Gliederung
0. Vorwort 9
1. Einführung 11
2. Physikalische Betrachtung 13
2.1. Grundlagen der Farbphysik 13
2.2. Wärmestrahlung 14
2.3. Physikalische Untersuchungen und Experimente 15
2.3.1. Spektralanalyse 15
2.3.2. Infrarotuntersuchung 20
2.4. Zusammenfassung 28
3. Physiologie 29
3.1. Grundlagen der Physiologie 29
3.1.1. Lichtrezeption in der Pflanzenwelt 30
3.1.2. Aufbau und Funktion des tierischen Sehapparates 32
3.1.3. Anpassung an die Umwelt 38
3.1.4. Aufbau und Funktion des menschlichen Auges 39
3.2. Farbraumexperimente 42
3.2.1. Problemstellung 42
3.2.2. Physikalische Ursachen beim Farbraumexperiment 46
3.2.3. Empirische Untersuchung zum Farbraum 47
3.2.4. Auswertung 48
3.2.4.1. Rot 48
3.2.4.2. Blau 51
3.3. Bedeutung der Farbe in der menschlichen Evolution 52
3.4. Zusammenfassung 56
4. Kulturelle Entwicklung 57
4.1. Europäischer Kulturkreis 59
4.1.1. Die Farbe Rot- Farbstoffe 59
4.1.2. Symbolische und traditionelle Wirkung des Archetyps Rot 62
4.1.3. Die Farbe Blau- Farbstoffe 68
4.1.4. Symbolische und traditionelle Wirkung des Archetyps Blau 70
4.2. Chinesische Farblehre 79
4.3. Farben im alten Ägypten 85
4.4. Farben im islamischen Kulturkreis 90
4.5. Zusammenfassung 97
5. Psychologie 103
5.1. Farbpsychologie 103
5.2. Synästhetik 104
5.3. Farbeinsatz in der Werbung 108
5.3.1. Statistische Untersuchungen zur Werbung 109
5.3.2. Zusammenfassung 123
6. Farbtheoretische Aussagen zum Warm- Kalt- Kontrast 125
6.1. Goethes Farblehre 126
7
6.1.1. Goethes experimenteller Nachweis zur Farbtemperatur 130 6.2. Kandinskys Farblehre 134 6.3. Ittens Farblehre 137
6.4. Vergleichende Untersuchungen zu den farbtheoretischen Aussagen zum Warm- Kalt- Kontrast 139 6.4.1. Assoziationsmalerei 139
6.4.2. Rangbestimmung von einzelnen Farbtönen hinsichtlich der Temperaturwirkung 6.4.3. Rangbestimmung von Farbkombinationen
6.5. Zusammenfassung 7. Farbe als bildnerisches Mittel 167 7.1. Bildanalyse 170 7.1.1. Henri Matisse: „Das Gespräch“, 1911 172
7.1.2. Edvard Munch: „Der Schrei“, 1893 173
7.1.3. Edvard Munch: „Liegender Akt“, 1912 175
7.1.4. Vincent van Gogh: „Der Gymnasiast“, 1890 176
7.1.5. Max Beckmann: „Geschwister“, 1933 177
7.1.6. Pablo Picasso: „Die Tragödie“, 1903 179
7.1.7. Marianne von Werefkin: „Tragische Stimmung“, 1910 7.2. Auswertung 183 7.3. Zusammenfassung 185 8. Fazit und Diskussion 195 9. Literaturverzeichnis 203 10. Abbildungsverzeichnis 209
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0. Vorwort
Warum erscheint uns ein rotes Zimmer wärmer als ein ebensolches Zimmer mit einem hellblauen Anstrich? In dem roten Raum fühlen wir uns noch behaglich, während uns in dem hellblauen bereits fröstelt. Diese Empfindung teilen die meisten Menschen, auch wenn die Temperatur der beiden Räume in Wirklichkeit gleich ist.
Diesem Phänomen versucht das Buch auf die Spur zu kommen. Es sollen die Temperaturwirkung von Farben auf den Menschen genauer untersucht und die Ursachen dafür geklärt werden. Dabei werden die Formulierungen des Warm-Kalt- Kontrastes, wie sie aus der bildenden Kunst bekannt sind als Farbgrundlage angenommen und entsprechend der im Folgenden dargestellten Untersuchungsergebnisse konkretisiert.
Farben gehören für uns mehr oder weniger zur Normalität des Alltags. Nur noch selten erfreuen wir uns ganz bewusst der Vielfalt und Schönheit unserer bunten Welt. Viele Menschen arbeiten ausschließlich geistig, sei es beispielsweise in der Verwaltung oder in der Informatik. Am Ende eines Arbeitstages fehlt ihnen dann etwas Konkretes, wovon sie sagen können: „Das habe ich heute gemacht, das ist meine Leistung!“. Die Gesellschaften wachsen und werden immer komplexer in ihren Rechts- und Verwaltungssystemen. Was daraus folgt ist eine Entfremdung des Menschen von seinen Ursprüngen, die in einer zunehmenden Unzufriedenheit Ausdruck findet. Viele Menschen sind immer auf der Suche nach etwas was ihr Leben noch interessanter, noch aufregender und erfüllter macht. Schnelllebigkeit ist eins der Schlagwörter unserer Zeit. Dieses Problem lässt sich bis in die Schulen hinein verfolgen, vielleicht liegt hier sogar eine der Ursachen. In kürzester Zeit wird so viel Wissen als möglich vermittelt. Theoretisch sollen dabei auch soziale Kompetenz und ein gesundes Verhältnis zu den Sinnen einbezogen werden, praktisch ist das angesichts der vollen Lehrpläne und der großen Klassen kaum möglich. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo in erster Linie die Ergebnisse zählen. Der Ruf nach den Ursprüngen und der Rückkehr zur Natürlichkeit ist eine logische Konsequenz der einseitigen Forderung des Menschen. Ein Leben ohne Farben wäre heute überhaupt nicht mehr denkbar. Farben dienen als Unterscheidungsmerkmal der Dinge in unserer natürlichen und gebauten Umwelt. Farbige Kleidung und Wohnräume spiegeln die Persönlichkeit der Menschen wider. Farben sind ein fester Bestandteil der uns geläufigen Symbolik, wie beispielsweise in der Werbung oder bei der Verkehrsordnung. In nahezu allen Lebensbereichen sind sie immanent. Oft spielen Modetrends eine Rolle, so dass bei vielen Menschen die ursprüngliche Affinität zu Farben nach und nach in den Hintergrund gedrängt wurde. Mit Regeln versucht die Gesellschaft dort Harmonie zu schaffen, wo man beim Menschen glaubt keine natürliche mehr zu finden. Ein Beispiel sind die Vorschriften, die von den Städten bezüglich der Farben für Häuserfassaden
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vorgeschrieben werden. Lebhafte Farben werden meist vermieden, Ton in Ton wird bevorzugt.
Im Vergleich dazu finden sich in den Ländern der Dritten Welt, wie beispielsweise in Peru, Afrika oder in Indien oftmals die leuchtendsten Farben in der Kleidung und den Häusern der Menschen. Solche Farbgebungen zeugen von einem natürlichen und unvoreingenommenen Verhältnis zur Farbe, da die bunten Gewänder und Häuser auch ohne Reglement, auf eine ungezwungene Art und Weise ein Gefühl von Lebensfreude vermitteln. Für den Gebrauch von Farben gibt es eine Vielzahl von Modellen der Farbtheorie, die teils wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge der Farben untereinander darstellen, andererseits jedoch Anspruch darauf erheben von den meisten Menschen in ähnlicher Art und Weise empfunden zu werden. Die Verbindung des Menschen zu seinen Empfindungen und damit auch die zu seinem Farbempfinden ist jedoch in unserer heutigen, angepassten Gesellschaft nicht zuletzt durch die Regeln und die Mode der Zivilisation verschüttet gegangen. Im Kunstunterricht werden Farbmodelle oftmals ungefragt angewendet, ohne sich auf die Ursachen zu besinnen. Das trifft in besonderem Maße für die Kontraste zu, welche auf rein psychischen Empfindungen zu beruhen scheinen. Der Warm- Kalt- Kontrast ist ein solches Modell, was bislang ohne andere, als assoziative Ursachen auskam. Im Zuge der eingangs beschriebenen Entwicklung der Zivilisation, wird eine Ursachenforschung mehr und mehr notwendig, da der Mensch neben dem Verlust der ureigenen Empfindungen nunmehr ein gesteigertes Interesse an den Zusammenhängen und Wirkungsweisen aller Modelle, welche die Welt beschreiben hegt.
Um herauszufinden warum rote Räume ein intensiveres Wärmegefühl hervorrufen als blaue, oder ob nicht gelbe Räume noch viel wärmer wirken, werden im Folgenden verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Ausgehend von den farblichen Bestimmungen des Warm- Kalt- Kontrastes werden diese Farben nach ihren physikalischen, physiologischen und psychologischen Eigenschaften hin untersucht. Ziel ist zum einen, herauszufinden welche Eigenschaften für die Temperaturwirkung verantwortlich sind, zum anderen werden die Farben gesucht, welche die stärkste Wärme- oder Kälteempfindung beim Menschen auslösen. Das sind dann gleichzeitig die Polfarben des Warm-Kalt- Kontrastes, die bislang noch nicht eindeutig bestimmt und festgelegt werden konnten.
In einem abschliessenden Teil soll darüber hinaus veranschaulicht werden, welche sinnbildliche Funktionen der Warm- Kalt- Kontrast in der bildenden Kunst einnimmt, um auf diese Weise eine Nutzung im bildkünstlerischen Bereich zu ermöglichen.
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1. Einführung
Unser gesamtes Sehvermögen beruht auf der Wahrnehmung von Kontrasten.
„Wahrnehmen heißt Unterschiede feststellen. Da kein Zeichen für sich allein wahrgenommen werden kann, vielmehr Sehen ein antithetischer Vorgang ist,...“ 1
So wäre Schwarz als die völlige Abwesenheit von Licht nicht ohne Weiß, das reine Licht denkbar, da es sich in diesem Fall sogar über den Gegenpart definiert. Farbgesetze oder -kontraste entstanden als modellhaft formulierte Hilfen beim Umgang mit der Farbe. Die Kenntnis solch kontrastierender Farbpaare ist u.a. für die bildkünstlerische Arbeit wichtig, da sie im Bildaufbau bei der Erzeugung von Bildspannung hilft.
