Inhaltsangabe
1 Einleitung 1
2 August Comte 3
2.1 Philosophischer Positivismus als Interdependenz von Beobachtung und Theorie 3
2.2 Bruch mit philosophischer Tradition 6
2.3 Relative Autonomie der Soziologie 8
3 Methodologie und Methodik 11
3.1 Prämissen 11
3.1.1 Anthropologie 11
3.1.2 Allgemeine soziologische Herausforderung 12
3.1.2.1 Figurationen 14
3.1.2.2 Prozesse 17
3.2 Methode 18
3.2.1 Historische vergleichende Analyse 18
3.2.2 Engagement und Distanzierung 20
4 Zusammenfassung und Fazit 22
5 Literatur 25
Was ist Soziologie?
1 Einleitung
Am 1. August 1990 stirbt der in Breslau geborene Soziologe Norbert Elias 93- jährig in Amsterdam. Sein langes Leben deckt sich beinahe mit der ganzen Geschichte der Soziologie als noch relativ junger akademischer Fachdisziplin. Als Soziologe analysierte er das Entstehen der kulturellen Eigentümlichkeiten großer gesellschaftlicher Gruppen, sein wissenschaftliches Werk jedoch zielte auf interdisziplinäre Synthesen, auf eine Verbindung verschiedener „Menschenwissenschaften“. Bis ins hohe Alter mußte der 1933 ins Exil getriebene Elias auf ihm angemessene Arbeits- und Forschungs möglichkeiten und auf die Breitenwirkung seines Werkes warten. Die Grundlegung seiner Forschungsperspektive findet sich bereits 1939 erstmals erschienenen, aber erst seit den siebziger Jahren breite Anerkennung findendem Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ 1 . Darin wurde auch so etwas wie eine „historische Anthropologie bzw. Psychologie“ 2 angeregt, in der es um den Zusammenhang der Herausbildung des modernen Staates und tiefgreifende Verhaltensänderungen der Menschen geht. Gesellschaftliche Wirklichkeiten wollte Elias mit Blick auf langfristige Prozeßzusammenhänge untersuchen, soziale Strukturen und Verhaltensweisen der Menschen also nie ohne deren Einlagerung in eine fortwirkende Geschichte behandeln.
Doch seine Gedanken paßten lange nicht in den „soziologischen Mainstream“ 3 , auch nicht in die erklärten Gegenrichtungen, sein Werk lag neben den oder quer zu den Linien der etablierten Schulen. 4 Noch 1984 beklagt Norbert Elias, daß die Soziologie „bis heute in ihrer vorwissenschaftlichen Phase“ stecke 5 ¸ sie sei, so schreibt er in seinen „Notizen zum Lebenslauf“, unterentwickelt. Die Struktur der menschlichen Gesellschaft werde noch immer nicht „mit derjenigen Klarheit herausgearbeitet (...), mit der sich soziologische Probleme darstellen und lösen lassen.“ 6 Von der Soziologie selbst ist Elias überzeugt. „Sie hat eine große
1 Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Sozio- und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bde, Frankfurt/
Main, 1976 (Erstausgabe Basel 1939).
2 Zitat: Karl Siegbert Rehberg (Hg.): Norbert Elias und die Menschenwissenschaften, Frankfurt/ Main, 1996, S. 9.
3 Zitat: Hans Peter Bartels: Menschen in Figurationen, Opladen, 1995, S. 15.
4 Vgl. nordamerikanische Systemtheorie (Talcott Parson) auf der einen, Frankfurter Schule (Adorno, Marcuse) auf der
anderen Seite waren bis in die achtziger Jahre im wissenschaftlichen Diskurs dominierende Schulen.
5 Vgl. Norbert Elias: Biographisches Interview (mit A. J. van Voss und A. van Stolk), in: Norbert Elias über sich selbst,
Frankfurt, 1984, S. 49.
