisches Lesebuch, München 1998; Zeittafel
13 Uwe Schultz: Erasmus von Rotterdam. Der Fürst der Humanisten; Zeittafel
14 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14
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Schon hier wird deutlich, dass Humanismus und Theologie nur wenig miteinander gemein haben. Die Profession vieler Humanisten war die Philologie, sie waren ausgezeichnete Grammatiker und Rhetoriker - so wie Erasmus - und keine Theologen im üblichen Sinne. Jedoch „kann man aber nicht leugnen, daß viele Humanisten an theologischen Fragen interessiert waren und sich bemühten, ihr philologisches Interesse für die Theologie fruchtbar zu machen.“ 15 Diese Humanisten, zu denen auch Erasmus von Rotterdam gehört, bezeichnet Cornelius Augustijn in seinem Buch Erasmus - Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer, als „Bibelhumanisten.“ 16
Erasmus` Auffassung von Humanismus wurzelt in Italien. Hier beginnen Gelehrte, Schriften klassischer Autoren zu sammeln. Diese Gelehrten suchten eine eigene Identität und „lehnten sich an eine neue Ethik, die sich nicht an Geistlichkeit oder Adel orientierte, sondern am Bürgertum, dem im Entstehen begriffenen dritten Stand." 17 Für diese geistige Strömung wurde im 19. Jahrhundert der Begriff Humanismus eingeführt. 18
Die Humanisten repräsentieren im 16. Jahrhundert eine Bildungselite in Europa. Sie sind oft Universalgelehrte, bewandert auf vielen Gebieten der Wissenschaft, die mit Hilfe der lateinischen Sprache und dem Medium des Briefes auch über die Landesgrenzen hinaus untereinander Kontakt pflegen. Sicher gab es unter ihnen große Unterschiede, „dennoch bildeten sie im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts eine Einheit und fühlten sich als mehr oder weniger geschlossene Gruppe.“ 19 Auch die Einigkeit dieser Gruppe endet mit dem Auftreten Luthers.
Erasmus` eigenes Verständnis von Humanismus entwickelt sich langsam. Doch in einer seiner früheren Schriften, den „Antibarbari" sind bereits die wesentlichen Elemente enthalten, wie z.B. der „Idee der Perfektion des Menschen durch Bildung und Erziehung." 20 Bildung und Erziehung des Menschen sind demnach Erasmus` wichtigste Anliegen. Deswegen gehe es in den Antibarbari
15 Cornelis Augustijn: Erasmus - Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer; Leiden 1996; S.141
16 Cornelis Augustijn: Erasmus - Der Humanist als Theologe und Kirchenreformen; S.141
17 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14
18 vgl. Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14
19 Cornelis Augustijn: Erasmus- Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer; S.142
20 Walther Killy: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache; München 1989; Band 3; S.275
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„immer um den Feldzug der Humanisten gegen die Unwissenden." 21 Zugleich dient ihm das Werk, um „seine Position als religiöser Humanist zu legitimieren.“ 22
Doch die Zeit des Erasmus ist auch eine Zeit von höchster kirchlicher Macht und Autorität und die Lehre der Antike und antikes Wissen werden von der römischen Kirche verworfen und als „heidnisch" angesehen. Erasmus` erstes Kloster beruft sich auf die Lehren des St. Hieronymus, einer der Kirchenväter bei dem eine Verbindung besteht zwischen „antiker Bildung und christlicher Lehre." 23 Auf diese Weise kommt Erasmus früh mit den Lehren und dem Wissen der antiken Klassik in Berührung, lernt neben Latein auch Griechisch und Hebräisch.