Meist wird der Warm- Kalt- Kontrast in einer Reihe mit dem Farb- an- sich-Kontrast, dem Simultankontrast, dem Qualitätskontrast, dem Quantitätskontrast und dem Komplementärkontrast genannt.
Der Komplementär- oder der Simultankontrast werden anhand objektiv überprüfbarer Gesetzmäßigkeiten aus der Physik (Komplementärkontrast) oder der Physiologie (Komplementär- und Simultankontrast) begründet. Diese Kontraste erscheinen als mehr oder weniger stabile Gesetzmäßigkeiten, bei denen keine bedeutenden Änderungen durch neuere Forschungen zu erwarten sind.
Der Warm- Kalt- Kontrast besagt, es gäbe Farben die eine warme und solche, die eine kalte Temperaturwirkung beim Betrachter bedingen. Bislang ist der Verweis auf subjektive Erfahrungen des Menschen die einzige Grundlage für den Warm- Kalt- Kontrast. Damit hebt er sich in den Lehrbüchern der Kunsterziehung von den restlichen, objektiv begründeten Farbkontrasten ab. Aufgrund dieser Subjektivität konnte bisher auch keine Einigung über eine endgültige Fassung des Warm- Kalt- Kontrastes erzielt werden, so dass unterschiedliche Aussagen über die Pole Anwendung finden.
Die ältesten Überlegungen zur Farbtemperatur stützen sich auf die Lehre von den vier Temperamenten, bei denen aus einem spirituellen Gedankengang heraus Weiß als die wärmste Farbe eingestuft wurde. In einem Lexikon von 1727 findet sich die erste farbtheoretische Aussage zur Empfindung von Farbtemperaturen:
„ daz die maler die blauen farben kalte farben nennen, engl. cold, die gelben warme“ 2
2 Gage, John, Die Sprache der Farben, 1999, S. 22
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In einem Farbsystem taucht der Warm- Kalt- Kontrast offiziell erstmals 1813 im Farbkreis von Charles Hayter auf, obwohl er auch schon vorher von Malern genutzt wurde. 3
Obwohl der Warm- Kalt Kontrast in fast allen kunsttheoretischen Schriften und Lehrbüchern einen festen Platz inne hat, gibt es bis heute weder eine eindeutige Festlegung welche Farben einen warmen oder kalten Eindruck hinterlassen, noch wurde eine unwiderlegbare Begründung für diese Wirkung gefunden. Mehr oder weniger übereinstimmend erklären die verschiedenen Kunsttheorien, dass die roten und gelben Töne der Wärme und die blauen und grünen der Kälte zuzuordnen sind. Unterschiedlich sind hingegen die Aussagen darüber, welches Farbpaar den größten Temperaturkontrast verkörpert. Konkret werden in diesem Buch die kunsttheoretischen Aussagen zur Polsetzung des Warm- Kalt- Kontrastes von Goethe, Kandinsky und von dem Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten miteinander verglichen. Die Ansichten der genannten Kunsttheoretiker stehen exemplarisch für die gespaltene Meinung der Kunsttheorie bei der Bestimmung des Warm- Kalt-Kontrastes. Neben der Annahme verschiedenen Polfarben unterscheiden sich auch deren Aussagen zu den Grundlagen des Kontrastes. Während Kandinsky von der Eigenwirkung der Farben ausgeht und sagt, dass auch Menschen ohne visuelle Erfahrungen die Farben in gleicher Art und Weise erleben, präferiert Goethe einen visuellen Erfahrungsgrundschatz, der kulturell gelernt wird. Die im Buch dargestellten Untersuchungen sollen dazu beitragen eine der dargestellten Positionen zu stützen oder sie zu verwerfen und am Ende den Warm- Kalt- Kontrast auf zwei Pole festzulegen.
Daneben soll den Ursachen der Temperaturwirkung von Farben die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Eine grundlegende Untersuchung, ob Farben objektiv nachweisbar eine Temperaturwirkung bedingen steht bislang aus und soll als Basis für die Auseinandersetzung mit dem Warm- Kalt- Kontrast dienen. Physikalische Untersuchungen geben hierüber Aufschluss. Des weiteren soll die Frage beantwortet werden, ob die Temperaturwirkung der Farben auch auf physiologische oder psychologische Ursachen zurückzuführen ist. Eine bedeutende Rolle wird dabei die Frage nach der evolutionär begründeten Sinnhaftigkeit spielen. Ziel ist es zu zeigen, dass es grundsätzlich auch im Bereich der Farbwirkung kausale Zusammenhänge gibt.
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2. Physikalische Betrachtung
Die physikalischen Merkmale des Warm- Kalt- Kontrastes liefern mess- und vergleichbare Ergebnisse, welche die Grundlage für objektive Aussagen zu Farbwirkungen bilden können. Untersucht wird, worin der Charakter von Farben rein physikalisch besteht und welche Gesetzmäßigkeiten sich hinsichtlich einer wissenschaftlich nachweisbaren Wärmewirkung daraus ergeben. So besteht die Möglichkeit, dass die Empfindung von warmen und kalten Farben auf einer tatsächlichen Temperaturstrahlung beruht. Ein rotes Zimmer würde damit aufgrund der Farbgebung zu einer tatsächlichen Erwärmung des Raumes führen, während ein blaues Zimmer entweder keine, oder eine abkühlende Wirkung auf die Zimmertemperatur ausüben könnte. Wenn das so wäre, müssten die Farbtöne mit der stärksten beziehungsweise niedrigsten Wärmewirkung physikalisch festzustellen sein. Damit wäre eine schlüssige Erklärung für die Temperaturwirkung von Farben gegeben. Um die Ergebnisse dieses Kapitels auf eine umfassende Recherche zu stützen, wurden neben den Material- auch die Lichtfarben in die Untersuchungen einbezogen.
2.1. Grundlagen der Farbphysik
Alles Leben auf der Erde entwickelte sich unter der Sonne. Von der auf der Erde ankommenden Strahlung nehmen wir nur eine gewisse Bandbreite wahr. Dieser Ausschnitt war ausreichend für die, im Zuge seiner Entwicklung, entstandenen Reaktionsmöglichkeiten des Menschen auf die Umwelt. Nur Strahlungen der Wellenlänge von ca. 380- 780 nm können beim Auge einen Helligkeits- und Farbeindruck hervorrufen.
Die anderen Wellenlängen üben eine eigene Wirkung auf den menschlichen Organismus aus, diese kann jedoch nicht mit den Augen erfasst werden. (z.B.: wird infrarote Strahlung als Wärme wahrgenommen; Röntgen- und Gammastrahlung schädigt den Organismus, wie man am einfachsten an den Wirkungen von Kernstrahlung ersehen kann)
Weißes Licht besteht aus einer Kombination aller Farben. Die Farben, welche durch Brechung erscheinen und nicht weiter zerlegbar sind werden Spektralfarben genannt.
Licht ist nicht immer weiß, es kann entsprechend der atomaren Zusammensetzung des Strahlers zu den einzelnen Spektralfarben hin verschoben sein. (So ist Kerzenlicht eher gelb, das von brennendem Lithium rot und brennender Schwefel führt zu einer blauen Flammenfärbung.) Die Färbung des Lichtes hat Einfluss auf die jeweiligen Gegenstandsfarben. So kann sich beispielsweise die Farbe einer Blume allein durch die Stellung der Sonne (Abendrot) ändern. Bei der Bestrahlung mit farbigem Licht entsteht beim Betrachter ein Farbeindruck, der den Gesetzen der subtraktiven Farbmischung folgt. Wird beispielsweise eine cyan- blaue Fläche mit rotem Licht bestrahlt,
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entsteht der Farbeindruck Schwarz. Wird die gleiche Fläche dagegen mit gelben Licht bestrahlt, entsteht der Farbeindruck Grün. 4 Dass man Gegenstände farbig wahrnehmen kann, liegt jedoch nicht nur daran, dass sie angestrahlt werden.
Allgemein ausgedrückt, hängt die Farbgebung eines Gegenstandes immer von dessen Reflexions- und Absorptionsvermögens ab. Ist das Material des Gegenstandes so beschaffen, dass er gleichmäßig alle einfallende Strahlung reflektiert, erscheint er als Weiß. Ist das Gegenteil der Fall und der Gegenstand absorbiert alle Wellenlängen, erscheint er uns als Schwarz. Je nachdem welche Wellenlänge reflektiert wird, entsteht für uns ein der Reflexion entsprechender Farbeindruck. Z.B.: Eine Fläche erscheint grün, wenn sie nur die mittelwellige Strahlung reflektiert und die kurz- und langwellige absorbiert. Werden mehrere Wellenbereiche reflektiert, entsteht eine Mischfarbe aus den reflektierten Lichtstrahlen (additive Farbmischung). Dies kann man als Gesetzmäßigkeit ansehen, vorausgesetzt das bestrahlte Material (Fläche) hat die Eigenschaft alle Wellenbereiche gleichmäßig zu reflektieren (es ist also bei normalem Tageslicht weiß).
Entsprechend ihrer spezifischen Materialeigenschaften, werden von vielen Gegenständen nicht alle Wellenbereiche gleich reflektiert. Je nach Absorptions-und Reflektionsvermögen erscheinen diese Gegenstände bei Tageslicht in einer bestimmten Farbe.
2.2. Wärmestrahlung
Die Sonne, unsere wichtigste Licht- und Wärmequelle, ist ein Temperaturstrahler. Das heißt, auf ihrer Oberfläche herrschen ca. 6000K und sie emittiert u.a. auch Infrarotstrahlung. 5
Die Farbe des ausgesendeten Lichtes wird von der Temperatur der Lichtquelle beeinflusst, der sogenannten Farbtemperatur. Aufgrund der hohen Temperaturen auf der Sonne ist ihr Licht weiß.
