Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mystik
2.1 Magie
2.2 Vision
2.3 Erscheinung
3. Frauenmystik
3.1 Entstehung und Entwicklung
3.2 Gründe
3.3 Verschiedene Frauengruppen
3.3.1 Beginen
3.3.2 Zisterzienserinnen
3.3.3 Reklusinnen
3.4 Männer und Frauenmystik
3.4.1 Gegner der Frauenmystik
3.4.2 Anhänger der Frauenmystik
3.5 Betrügerinnen
4. Der Körper im Mittelalter
5. Leidensimitation und Askese
6. Männliche und Weibliche Leidensmystik im Vergleich
7. Schluss
2
1. Einleitung
Meine Hausarbeit beschäftigt sich mit den Themen der Christlichen Mystik, vor allem der männlichen und der weiblichen Form der Leidensmystik. Ich gebe einen Überblick über den Terminus Mystik und die damit in Verbindung stehenden Begriffe der Magie, der Vision und der Erscheinung. Daraufhin beschreibe ich wie die mittelalterliche Leidensmystik bzw. die Frauenmystik entstanden sind und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Auch die Beweggründe, die hinter dieser Art der Frömmigkeit stehen, sollen in dem darauffolgenden Kapitel ausführlich erläutert werden. Nennenswert sind im Zusammenhang mit der Frauenmystik auch einige Frauengemeinschaften, insbesondere die Beginen, die Zisterzienserinnen und Reklusinnen. Die Tatsache, dass der menschliche Körper im Mittelalter verehrt wurde, weil er dem mittelalterlichen Menschen einen Zugang zum Glauben ermöglichte, wird ebenfalls erwähnt. Dass es Unterschiede zwischen frommen Männern und frommen Frauen gibt, zeigt sich in der Ausübung und Erfahrung der erstrebten Vereinigung mit Gott. Die Aspekte der Leidensimitation und des Asketismus werden anhand von verschiedenen Beispielen bekannter Mystiker und Mystikerinnen dargestellt und genauer untersucht. Auch soll ein Vergleich zwischen männlicher und weiblicher Leidensmystik gezogen werden. Da sich in dem erlebnisbezogenen Bereich der Mystik eindeutig die Frauen hervorgetan haben, entstand im Mittelalter eine religiöse Frauenbewegung, aus der die mittelalterliche Frauenmystik hervorgegangen ist. Sie wurde vor allem im späten Mittelalter sehr populär im Volk, da sie weniger theoretisch, sonder sehr individuell, persönlich, und in Volkssprache gehalten, für alle verständlich und zugänglich war. Da die weibliche Leidensmystik, mehr als die männliche Variante, eine Erlebnismystik war, klang sie für den Großteil der Bevölkerung glaubhafter, sodass viele Mystikerinnen schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurden. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Frauenmystik, da diese einerseits innovativ und prägend für das Mittelalter war, andererseits jedoch nur eine plötzliche Erscheinung war, die sich über einen Zeitraum vollzog und in der frühen Neuzeit unterging. Die sich daraus ergebenden Änderungen in der Rollenverteilung der Geschlechter in der Welt der Kirche sind darauf zurückzuführen, dass Frauenmystik eine Form weiblicher Machtausübung war. Sie trug enorm dazu bei, dass Frauen, denen zu jenen Zeiten noch Unwissen und Dummheit nachgetragen wurde, einen anerkannten Platz in der Ausübung religiöser Praxis erhielten. Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die Frömmigkeit im Mittelalter zu geben und aufzuzeigen, dass sich die Frauenmystik in der Welt
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des männlichen Klerus durchzusetzen vermochte und somit ein weiterer Schritt auf dem langen Weg der Emanzipation der Frau war.