6 Vgl. Norbert Elias: Notizen zum Lebenslauf, in : Peter Gleichmann/ Johan Goudsblom/ Hermann Korte (Hg.): Macht
und Zivilisation. Materialien zu Norbert Elias` Zivilisationstheorie 2, Frankfurt, 1984, S. 49.
Was ist Soziologie?
Zukunft und ich helfe ein bißchen dabei.“ 7 Denn: Wenn die Menschen „ihr Leben besser regeln wollen, als es heute der Fall ist, dann müssen sie wissen, wie die Dinge zusammenhängen.“ Und er fügt hinzu: „ Ich meine das ganz praktisch, denn andernfalls handeln wir falsch. Es ist das Elend der gegenwärtigen Menschheit, daß sie sich so oft durch unrealistische Ideen leiten läßt.“ 8
Elias hat seine Auffassung von Soziologie vor allem in drei Veröffentlichungen entwickelt: in dem Buch „Was ist Soziologie?“ 9 , in dem Aufsatz „Zur Theorie sozialer Prozesse“ 10 und in der Studie über „Engagement und Distanzierung“ 11 .
Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit wird es sein den originären soziologischen Erkenntnisbeitrag von Norbert Elias zu den „Menschenwissenschaften“ methodologischer als auch methodischer Art darzustellen. Nur am Rande wird auf Inhalt, innere Konsistenz oder Erklärungspotential seiner eigentlichen theoretischen Leistung einer Zivilisationstheorie eingegangen. Mit anderen Worten sollen die Bedingungen der Möglichkeit seiner Theorie dargestellt werden und weniger was Elias nach Anwendung seines Modells über den Gegen-standsbereich aussagen wird. 12 Welche Kriterien knüpft er an eine „wissenschaftliche“ Soziologie, welche Prämissen setzt er in seinem Denken voraus und nicht zuletzt welche methodischen Regeln müssen eingehalten werden, um seinem hohen Anspruch gerecht zu werden?
Mit einem Nachdenken über das Soziologieverständnis eines Norbert Elias, kommt eine ganze wissenschaftliche Disziplin, die der Soziologie auf den Prüfstand. Man überprüft mit ihm Theorie und Praxis auf Basis der Geschichte der Disziplin. 13
7 Zitat: Norbert Elias, aus Ulrich Greiner: „Der Menschenwissenschaftler“, Die Zeit, 1. Mai 1987.
8 Zitat: Norbert Elias, Biographisches Interview (mit A. J. van Voss und A. van Stolk), in: Norbert Elias über sich selbst,
Frankfurt, 1984, S. 62 f.
9 Norbert Elias: Was ist Soziologie? München 1970.
10 Norbert Elias: Zur Grundlegung einer Theorie sozialer Prozesse. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 6, 1977. Seite 127-
149.
11 Norbert Elias : Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Hg. und übersetzt v. Michael
Schröter. Frankfurt/Main 1983.
12 Dies spiegelt auch den Stellenwert der Thematik der vorliegenden Arbeit im Seminar wieder, der darin bestand, in das
Denken Norbert Elias´ einzuführen, bevor der eigentliche „output“ seinen Werkes durch andere ReferentInnen
vorgestellt wurde
13 So geschieht es vor allem in seinem Werk „Was ist Soziologie?“ in dem Elias immer wieder auf Auguste Comte und
die Anfänge der Soziologie Bezug nimmt, und das der vorliegenden Hausarbeit hauptsächlich zugrunde liegt.
Was ist Soziologie?
2 August Comte
„Kein Mensch ist Anfang; jeder Mensch setzt fort.“ 14 Diese relativierende Position schreibt Elias dem „Gründer“ der Soziologie als „eigenständiger“ Wissenschaft zu. Dennoch sieht er in dessen Werk das Potential zu einem „Schlüsselerlebnis“ der Wissenschaftsgeschichte. Daß Comte mißverstanden, verfälscht und vergessen wurde, dient Elias, in einer sein Denken auszeichnenden integrativen und relativierenden Art, als Beweis dafür, „daß der wissenschaftliche Fortschritt alles andere als geradlinig ist.“ 15
In Comtes Werk entdeckt Norbert Elias die Anlagen zu einer soziologischen Denk- und Wissenschaftstheorie, in deren „Tradition“ er sich einreihen möchte. „Einander die Lampe übergeben“ 16 , ist dafür eine schöne Metapher, die Elias einmal unter einen frühen Aufsatz als Motto geschrieben hat.