Zum Vergleich: Glühendes Eisen strahlt bei allmählicher Erhitzung zunächst rotes Licht aus. Je höher die Temperatur wird, desto kürzere Wellenbereiche werden mit ausgesendet. Das bedeutet, bei Erhitzung ändert sich die Farbe des Lichtes von Rot über Gelb bis hin zu Weiß, wenn die Temperatur so hoch ist, dass alle Wellenbereiche ausgesendet werden. Weißglut ist in der Natur ein Synonym für die größte Wärmestrahlung. 6 Bei der Verwendung des Wortes „Wärme“ ist der Unterschied in der Begrifflichkeit zu beachten. Reden wir von Wärme im physikalischen Sinn, ist damit eine messbare Größe gemeint, welche auf einen physikalischen Begriffden der Bewegung, reduziert werden kann. Diese vollständige Reduktion wurde
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möglich durch die Entwicklung der statistischen Thermodynamik, welche Wärme als Bewegungen von Atomen definiert. 7
Damit geht jedoch ein Verlust all unserer Alltagserfahrungen von Wärme einher. Auch wenn sich der physikalische Wärmebegriff aus den Alltagserfahrungen ableitet, liegen Welten zwischen der physikalischen und der lebensweltlichen Größe.
Die gefühlsmäßige Erfassung von Wärme hat nichts mit der Bewegung von Atomen zu tun, sie ist vielmehr eine direkte Empfindung, so dass die physikalische Reduktion lediglich ein Hilfsmittel zur Beschreibung der Welt darstellt, das den Vorteil der Messbarkeit mit sich bringt. Sprechen wir dagegen von der Wärmewirkung von Farben, ist damit zunächst eine direkte Wirkung auf das Befinden des Menschen gemeint. Dieses Kapitel soll zeigen ob es dabei bleiben muss, oder ob man eine physikalische Basis findet, welche den bereits genannten Vorteil eines messbaren Vergleichs und der Objektivität mit sich bringt. 8
2.3. Physikalische Untersuchungen und Experimente
2.3.1. Spektralanalyse
Mit dem nachfolgend dargestellten Experiment sollte herausgefunden werden, ob es Unterschiede im infraroten Reflexionsspektrum von roten und blauen Farbtönen gibt.
Rot liegt als langwelligste sichtbare Farbe in unmittelbarer Nachbarschaft zum Infrarot, welches wir als Wärmestrahlung empfinden. Blau befindet sich im Farbspektrum an der gegenüberliegenden Seite und ist somit von den sichtbaren Farben „am weitesten“ vom Infrarot entfernt. 9
Theoretisch wäre es möglich, dass der rote Farbträger eine höhere Frequenz im Infrarotspektrum aufweist, was eine tatsächliche Wärmestrahlung zur Folge hätte. Diese könnte vom Menschen als Temperaturwirkung wahrgenommen werden.
Gibt es einen höheren Reflexionsgrad im Infrarotbereich bei den roten Farbtönen, müsste die entsprechende Frequenz mit einer Spektralanalyse erkennbar sein.
Verwendet wurde für diese Untersuchung ein Spektrometer, welches die Reflexion (R) im Bereich von 350- 2500 nm misst.
Bei dem Experiment wurden ca. 50 Blau- und Rottöne, sowie Vergleichsfarben aus dem Gelb- und Orangebereich vermessen. Die Auswahl der Farben orientierte zum einen auf eine große Bandbreite und zum anderen auf eine repräsentative Materialfülle (Farbgrund).
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Der Infrarotbereich liegt in den abgebildeten Diagrammen im Bereich von ca. 780- 2500 nm. Weist das Diagramm einen hohen Infrarotanteil auf, verfügt die untersuchte Farbe über eine starke Wärmereflexion. Um zu einem relevanten Ergebnis zu kommen, werden die Spektren der blauen und der roten Farben hinsichtlich ihres Infrarotanteils miteinander verglichen. Für eine Bestätigung der These, dass die vom Menschen in Versuchen festgestellte Wärmewirkung von Blau und Rot einen physikalisch nachweisbaren Hintergrund hat, müsste durchgängig bei allen Rottönen eine höhere Infrarotfrequenz auftreten als bei den blauen. Anhand der vorliegenden Diagramme wird deutlich, dass die Frequenzhöhe der Infrarotstrahlung unabhängig von der Farbe ist. So ist beispielsweise beim Spektrum der Farbe Blau 1 eine höhere Infrarotstrahlung feststellbar als beim Spektrum Rot 3. Weitere Beispiele finden sich in der hier abgebildeten Tabelle, wobei sich die angegebenen Werte lediglich auf das Maximum der Infrarotreflexion beziehen. Die im oberen Bereich (2000-2500 nm) auftretenden Schwankungen stammen von der Interferenz, welche in dem Abstand zwischen Ober- und Unterkante des Papiermusters begründet ist. Sehr gut sichtbar wird das beispielsweise bei den Diagrammen Rot 2, Blau 3 und Gelb 1, welche die Reflexion von Farbproben des gleichen Papiers darstellen. Für die Ergebnisbetrachtung sind diese Schwankungen nicht relevant.
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Tab. 2.1. Infrarotreflexion
Interessant ist, dass diese Interferenzmuster bei unterschiedlichen Farben und gleicher Papiersorte fast identisch sind.
Die Vermutung wird durch die Gesamtheit der Versuche bestätigt: das Reflexionsvermögen einer Farbe im Infrarotbereich ist abhängig vom Material und nicht von der Farbgebung desselben. Das bedeutet, erscheint die gleiche Papiersorte einmal in Blau und einmal in Rot, ergibt die Analyse am Spektrometer für beide Papiere eine fast identischen Reflexionskurve. Einen Einfluss auf die Reflexion haben ebenfalls die einzelnen Bestandteile der Farben und Papiere, wie Bindungsmittel oder verschiedene Leimsorten. Die Frage nach einer präzisen Formel, welche den Zusammenhang von Reflexion und atomarer Beschaffenheit des überprüften Materials klärt, scheint in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit nicht relevant. Wichtig ist hingegen der erfolgte Nachweis, dass es keine physikalische Erklärung für die im Farbraumexperiment auftretende unterschiedliche Wärmewirkung von roten und blauen Farbtönen gibt.
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2.3.2. Infrarotuntersuchung
Aus den bisherigen Untersuchungen ergab sich, dass physikalisch betrachtet keine messbare Verbindung von Farbgebung und Wärmewirkung besteht. Die daraus abzuleitende Fragestellung ist die nach einen möglichen Bezug von Farbe und Trägermaterial. So ist es durchaus denkbar, dass die Färbung eines Materials, wie z.B. einer Zimmerwand, das Wärmeverhalten derselben beeinflusst. Untersucht werden muss demnach, ob eine rote Farbe zu einer stärkeren Erwärmung des Trägermateriales führt als eine blaue. Bei dieser Untersuchung sollen aus physikalischen Erwägungen heraus neben Rot- und Blautönen auch Schwarz und Weiß einbezogen werden. Schwarz und Weiß werden in der bildenden Kunst nicht zu den Farben gerechnet, sondern als Töne beziehungsweise unbunte Farben bezeichnet.
„So wie die Pole Weiß und Schwarz den hellsten und den dunkelsten Ton darstellen,...“ 10
Weiß wird als das ausgeglichene Spektrum aller Wellenlängen des sichtbaren Lichtes definiert und Schwarz wird äquivalent als die völlige Abwesenheit von Licht (theoretisch nur im schwarzen Strahler erreichbar) bezeichnet. 11 Des weiteren stützt sich die Farbausgliederung von Schwarz und Weiß auf den menschlichen Sehapparat, der zwei separate Sehsysteme aufweist, zum einen das Farbsehen mit den Zäpfchen und zum anderen das Hell- Dunkelsehen mit Hilfe der Stäbchen. 12
Unter dieser Voraussetzung werden Schwarz und Weiß in bildkünstlerischen Modellen gesondert behandelt und nicht als Farben bezeichnet. Dabei liegt jedoch ein Fehler vor.
Sowohl in der Gestaltung der Lebenswelt, als auch beim bildnerischen Einsatz werden Schwarz und Weiß als Materialfarben aus Pigmenten zusammengestellt und fallen somit in den Bereich der Materialfarben! Das heißt, sie haben eine verwandte Konsistenz zu den Buntfarben und werden in der gleichen Art und Weise beim bildnerischen Gestalten eingesetzt. 13 Menschen ohne farbtheoretische Vorbildung, sprich die alten Kulturen der Menschheit oder auch Schüler, die sich noch nicht mit kunstästhetischen Theorien auseinandergesetzt haben, verwenden alle Farben ohne Unterschied. Da insbesondere der Warm- Kalt- Kontrast versucht Urbefindlichkeiten zu erklären, wäre es falsch, auf der Trennung von bunten und unbunten Farben zu bestehen und lediglich eins dieser Modelle zu hinterfragen. Nach dieser Ansicht müssen auch die unbunten Farben in Bezug auf die Untersuchungen des Warm-Kalt- Kontrast mit einbezogen werden.
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Stellen wir uns unterschiedlich gefärbte Wände vor, die alle gleich groß, aus dem gleichen Material sind und mit der gleichen Lichtintensität bestrahlt werden. Der einzige Unterschied besteht in dem farbigen Anstrich der Wände. Die Frage ist nun, welchen Einfluss hat die Farbgebung darauf, wie stark sich die Wand erhitzt und damit zur Wärmequelle für die Umgebung wird.
Q = c x m x ∆ ϑ Nach der Gleichung
(Q = Wärmemenge/ c = spezifische Wärmekapazität/ m = Masse/ ∆ ϑ = Temperaturänderung)
sowie dem Energieerhaltungssatz: E (Wärme) = E (Licht)
lässt sich bestimmen, dass die Wärmemenge des vom Licht bestrahlten Körpers zunächst abhängig vom Material (speziell dessen Wärmeaufnahme beziehungsweise Speicherungsfähigkeit und der Masse desselben) und von der Temperaturänderung (sprich der zugeführten Lichtenergie, die nach unserer Annahme 1 zu 1 in Wärmeenergie umgewandelt wird) ist. 14 Bei Gleichsetzung all dieser Variablen ergibt sich ein Unterschied lediglich aus der Materialfarbe, da diese die Ursache für eine Reflexion des entsprechenden Wellenspektrums ist, welches demzufolge vom bestrahlten Körper nicht absorbiert und in Wärme umgewandelt wird.
