I. Vorgeschichte und Ausgangslage zur Kreuzzugsgeschichte
Das Ereignis der Massenbewegung zur Befreiung der Stadt Jerusalems von der muslimischen Herrschaft durch die Christen ab dem Jahr 1095 ist ein beeindruckendes Ereignis in der Menschheitsgeschichte. Sicher gab es schon früher große Bewegungen von Menschenmassen, wie die Völkerwanderungen in der Spätantike zeigt, bei der zahlenmäßig mehr Menschen durch Europa gewandert sind, aber das eine so gewaltige Anzahl von Menschen gleichzeitig einem einzigen Ziel organisiert entgegenläuft, war freilich etwas Neues. Die Tatsache, das die Menschen, die sich auf den Kreuzzug gemacht haben, einer bestimmten Ideologie gefolgt sind, erinnert doch stark an die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Um sich erklären zu können, wie die Geschichte der christlichen Kreuzzüge ihren Anfang durch die päpstliche Propaganda im Jahr 1095 nahm, soll folgende Tabelle auslösende Ereignisse des „heiligen“ Krieges präsentieren:
• Kaiser Konstantin soll laut Urkunde das römische 4. Jhdt Westreich dem römischen Stuhl unterstellt haben • Eine gefälschte Urkunde soll den päpstlichen Anspruch auf 8. Jhdt das vormals römische Spanien begründet haben
846
• Italische Normannen erobern das noch muslimische 1061 - 1067 Sizilien
• französische und Spanische Truppen erobern die 1064
spanische Stadt Barbastro nach 200 Jahren muslimischer Herrschaft zurück • Kampf gegen Ungläubige findet zunehmend mehr Beifall der Kirche; Umrisse eines „heiligen“ Krieges und „christlichen“ Kriegertums zeichnen sich ab; Ritterweihe und kirchliche Waffensegnung ersetzen allmählich germanische Rituale
• Byzanz (Ostrom) hat Süditalien an die Normannen 1071 verloren und Armenien an die Türken; die Staatskasse ist leer und Konstantinopel steckt in politischer Krise; trotzdem entschließt sich Kaiser Romanos zur Rückeroberung Armeniens jedoch unterliegt sein unterbezahltes, unzuverlässiges und schlecht ausgebildetes Heer den von Alp Arslan angeführten Seldschuken • Fortgesetzte Wirren in Konstantinopel verhindern eine ausreichende militärische Präsenz der Byzantiner und
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Christen in Kleinasien, die meisten der byzantinischen Garnisonen in anderen Städten sind türkisch und laufen bald über, christliche Bauern werden vertrieben • Bari, die letzte byzantinische Bastion Kaisers Romanos in Italien fällt an die Normannen • Der türkische Truppenführer Atsiz besetzt kampflos Jerusalem, die Stadt befand sich seit rund 100 Jahren im Besitz des schiitischen Kalifen in Kairo • Die türkische Politik wird geradezu reformiert: Die Sultane haben die arabische Oberschicht aus der Machtposition gedrängt; von nun an rivalisieren die Seldschuken mit den
1078
• Christen werden in Kleinasien Untertanen der Türken,
müssen eine Sondersteuer zahlen, aber sie dürfen ihre Religion weiter ausüben
• in Jerusalem kommt es zu heftigen Kämpfen, am Ende 1076
bleibt die Stadt im Besitz der Türken, nachdem diese unter den schiitischen Muslimen ein Blutbad angerichtet haben; im christlichen Viertel soll es ruhig geblieben sein • türkische Landnahme endet mit der Eroberung Antiochias, 1085
zehn Jahre vor dem Konzil in Clermont
Seefahrer verbindet die Unternehmung mit einer Wallfahrt
nach Jerusalem
• Die Kriegserklärung an die Muslimische Welt durch Papst 18. - 27. Nov Urban II. im Konzil von Clermont in Frankreich
1095
Es zeichnen sich also ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts drei große Krisenregionen im europäischen Raum ab, zum ersten versuchen die Christen im weströmischen Spanien die iberische Halbinsel wieder von den Muslimen zu reinigen, welche zuvor über die Strasse von Gibraltar, einer Meerenge vom afrikanischen auf den europäischen Kontinent übergesiedelt sind. Zweitens herrscht innerhalb der Kirche ein machtpolitischer Konflikt, denn der Primat Roms wurde nicht von dem Oberhaupt der Ostkirche anerkannt. Außerdem kämpft Rom um Landbesitz im Süden Italiens mit den Normannen.
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Drittens wird in Kleinasien ununterbrochen die Vorherrschaft zwischen dem Oströmischen und dem Osmanischen Reich ausgefochten.
