Magisterarbeit
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
DAS STADTTHEATER IN CHEMNITZ
von Kay Richter
2001
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
2 Theatergeschichte der Stadt Chemnitz ... 6
3 Der Bau des Actientheaters 1837/38 durch J. T. Heinig ... 15
3.1 Baubeschreibung ... 22
3.2 Einordnung und Vergleich ... 39
4 Vom Actientheater zum Stadttheater. Umbaumaßnahmen ab 1863 geleitet von E. Titz ... 72
4.1 Baubeschreibung ... 78
4.2 Einordnung und Vergleich ... 102
5 Der Umbau zum Schauspielhaus 1924/25 nach Plänen von A. Linnebach und E. Anders ... 105
5.1 Baubeschreibung ... 111
5.2 Einordnung und Vergleich ... 134
6 Der Abriß des im Krieg stark beschädigten Hauses ... 139
7 Zusammenfassung ... 141
1 Einleitung
Das Theater war zu allen Zeiten ein Raum, der viele verschiedene Funktionen zu erfüllen hatte. Neben den repräsentativen Aufgaben, die vor allem im höfischen Theaterbau des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielten, war das Theater eine Begegnungsstätte für die Menschen der verschiedensten Stände, die sich dort sowohl zur Geistesbildung als auch zur Unterhaltung zusammenfanden und daneben sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß es sich dabei um einen Raum handelte, der sowohl von der Kunst erfüllt, als auch mit Kunst angefüllt werden sollte.
Diese Aspekte flossen in die Konzeption mit ein und stellten den Baumeister vor die nicht geringe Aufgabe, all diesen Ansprüchen eines prominenten und gleichzeitig öffentlichen Hauses Rechnung zu tragen, das ebenso akustischen und optischen Forderungen Rechnung tragen sollte. Nicht umsonst handelte es sich dabei um eine der größten Herausforderungen für den Architekten des 19. Jahrhunderts. Hinzu kam das erstarkende Selbstbewußtsein der Bürger in dieser Zeit, das auch in einer Hinwendung zur Kunst zum Ausdruck kam. Lag der Theaterbau vormals ausschließlich in höfischer Hand, so begann ein sich wandelndes Bürgertum im 19. Jahrhundert seine steigende finanzielle Kraft in Projekte zu investieren, die der Bildung dienen sollten. Darunter fielen die Volkstheater, die bereits in einer geringen Anzahl von Städten existierten und die sich mehrenden Spielstätten, die immer häufiger von privaten Aktiengesellschaften finanziert wurden.
Eine aufblühende Textilindustrie brachte im Falle Chemnitz der Stadt materiellen Wohlstand und ermöglichte auch dort den Bau eines „Actientheaters“. Anhand des Chemnitzer Theaters lassen sich grundsätzliche Entwicklungen des deutschen Theaterbaus über eine Zeitspanne von über hundert Jahren nachvollziehen. Dabei spielen auch die ersten bautheoretischen Ansätze von 1800 eine Rolle, da die vorgedachten Projekte z.T. in den Bauten umgesetzt wurden. Am Beispiel des Chemnitzer „Actientheaters“ und späteren Stadttheaters soll insbesonders auf die bürgerliche Theaterbaukunst und deren theoretischen Ansätze eingegangen werden. Das Haus kann als typisches Modell gesehen werden, wie auf der Grundlage von Actienvereinen bzw. -gesellschaften sich der bürgerliche Theaterbau in Konkurrenz zu den höfischen Bauten am Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts überhaupt erst in Gang gekommen ist. Mit dieser Möglichkeit der Finanzierung war selbst in relativ kleinen Städten, wie damals Chemnitz, ein Theater in einer ansprechenden Qualität zu verwirklichen. Die qualitativen Unterschiede zwischen einem höfischen und einem bürgerlichen Gebäude waren am Beginn enorm groß bis die bürgerlichen etwa ab 1880 aufholten oder sogar überholten. Interessant ist dabei auch zu beobachten wie sich die Städte in dieser Zeit langsam ihrer bildungspolitischen Aufgabe bewußt wurden und so auch dem Theater endlich mehr Beachtung schenkten. Diese Bestrebungen gingen letztenendes soweit bis sie schließlich selbst die Verantwortung übernahmen und die Häuser in eigener Regie leiteten.
Grundlagen dieser Arbeit waren die theoretischen Schriften aus der Zeit der Erbauung des Theaters. Zu nennen wären so etwa die Abhandlungen von Stieglitz und Weinbrenner, die sich mit dem Theaterbau des 18. Jahrhunderts auseinandersetzten. Eine große Hilfestellung für die Besprechung des Actientheater gab das Buch von Jochen Meyer. Ebenso enthielt der Artikel von Christian Ludwig Stieglitz Einblicke in die Theorie des Theaterbaus. Diese Beschreibung ist allerdings eher als Quelle zu sehen. Andere Bücher über einzelne Theater beschränken sich oft auf deren Beschreibung und vergleichen diese mit anderen Bauten des jeweiligen Architekten. Dabei kommt die kunsthistorische Einordnung leider häufig viel zu kurz. Andere geben nur die Theatergeschichte des jeweiligen Hauses wieder. Deshalb konnten verschiedene dieser Werke nur am Rande nach aussagekräftigen Erkenntnissen ausgewertet werden.
