"Türkische Sprachreform"
von Ercan Tamer
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Entwicklung des Türkischen seit dem 11. Jahrhundert
III. Sprachpflegerische Bestrebungen gegen Ende des 19. Jhs.
1. Die Fremdwortfrage
2. Orthographiefrage
IV. Die Schrift- und Sprachreform
1. Die Schriftreform
2. Die Sprachreform
a) Türk Dil Kurumu
b) Auswirkungen der Sprachreform
V. Schlußbemerkung
VI Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Mit der vorliegenden Hausarbeit soll der historische Weg, der unter Atatürk zur türkischen Schrift- und Sprachreform geführt hat, kurz dargestellt werden. Die Diskussionen darüber sind trotz der vergangenen 72 Jahre noch sehr aktuell. Diese Reform, die noch heute für Spannungen zwischen reformtreuen Kemalisten und dessen islamistischen Gegnern sorgt, stellt nur eine aber wichtige Etappe des Reformwerks Atatürks dar.
Die durchgeführte Schrift- und Sprachreform sollte nicht nur als eine bildungspolitische Maßnahme angesehen werden. Sie ist vielmehr eine weitere Annäherung an den Westen, an ihre Kultur und Zivilisation . Ähnliche Reformversuche - militärischer, administrativer und wirtschaftlicher Art - gab es schon Anfang des 19. Jhs. im Osmanischen Reich.
Die Reformgegner betrachten die Sprachreform (wie fast alle anderen Reformen) als eine ideologische Fehlentscheidung, die sich gegen den Glauben richtet. Durch die Schrift- und Sprachreform soll die Kluft zwischen Sprache und Religion vertieft und somit den neuen Generationen die Zugangsmöglichkeit zu den vor 1928 verfaßten Werken genommen worden sein. So wird noch heute in islamistischen Kreisen argumentiert. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist sehr gut nachzuvollziehen, wie schwer es ist, eine altaiische Sprache wie das (Türkei-)Türkische mit arabischen Schriftzeichen zu kodifizieren.
Um die in der Türkei bestehenden Differenzen und Gegensätze über dieses Thema besser darstellen zu können, wurde für die Erstellung dieser Hausarbeit überwiegend mit türkischsprachiger Literatur gearbeitet. Der Einleitung im I. Kapitel folgt das II. Kapitel, welches sich mit der Entwicklung des Türkischen seit dem 11. Jh. befaßt. Im III. Kapitel werden, die Ende des 19. Jhs. begonnenen sprachpflegerischen Bestrebungen beschrieben. Die Etappen der Schrift- und Sprachreform werden im IV. Kapitel dargestellt. Dem folgt im V. Kapitel die Schlußbemerkung mit entsprechenden Ergebnissen und Vorschlägen sowie das Literaturverzeichnis im VI. Kapitel.
II. Die Entwicklung des Türkischen seit dem 11. Jahrhundert
Nach F. K. Timurtas ist unter der türkischen Sprachpflege folgendes zu verstehen: "...die türkische Sprache zu lieben, an ihre Größe und Überlegenheit zu glauben, ihre Existenz zu sichern, sie gegen die Einflüsse anderer Sprachen zu schützen, ihre Einfachheit zu gewährleisten und dazu beizutragen, sie zu einer leistungsfähigen Literatursprache zu erheben..."
Die Bemühungen waren darauf ausgerichtet, die übermächtige Stellung des Arabischen und Persischen im kulturellen wie sozialen Leben zu brechen und dem Türkischen dazu zu verhelfen, sich als selbständige Literatur- und Umgangssprache zu entwickeln. Denn nach dem die Türken (Turkmenen) sich in Anatolien niederließen, geriet das Türkische unter den starken Einfluß der beiden Kultursprachen des mittleren Ostens, des Arabischen und Persischen. Da die Türken, nach den Ermittlungen der Sprachforscher "...keine nennenswerte schriftliche Tradition aus Mittelasien mitgebracht..." und das arabische Schriftsystem übernommen hatten, wurde der Einfluß dieser beiden Sprachen immer intensiver. Unter diesem Einfluß konnte sich das Türkische als ebenbürtige Schriftsprache nicht entfalten.
Es wird angenommen, daß das Türkische zwischen dem XI. und XIII. Jahrhundert (zur Seldschuken-Zeit) einen Übergangscharakter hatte. In diesem Zeitraum wurden aus den Kultursprachen, dem Arabischen als Religions- und Medressensprache und dem Persischen als Literatursprache, viele Fremdwörter, bzw. Entlehnungen und grammatische Konstruktionen entnommen.
Die nach der Zerstörung des Seldschukenreichs im 13. Jh. durch die Mongolen entstandenen Fürstentümer [Beylik(ler)], besannen sich auf ihre Eigenart und Sprache. Ein wichtiger Kilometerstein auf diesem Weg war Karamanoglu Mehmet Begs Dekret von 1277, mit dem er den Gebrauch anderer Sprachen, außer dem Türkischen, verbot:
"Simden gerü divanda, dergahta, bargahta, mecliste ve meydanda Türkçe`den baska dil kullanilmiyacaktir."
Der Anteil der arabisch-persischen Fremd- bzw. Lehnwörter in der türkischen Schriftsprache im 13. Jh. und zu Beginn des 14. Jhs. betrug immerhin noch 50%. Der Grund für diese zunehmenden Entlehnungen war die Tatsache, daß die türkischen Dichter das Türkische als grob, gemein und arm empfanden und sich darüber beklagten, daß es nicht möglich sei, ein literarisches Werk aus ihr zu formen. Dem widersprechen Yunus Emres dichterische Meisterwerke, die beweisen, zu welchen poetischen Leistungen das Türkische fähig ist. Hier einige Verse von ihm als Beispiel:
Iskun aldi benden beni bana seni gerek seni
Ben yanaram dünü güni bana seni gerek seni
Ne varliga sevinirem ne yokluga yerinirem
Iskunila avunuram bana seni gerek seni
Iskun asiklar öldürür isk denizine taldurur
Tecelliyile doldurur bana seni gerek seni
[...]
Arbeit zitieren:
M. A. Ercan Tamer, 2000, Türkische Sprachreform, München, GRIN Verlag GmbH
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