2. Mystik
„Mystik ist eine Form des religiösen Bewusstseins, in welcher die Überwindung der Trennung zwischen Gott und der Seele schon in diesem Leben bis zur vollkommenen Vereinigung ersehnt und gefordert wird.“ 1
Der Begriff Mystik (lateinisch mysticus: geheimnisvoll, dunkel) 2 bedeutet also ein religiöses Bestreben, das nicht auf das Jenseits gerichtet ist, sondern die diesseitige Vereinigung mit Gott zum Ziel hat. In dieser gesamten Frömmigkeitshaltung 3 geht es darum, durch aktives Erleben und persönliche Erfahrung unmittelbaren Kontakt zu Gott aufzunehmen. Im Gegensatz zur Theologie, wo Gott Objekt des Denkens ist, will der Mystiker das Schauen Gottes und das Sein in Gott erreichen. 4 Nach Thomas von Aquino und Bonaventura von Bagnoregio ist Mystik „cognitio Dei experimentalis“ (= auf Erfahrung gegründete Gotteserkenntnis). 5 Diese besondere emotionelle Erfahrung empfindet der Mensch als etwas vollkommen Anderes und Wirklicheres, das seine bisherige Erkenntnis Gottes und seine Liebe zu Gott in den Schatten stellen. Die Erfahrung der Mystik wird oftmals beschrieben als etwas, dass „die Kräfte des Geistes und der Seele bewegt und erfüllt“ und „sich in einer tiefen Schicht der Person und der Seele vollzieht“. 6 In der Christlichen Mystik bezieht man sich nahezu ausschließlich auf die „personal vorgestellte, dreifaltige Gottheit“. 7 Häufig resultiert aus einem mystischen Erleben auch eine komplette Umwandlung der gesamten Lebensart des Mystikers. 8
Man unterscheidet zwei Formen der Mystik, die mit den Begriffen Praxis und Theorie gleichzusetzen sind. Der praktische Teil der Mystik ist die Erlebnismystik. Hier erscheint Gott nicht nur als Objekt des Denkens, sondern er wird vielmehr gefühlt und erlebt. Die hinterlassenen Aufzeichnungen sind somit biographische oder autobiographische historische Fakten. 9 Man muss erwähnen, dass diese Art der Mystik ein Ausnahmephänomen darstellt, da
1 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 53
2 Encarta Enzyklopädie 2002
3 Beutin, Wolfgang und Bütow, Thomas (Hgg.): Europäische Mystik vom Hochmittelalter zum Barock.
Frankfurt am Main 1998, S. 15
4 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 53
5 Beutin, Wolfgang und Bütow, Thomas (Hgg.): Europäische Mystik vom Hochmittelalter zum Barock.
Frankfurt am Main 1998, S. 14
6 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 54
7 Beutin, Wolfgang und Bütow, Thomas (Hgg.): Europäische Mystik vom Hochmittelalter zum Barock.
Frankfurt am Main 1998, S. 14
8 McGinn, Bernard: Blüte. Männer und Frauen der Neuen Mystik. Freiburg im Breisgau 1999, S. 60
9 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 54
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sie nur wenigen Menschen zuteil wurde. Ansonsten müssten wir jede Kommunion als mystisch bezeichnen, da durch die Einnahme der Hostie ebenfalls eine Vereinigung mit Christus in Form des geweihten Brotes stattfindet. 10 Der theoretische Teil der Mystik wird als interpretierende bzw. spekulative Mystik bezeichnet. Die spekulativen Mystiker haben allgemeine Theorien entwickelt, die solche Erlebnisse schematisieren und Anleitungen liefern, wie man diese erreicht. Möglicherweise spielen bei den Werken der spekulativen Mystiker ebenfalls persönliche Erfahrungen eine Rolle, jedoch ist dies nicht offensichtlich, da sie entweder gar nicht oder nur am Rand erwähnt werden. 11 Der offensichtliche Unterschied zwischen den spekulativen Mystikern und den Erlebnismystikern liegt darin, dass Letztere über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen, während Erstere die „esperienzia mistica in termini intellettualistici“ kleiden. Sie schildern in der Regel keine Visionen, wobei es auch selbstverständlich Ausnahmefälle wie Seuse gibt, die beides berichten. 12
2.1 Magie
Da sich Mystik außerhalb unserer rationalen Gedankenwelt abspielt, ist der Aspekt der Magie in diesem Zusammenhang wichtig. Sie bezeichnet die „psychische Reaktion des Menschen auf Umwelterfahrungen mit dem Ziel, die Umwelt in einem bestimmten Sinne zu beeinflussen“. 13 Im Bezug auf die Leidensmystik sind die Erlebnisse, die zumeist durch Askese und Selbstgeißelung erzeugt wurden, psychische Reaktionen auf die Selbstquälerei, mit der man beispielsweise versuchte, sich oder andere zu erlösen. 14
2.2 Vision
Oft wird auch von Visionen berichtet. Davon sprechen wir, „wenn ein Mensch das Erlebnis hat, aus seiner Umwelt auf außernatürliche Weise in einen anderen Raum versetzt zu werden, er diesen Raum bzw. dessen Inhalte als beschreibbares Bild schaut, diese Versetzung in Ekstase (oder im Schlaf) geschieht, und ihm dadurch bisher Verborgenes offenbar wird“. Konstituierend für eine Vision sind also die Aspekte des Raumwechsels, einer übermenschlichen Macht, der Beschreibbarkeit, der Ekstase und der Offenbarung. Diese fünf