Erasmus muss seinen Anspruch auf das Wissen der Antike vor der Kirche legitimieren. Er stellte sich „in eine Tradition innerhalb des Christentums, die der aus der Klassik überlieferten Ethik offener gegenüberstand," 24 und seine Schrift „Antibarbari" „kann man ein Manifest nennen, eine Positionsbeschreibung des religiösen Humanismus, dessen unbestrittener Vorkämpfer Erasmus war." 25 Weitere Argumente für Erasmus sind, dass sowohl das Alphabet als auch die offizielle Kirchensprache Latein aus der Klassik stammen, welche von der Kirche auch nicht als heidnisch angesehen werden, sowie auch alle Künste und Wissenschaften. 26
Erasmus glaubt also an eine Erziehung des Menschen durch Bildung. Ziel seiner Arbeit „war der Fortschritt der Bildung, die langsame Umformung der Barbarei zu einer gebildeten Gesellschaft. Mittel dazu ist Humanisierung (und das umfasst auch Individualisierung) der Erziehung." 27
Doch die Institution der römischen Kirche ist zu Erasmus´ Wirkungszeit von Veräußerlichung des Glaubens (z.B. in Form der Reliquienverehrung), ungebildeten Geistlichen und deren Wahrheitsanspruch geprägt. Aus diesen Gründen will Erasmus Reformen in der Kirche. Im Unterschied zu Luther will er jedoch die Einheit der Kirche mit dem Papst als Oberhaupt beibehalten und eine friedliche Reform durchführen.
21 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.19
22 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.19
23 Walther Killy: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd.3; S.275
24 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.20
25 Goffe Jensma: Erasmu s von Rotterdam 1469-1536; S.19
26 vgl. Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S. 20
27 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.20
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Besonders im Anfangsstadium der reformatorischen Bewegung lässt sich Erasmus´ Verhältnis zu Luther und der Reformation erkennen. Deswegen soll im Folgenden auf die Jahre 1516 - vom ersten Kontakt zwischen Erasmus und Luther - bis 1524, wo sich Erasmus mit der Herausgabe der „Diatribe de libero arbitrio“ endgültig von Luther abwendet, besonders eingegangen werden. Weitere Ereignisse, die Erasmus weiter von Luther entfremden, sind die Leipziger Disputation im Jahre 1519 und der Wormser Reichstag 1521. Es wird sich zeigen, dass Erasmus` Verhältnis zu Luther und der Reformation vor allem von Zwiespalt geprägt ist, einer Kontroverse zwischen „Pietas“ und „Humanitas“.
2 Hauptteil
2.1 Erste Kontakte zwischen Erasmus und Luther
Der erste schriftlich belegte Kontakt zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther findet Ende des Jahres 1516 statt. Es ist ein Brief, in welchem Luther Kritik an Erasmus` Bevorzugung der Lehren des Kirchenvaters Hieronymus äußert, während er selbst die Lehre des Augustinus höher schätze. Es handelt sich also um eine theologische Fragestellung.
Da Luther 1516 in Gelehrtenkreisen jedoch unbekannt ist, kann er nicht damit rechnen, dass der berühmte Erasmus sein Schreiben lesen werde. Aber es steht ihm in Spalatin, dem Sekretär des Kurfürsten Friedrich des Weisen, eine Person zur Verfügung, die durch ihre Dienste beim Fürsten über genügend Einfluss verfügt. Spalatin fügt dem Brief ein „höfliches Begleitschreiben“ 28 hinzu, übernimmt aber Luthers Brief in fast allen Punkten, wobei er jedoch den Namen Luthers als Verfasser der kritischen Sätze des Briefes nicht erwähnt, sondern von einem kleinen, unbekannten Mönch redet.
In diesem Brief berichtet Spalatin über Luthers Kritik an Erasmus` Lehren: „Although therefore he both expects and wishes that you should carry world-wide authority, he is afraid that you will encourage people to rush to the defence of the dead, that is, the literal interpretation, which has filled almost everyone since Augustine.” 29 In diesen Zeilen wird deutlich, dass der namentlich unerwähnte
28 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther, und Friedrich der Weise. Eine reformationsgeschichtliche Studie; Leipzig 1919; S.10
29 R.A.B. Mynors, D.F.S. Thomson: The Correspondence of Erasmus; University of Toronto 1977; Bd. 4; S.168, Z. 72-76
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Nils Priewe, 2002, Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Martin Luther, München, GRIN Verlag GmbH
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