Die einzige Farbe, die vollständig alle Frequenzen absorbiert und damit in Wärmeenergie umwandelt ist Schwarz! Demzufolge erhitzt sich ein schwarzer Körper wesentlich mehr als ein weißer, der die größte Lichtmenge reflektiert. Rein physikalisch gesehen müsste der Warm- Kalt- Kontrast durch die Pole Schwarz und Weiß bestimmt werden. Zu vermuten ist demnach ein direkter Zusammenhang von den Helligkeitswerten einer Farbe und deren Temperaturwirkung, welcher mit Hilfe von Infrarotuntersuchungen überprüft werden kann.
Durch die Spektralanalyse konnte nachgewiesen werden, dass die Farbe einen Einfluss auf die Reflexion hat. Die unterschiedliche Reflexion ist jedoch nicht auf die verschiedenen Farben an sich zurückzuführen, sondern hängt von den Teilchen ab aus denen eine Farbe sich zusammensetzt. So sind beispielsweise weißen Farben oft Zink oder Titan zugesetzt, welche für eine sehr hohe Reflexion verantwortlich sind. Dabei ist zu beachten, dass ein Dunkelblau mit Zinkanteil den gleichen Reflexionsgrad nach sich ziehen würde wie das Weiß, welches einen äquivalenten Zinkanteil hat. Ansonsten gibt es Unterschiede im Reflexionsgrad lediglich bei unterschiedlichen Trägermaterialien. Das heißt, eine unterschiedliche Wärmerückstrahlung basiert auf dem Trägermaterial. 15 Bei den abgebildeten Infrarotaufnahmen wurden verschiedene Materialien und Farben auf ihr Vermögen hin, Wärme aufzunehmen geprüft.
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Dazu wurde die gleiche Farbe auf verschiedenen Trägermaterialien, verschiedene Farben auf dem gleichen Trägermaterial und deren Abkühlungsverhalten nach vorheriger Erwärmung untersucht. Unterschiede in der gemessenen Wärmestrahlung der Proben ergaben sich innerhalb einer
Messung unterschiedlichen Fähigkeit der Trägermaterialien die Lichtenergie in Wärme umzuwandeln und diese zu speichern. Für die Auswertung sind jeweils die Differenzen innerhalb einer Messung aussagekräftig. Insgesamt liegen dieser Arbeit ca. 350 Messungen zugrunde. Eine getrennte Untersuchung von Farbe und Trägermaterial ist in Wirklichkeit nicht durchführbar, da beide nur miteinander existieren können. Somit besteht eine enge Wechselwirkung, die mit dem Infrarottest untersucht wurde.
Die Messdaten zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Farbgebung und Wärmekapazität des Trägermaterials gibt. Bei der Untersuchung der gleichen Trägermaterialien mit unterschiedlichem Farbauftrag zeigt beispielsweise die Messreihe 1 (Holz) eine wesentlich höhere Wärmekapazität von Schwarz gegenüber der von Weiß.
Durch die Messreihen bestätigt sich die aufgestellte Hypothese, dass schwarze Farbe zur größten Aufheizung des Trägermaterials führt. Da eine rote Wand die energiereicheren Blauanteile des Spektrums absorbiert und in Wärmeenergie umwandelt, müsste die Temperatur der roten Wand theoretisch höher als die einer blauen Wand sein, welche das energieärmere Rotspektrum absorbiert, die Unterschiede dürften jedoch minimal sein. Die Temperaturpole liegen physikalisch ganz eindeutig bei Schwarz und Weiß. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Wärmekapazität in erster Linie vom Trägermaterial abhängt. So haben Holz und Kork eine wesentlich höhere Wärmekapazität als Pappe oder Plaste. Unterschiede ergaben sich auch im Abkühlungsverhalten. So erwärmt sich Kork vergleichsweise sehr schnell, gibt die Wärme aber auch wesentlich schneller wieder ab als Aluminium, das eine höhere Speicherfähigkeit hat. Der Farbanstrich kommt dementsprechend stets an zweiter Stelle, nach der Spezifik des Trägermaterials. Bei gleichem Material hat die Farbe einen Einfluss auf die Wärmekapazität wie beschrieben.
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TAFEL I ZUM INFRAROTVERGLEICH
gleiches Material/ verschiedene Farben
1. Holz 2. Pappe
Weiß 29,7°C Schwarz 35,1°C Blau 33,1°C Rot 29°C
3. Metallfolie1 4. Papier
Schwarz 26,4°C Blau 24,3°C Rot 24°C Weiß 23,9°C Schwarz 30,4°C Weiß 26,7°C
5. Papier 6. Papier
Schwarz 28,4°C Blau 24,2°C Blau 23,4°C Rot 23,3°C Orange23,4°C
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TAFEL II ZUM INFRAROTVERGLEICH
gleiches Material/ verschiedene Farben
7. Pappe 1 8. Pappe 1
Weiß 31,8°C Schwarz 34,3°C Blau 34,2°C 0range 33,4°C Rot 33,6°C
9. Pappe 1 10. Plaste 1
Blau 31,8°C Orange 31°C Rot 31,2°C Blau 34,1°C Weiß 33,3°C Rot 33,6°C
11. Plaste 1 12. beschichtete Pappe
Blau 28,8°C Rot 28,2°C Weiß 28,6°C Blau 30,1°C Weiß 29,4°C Rot 29,8°C
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TAFEL III ZUM INFRAROTVERGLEICH
gleiche Farbe/ unterschiedliche Trägermaterialien/ Abkühlungsverhalten
Messdaten:
1. gleiche Trägermaterialien mit unterschiedlichem Farbauftrag
2. Abkühlungsverhalten/ gleiche Probe zu verschiedenen Zeitpunkten gemessen
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2.4. Zusammenfassung
Für die Speicherung und Abgabe der Wärmeenergie ist in erster Linie die Art des Trägermaterials verantwortlich, auf dem die entsprechende Farbe aufgebracht ist. Die Farbgebung allein entscheidet nicht über das Wärmeverhalten der Stoffe. So sind bei gleichem Trägermaterial kaum Unterschiede bezüglich der Remissionswerte auszumachen. Das heißt, ob ich ein Zimmer rot oder blau streiche ist unerheblich, auf die messbare Raumtemperatur hat das keinen Einfluss. Lediglich ein sehr dunkler Rotton könnte gegenüber einem hellen Blau zu einer tatsächlichen Erwärmung führen. Voraussetzung wäre dabei ein geeignetes Trägermaterial (Tapete/ Wand) und eine intensive Sonneneinstrahlung. Das Ganze würde jedoch auch umgekehrt mit einem dunklen Blau und einem rosafarbenen Raum funktionieren. Dann wäre der blaue Raum gegenüber dem rosa gehaltenen wärmer. Die Temperaturwirkung darf also nicht an bestimmten Farbtönen festgemacht werden. Wichtig ist hingegen die Tatsache, dass die Farbgebung tatsächlich einen nicht geringen Einfluss auf das Temperaturverhalten der Materialien hat. So sind vor allem die Helligkeitsgrade einer Farbe dafür verantwortlich, wieviel Sonnenlicht durch Absorption in Wärme umgewandelt wird, die dann vom Trägermaterial gespeichert werden und nachfolgend an die Umgebung als Wärme abgegeben werden kann. Da die Materialfarben nicht ohne Trägermaterial existieren, lassen sich die Unterschiede in der Wärmestrahlung erfassen, wenn das gleiche Trägermaterial mit verschiedenen Farbanstrichen untersucht wurde. Die dunklen Farben führten dabei in den Messungen zu höheren Temperaturen als die helleren. Allerdings lassen die Messungen den Schluss zu, dass eine durch rote oder blaue Farben bedingte Änderung der Raumtemperatur so gering ausfällt, dass sie vom normalen Menschen nicht oder kaum wahrzunehmen ist. Der physikalische Wärmepol liegt somit bei Schwarz und der Kältepol bei Weiß. Verallgemeinernd könnte man auch sagen, je dunkler ein Material ist, desto höher ist die Wärmemenge. Ein Ergebnis, das beispielsweise für die Architektur von Bedeutung sein kann, wenn es um Varianten energieökonomischen Bauens geht, wenngleich hier eine Relativierung durch physiologische und psychologische Faktoren zu erwarten ist. Ein schwarzer Raum wäre zwar rein physikalische der, in dem man am besten die Heizkosten senkt, aber dafür würde die Rechnung für das Licht entsprechend steigen, ganz zu schweigen von dem bedrückenden Eindruck, den ein solcher Raum auf unsere Psyche ausüben würde.
Als vorläufiges Ergebnis darf davon ausgegangen werden, dass die in der Kunst angenommene Temperaturwirkung von Farben nicht physikalisch determiniert ist, sondern vielmehr ausschließlich auf physiologische oder psychologische Faktoren zurückzuführen sein muss.
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3. Physiologie
3.1. Grundlagen der Physiologie
„Die Wirkung von Farben ist viel zu unmittelbar und spontan, als daß sie ausschließlich das Ergebnis einer Interpretation sein könnte, die sich an ein Lernerlebnis anhängt. Andererseits haben wir nicht mal die Hypothese von irgendeinem physiologischen Prozeß anzubieten, der den Einfluss der Farbe erklären könnte." 16
Dieses Zitat des Kunstpädagogen Rudolf Arnheim steht stellvertretend für die ungeklärte Position der Kunstpädagogik, wenn es um das Verhältnis von Assoziation und Physiologie in Bezug auf Farbwirkungen geht. Es gibt sowohl Kunstwissenschaftler die eine im Menschen angelegte Farbphysiologie annehmen, als auch solche, die assoziative Lernprozesse für die Farbwirkungen verantwortlich machen. Selbst die Vertreter, welche von angelegten Farbwirkungen ausgehen, unterziehen sich in der Regel nicht der Mühe, das Gebiet der Physiologie in dieser Beziehung abzuklären. Dabei geht jedoch der Zusammenhang verloren, der eine Entstehung bestimmter Funktionsweisen entwicklungsgeschichtlich notwendig machte und entsprechend für bestimmte Wirkungsweisen von Farben verantwortlich ist.