10 Beutin, Wolfgang und Bütow, Thomas (Hgg.): Europäische Mystik vom Hochmittelalter zum Barock.
Frankfurt am Main 1998, S. 15
11 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 54
12 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 55
13 Tanz, Sabine und Werner, Ernst (Hgg.): Spätmittelalterliche Laienmentalitäten im Spiegel von Visionen,
Offenbarungen und Prophezeiungen. Frankfurt am Main 1993, S. 20
14 Walker Bynum, Caroline: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters.
Frankfurt am Main 1996, S. 154
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Elemente bezeichnen den „Idealtypus“. 15 Die Vision ist nicht zu verwechseln mit der Erscheinung. 16
Der Unterschied zwischen Vision und mystischem Erlebnis liegt darin, dass sich das mystische Erlebnis in der Seele abspielt und nicht beschreibbar ist, wohingegen das Visionäre außerhalb der Seele stattfindet und sowohl beschreibbar als auch bildhaft ist. In der Geschichte der Mystik sind jedoch auch Zwischenformen nachweisbar. Fest steht, dass das Streben jedes Mystikers als Ziel die „unio mystica“, die Gottesvereinigung bzw. das Einssein mit Gott, hat. Der „iubilus“ und die „visio intellectualis“, die eingegossene Kontemplation, sind ebenfalls mystische Gnaden, deren Erreichen erstrebenswert war. 17
2.3 Erscheinung
Zuletzt soll in diesem Zusammenhang noch die Erscheinung angesprochen werden. Sie stellt ebenfalls ein mystisches Phänomen dar, ist jedoch kein mystisches Erlebnis. Sie ist zwar eine Wahrnehmung von übersinnlicher Natur, jedoch unterscheidet sie sich von der Vision dadurch, dass der Mensch sie nicht im Traum, ohne Verlust seines Bewusstseins, oder in einem ekstase-ähnlichen Zustand erlebt. Der Mystiker befindet sich bei einer Erscheinung also in seiner normalen Umwelt, in die eine für andere nicht sicht- bzw. greifbare (himmlische oder höllische) Person eindringt. Die Elemente der Erscheinung sind demnach der „Einbruch eines Außerweltlichen“, die „Bewahrung von Tagesbewusstsein und Umraum“, die „bildhafte Beschreibbarkeit“ und oft „Offenbarungen oder Befehle bzw. Bitten als Inhalt der Kommunikation mit dem Erscheinenden“. 18
3. Die Frauenmystik
3.1 Entstehung und Entwicklung
„Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.“ (Hl. Augustinus) 19 Das neue Phänomen der Frauenfrömmigkeit in der Zeit des endenden Hochmittelalters, der Periode zwischen dem Ende des römischen Reiches und der Französischen Revolution, bezeichnet eine Achsenzeit von der „Verweigerung herkömmlicher Lebensweisen“ zum „Aufbruch zu neuen Lebensformen“. Hierbei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. „Die große Bevölkerungsvermehrung, die Durchsetzung effizienterer Agrartechniken, der Aufschwung der städtischen Kultur […], der Aufstieg neuer Schichten […], die Etablierung