Allein aus geographischen Begebenheiten ist klar ersichtlich, das die Christen früher oder später ihren Landbesitz in Kleinasien verlieren würden. Denn es kam laufend zu politischen Spannungen, wo christliche an islamische Staaten grenzten, und die Muslime konnten aus Arabien und dem Kalifat von Kairo, ja aus der gesamt arabischen mittelalterlichen Region ständig neue Truppen beziehen und nachrücken lassen, genau wie auch die Christen in der „Reconquista“ freien Weg nach Spanien über Frankreich hatten. Die Geschichte hat gezeigt, das diese geographischen Vorteile auf beiden Seiten dazu geführt haben, das sich einerseits die Christen in Europa durchgesetzt haben und andererseits Kleinasien mit Konstantinopel ab 1453 nach Jahrhunderten des Krieges letztendlich an die muslimische Welt fiel. Bis dahin bildete noch der Bosporus, die Meerenge, welche das Schwarze und das Ägäische Meer trennt, noch die natürliche Grenze zwischen dem Oströmischen und dem Osmanischen Reich.
II. Die Idee der Gewaltsamen Befreiung Jerusalems
1.) Das Konzil von Clermont: „deus le volt“
In seiner Bedrängnis durch die muslimische Eroberung Kleinasiens, wandte sich der derzeitige byzantinische Kaiser Alexios I. von Konstantinopel mit der Bitte an den Papst, Hilfstruppen zu entsenden. Am 26.11.1095 rief der Papst Urban II. während der Synode von Clermont die christliche Ritterschaft auf, den Brüder im Osten Hilfe zu leisten. Er sprach dabei vor 300 Bischöfen und Äbten und forderte die Befreiung der Kirche von aller weltlichen Gewalt und die Einhaltung des Gottesfriedens. Fulcher von Chartres, ein Kleriker aus Frankreich steht der Reformpolitik von Papst Urban II. nahe. In seiner Niederschrift im Jahre 1101 schilderte er den päpstlichen Aufruf wie folgt: „ ... sie haben die Länder der Christen mehr und mehr besetzt und diese siebenfältig besiegt, wobei viele getötet oder gefangen genommen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn ihr sie
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weiter gewähren lasst, werden sie noch viel weiter die Oberhand über die getreuen Gottes gewinnen.“ 1
Der Kleriker Robert der Mönch aus der Gegend von Reims in Frankreich ist ein bedeutender Chronist dieser Zeit. Er lässt den Papst wesentlich härter an die Sache rangehen und berichtet in seiner Wiedergabe der Rede von muslimischen Gräueltaten, welche das Blut der Gläubigen in Wallungen bringen mussten: „ Sie beschneiden die Christen und das Blut der Beschneidung gießen sie auf den Altar oder in die Taufbecken. Es gefällt ihnen andere zu töten, indem sie ihnen die Bäuche aufschneiden, ein Ende der Gedärme herausziehen und an einen Pfahl binden. Unter Hieben jagen sie sie um den Pfahl, bis die Eingeweide hervordringen und sie tot auf den Boden fallen... Ihr solltet von dem Umstand berührt sein, dass das Heilige Grab unseres Erlösers in der Hand eines unreinen Volkes ist, das die heiligen Stätten schamlos und gotteslästerlich mit seinem Schutz besudelt.“ 2 Ein weiterer Auszug unterstützt die Tatsache, dass Papst Urban II. das Volk wahrlich mit einer Schauder erregenden Rede in Auffuhr und schließlich zu einem Krieg im Namen Gottes brachte:
„ ... Mit herausgequollenen Eingeweiden liegen sie auf dem Boden. Manche binden sie an Pfähle und schießen mit Pfeilen auf sie, sie befehlen andere, ihren Hals freizumachen, und greifen sie mit gezogenen Schwertern an , um zu sehen, ob sie ihre Köpfe mit einem einzigen Schlag abtrennen können.“ Am Ende seines Plädoyers rief der Papst die Anwesenden auf, einen Kriegszug zur Vertreibung der Türken aus Kleinasien zu predigen. Zu dieser Zeit mussten die Gläubiger die kanonischen Vorschriften der Kirche befolgen. Die Vermeidung von Handlungen, die als sündhaft galten erforderten die Willensstärke von Heiligen. „ Er mahnte die Christen an ihre Pflicht, für die Ausbreitung ihres Glaubens zu kämpfen. Die verhängten Bußstrafen bei Missachtung waren sehr kostspielig; zudem wurde die Gläubiger mit zeitlichen Sündenstrafen bedroht.
„Der Papst sprach, wie man noch nie einen Menschen hatte sprechen hören. >> Nicht er hat geredet, Gott hat aus ihm gesprochen<<, sagten viele. Die Zuhörer schrieen und weinten. Donnernde Sprechchöre erhoben sich >>Deus le volt-Gott will es!<<. 3
1 Peter Milger, Die Kreuzzüge, S.10
2 Peter Milger, Die Kreuzzüge, S.10
3 vgl. Reinhard Barth, in: Stern Millennium. Der Kampf um Jerusalem. S. 20-21
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Arbeit zitieren:
Horst Granderath, 2003, Heilserwartungsbewegung in den Kreuzzügen, München, GRIN Verlag GmbH
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