In diesem Kapitel soll daher nicht ausschließlich das menschliche Sehen, sondern auch die Entwicklungsstufen des Sehens an sich betrachtet werden.
Farben entstehen erst im Zusammenspiel von Licht und Auge. Das heißt, ohne unsere Augen existieren die Farben nicht in der Art und Weise, wie wir es gewohnt sind. Die farbigen Gegenstände haben zwar die ihnen spezifische Art bestimmte Wellenbereiche des einfallenden Lichtes zu reflektieren beziehungsweise absorbieren, das allein genügt jedoch nicht für ein objektives Farbphänomen.
Da das Sehen zu den Sinnen des Menschen gehört, muss man von vornherein eine bedeutende psychisch- individuelle Komponente einrechnen. Schwierig ist dabei die Frage nach der Objektivität unseres Farbsinnes. Da, wie im Folgenden noch zu klären ist, die Farbwahrnehmung zu einem hohen Prozentsatz von unserem Auge abhängt, darf man erwiesenermaßen davon ausgehen, dass ein anatomisch anders gebautes Sehwerkzeug (z.B. bei Bienen oder Fischen) bei dem gleichen Gegenstand andere Farben erkennen wird. 17 Somit beschäftigt sich dieses Kapitel mit den Farbwirkungen die durch unsere Anatomie bedingt sind.
Die physiologisch determinierten Farbwirkungen werden vererbt und sind nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Tieren zu finden. 18
29
In diesem Kapitel wird versucht die Entstehung physiologischer Farbwirkungen aus dem natürlichen Entwicklungsumfeld des Menschen zu erklären. Der anschließende Versuch, den Warm- Kalt- Kontrast auf seine evolutionären Wurzeln zurückzuführen stellt einen neuartigen Erklärungsansatz des Kontrastes dar.
Da der Mensch bekanntermaßen das letzte Glied der Evolution darstellt und sich das Sehvermögen, wie alle anderen zum Überleben notwendigen Fähigkeiten, immer besser an die Umwelt angepasst hat, soll zunächst kurz auf die Pflanzenwelt und das tierische Sehen eingegangen werden.
3.1.1. Lichtrezeption in der Pflanzenwelt
Das Leben auf der Erde entwickelt sich stets nach den Gesetzen der Anpassung und der natürlichen Auslese. 19
Die ersten Lebewesen waren Vertreter der Pflanzenwelt, welche in Bezug auf ihre Farbgebung mehr oder weniger unabhängig voneinander existierten. Wichtigste Anpassungsvoraussetzung war der grüne Farbstoff Chlorophyll, der für die Atmung notwendig ist. Weitere Anpassungen erfolgten an die jeweiligen Standorte, speziell an Temperatur und Sonneneinstrahlung. So sind kleine Blätter günstig, um eine Pflanze vor hoher Verdunstung zu schützen, ein helles Grün des Blattes vermindert die Hitzewirkung und damit die Verdunstung gegenüber einem dunkelgrünen Blatt. 20
Mit der Entwicklung der Fauna entstand eine Wechselbeziehung zwischen Pflanzen- und Tierwelt, da sich die Tiere zum großen Teil vegetarisch ernährten. So musste es, im Interesse der jeweiligen Arterhaltung zu einer Anpassung beider Bereiche kommen. Tiere übernahmen beispielsweise bei einigen Pflanzen eine wichtige Funktion für die Vermehrung, indem sie die Pflanzen bestäubten oder die Samen über die Verdauung verbreiteten.
Somit passten sich die Pflanzen zum einen daran an von den Tieren bemerkt zu werden (um gefressen zu werden), zum anderen, um dieses zu vermeiden (giftiges Aussehen, wenn die Fortpflanzung durch den Akt der Verdauung verhindert würde). Auf diese Weise entstanden insbesondere die verschiedenen Farben der Blüten und Früchte. Die Farben vieler Blüten haben die Funktion, bestimmte Insekten anzulocken. 21 Allerdings ist hierbei zu beachten, dass der Sehapparat von Tieren oft anders funktioniert als der des Menschen. Das heißt, die Insekten sehen andere Farben als wir. Beispielsweise können Bienen keine roten Blüten wahrnehmen, sie orientieren sich an den, für den Menschen unsichtbaren Mustern der Blüten im UV- Bereich.
30
Auf die Bedeutung dieser Wechselwirkung in Ökosystemen soll im nächsten Kapitel genauer eingegangen werden.
Eine weitere physiologische Besonderheit der Pflanzenwelt sei an dieser Stelle noch von Interesse. Die Landwirtschaft stellt eine wichtige
Ernährungsgrundlage für den Menschen dar. Um die Erträge zu erhöhen, setzen sich vielerorts Forscher damit auseinander, welche geänderten Bedingungen zu einem gesteigerten Wachstum führen. Die Problematik der Genforschung soll hierbei unberührt bleiben, relevant für diese Arbeit erscheinen dagegen die Ergebnisse des amerikanischen Forschers Prof. Kasperbauer. Er untersuchte über Jahre hinweg den Einfluss einer farbigen Umgebung auf das Wachstum von Tomatenpflanzen, Erdbeeren und Bohnen. Dabei stellte er fest, dass sich die Ertragshöhe der Pflanzen mit farbigen Plastikabdeckungen über dem umgebenden Erdboden steigern lässt.
„Mit einer Abdeckung, die Fernrot reflektiert..., suggeriert...(er) Tomatenpflanzen, dass Rivalen in der Nähe sind: So werden sie größer und reifen früher.“ 22
Tab. 3.1. Ertragsliste Tomatenfeld von Prof. Dr. Kasperbauer
Tab. 3.2. Ertragsliste Erdbeerfeld von Prof. Kasperbauer
Im Ergebnis stellte er fest, dass die rote Umgebung die Pflanzen zu einem ertragreicheren Wachstum stimuliert. 23
Ähnliche Untersuchungen hat Prof. Kasperbauer durchgeführt, um den Unterschied zwischen rot- und infrarotreflektierendem Material zu bestimmen. Dabei stellte sich der höchste Ertrag bei einer rot- und infrarotreflektierenden Umgebung der Pflanzen ein. 24
31
Erklärbar ist dieses Phänomen noch nicht, zumal bislang keine Sinneszellen für Farbempfindungen bei Pflanzen gefunden wurden. Durch die Untersuchung scheint es jedoch, dass ein solcher Zusammenhang bestehen muss, da die Pflanzen die veränderte Strahlung auf irgendeine Weise registrieren und darauf reagieren.
Vermutlich ist der erhöhte Ernteertrag in Verbindung mit der Eigenschaft des Chlorophylls zu sehen, dessen Absorptionsspektrum bei einer Wellenlänge von 460-680 nm liegt. Daher wirken rotes und blaues Licht am stärksten photosynthetisch. 25 Ähnliche Forschungen, wie beispielsweise die von Antal Nemecsics scheinen diese Annahme zu bestätigen. So reagieren viele Pflanzen mit einem verstärkten Wachstum von Früchten auf rotes Licht, während blaues Licht teils zu größeren Blättern führen soll (beim Wein) oder auch genutzt wird um im Kartoffelkeller die Keimbildung zu verhindern.
Auch wenn die Ursachenforschung an dieser Stelle noch nicht abgeschlossen ist, so sollte diesem Forschungsbereich dennoch in Zukunft verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt werden, da auf diese Weise die Erträge vielleicht ökologisch gesteigert werden können.
3.1.2. Aufbau und Funktion des tierischen Sehapparates
Die Geschichte des Sehens beginnt im eigentlichen Sinne erst bei den Tieren, als eine Form der Höherentwicklung. Vorteile bei der Nahrungssuche und gegenüber Feinden liegen auf der Hand. 26 Die Sehsysteme der einzelnen Tierarten spezifizierten sich im Zuge der Entwicklung entsprechend der Färbung ihrer natürlichen Lebenswelt, wenngleich bei vielen Tieren das Sehen hinter dem Riechen zurücksteht. Teilweise ist das Sehen bei Tieren auch auf das Wahrnehmen von Bewegungen spezialisiert, so dass man den Farbsinn an dieser Stelle nicht überbewerten darf.
Es gibt die verschiedensten Sehapparate im Tierreich, aber ein dem Menschen ähnlich gut entwickeltes Farbsehen haben selbst bei den Säugetieren nur Primaten. 27
Medizinisch lässt sich feststellen, dass alle tierischen Sehapparate grundsätzlich auf dem Prinzip von Stäbchen und Zapfen aufgebaut sind. 28 Als erwiesen gilt, dass die Zapfen eine generell notwendige Voraussetzung für das Farbsehen sind. Dabei besteht offensichtlich ein Zusammenhang von Lebensraum und dem mehr oder weniger entwickelten Farbsehen. Je nachdem,
nachgewiesen werden.