15 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 29
16 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 33
17 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 56
18 Dinzelbacher, Peter: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 33 ff.
19 Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Frauenmystik. Paderborn 1993, S. 24
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neuer Ideale […] und vor allem das sich im Verlauf der gregorianischen Reform und des Investiturstreits herauskristallisierende Auseinandergehen von Heiligem und Profanem“ sind Punkte, die die Entwicklung zur Neuen Mystik in Gang gesetzt haben. 20 Im späten 11. Jahrhundert, der Zeit der gregorianischen Reform, waren Priester und Laien in Status und Lebensform streng voneinander getrennt. 21 Doch die aufkommende Spiritualität im Mittelalter, die sich vor allem der vita apostolica (der Art so zu leben, wie Christus und seine Apostel gelebt hatten) zuwendete, bewirkte einen langsamen Verfall dieser Trennung. 22 Frühere passive Gruppen, wie gläubige Laien, wurden aktiv. 23 Eine Vorform auf die Frauenbewegung zeigt sich bereits im Enthusiasmus für die evangelischen Wanderprediger des 11. Jahrhunderts. Tausende Frauen hefteten sich an Robert von Abrissel (†1116), der mit seinen Bußpredigten Begeisterungsstürme erntete. Sowohl Frauen aus der gehobenen Schicht als auch die aus den verachtetsten Schichten scharrten sich darum, „pauperes Christi“ (Arme um Christi Willen) zu werden. 24 Soziale, politische und spirituelle Strukturen wurden neu geordnet. 25 Der Klerus war damals eine erhabene und ehrfurchtgebietende Macht, gleichzeitig aber auch eine männliche Welt. In dieser Welt besaßen Frauen keine geistlichen Ämter, konnten nicht öffentlich das Wort ergreifen und hatten somit kaum eine andere Wahl, als ihre Frömmigkeit und ihr Christuserleben nach außen mit ihrem Körper zu manifestieren. 26 Nachdem die offizielle Kirche dem nicht begeistert gegenüber stand 27 , erkannte sie jedoch, dass diese Art erlebnisorientierter Frömmigkeit durchaus hilfreich im Kampf gegen die Ketzerei war. Die Leibwunder, die sich in körperlichen Veränderungen zeigten, traten genau zu der Zeit auf, als eine Kampagne von Seiten des Klerus gegen den Dualismus der Katharer stattfand. Stigmata und Visionen, in denen sich die Hostie in blutendes Fleisch verwandelte, waren Beweise gegen die Ansicht der Katharer, nämlich dass „Materie und Fleisch nicht die Schöpfung eines guten Gottes sein könnten“. 28 Der Klerus unterstützte die Frauen auch deswegen, weil sie durch die Askese und mystischen Trancezustände der Kontrolle ihrer Seelenführer unterworfen waren und ihre Visionen den Männern Aufschluss über Gottes
20 Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Frauenmystik. Paderborn 1993, S. 38
21 Walker Bynum, Caroline: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters.
Frankfurt am Main 1996, S. 160
22 McGinn, Bernard: Blüte. Männer und Frauen der Neuen Mystik. Freiburg im Breisgau 1999, S. 25 ff.
23 Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Frauenmystik. Paderborn 1993, S. 38
24 Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Frauenmystik. Paderborn 1993, S. 47
25 Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Frauenmystik. Paderborn 1993, S. 38
26 Walker Bynum, Caroline: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters.
Frankfurt am Main 1996, S. 160
27 McGinn, Bernard: Blüte. Männer und Frauen der Neuen Mystik. Freiburg im Breisgau 1999, S. 26
28 Walker Bynum, Caroline: Fragmentierung und Erlösung. Geschlecht und Körper im Glauben des Mittelalters.
Frankfurt am Main 1996, S. 161
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Arbeit zitieren:
Suzana Dulabic, 2004, Leidensmystik im Mittelalter mit Schwerpunkt Mittelalterliche Frauenmystik, München, GRIN Verlag GmbH
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