1. Einleitung 4
2. Sadismus in der Gesellschaft 4
3. Sadismus als soziales Handeln 9
3.1 Vampirismus 12
3.2 Kannibalismus 13
4. Therapiemöglichkeit 15
5. Zur sozialen Symbolik 16
6. Literatur 18
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1. Einleitung
Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Leberwurst aus dir, warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir.
(Alfred Döblin 1929)
Zwischen 1918 und 1924 tötete der Hannoveraner Fritz Haarmann 26 Männer, trank ihr Blut und verkaufte sie gerüchteweise als Fleisch.
Fälle wie dieser, von Vampirismus und Kannibalismus, tauchten in den letzten Jahrzehnten immer wieder auf und wurden mit großer Anteilnahme von der Öffentlichkeit verfolgt. Zuletzt gelangte der sogenannte „Kannibale von Rotenburg“ zu einer gewissen Popularität. Dieser hatte über das Internet Kontakt zu seinem Opfer hergestellt, es geschlachtet und anschließend in Stücken verspeist. Obgleich diese Tat an Grausamkeit und Ekelhaftigkeit wohl kaum zu übertreffen ist, verfolgte die Bevölkerung diese Geschichte interessiert und in allen Einzelheiten. Doch woher rührt diese nachhaltige Aufmerksamkeit?
Angeregt durch diese Tat habe ich mich in der vorliegenden Hausarbeit mit dem Phänomen des Sadismus beschäftigt. Ausgehend von der Feststellung, dass sadistische Tendenzen allgegenwärtig in der Gesellschaft vorhanden sind, habe ich mich anschließend mit Formen des Sadismus befasst, die nicht als harmlos, wie zum Beispiel der Sadomasochismus, anzusehen sind. Indem der Sadismus in das soziale Handeln eingreift bekommt er seinen bedrohlichen Charakter. Ich versuche Ursachen und Hintergründe für sadistische Taten aufzuzeigen und anschließend zwei exemplarische Fälle von Vampirismus und Kannibalismus darzustellen. Abschließend habe ich mir die Frage nach der sozialen Symbolik der Taten gestellt. Erklären uns die „Monster“ in der unübersichtlichen Welt, was das Böse ist, oder liegt das Faszinosum der Taten doch in etwas anderem begründet?
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2. Sadismus in der Gesellschaft
„... vierundachtzig, fünfundachtzig, sechsundachtzig...“: Der barfüßige Mann im Bademantel zählt mit, während die Frau im engen, seitlich geschlitzten Kleid anscheinend ebenso kraftvoll wie mühelos mit einer langen, geschmeidigen Reitgerte zuschlägt. ... „Jetzt!“. ... Augenblicklich setzen die Peitschenhiebe aus, der Mann in Socken mit dem dicken Penis zieht die Flamme des Bunsenbrenners zur Seite, und der Mann in Jeans und Lederwams drückt blitzschnell der auf der Holzpritsche liegenden Frau das glühende Eisen auf die linke Gesäßbacke. Ein leises Zischen ist zugleich mit einem unterdrückten Schmerzenslaut und dem Klicken eines Fotoapparates zu vernehmen, das der Mann in Straßenkleidung ausgelöst hat. ... Die Frau mit dem frischen Brandzeichen wird losgebunden. Champagner wird gereicht. (Hitzler 1993: 228f)
Der Soziologe Ronald Hitzler gewährt in diesem Auszug einen „Einblick in
die kleine Lebenswelt des Algophilen“ 1 . Er beschreibt eine Party, auf deren „Höhepunkt“ eine Person mit einem Brandzeichen versehen wird.
In der sadomasochistischen Szene können Individuen ihre Phantasien von der Gesellschaft unbeobachtet ausleben. Die „Ketten der Kultur“ (Sofsky
1996:212) erfordern ein Doppelleben, denn durch die Koppelung von Gewalt und Sexualität wird ein gesellschaftliches Tabuthema tangiert, wodurch die Personen als „psychopathisch, krank, gefährlich und
degeneriert“ (Spengler 1 979:36) stigmatisiert werden. Aus Moral und Sittlichkeitsempfinden wird eine „Soll-Norm“ für die Gesellschaft formuliert,
die als „grenzsetzendes Regulativ“ (Dannecker/Schmidt/Sigusch 1993:6) wirkt und alles nicht dem Richtmaß entsprechende hinter die unsichtbare Demarkationslinie von Sitte und Kultur verbannt. Die Einordnung in die
Kategorien „Normal“ oder „Anormal“ geschieht kulturabhängig und ist vergleichsweise beliebig – was sich insbesondere an verschiedenen
Formen der Sexualität zeigt. An einem hochstilisierten Bild einer normgerechten Liebeswirklichkeit, wie zum Beispiel der Ehe, werden die Abweichungen gemessen und in den Bereich des Widernatürlichen
sortiert.
1 Algolanie: sexuelle Lustempfindung beim Erleiden od. Zufügen von Schmerzen (Med.); vgl. Masochismus, Sadismus (Dudenverlag, Fremdwörterlexikon)
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Im Folgenden soll deutlich werden, dass sexuelle Variationen „nicht allein das Problem einzelner Devianter, einiger weniger ,Perverser‘ und ,Kranker‘“ (Schorsch/Becker 1977:42) sind sondern eine latente Bereitschaft in der Bevölkerung vorhanden ist, sich von dieser Thematik infizieren zu lassen: „Sadismus und Perversionen überhaupt scheinen Möglichkeiten in uns zu sein, zu denen wir fähig sind und die uns deshalb gefährlich nahe sind.“ (Dannecker/Schmidt/Sigusch 1993:33).
Sadismus, benannt nach dem französischen Schriftsteller Marquis de
Sade 2 , bezeichnet „jedes Verhalten, das auf die Demütigung, die Herabsetzung, das [unter Umständen nur seelische] Quälen eines anderen Menschen abzielt“ (Lexikon zur Soziologie 1995: Sadismus). Das sogenannte Milgram-Experiment zeigt eindrucksvoll, dass
drei Viertel der Durchschnittsbevölkerung [...] durch eine pseudo- wissenschaftliche Autorität dazu gebracht werden [kann], in bedingungslosem Gehorsam einen ihnen völlig unbekannten, unschuldigen Menschen zu quälen, zu foltern, ja zu liquidieren. (Milgram 2000)
In dieser Forschungssituation, getarnt als ein Gedächtnistest, waren die Versuchspersonen ohne die Androhung von Sanktionen oder Gewalt dazu bereit, den „Schülern“ Elektroschocks zu verabreichen, die in der Wirklichkeit bis zum Tode hätten führen können. Das Bewusstsein über ein sadistische Potential muss nicht vorhanden sein, dennoch scheint diese Art des Handelns, die im Alltag Abscheu oder Irritationen auslöst, ein Teil jeder Persönlichkeit zu sein. Peter Fink spricht diesbezüglich von zwei Kräften, die in jedem Menschen stecken: „Sexualität und Aggressionen.“(Fink 2000:161) Obwohl beim Milgram-Experiment der erotische Aspekt fehlte, gibt es außerhalb des Labors in der Geschichte genügend Beispiele dafür, dass unter besonderen Umständen sadistisch-erotisches Handeln zum
2 Dieser beschrieb im 18. Jahrhundert in seinen Werken detailliert sexuelle Perversionen und Gräueltaten.
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Arbeit zitieren:
Melanie Füller, 2004, Sadismus als soziales Handeln, München, GRIN Verlag GmbH
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