32
ob die Tiere tag- oder nachtaktiv sind, hat sich der Sehapparat an die entsprechenden Umstände angepasst. 29
„...ein Farbensehen (wurde) nur bei Tieren gefunden ..., die vorwiegend am Tage rege sind und deren Netzhaut demgemäß auch in nennenswertem Maße mit Zapfen versehen ist. Bei den nächtlich lebenden Tieren dagegen, in deren Netzhaut überwiegend oder ausschließlich Stäbchen nachgewiesen sind...lässt sich der Farbsinn...weniger ausgeprägt oder gar nicht nachweisen.“ 30
Demgegenüber gibt es auch Tiere, die ausschließlich über Zapfen verfügen und dementsprechend ein reines Farbsehen haben. Das sind beispielsweise das Chamäleon oder bestimmte Schildkrötenarten. Zu den Tieren, welche überwiegend Zapfen, daneben aber auch eine gewisse Anzahl von Stäbchen haben, gehören die Tagvögel, wie Bussard, Huhn oder Taube. 31 Zur Farbtüchtigkeit von Hühnern wurden vor allem von dem Biologen Revesz Experimente durchgeführt, welche sowohl die Rotsichtigkeit, als auch das Erkennen des Komplementärkontrastes nachweisen konnten. 32 Überwiegend Stäbchen haben die Eulen, Ratten, der Maulwurf, Katzen und Kaninchen (wobei Letzteres lediglich 1% vom Gesamtsehen auf Zapfen zurückführt). Ausschließlich Stäbchen haben verschiedene Meeresbewohner, wie der Hai oder der Rochen. 33
Säugetiere sind zumeist Nachttiere, wie beispielsweise der Wolf, das Reh oder das Wildschwein und der Bär. Der Farbsinn spielt daher bei diesen Tieren eine untergeordnete Rolle, was daran erkennbar ist, dass sich bei Säugern selten Schmuck- oder Balzfarben finden. Bei Rindern und anderen tagaktiven Säugern sind Nase und Ohr die wichtigsten Sinnesorgane. Typische Augentiere sind dagegen der Hund, der allerdings nur Grautöne und die Katze, welche Blau- und Gelbtöne wahrnehmen kann. Die Affen stehen uns von der Evolution her am nächsten und haben dementsprechend einen, dem menschlichen Sehen nahen Gesichtssinn. 34
Die Schlussfolgerung ist zwangsläufig die, dass sich das Sehen stets in Anpassung an die Lebensumwelt der Tiere entwickelt, um der Art die bestmöglichen Überlebenschancen zu gewährleisten. Die Affen der Frühzeit, einschließlich der Menschenaffen und Menschen, haben einen Sehapparat mit drei Zapfenarten. Diese enthalten entweder einen blau-, grün- oder rotempfindlichen Sehstoff. Wenn Licht von einem dieser Sehstoffe absorbiert wird kommt es zu einer elektrischen Aktivität in den entsprechenden Zapfen. 35
33
Der blaue Sehstoff ist verwandt mit den UV-absorbierenden Farbstoffen in den Rezeptoren von Reptilien und Vögeln. Viele andere Säugetiere haben ähnliche Gene für den blauen Sehstoff, und „... dieses Farbwahrnehmungsystem ist entwicklungsgeschichtlich wohl uralt.“ 36
Man darf davon ausgehen, dass nach der Hell- Dunkel- Sichtigkeit (Achromasie), die Entwicklung des Blau- Gelb Sehens (Dichromasie) kam. 37 Nach anderen Thesen stand am Anfang ein unbekanntes duales Farbsehen das nicht mehr rekonstruierbar ist. Erst am Ende der Entwicklung trat das Rot- Grün System dazu.
„Demnach lauten die beiden plausibelsten Hypothesen über die Geschichte unserer Farbempfindungen:
a) Zu dem Urfarbenpaar Gelb- Blau gesellte sich das jüngere Farbenpaar Rot-Grün.
b) Aus einem für die Menschen nicht mehr existierenden Urfarbenpaar X-Y gingen die Paare
Gelb- Blau und Rot- Grün hervor, wobei Gelb und Blau funktionell an die Stelle der Urfarben getreten sind.“ 38
Auch bei der zweiten These geht man davon aus, dass in dem Paar Rot- Grün, das letztentwickelte zu sehen ist. Begründet wird das mit zwei Phänomenen: der Farbenblindheit und dem indirekten Sehen von normalsichtigen Menschen. Bei Farbenblinden kennt man solche mit zwei oder im Extremfall ohne Farbempfindung. Es sind jedoch keine Fälle bekannt, wo ein Mensch nur eine einzelne Farbe wahrnehmen würde. Dies gilt als Beweis dafür, dass sich das Farbsehen paarweise entwickelt hat. 39
Das zweite Phänomen bezieht sich auf das Farbgesichtsfeld des menschlichen Auges. Lediglich im Zentrum der Netzhaut werden alle Farben gleich wahrgenommen. In den peripheren Sehbezirken kann nur noch Gelb und Blau wahrgenommen werden. Dieses Phänomen wird „periphere Farbenblindheit“ 40 genannt und bezeichnet die Abnahme der Farbempfindung vom Zentrum der Netzhaus zu deren Rändern, wo nur noch achromatisches Sehen möglich ist. Damit wird die These von den Farbpaaren bestätigt und darüber hinaus erscheint es sehr wahrscheinlich, dass Gelb und Blau aufgrund ihrer Dominanz in der Peripherie das ältere Paar darstellen. 41
34
Gestützt wird diese Annahme durch mitunter beim Menschen auftretende Farbschwächen. Alle Menschen besitzen einen Sehstoff im Rot- Grünen Bereich (500-700 nm), in ca. 8% aller Fälle kommt es jedoch zur Rot- Grün Blindheit. 42 Die Rot- Grün- Sichtigkeit ist auf dem X-Chromosom kodiert, so dass vor allem Männer von dieser Krankheit befallen sind.
Nach neusten Forschungen wurden Neuweltprimaten gefunden, bei denen die Weibchen 3, die Männchen lediglich 2 Zapfentypen aufweisen. Daher könnte man vermuten, dass der Farbsinn sich zunächst nur beim weiblichen Geschlecht ausgebildet hat. 43
Abgeschlossen sind die Forschungen auf diesem Gebiet nicht, so dass eine endgültige Klärung der Geschlechterspezifik noch ausbleiben muss.
Trotz der Schwierigkeit bei direkten Untersuchungen mit Tieren (Verhaltensforschung, da keine Befragungen möglich sind), konnten verschiedene physiologische Reaktionen auf bestimmte Farben nachgewiesen werden. Der Farbpsychologe Heinrich Frieling erkannte z.B., dass dem Rot bei Hühnern eine geschlechtsspezifische Signalwirkung innewohnt. In Versuchen stellte er fest:
„...,dass Rotlichtbestrahlung die Entwicklung des Wachstums anregt, aber auch die Geschlechtstätigkeit sowie die Eierproduktion (bei Hühnern) erhöht sich. Das ganze Hormonsystem ist aufgerufen: die Schilddrüsentätigkeit wird intensiver, die Samenproduktion wird stärker angeregt-...“ 44
Dieses Resultat ist darauf zurückzuführen, dass Tiere über Lichtrezeptoren im Hypothalamus verfügen. In einem Experiment von Dr. Benoit konnte an Pekingenten nachgewiesen werden, dass diese unabhängig vom Vorhandensein eines Augapfels 45 in der Lage sind, auf Lichtreize zu reagieren. 46 Interessant ist dabei, dass infrarotes Licht keine Steigerung der Geschlechtsreife verursacht. Der Hypothalamus steuert mehrere Lebensfunktionen des menschlichen und tierischen Organismus.
Unter anderem enthält er das Regelzentrum für die Körpertemperatur, das Hunger- und Sättigungszentrum, das Sexualzentrum, er reguliert den Blutzuckerspiegel und den osmotischen Druck des Blutes. 47 Für alle vom Hypothalamus kontrollierten Körperfunktionen besitzt er eigene Rezeptoren. So reagiert er beispielsweise auch auf Temperatureinflüsse. 48
35
In Experimenten mit Katzen konnte nachgewiesen werden, dass eine Erwärmung des Hypothalamus zu Hecheln und eine Abkühlung zu Muskelzittern führt. (Bei Wirbeltieren gibt es noch ein ähnlich funktionierendes, lichtempfindliches Organ im Gehirn, die Zirbeldrüse, die unter anderem für die Pigmentierung zuständig ist.) 49
Diese These wurde ebenfalls beim Primaten überprüft und auch hier konnte eine hormonsteigernde Wirkung nachgewiesen werden. 50 Damit ist zumindest eine spezielle Modifikation des Huhnes auf die Farbe Rot unwahrscheinlich, auch wenn genauere Feldforschungen erst noch durchgeführt werden müssen. 51 Die Abb. 3.2. bis 3.4. zeigen, dass rotes Licht einer Wellenlänge von ca. 610 nm eine enorme Wachstumsbeschleunigung bei Pflanzen und Tieren, sowie eine bessere Entwicklung der Geschlechtsdrüsen von Vögeln zur Folge hat. Interessant ist die in Abb. 3.3. dargestellte Untersuchung, welche den Schluss zulässt, dass für das Erreichen des Maximums der besprochenen Wirkung, das Licht auf die Netzhaut auftreffen muss.
Da bei einer bloßen Bestrahlung des Hypothalamus eine ähnliche, wenngleich geringere Wirkung zu sehen ist, bedeutet das, die Bestrahlung mit rotem Licht hat eine wachstumssteigernde Wirkung. Diese tritt unabhängig davon auf, ob das untersuchte Individuum um die Bestrahlung weiß. 52
36
Bei den Absorptionskurven von Tieren fällt auf, dass die einzelnen Kurven in fast gleichen Abständen über das jeweilige Sehspektrum verteilt sind. Ganz im Gegensatz dazu die Absorptionskurven des Menschen, bei dem mittel- und langwellige Zapfen ein nah beieinander liegendes Absorptionsspektrum aufweisen. Von der Physiologie wird die enge Nachbarschaft der L und M-Kurve häufig als nicht abgeschlossene Entwicklungsstufe gedeutet. 53
37
Eine andere mögliche Erklärung wäre die, dass der Farbraum, der durch die eng beieinander verlaufenden Absorptionskurven bestimmt wird, von erhöhter Wichtigkeit für die Primaten ist.
Tiere welche auf die Farbe Rot reagieren, müssen demnach bessere Überlebenschancen entwickelt haben als solche ohne. In unserem natürlichen Umfeld tritt die Farbe Rot zumeist in Verbindung mit Früchten auf. Daher sind Lebewesen, die schnell auf rote Reize reagieren können bei der Nahrungssuche bevorteilt. Vermutlich liegt der selektive Vorteil von Rot- Grün- Farbensehen im schnellen Auffinden von Früchten die reif und bekömmlich sind. Genau im Bereich dieser Wellenlängen liegen die Remissionsspektren vieler reifer Früchte.
