Inhalt
(Die Punkte 1. bis 3. verfasste Britta Daniel, Punkte X bis X Hans-Peter Tonn. Einleitung
und Fazit verfassten die Autoren gemeinsam.)
Einleitung
1. Die Klassisch-liberale Theorie
Exkurs : Das Saysche Theorem
2. Theorie von Keynes
3. Die angebotsorientierte Position
4. Anthropologische Verortung
4.1 Die konservative Position
4.2 Die wohlfahrtsstaatlich - sozialistische Position
5. Die ökonomische Globalisierung
5.1 Die Standortfrage
5.2 Kapitalismus ohne Arbeit?
6. Arbeitszeitverkürzung als Lösung?
6.1 Wochenarbeitszeitverkürzung am Beispiel VW
6.2 Die 30-Stunden-Woche - ein Modell mit Zukunft?
7. Fazit
8. Quellenangaben
9. Datum und Unterschrift
Einleitung
W ährend unseres Seminars „Der glückliche Arbeitslose oder Das Recht auf Faulheit“ bei
Herrn Prof. Dahlmüller ist uns bewusst geworden, dass wir das zur Zeit herrschende
Problem „Arbeitslosigkeit“ in der Bundesrepublik Deutschland nicht genau lokalisieren
konnten. Wir suchten nach Lösungsansätzen für ein Problem, dessen Ursprung wir nicht
genau kannten. Um das gesellschaftliche Problem Arbeitslosigkeit langfristig lösen zu
k önnen, müssen aber aus unserer Sicht die verursachenden Faktoren verändert werden.
Nach unserer Auffassung ist Arbeitslosigkeit in Deutschland in erster Linie ein
wirtschaftspolitisches Problem. Deshalb werden wir Verursacher und Lösungsansätze auch
dort suchen. Wir sind der Meinung, dass eine professionelle Sozialpädagogin bzw. ein
professioneller Sozialpädagoge sich über diese wirtschaftspolitischen Zusammenhänge
bewusst sein sollte, um in fachlichen Diskussionen sachlich mitreden zu können. Viele
Sozialp ädagogInnen werden im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit auch an (wirtschafts-)
politischen und/ oder personalpolitischen Entscheidungen sowie beruflicher Beratung
beteiligt sein, die direkt oder indirekt das Schicksal von arbeitenden und arbeitslosen
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Menschen beeinflussen werden. Deshalb sollten sie sich bewusst sein, im Sinne welcher wirtschaftspolitischen Theorierichtung sie damit handeln. Denn der scheinbar plausibel klingende Weg muss nicht zwangsweise der richtige sein. Um dies beurteilen zu können, benötigt man allerdings ein tiefgreifenderes ökonomisches Verständnis. In dieser Prüfungsleistung werden wir die Ursachen und theoretischen Thesen im wirtschaftspolitischen Bereich darstellen und vergleichen, um zu Lösungsansätzen zu gelangen.
In Kapitel eins bis drei werden wir die drei bekanntesten und wichtigsten Wirtschaftstheorien vorstellen und in Beziehung zur Arbeitslosigkeit setzen. Kapitel vier wird eine anthropologische Verortung der beiden wichtigsten Theorien, der angebotsorientierten und der nachfrageorientierten Theorie, beinhalten. Darin soll das Menschenbild hinterfragt werden, das die Vertreter der jeweiligen Theorie verinnerlicht haben. In den Medien ist immer wieder die Rede davon, dass durch die ökonomische Globalisierung zahlreiche Arbeitsplätze vernichtet werden. Wie sehr betrifft die wirtschaftliche Globalisierung tatsächlich den deutschen Arbeitsmarkt? Wie viele Arbeitsplätze sind de facto aufgrund der Globalisierung verloren gegangen? In Kapitel fünf wollen wir diesem Thema genauer auf den Grund gehen.
Arbeitszeitverkürzung wird, insbesondere von Seiten der Arbeitnehmer und Gewerkschaften, oft als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit und für mehr Beschäftigung angesehen. Ob die Wochenarbeitszeitverkürzung tatsächlich eine praktikable und sinnvolle Lösung ist, wollen wir in Kapitel sechs untersuchen.
Im Fazit werden wir abschließend darauf eingehen, ob die Wirtschaftstheorien und die ökonomische Globalisierung tatsächlich von Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit sind und welche Rolle die Arbeitszeitverkürzung bei der Verbesserung der Arbeitsmarktsituation spielen kann.
1. Die Klassisch-liberale Theorie
Nach der klassisch-liberalen Theorie regulieren Angebot und Nachfrage nicht nur die Warenpreise sondern auch den Arbeitsmarkt. Lässt die Nachfrage nach Arbeitskräften nach, kommt es zu Erwerbslosigkeit. Die Nachfrage widerum lässt dann nach, wenn der Lohn für die Arbeitskraft zu hoch ist. Wenn die Arbeitenden in dieser Situation einfach weniger Lohn fordern, stellen die Arbeitgeber nach dieser Theorie sofort weitere Arbeitskräfte ein. Haben die Löhne ein bestimmtes Niveau erreicht, gibt es keine Arbeitslosen mehr. Auf dem Arbeitsmarkt hat sich ein Gleichgewicht eingestellt (vgl. Koesters 1982, 213ff).