„Menschenwissenschaften“ und „relative Autonomien“, vor allem aber Prozeß- und Figurationscharakter individuellen und gesellschaftlichen Seins und selbst wissenschaftlicher Erkenntnis und der sich daraus ergebenden methodischen Konsequenzen, findet er bei Comte angedacht und soll im Folgenden näher erläutert werden.
2.1 Philosophischer Positivismus als Interdependenz von Beobachtung und Theorie
Zunächst tritt Norbert Elias all denen gegenüber, die dem „Positivismus“ eine manichäisch vereinfachte Sichtweise unterstellen, und diese mit dem Namen August Comtes verknüpfen. Er blickt hinter den „schweren Vorhang gelehrter Worte“ 17 und erteilt jeder Einseitigkeit von Deduktionisten, Induktionisten; Rationalisten, Empiristen; Aprioristen und „Positivisten“ eine Absage. 18
„Denn wenn auf der einen Seite jede positive Theorie notwendigerweise auf Beobachtungen fundiert sein muß, so ist es auf der anderen Seite nicht weniger richtig, daß unser Verstand eine Theorie der einen oder anderen Art braucht, um zu beobachten. Wenn man bei der Betrachtung von Erscheinungen die se nicht unmittelbar in Beziehung zu gewissen Prinzipien
14 Zitat: Norbert Elias: Was ist Soziologie? München 1970, S. 33.
15 Zitat: Ebenda.
16 Zitat: Norbert Elias, aus: Hans Peter Bartels: Menschen in Figurationen, Opladen, 1995, S. 17.
17 Zitat: Norbert Elias: Notizen zum Lebenslauf, in : Peter Gleichmann/ Johan Goudsblom/ Hermann Korte (Hg.): Macht
und Zivilisation. Materialien zu Norbert Elias` Zivilisationstheorie 2, Frankfurt, 1984, S. 64.
18 Vgl. Ebenda.
Was ist Soziologie?
setzen würde, wäre es nicht nur unmöglich für uns, diese isolierten Beobachtungen mit-einander in Verbindung zu bringen ... wir würden sogar völlig unfähig sein, uns an die Tatsachen zu erinnern; man würde sie zum größten Teil nicht wahrnehmen.“ 19
Mit anderen Worten drängt der alte erkenntnistheoretische Streit zwischen Empirismus und Rationalismus zur Transzendentalphilosophie Kants 20 oder eben zum Positivismus Comte´scher Prägung. Vor allem im „Dreistadiengesetz“ (zuerst formuliert 1822) und im „enzyklopädischen Gesetz“ verdeutlicht August Comte seine Definition einer „positiven Philosophie“. 21
Danach durchläuft jeder Mensch wie die Menschheit insgesamt drei historische Stadien: Das theologische, das me taphysische sowie das positive Stadium. Im ersten Stadium werden alle Gegebenheiten als Wirkungen übernatürlicher Wesen aufgefasst, im Zweiten treten an deren Stelle abstrakte Kräfte (z. B. das Absolute, der Wille, die Vernunft); im Dritten werden die beobachteten Tatsachen nur noch dadurch erklärt, dass man die einzelnen Erscheinungen miteinander in Beziehung setzt und daraus Gesetzmäßigkeiten ableitet. Somit treten an die Stelle der ersten Ursachen und letzten Zwecke die unveränderlichen Gesetze von Natur und Gesellschaft. Für die Wissenschaft im positiven Stadium gilt daher der Verzicht auf absolute Erkenntnis, Einsicht in die Wirkursachen der Phänomene und jegliche metaphysische Spekulation. Sie verknüpft lediglich diese Phänomene miteinander und leitet aus ihnenmöglichst wenige - Grundgesetze ab. Es geht weniger um das Ausklammern der Theorie im Erkenntnisprozess, als vielmehr um ein unbedingtes Primat der Beobachtung wenn es um die Geltung einer Erkenntnis geht. Anders gesagt sind nur empirisch fassbare Gegebenheiten wissenschaftlich von Relevanz.