Indem einige Primaten durch eine dritte Farbdimension in die Lage versetzt wurden reife von unreifen Früchten bereits aus der Distanz mit hoher Genauigkeit bestimmen zu können, bekamen sie entscheidende Vorteile gegenüber ihren Artgenossen. Damit ist eine darauf basierende Entwicklungsgeschichte als sinnvoll und folgerichtig anzunehmen. 54 Zusammenfassend kann man somit feststellen, dass der Farbe Rot im Tierreich eine geschlechtsspezifische Funktion zukommt (siehe das angeführte Experiment mit Hühnern) und dass bessere Voraussetzungen bei der Nahrungssuche (für Tiere, die sich von Früchten ernähren) gegeben sind. 55
3.1.3. Anpassung an die Umwelt
Sowohl die Pflanzen als auch die Tiere haben sich im Zuge der Evolution stets gegenseitig beeinflusst und aufeinander eingestellt. Somit haben Farben und Formen in der Natur immer auch eine zweckdienliche Aufgabe zu erfüllen. Welche genau das in Bezug auf die Farbe ist soll im Folgenden näher ausgeführt werden.
Eine der Funktionen von Farben in der Tierwelt lässt sich daraus ableiten, dass die Männchen oftmals wesentlich farbenprächtiger sind als die Weibchen Zum einen liegt das daran, dass im Paarungsverhalten bei bestimmten Tierarten das Imponiergehabe einen bedeutenden Stellenwert einnimmt. Dabei versucht das Männchen im Wettstreit mit möglichen Rivalen unter anderem durch seine prächtige Erscheinung zu imponieren (z.B. der radschlagende Pfau). Zum anderen kann das Männchen (z.B. bei den Enten) mit seinen auffallenden Farben mögliche Feinde von seinen Nachkommen weglocken. Das Weibchen ist demgegenüber meist in Farbe und Musterung an den natürlichen Lebensraum angepasst, da ihm die Aufgabe der Brutpflege obliegt. Es gibt aber auch Tiere, welche ein Tarnkleid nicht zum Selbstschutz tragen, sondern um besser ihrer Beute auflauern zu können, wie z.B. die Löwen.
38
Daneben gibt es eine Vielzahl von Varianten beim Zusammenhang von Farbe und dem natürlichen Umfeld der Tiere. Zu denken braucht man da nur an das sich perfekt an seine Umgebung anpassende Chamäleon. Wichtig ist, dass die Farbgebung der Tiere im Großen und Ganzen dem Überleben und der Fortpflanzung dient. Das heißt, es gibt Tarnungsfarben zum Schutz oder der Jagd, es gibt auffallende Farbgebungen zur Unterstützung der Balz oder dem Weglocken der Feinde von der Brut und es gibt die sogenannte Abschreckungsfunktion, wie z.B. beim Tagpfauenauge. Dieses trägt eine Zeichnung, die an die Augen eines größeren Tieres erinnert, womit der „Jäger“ verscheucht werden soll. Ähnlich funktioniert die Zeichnung verschiedener giftiger Tiere, bei denen Gelb in Kombination mit Schwarz auftritt um andere Tiere fernzuhalten, wie z.B. bei den Bienen. (Vielleicht stammt daher die gute Gelbsichtigkeit des Menschen, die sich von der Verteilung der Farbrezeptoren auf der Netzhaut herleitet.)
Vor diesem Hintergrund erscheint es nur sinnvoll, dass Tiere im Zusammenhang mit der Arterhaltung in der Lage sind schnell auf Farbreize reagieren zu können. Bislang konnte geklärt werden, dass keinesfalls alle tierischen Reaktionen in jeder Generation neu gelernt werden müssen. Ein Großteil der Reaktionen fällt in den Bereich der Physiologie und ist offensichtlich vererbt. Da der Mensch sich aus dem Tierreich entwickelt hat ist zu vermuten, dass seine Physiologie ähnlich funktioniert. Das heißt, vermutlich werden auch beim Menschen bestimmte Farbreaktionen angelegt sein.
3.1.4. Aufbau und Funktion des menschlichen Auges
Bestimmte Wellenfrequenzen empfindet der Mensch als Töne und andere als Farben. Damit hat sich der Mensch im Laufe der Entwicklung mit seinen Sinnesorganen auf jeweils einen speziellen Bereich der auf der Erde typischen Strahlung eingestellt, welcher für sein Lebensumfeld von Bedeutung war. Das menschliche Auge lässt sich von seinem funktionellen Charakter her am ehesten mit dem Aufbau einer Fotokamera vergleichen. Die wichtigsten Bestandteile des Auges sind: die Linse, die Iris mit der Pupille und die Netzhaut, in der sich die lichtempfindlichen Nervenzellen befinden, die über einen Nervenstrang mit dem Gehirn verbunden sind. Diejenigen Zellen, welche durch Lichtstrahlung einer Veränderung durch Umwandlung der strahlenden Energie in kinetische oder chemische unterworfen werden, nennt man lichtempfindlich. 56 Der Grad der Veränderung hängt sowohl von der Wellenlänge, als auch von der Strahlungsintensität ab.
Die Netzhaut ist der Teil des Auges, an welchem die Strahlungsenergie des Lichtes das Nervensystem des menschlichen Körpers berührt und wo die
39
Lichtenergie in körpereigene umgewandelt wird, was letztendlich zu einer Sehempfindung führt.
In der Netzhaut gibt es zwei verschiedene Arten von Lichtrezeptoren. Zum einen die Zapfen und zum anderen die Stäbchen. In einem menschlichen Auge sind ca. 6-7 Millionen Zapfen und 120 Millionen Stäbchen enthalten. 57 Mit den Stäbchen werden die Helligkeitswerte und mit den Zapfen Farben wahrgenommen. Man könnte sagen, dass der Mensch über zwei verschiedene Sehsysteme verfügt- ein Hell- Dunkel- Sehen und ein Farbsehen. Die Stäbchen registrieren unterschiedliche Helligkeitswerte. Sie reagieren zwar auf alle für den Menschen sichtbaren Wellenlängen, aber sie können von den Farben lediglich die verschiedenen Helligkeitswerte erkennen. Dabei hat man festgestellt, dass diese Rezeptoren am stärksten auf die Wellenlänge von 520 nm (Grün) reagieren, was vermutlich mit einer Anpassung an eine grüne Umwelt zusammenhängt. 58
Zum Vergleich- das Maximum der Empfindlichkeit der Stäbchen liegt bei farbigen Licht im Blau- Grün- Bereich, dass der Zapfen im Grün- Gelb-Bereich. 59
Bei Versuchspersonen konnten jahreszeitliche Schwankungen festgestellt werden. Im Sommer liegt das Maximum der Empfindlichkeit im grünen und im Herbst und Winter im gelbgrünen Bereich, so dass die Vermutung naheliegt, eine Erklärung in der Evolution zu suchen. 60 Das entspricht dem Bleichungsverhalten des Rhodopsins, welches in den Stäbchen enthalten ist. Am stärksten bleicht grünes Licht, gefolgt von Gelb, Blau, Rot und am schwächsten bleicht Violett. 61 Auf diese Eigenschaft unserer Stäbchen sind die Besonderheiten des Dämmerungssehens zurückzuführen. In dieser Zeit verliert Rot seine Vorrangstellung und wird von Grün und Gelb abgelöst. Die Zapfen dienen der Unterscheidung der verschiedenen Wellenlängen und können durch die ausgelösten Reize verschiedene Farben erkennen. Da das Auge Lichtstrahlen im Abstand von 1-2 nm unterscheiden kann, ist es dem Menschen möglich, bis zu 300 Spektralfarben zu erkennen. Insgesamt kann ein Mensch sogar bis zu 7 Millionen Farbnuancen unterscheiden. 62 Zapfen und Stäbchen sind auf der Netzhaut ringförmig angeordnet, wobei die höchste Dichte in der Mitte liegt und nach außen hin abnimmt. Da die Konzentration der Zapfen im Zentrum am höchsten ist, befindet sich hier die Stelle des besten Farbsehens.
40
Im äußersten Bereich der Netzhaut befinden sich nur noch Stäbchen. Das bedeutet, dass wir am Rand unseres Sehfeldes nur noch Helligkeitswerte wahrnehmen können. 63
Bei beiden Arten von Lichtrezeptoren (Stäbchen und Zapfen) sind sogenannte Sehfarbstoffe enthalten, die sich unter der Einwirkung von Lichtstrahlung chemisch verändern. Dadurch werden elektrische Impulse ausgelöst, die dann an das Gehirn weitergeleitet werden. 64
„Bei den Stäbchen zerfällt der in ihnen enthaltene Sehpurpur und bleicht durch eine chemische Reaktion aus. Diese Sehfarbstoffe werden stets wieder regeneriert, wobei sich deren Konzentration je nach Lichtintensität verändert.“ 65
Die Zersetzung des Sehpurpurs (Rhodopsin) kann aber neben dem Einfall von Lichtstrahlung auch durch Wärme, Druck oder gewisse Chemikalien zustande kommen, was eine Erklärung für einige von Goethe untersuchte Phänomene zur Farbentstehung im Auge (ohne äußerliche Farbreize) gibt. Allerdings tritt dieser Fall im normalen Leben so gut wie nie ein, so dass sich dieses Buch in erster Linie der Reizung durch das Licht zuwendet.
Neben dem Sehpurpur gibt es noch Sehgelb und Sehweiß. (Das sind in gewisser Weise Ausbleichungsstufen des Sehpurpurs, wobei der Zusatz von Vitamin A und Proteinen eine wichtige Rolle spielt.) 66 Während der Sehpurpur bereits 1842 durch W. Krohn nachgewiesen werden konnte, entzog sich der Nachweis der Zapfensubstanzen (Farbsubstanzen) lange Zeit den Wissenschaftlern. Erst 1932 gelang es G. von Studnitz in den Zapfen eine fotosensible Substanz nachzuweisen. 67
Heute geht man davon aus, dass 3 verschiedene Zapfensubstanzen existieren: die Rotsubstanz, die Gelbgrün- oder einfach Grünsubstanz und die Blausubstanz. 68
In der Funktionsweise des Auges findet sich auch eine Erklärung dafür, dass rote Farben neben blauen den Eindruck erwecken, dass sie auf den Betrachter zukommen. Wenn man eine blaue neben eine rote Fläche stellt entsteht der Eindruck, dass sich die rote Fläche weiter vorn als die blaue befindet. Dieses in der bildenden Kunst oft angewandte Gesetz beruht auf den Brechungswinkeln des ins Auge einfallenden Lichtes.