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Nach den klassischen Theoretikern kann es zu keiner Kluft zwischen gesamtwirtschaftlichem Angebot und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage kommen. Sie gehen davon aus, dass die Marktwirtschaft zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung tendiert, einem Zustand der optimalen Nutzung aller volkswirtschaftlichen Ressourcen. Dies begründen sie mit dem Sayschen Theorem (vgl. Taenzer 1988, 54f). Exkurs: Das Saysche Theorem
Das Saysche Theorem besagt, dass prinzipiell alle Waren ihre Käufer finden. Dies wird damit begründet, dass die Preise der Waren vollständig aus Einkommen bestehen, und dass mit der Herstellung von Waren gleichzeitig das Geld für deren Kauf verdient wird. Somit entspricht die Summe aller Waren der Summe aller Einkommen. Folglich müsste, abgesehen von vorübergehenden Störungen, immer Vollbeschäftigung herrschen. Nun könnte man einwenden, dass nicht alle Menschen ihr gesamtes Gehalt sofort wieder ausgeben sondern einen Teil des Geldes sparen. Doch laut dem Theorem wird auch Gespartes genutzt, denn dieses Geld leihen die Banken Geschäftsleuten für den Kauf von Maschinen und anderen Investitionsgütern. Die Zinsen sorgen dann dafür, dass die Summe der Ersparnisse genau so groß ist wie die Summe der Kredite. Wenn die Menschen viel sparen und die Unternehmen wenig Kredit aufnehmen, sinken die Zinsen. Sparen lohnt sich dann kaum. Die Kredite werden billiger und wieder mehr nachgefragt. Die andere Variante ist, dass wenig gespart wird, zugleich aber die Nachfrage nach Krediten hoch ist. In diesem Fall steigt der Zins. Die Nachfrage nach Krediten nimmt ab. Sparen wird wegen des hohen Zinses wieder attraktiv. Da wieder mehr gespart wird, fallen die Zinsen und die Nachfrage nach Leihgeld steigt. Durch diese Wechselwirkungen kommt es immer wieder zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Der durch das Sparen entstehende Nachfrageausfall wird also auf lange Sicht durch die genauso große Nachfrage nach Investitionsgütern ausgeglichen (vgl. Koesters 1982, 213ff). Das Saysche Theorem besagt also, dass ein dauerhafter Überschuss des Gesamtangebotes gegenüber der Gesamtnachfrage in einer Volkswirtschaft nicht möglich ist. Jeder Anbieter will tauschen und fragt deshalb in Höhe seines Angebotes nach. Deshalb muss jedem zusätzlichen Angebot eine zusätzliche Nachfrage gegenüberstehen. Dauerhafte Arbeitslosigkeit ist also nicht möglich, da die Arbeitgeber durch fallende Löhne dazu bewegt werden, die billiger gewordenen Arbeitskräfte nachzufragen. Kommt es trotzdem zu Krisen in diesem System, werden sie durch exogene Kräfte von außerhalb des Wirtschaftssystems verursacht oder sind nur vorübergehend. Zum Beispiel sehen die klassischen Theoretiker Überproduktionskrisen als Prozess der Marktbereinigung
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mit Auslesefunktion. Fehlgeleitete wirtschaftliche Ressourcen werden sichtbar und dadurch verhindert. Nach diesen Krisen entstehe immer ein neuer Aufschwung. Da nach dieser Theorie dauerhaft bestehende gesamtwirtschaftliche Überangebote nicht möglich sind, sehen die klassischen Theoretiker es auch nicht als Aufgabe des Staates, sich um ein ausreichendes Beschäftigungsniveau der Wirtschaft zu kümmern. Staatliche Intervention würde stattdessen für die optimale Entfaltung der Wirtschaftskräfte eher hinderlich sein.
Die Klassiker stellen somit das kapitalistische System als ein natürliches System dar, welches nicht anzuzweifeln sei (vgl. Taenzer 1988, 54f).
Die Funktion des Arbeitsmarktes nach der klassischen Theorie soll an dem folgenden Zahlenbeispiel deutlich werden:
Jeweiliges Angebot an Arbeitskräften bei unterschiedlichen Löhnen:
Tabelle 1 (Maciey et al. 1999, 37)
Jeweilige Nachfrage nach Arbeitskräften bei unterschiedlichen Löhnen:
Tabelle 2 (Maciey et al. 1999, 37)
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Graphik 1 (vgl. Maciey et al. 1999, 38)
2. Theorie von Keynes
John Maynard Keynes (1883 - 1946), britischer Nationalökonom, verfasste 1936 sein wichtigstes Werk „The General Theory of Employment, Interest and Money“. Darin stellte er fest, dass - im Gegensatz zu der Annahme der klassischen Theorie - in einem marktwirtschaftlichen System Instabilitäten wie Massenarbeitslosigkeit vorherrschen können. Er entwickelte auch Lösungsansätze, um diese Instabilitäten zu beseitigen. Seine Ansätze sah er als einzige Möglichkeit, um den Zusammenbruch des Kapitalismus zu vermeiden (vgl. Gahlen et al. 1978, 120f).
