Inhaltsverzeichnis :
1. Einleitung 2
2. Vom Kerker zum Zuchthaus 5
2.1. Das klassische Strafsystem und seine Schwächen -
2.2. Die Reformen 7
3. Sicherheitsapparate und ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft 10
4. Fazit 13
5. Literatur 15
1
1.Einleitung
Es wird immer wieder gerne kolportiert, daß das Sterben auf den modernen Schlachtfeldern eine anonymisierte Sache sei; was Duelle Mann gegen Mann angeht mag das zutreffen, ansonsten verhält es sich eher umgekehrt : Während früher der siegreiche Heerhaufen die Verluste des Unterlegenen anhand abgeschlagener Köpfe oder sonstiger Teile einfach hochschätzte, zählt man heute schlicht die Zahl der eingesammelten Hundemarken, die jeder Soldat um den Hals, oder im Falle der Erfahreneren im Stiefel trägt. Auf dieser findet sich eine Registriernummer, zu der im meist weit entfernten Hauptquartier eine Akte gehört, in der sich neben Name, Rang und Alter auch andere Daten, wie Herkunft, Schulbildung, medizinische Daten und die Einschätzungen der bisherigen Instrukteure befinden. Also eine weitgehend komplette Vita. Von Anonymität kann gar keine Rede sein, hinter den uniformierten Massen befindet sich ein gewaltiger bürokratischer Apparat, der alle notwendigen Informationen über sein Millionenheer besitzt, beginnend von der Geburt eines jeden Soldaten an.
Nun, was hat die Militärbürokratie mit Michel Foucaults Überwachen und Strafen zu tun, daß sich der Geburt des Gefängnisses widmet ? Auf den ersten Blick wenig, aber auf den zweiten fällt einem die frappierende Ähnlichkeit von Kaserne und Gefängnis ins Auge. Bei beiden besteht ein striktes Kontrollregiment , mit dem Ziel der lückenlosen Überwachung gefährlicher oder potentiell gefährlicher Individuen. Auch der Aspekt aus „unnützen Elementen“ nützliche zu machen, ob für die Produktion in der Wirtschaft oder den Dienst an der Waffe, ist durchaus vergleichbar, genauso wie die teils massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Nur der Aspekt des Strafens ist der Kaserne nicht von vorne herein zu eigen. Auch könnte man das Gefängnis mit der geschlossenen Heilanstalt in Bezug bringen, dem Jugend gefängnis oder dem geschlossenen „Heim“, und zu guter letzt dem Kloster. Wie Foucault selbst es ausdrückt : „ Was ist daran verwunderlich, wenn das Gefängnis den Fabriken, den Schulen, den Kasernen, den Spitälern gleicht, die allesamt den Gefängnissen gleichen? 1 “
1
siehe Foucault, Michel :
Überwachen und Strafen;
1994 , S. 292
2
Sie alle basieren auf strenger Hierarchie, die ihre Subjekte mittels aller möglichen Disziplinierungstechniken einer strikten Ordnung unterwirft. Diese Techniken bestehen gar nicht so sehr aus physischer Gewalt, sondern viel m ehr aus lückenloser Überwachung und ständiger Prüfung. Nicht nur Arbeitsleistung und Fortschritte in der Ausbildung werden überprüft, auch der Grad der Konformität zur geltenden Ordnung wird ständig überwacht, und die weitere Anpassung an die Norm durch Privilegien gefördert. Das Weltbild dahinter ist einerseits von der mittelalterlichen Klosterzelle beeinflußt , Ora et Labora, und andererseits von der protestantischen Arbeitsethik 2 . Die Lebenszeit ist kurz und von Gott gegeben; sie durch Müßiggang zu verschwenden ist Sünde. Das eher weltliche Procedere dieser Anstalten zur Menschendressur kommt zumeist aus dem Kriegswesen, das sich in der selben Zeit, in der sich die ersten Gefängnisse und Manufakturen entwickelten, von der Kriegskunst zur Kriegswissenschaft wandelte.
Foucaults 1975 erschienenes Überwachen und Strafen beschreibt keinesfalls „nur“ die Geburt der totalen Überwachungsinstitution Gefängnis; vielmehr zieht Foucault mit seiner historisch erklärenden Erzählweise einen langen Bogen vom Frankreich der späten Carpetingerdynastie , mit seiner zentralen Verwaltung einerseits, und einer feudalen Ständeordnung mit einer Myriade von Privilegien , die sich in die Neuzeit retten konnten, andererseits, über die Revolutionszeit und Napoleons kurzlebiges Reich, bis heute. Der rote Faden des Buches ist es zu zeigen, wieso das Gefängnis, obwohl in dieser Form und mit diesen Folgen 3 kaum gewollt, sich weltweit etabliert hat, trotz einer 200 Jahre langen Serie von genereller Erfolglosigkeit die Kriminalitätsrate zu senken und ungezählter Skandale. Foucaults Antwort auf diese Frage ist, daß das Gefängnis die deutlichste Manifestation der Disziplinargesellschaft des Industriezeitalters ist, auch wenn er das Zeitalter nicht als solches bezeichnet. Er spricht von der Disziplin als einer Form oder besser Strategie der Macht, die den düsteren Unterbau der bürgerlichen Vertragsgesellschaft 4 bildet. Erst die schon in der Schule beginnende gleichartige Erziehung, die in Systemen mit Wehrpflicht vom Militär vollendet und in ihrer Gleichmacherei auf die Spitze getrieben wird, sichert die egalitäre Grundhaltung einer Demokratie.