41
„Das von blauen Flächen reflektierte kurzwellige Licht wird wesentlich stärker als das langwellige von roten Flächen gebrochen“ 69
Da sich die Linse auf die langwellige Strahlung einstellt, so dass deren Brennpunkt auf der Netzhaut liegt, befindet sich der Brennpunkt der gleichzeitig betrachteten kurzwelligen Strahlung vor der Netzhaut und der besagte Räumlichkeitseindruck entsteht. 70
Dies ist nur ein Beispiel für die physiologische Beeinträchtigung der für uns sichtbaren Welt. Ein allgemein bekanntes Wirkungsprinzip wird von uns tagtäglich gebraucht. So kann das Auge nur eine bestimmte Anzahl von optischen Reizen in Abhängigkeit von der Zeit aufnehmen. Das heißt, rasch wechselnde Lichtreize verschmelzen ebenso wie sehr dicht nebeneinander liegende.
Genutzt wird die Funktionsweise des Auges u. a. beim Farbdruck. Hier setzt man gezielt kleine Farbpunkte in einem Raster nebeneinander, wobei durch die Nebeneinanderstellung einzelner Farbflecke neue Mischfarben im Auge entstehen. Das gleiche Prinzip findet sich in der Funktion des Fernsehers. Das farbige Bild wird hier aus den drei Grundfarben Rot, Grün und Blau gebildetdurch optische Mischung sehen wir aber auch alle anderen Farben, je nach Anteil der drei Grundfarben im Raster
3.2. Farbraumexperimente
3.2.1. Problemstellung
In der Fachliteratur werden gewöhnlich zwei unterschiedliche Erklärungen für Farbwirkungen angeboten. Zum einen ist das die Annahme einer Farb an sich-Wirkung, die sozusagen angelegt ist, wie sie beispielsweise von Kandinsky vertreten wird. 71 Dem steht die Aussage gegenüber, dass Farbwirkungen durch assoziative Lernprozesse bedingt sind, wie sie in Goethes „Farbenlehre“ nachzulesen ist. 72
Eine Möglichkeit zur Überprüfung dieser Aussagen ist das sogenannte Farbraumexperiment. Der Begriff Farbraum meint in diesem Zusammenhang nichts weiter, als einen unifarbenen Raum. Vor allem in Bezug auf die Farblehre wurden Experimente mit Farbräumen durchgeführt die dem Erfassen eines Zusammenhanges von Farbe und Temperaturwirkung dienen sollten. Diese Experimente werden, die in Bezug auf Ablauf und Ergebnis ähnlich, in Dutzenden von Fachbüchern angeführt.
42
Für das Experiment werden zwei Räume gleich temperiert, der eine ist blau und der andere rot gestrichen. Bei der anderen Variante werden die Versuchspersonen in einen mit farbigem Licht bestrahlten Raum gebracht. Nun werden mehrere Probanden in die Räume geschickt und danach über die geschätzte Raumtemperatur befragt. Das Ergebnis war, abgesehen von variablen Temperaturunterschieden (Angaben von 4-10°C) stets das Gleiche: der rote Raum wurde als eindeutig wärmer (min. 4°C) empfunden als der blaue. 73 Die Ursachen für dieses Phänomen wurden von der Kunsttheorie bislang kaum untersucht. Meist werden lediglich die Folgen unterschiedlicher Farben auf das Temperaturempfinden des Menschen hervorgehoben.
Einer der ersten, die sich Ende des 19. Jahrhunderts mit der Wirkung farbigen Lichts auf den menschlichen Organismus befassten, war der französische Psychologe Charles Fere. Die von ihm bestimmte Wellenlänge des beruhigenden Lichtes weicht von späteren Untersuchungen etwas ab:
„...stellte fest, dass von rotem Licht die anregendste und von violettem Licht die beruhigendste Wirkung ausging.“ 74
Allerdings findet sich in der neueren Literatur, bei dem Farbtheoretiker Prof. John Gage folgende Anmerkung zu dieser Untersuchung, die unter anderem das Phänomen des Farbfühlens durch blinde Menschen aufwarf:
„...das farbige Licht (war) einfach Strahlungsenergie mit einer Schwingung von jeweils unterschiedlicher Stärke..., die die Versuchsperson sogar bei geschlossenen Augen auf der Haut spüren konnte.“ 75
In folgendem Fall wurden die Versuchspersonen rotem Licht ausgesetzt und anschließend untersucht. Die Ergebnisse werden von Frieling wie folgt zusammengefasst:
„Dieser Versuch... zeigt, dass die Farbe Rot eine große Macht auf den Körper hat. Die Atmung wird beschleunigt, der Puls erhöht. Die Blutgefäße verengen sich- ein Zeichen dafür, dass auch die Adrenalinbildung in der Nebenniere einsetzt. ...Auch der Druck im Augeninneren steigt- das verursacht wohl die Kopfschmerzen, die so leicht eintreten..“ 76
43
Kandinsky beruft sich ebenfalls auf solche Untersuchungen:
„Es wurde verschiedentlich versucht, diese Kraft der Farbe auszunützen und bei verschiedenen Nervenkrankheiten anzuwenden, wobei man immer wieder bemerkte, dass das rote Licht belebend, aufregend auch auf das Herz wirkt, das blaue dagegen zu zeitlicher Paralyse führen kann.“ 77
Prof. Nemecsics führte ebenfalls ausführliche Untersuchungen zu diesem Thema durch, die er in seinem Buch „Farbenlehre und Farbendynamik“ vorstellt. Er konnte die beschriebenen Wirkungen von farbigen Licht einwandfrei nachweisen. Seine Auswertung liegt u.a. in Form von Diagrammen vor, die an mehreren Stellen in diese Arbeit aufgenommen wurden. Nicht eindeutig sind hingegen die Aussagen des Farbpsychologen Max Lüscher, da nicht sicher ist ob er mit Material- oder Lichtfarben gearbeitet hat:
„ Auf alle wirkt Rot in einer bestimmten Weise... Wenn du die Farbe einige Zeit betrachtest, werden deine Atmung und dein Puls schneller, der Blutdruck steigt an.“ 78
Auch bei Prof. H. Braehm wird nicht beschrieben, mit welchem Farbtypus er gearbeitet hat:
„Rot Blau
In der Auswertung eines weiteren Versuches bezieht er sich dann konkret auf die Wirkung von Materialfarben:
„In einem blaugrün gestrichenen Raum stellt man schon bei etwa 15°(C) Kälte fest, im orangefarbenen erst bei 2°(C).“ 80
Eine etwas geringere Temperaturdifferenz wird von Itten beschrieben:
„Versuche haben ergeben, dass in zwei Arbeitsräumen, von denen der eine blaugrün und der andere rotorange gestrichen war, die Empfindung für Kälte oder Wärme um drei bis vier Grad differierte. In dem blaugrünen Raum
44
empfanden die Personen eine Innentemperatur von 15 Grad Celsius als kalt, während sie sich im rotorange Raum erst bei 11- 12 Grad Celsius kalt fühlten. Das bedeutet, wissenschaftlich untersucht, dass Blaugrün die Zirkulation dämpft, während Rotorange zu deren Aktivierung anregt.“ 81
Derartige Experimente wurden jedoch nicht nur beim Menschen, sondern auch mit Tieren durchgeführt.
„...,daß das rote Licht belebend, aufregend auch auf das Herz wirkt, das blaue dagegen zu zeitlicher Paralyse führen kann. Wenn man eine derartige Wirkung auch auf Tiere und sogar Pflanzen beobachten kann, was der Fall ist,....“ 82
Wenn die Experimente ähnliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus und den von Tieren haben, müssen wie Kandinsky bemerkte, hier die Assoziationen als Erklärungsgrundlage für die Farbwirkungen wegfallen. Anderenfalls wären körperliche Reaktionen bei Tieren kaum erklärbar. Konkretere Beschreibungen liefert ein Experiment von Itten, bei dem Pferde nach einem Rennen untersucht wurden.
„Ein Stall für Rennpferde wurde in zwei Abteilungen geteilt, eine Hälfte wurde blau, die andere rotorange gestrichen. Im blauen Raum beruhigten sich die Pferde nach dem Rennen sehr rasch, während sie im roten Teil lange Zeit erhitzt und unruhig blieben.“ 83
Frieling verweist in seinem Buch „Lebendige Farbe“ auf die wachstumssteigernde und die Geschlechtstätigkeit erhöhende Wirkung von rotem Licht auf Hühner.
Die Tierversuche sind ein wichtiger Beleg dafür, dass diese Farbwirkungen nicht nur vom Menschen erlernt, sondern physiologisch angelegt sind. 84 Die Reaktion der Rennpferde lässt darauf schließen, dass die Farbe Rot im Bezugssystem unserer natürlichen Umwelt eine enge Verbindung zu Wärme und Blau eine zu Kühle hat.
Diese angelegten Reaktionen müssen sich im Zuge der Anagenese entwickelt haben, d.h. es muss ein evolutionsgeschichtlicher Fortschritt mit diesem Empfinden verbunden gewesen sein. Tiere, die in entsprechender Weise auf die Farbe Rot regierten, hatten vermutlich bessere Überlebenschancen als solche, die nicht zu solchen Reaktionen fähig waren.
Damit stellt sich die Frage, ob vergleichbare Reaktionen beim Menschen nachweisbar sind.
45
Arbeit zitieren:
Monika Krüger, Dr. phil., 2003, Die Temperaturwirkung von Farben in der bildenden Kunst - Eine Suche nach den Ursprüngen und der Funktionsweise des Warm-Kalt-Kontrastes, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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Monika Krüger, Dr. phil. hat den Text Die Temperaturwirkung von Farben in der bildenden Kunst - Eine Suche nach den Ursprüngen und der Funktionsweise des Warm-Kalt-Kontrastes veröffentlicht
Monika Krüger, Dr. phil. hat einen neuen Text hochgeladen
DS hat den Text Die Temperaturwirkung von Farben in der bildenden Kunst - Eine Suche nach den Ursprüngen und der Funktionsweise des Warm-Kalt-Kontrastes kommentiert
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Kontrastive Germanistische Linguistik. 2 Bände
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DS
Note.
cum laude oder 1,8 (was denn nun? 1,8 = magna cum laude)?
am Thursday, February 17, 2005-