In Bezug auf die klassische Theorie schrieb Keynes: „Unsere Kritik der akzeptierten klassischen Theorie der Wirtschaftslehre bestand nicht so sehr darin, logische Fehler in ihrer Analyse zu finden als hervorzuheben, daß ihre stillschweigenden Voraussetzungen selten oder nie erfüllt sind, mit der Folge, daß sie die wirtschaftlichen Probleme der wirklichen Welt nicht lösen kann.“ (Keynes 1936, 319 zitiert in: Maciey 1999, 40). Keynes kritisierte auch die klassische These, eine optimal funktionierende Volkswirtschaft strebe nach Vollbeschäftigung. Er stellte fest, dass es auch bei Unterbeschäftigung ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht gibt.
Keynes theoretische Analyse geht von der klassischen Arbeitsangebotskurve aus. Seiner Ansicht nach ist der von den klassischen Theoretikern unterstellte Verlauf nicht realistisch. Der Lohn ist nach Keynes eine exogen vorgegebene Größe und entsteht nicht endogen über den Marktmechanismus. In kapitalistischen Ländern mit staatlichen und gewerkschaftlichen Aktivitäten gibt es einen Mindestlohn, der auch bei Massenarbeitslosigkeit nicht unterschritten wird (vgl. Gahlen et al. 1978, 40).
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John M. Keynes untersuchte das Konsumverhalten privater Haushalte, die ihr Einkommen hauptsächlich für Güter des täglichen Bedarfs ausgeben. Besonders interessant war für ihn, wie sich der Konsum bei steigendem Einkommen veränderte. Aus seinen Beobachtungen formulierte er ein „psychologisches Gesetz“: „Die Menschen erhöhen zwar mit wachsendem Einkommen ihre Ausgaben für den täglichen Konsum - jedoch nicht um den vollen Betrag der Einkommenserhöhung. Also hängt die Spartätigkeit von der Höhe des Einkommens und nicht von der Höhe der Zinsen ab.“ (Maciey 1999, 40). Diese Erkenntnis widerspricht dem Sayschen Theorem, nach dem das menschliche Sparverhalten nur von der Zinshöhe abhängt. Der daraus gefolgerte Zinsmechanismus, dass die Nachfrage nach Invesitionsgütern gerade so groß ist wie der durch das Sparen entstehende Nachfrageausfall, kann also auch nicht funktionieren. Folglich gibt es keine Garantie, dass die gesamte Nachfrage genauso groß ist wie das Angebot. Diese Komplexität kann man an einem sehr vereinfachten Beispiel darstellen: Ein Volk stellt innerhalb eines Jahres eine Gütermenge her, die für insgesamt eine Milliarde Euro auf den Markt kommt. Die an der Produktion beteiligten Menschen haben also bereits eine Milliarde Euro verdient, weil die Summe der Preise der Summe der Einkommen entspricht. Spart nun die Bevölkerung hundert Millionen Euro, so bedeutet das, dass Waren im Wert von hundert Millionen Euro nicht konsumiert werden. Wenn diese Nachfragelücke durch eine Nachfrage nach Investitionsgütern ausgeglichen wird, gibt es kein Problem. Werden aber zum Beispiel nur Investitionsgüter im Wert von neunzig Millionen Euro nachgefragt, finden Produkte im Wert von zehn Millionen Euro keinen Käufer. Die überschüssige Ware verbleibt bei den Unternehmen. Die Fabrikanten entscheiden, in Zukunft weniger zu produzieren. Als Folge der gedrosselten Produktion entlassen die Unternehmen einen Teil ihrer Arbeitnehmer. Vollbeschäftigung kann also auch an einer mangelhaften Güternachfrage scheitern, nicht nur an der Lohnhöhe. Das Saysche Theorem ist widerlegt.
Die Theorie, dass Preise aus Einkommen bestehen, gilt auch bei Unterbeschäftigung, also nicht nur bei Vollbeschäftigung. Wenn Warenangebot und Beschäftigung aufgrund geringerer Nachfrage sinken, verringert sich die Summe der Preise und damit die Summe des Volkseinkommens. Auf niedrigem Niveau entsteht ein Gleichgewicht unterhalb der Vollbeschäftigung (vgl. Koesters 1982, 220).
Keynes stellte fest, dass allein der Staat eine zusätzliche Nachfrage entfalten kann, um wieder eine Vollbeschäftigung zu erreichen. Er kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so manipulieren, dass auf dem Gütermarkt ein Produktionsniveau entsteht, das hoch genug ist, um wieder Vollbeschäftigung zu gewährleisten.
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Arbeit zitieren:
Britta Daniel, Hans-Peter Tonn, 2004, Arbeitslosigkeit aus der Sicht von Wirtschaftstheorien und Globalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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