2 ibid. 155-56
3 Gefängnisrevolten, Schaffung eines ganzen Kriminellen Milieus, daß über den „Knast“ Nachwuchs
rekrutiert, anrüchige Kollaboration zwischen Polizei und Verbrechern über Spitzel und Kronzeugen,
massive Rückfälligkeit und horrende Kosten, um nur ein paar zu nennen.
4 ibid. S. 285
3
Ein weiterer Grund für das Beharrungsvermögen und die Kritikunempfindlichkeit der Haftanstalten ist der ganze medizinisch/wissenschaftliche Unterbau, der eine hoch profitable Industrie mit entsprechender Lobbymacht darstellt, besonders im Fall der Psychiater. Dieser Unterbau hat sich mit der Justiz vermischt und laut Foucault den Justizapparat bewußt unterwandert und seinen Bedürfnissen angepaßt, soweit daß heute der Gedanke der Resozialisierung den der Vergeltung verdrängt hat 5 . Die Abhängigkeit der Richter von Gutachten, seien es technische beim Verkehrsunfall oder psychologische bei Gewaltverbrechern, spricht dafür wohl Bände...
Den etwas utopischen Höhepunkt der Disziplinar- und Überwachungstechniken stellt Jeremy Benthams Panopticon dar, indem es die gewaltfreie, totale Überwachung der Delinquenten dadurch sichert, daß jeder vom Supervisor gesehen werden kann, aber keiner jenen sehen kann; so hält die pure Angst davor, jederzeit gesehen werden zu können die Leute in Schach, selbst wenn mal niemand aufpaßt. Die Entsprechung dazu außerhalb der Gefängniswelt, wäre wohl ein Stasi-System , wo jeder jeden bespitzeln kann, und alle wissen daß sie bespitzelt werden, bis zu einem gewissen Grad zumindest. Diese Überwachungsapparate besitzen alle nur für E ingeweihte erkennbare Toleranzschwellen, um den Widerstand der Masse niedrig zu halten und die Kräfte auf wichtiges zu bündeln.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Argumentation Foucaults nachzuvollziehen, die sich naturgemäß hauptsächlich auf Frankreich erstreckt, beginnend mit den Justizreformen, die die mittelalterliche Marter verschwinden ließen und mit einem System der symbolträchtigen Strafen zu ersetzen suchten, aber sich letztendlich nicht gegen die simple Haftstrafe durchsetzen konnten. Da Foucaults Werk mit einer gehörigen Prise Gesellschaftskritik gespickt ist und per se keine wirkliche Theorie liefert 6 , sondern vielmehr einen Aufhänger zu einem kontroversen Diskurs über die Gesellschaft der Moderne, werde ich versuchen einige wenige , wie ich meine aber sehr wichtige Punkte herauszustreichen, vor allem in Hinsicht darauf, warum die Bevölkerung eine derartige Regulierung ihres Lebens akzeptieren konnte; wenngleich die gesellschaftliche Liberalisierung in den 70ern so manches gelockert und verwässert hat.
5 ibid. , vgl. S. 324-29
6 ibid. , siehe Schlußwort in Fußnote 12 , S. 397
4
Arbeit zitieren:
Philipp-Henning v.Bruchhausen, 2004, Foucault 'Überwachen und Strafen'. Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Michel Foucault Überwachen und Strafen: Einführung in die Soziologie:
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Theorie der Macht von Michel Foucault
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Erving Goffmann: Konzept totaler Institutionen
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 17 Seiten
Organisation oder totale Institution - Die begriffliche Fixierung von ...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 24 Seiten
Macht als Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklungen
Eine Übersicht über die Grundb...
Soziologie - Wissen und Information
Seminararbeit, 13 Seiten
Feldforschung im Internet aus ethnologischer Perspektive
Seminararbeit, 25 Seiten
Erziehungsmittel und Erziehungsziele in der schwarzen Pädagogik
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Lesesozialisation unter erschwerten Bedingungen
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 17 Seiten
Schwarze Pädagogik - Eine Betrachtung moderner und historischer Erzieh...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Michel Foucault "Surveiller et punir. La naissance de la prison&...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 26 Seiten
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Referat (Ausarbeitung), 11 Seiten
Begriff und Varianten sozialen Handelns - Theorieansätze von Max Weber...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 16 Seiten
Inwieweit prägten und prägen d...
Politik - Politische Systeme - Historisches
Referat (Ausarbeitung), 16 Seiten
Historisch-kritische Anthropologie - Sind wir zivilisiert?
Die Disziplinargesellschaft
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 11 Seiten
Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit nach Peter L. Berger und Tho...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Einführung der Lesekompetenz in der Grundschule
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Philipp-Henning v. Bruchhausen hat den Text Foucault 'Überwachen und Strafen'. Eine Analyse veröffentlicht
Philipp-Henning v. Bruchhausen hat einen neuen Text hochgeladen
Cours d'analyse de l'École Royale Polytechnique. I partie. Analyse alg...
Augustin-Louis Cauchy
Foucault / Blanchot: Maurice Blanchot: The Thought from Outside and Mi...
Michel Foucault, Maurice Blanchot, Jeffrey Mehlman
Foucault / Blanchot: Maurice Blanchot: The Thought from Outside and Mi...
Michel Fouvault, Michel Foucault, Maurice Blanchot
Foucault and His Interlocutors Foucault and His Interlocutors Foucault...
Arnold I. Davidson
The Foucault Effect: Studies in Governmentality: With Two Lectures by ...
Graham Burchell, Colin Gordon, Peter Miller
0 Kommentare