Das fehlen von Grund- und Aufrissen vor allem für den ursprünglichen Zustand des Theaters hat eine aufwendige Rekonstruktion von Plänen erforderlich gemacht. Die erstellte Gliederung war einer genauen Darstellung und Beschreibung hinderlich. Aufgrund der Beschreibungen in der Akte StadtA Rat der Stadt Chemnitz Bestand bis 1928 III IV 126 und den sekundären Grundrissen von 1904 (StadtA Chemnitz, Bestand Rat der Stadt Chemnitz Bauakte 1171) wurde der Versuch unternommen, den originalen Zustand zu rekonstruieren und nachzuvollziehen. Damit ist eine Lösung gefunden worden, die den ersten Zustand des Actientheaters, zumindest in den Grundzügen, wieder veranschaulichen kann. Etwas mehr Material steht für den zweiten Zustand zur Verfügung, jedoch mußte auch hier auf sekundäre Quellen zurückgegriffen werden, denn die originalen Pläne sind im Laufe der Zeit verloren gegangen. Für den dritten Zustand sind die originalen Pläne verfügbar und sollen dementsprechend ausgewertet werden. Für alle drei Zustände gilt jedoch, daß das bildliche Material sich auf Außenansichten beschränkt. Für die späteren beiden Zustände des Stadttheaters, bzw. später Schauspielhauses war der Zuschauerraum nur in bildlicher Form, also anhand einer Abbildung greifbar. Dies wirkte sich leider besonders negativ auf eine Beschreibung der inneren Räumlichkeiten aus. Denn Details mußten anhand des geringen Anschauungsmaterials, das zur Verfügung stand, zu kurz kommen oder mußten sogar weg fallen, weil einfach nicht die entsprechenden Daten vorhanden waren und so nicht mehr nachzuvollziehen waren.
Das Thema wird in der folgender Weise im Einzelnen abgearbeitet werden. Begonnen werden soll mit der Schilderung der Chemnitzer Theatergeschichte. Sie soll vor allem verdeutlichen, unter welchen Bedingungen die Theateraufführungen vor dem Bau des Theaters stattfanden. Daneben gibt sie einen Einblick, wie sich die Theaterlandschaft in der stark wachsenden Stadt entwickelte und den Bedürfnissen entsprechend weitere Theater entstanden. Aus diesem Kontext ist verständlich, weshalb der letzte Umbau sich auf eine Nutzung als Schauspielhaus konzentrierte.
Die sich dann anschließenden drei Kapitel gliedern sich entsprechend den vorgefundenen Bauphasen. In jedem dieser Kapitel werden in gleicher Weise zuerst eine Baubeschreibung bzw. Umbaubeschreibung vorangestellt. Dem folgen die Einordnung und der Vergleich mit dem zeitlich entsprechenden theaterbautheoretischen Ansätzen und im Vergleich dazu den praktischen ausgeführten Bauten. Die einzelnen Bauglieder, Zuschauerhaus, Foyer und Restauration bzw. Festsaal, Treppenanlage, Korridore und Bühne, sollen dabei im einzelnen auf ihre Gestaltung und Funktionalität hin untersucht werden.
Ein Schlußkapitel wird die wichtigsten hier dargestellten Erkenntnisse zusammenfassen. Es ist dabei möglich die Bedeutung dieses Baues unter kunsthistorischen, aber auch gesellschaftlichen Gesichtspunkten zu würdigen. Ein kurzer Abriß zeigt noch einmal die architekturtheoretische Entwicklung im Theaterbau während dieser ungefähr 100-jährigen Stadttheatergeschichte und vermittelt einen Ausblick auf grundsätzliche neue Ansätze.
2 Theatergeschichte der Stadt Chemnitz
Fahrende Theatergesellschaften bestimmten bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts die Chemnitzer Theatergeschichte. Ab etwa 1700 sind Theaterzettel nachweisbar. Die ersten Theateraufführungen dürften jedoch wesentlich weiter zurückreichen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde unter freiem Himmel oder im Gewandhaus gespielt. Dieses Gebäude war ein sehr repräsentativer Giebelbau, ursprünglich zwischen 1098 und 1200 erbaut, das 1398 bei einem Stadtbrand völlig abgebrannt und 1498–1500 wieder errichtet wurde. Die Aufführungen fanden unter sehr einfachen Bedingungen im Saal des Gewandhauses statt. Eine Bühne scheint es nicht gegeben zu haben. In einer Ecke war eine Bretterbude für die Schauspieler aufgestellt worden. Ansonsten war der Theaterraum mit Bänken für die Zuschauer und zwei Logen1 für die Bürgermeister ausgestattet.2 Für die Aufführungen im Gewandhaus war jeweils die Genehmigung des Rates einzuholen und eine entsprechende Zahlungen zu leisten. Die Vergabe dieser Genehmigung scheint der Chemnitzer Rat sehr restriktiv gehandhabt zu haben, denn er soll Gesuche der fahrenden Gesellschaften oft abgelehnt haben.3 Es ist nicht nachzuvollziehen, ob dies auch oft an der fraglichen künstlerischen Qualität der Schauspieler gelegen hat oder ob eine generelle Ablehnung gegen Theaterveranstaltungen bestand. Die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen fahrenden Theatergesellschaften waren jedenfalls groß in ihrer volkstümlichen Aufführungsweise. Die gespielten Komödien hatten einen religiösen bzw. moralisch-sentimentalen Inhalt.4 Zumeist wurden sie von Ritterspielen und Hanswurstereien begleitet.5 Für die Theatervorstellungen wurde kein Eintritt verlangt. Die Schauspieler erhielten vom Rat „Verehrungen für ihre Aufführungen“.6
[...]
1 Diese waren offenbar sehr dürftig, denn ein Spottvogel nannte sie Käsekörbe. Festschrift 1951, o. S.
2 A.a.O.
3 A.a.O.
4 A.a.O.
5 A.a.O.
6 Bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts. A.a.O.
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Kay Richter, 2001, Das Stadttheater in Chemnitz, München, GRIN Verlag GmbH
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