Das „enzyklopädische Gesetz“ gibt eine Reihenfolge der Wissenschaften vor, die „den Gang vom Abstrakten zu immer größerer Konkretion und von einfachen zu immer komplexeren Sachverhalten“ 22 beschreibt. Die eine Wissenschaft bereitet gleichsam die andere vor, die ihr einen zusätzlichen Phänomenbereich, aber auch Methodenbereich, hinzufügt. Die zu schaffende Soziologie setzt sich nach Comte an die Spitze dieser Rangordnung.
19 Zitat: Auguste Comte, aus: Norbert Elias: Was ist Soziologie? München 1970, S. 39 f.
20 Vgl. die berühmten Worte aus der Kritik der reinen Vernunft: „Theorie ohne .Beobachtung ist blind, Beobachtung ohne
Theorie ist hohl“. Kant stößt bei seiner Analyse des Subjekts des Denkens auf Denkkathegorien, die er nicht weiter
hinterfragt. Elias, in Anlehnung an Comte, wird diese transzendentalen Apriorien soziogen beschreiben und versuchen,
sie einer empirischen Überprüfung zugänglich zu machen..
21 Vgl. Franco Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie, Band 1, Stuttgart 1999, S.326.
22 Zitat: Ebenda.
Was ist Soziologie?
Diese Sichtweise „positiven Denkens“ wird sich als „roter Faden“ durch Elias´ sches Denken und Forschen ziehen, und maßgeblich an der Konstituierung seiner Theorie beteiligt sein.
Arbeit zitieren:
Joachim Klenk, 2004, Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Komplizenschaft von Habitus und Feld
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 16 Seiten
Emotionen zwischen Selbst- und Fremdzwängen - die Zivilisationstheorie...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 19 Seiten
Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 22 Seiten
'Einander die Lampe übergeben', Norbert Elias - Leben und Werk
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 19 Seiten
Zum figurationssoziologischem Begriff von Macht und Machtquellen
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Vordiplomarbeit, 32 Seiten
Was ist Soziologie? Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Reproduktion der Gesellschaft - Die Habitustheorie von Pierre Bour...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Diplomarbeit, 133 Seiten
Mechanismen (Bourdieu) und Technologien (Foucault) der Macht
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Bachelorarbeit, 44 Seiten
Norbert Elias' Zivilisationstheorie: Die Prozeß- und Figurationsth...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Eine Analyse auf der Grundlage...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 11 Seiten
Die Theorien sozialen Handelns - Zur "Ökonomie der Praktiken"...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 14 Seiten
Konzepte des kulturellen Wandels. Die Entwicklung der Tischsitten nach...
Seminararbeit, 29 Seiten
Analyse der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Norbert Elias - Der unendliche Prozess der Zivilisation
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 20 Seiten
Eine Ausarbeitung zu Norbert E...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Referat (Ausarbeitung), 18 Seiten
Das Politikverständnis von Hannah Arendt
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Der Einfluss des Symbolischen in den Theorien von Pierre Bourdieu
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 31 Seiten
Joachim Klenk hat den Text Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias veröffentlicht
Joachim Klenk hat einen neuen Text hochgeladen
Norbert Elias: Post-Philosophical Sociology
Kilminster Rich, Richard Kilminster, Rich Kilminster
Norbert Elias and Figurational Research: Processual Thinking in Sociol...
Norman Gabriel, Stephen Mennell
0 Kommentare