„Was bedeutet Identität nach Lothar Krappmann?“
„Identität ist die Leistung, die das Individuum als Bedingung der Möglichkeit seiner Beteiligung an Kommunikations- und Interaktionsprozessen zu erbringen hat.“ (S. 207)
Für Lothar Krappmann ist Identität keine feststehende, vererbbare oder von Geburt an vorhandene Eigenschaft des Menschen, sondern etwas dynamisches, veränderbares, das sich mit jedem Kommunikations- und Interaktionsprozess neu definiert. Zur Begründung seiner Theorie geht er von seiner Beobachtung aus, dass jeder Mensch sich in unterschiedlichen Kommunikationsprozessen je nach Interaktionspartnern unterschiedlich verhält. Als Beispiele nennt er, dass „wir uns kooperationsbereit und nachgiebig unter unseren Arbeitskollegen verhalten, jedoch hartnäckig auf unser Recht pochen, wenn unser Wagen in der Werkstatt unsachgemäß repariert wurde“ oder, dass „wir in einem Gespräch über politische Probleme mit einem Studentenvertreter anders sprechen als mit einem Mitglied der Regierungspartei“ (S.7). Er stellt fest, dass Gespräche und gemeinsames Handeln nur möglich sind, wenn Menschen sich auf ihre Gesprächspartner einstellen, indem sie empatisch denken und die Erwartungen der anderen erkennen. Dies hat, so meint Krappmann, aber auch Grenzen. Wenn nämlich nicht mehr erkennbar ist, wofür ein Mensch wirklich eintritt, weil er sich voll und ganz den Erwartungen seines Gegenüber anpasst. „Denn die Mitglieder von Handlungs- und Kommunikationssystemen verlangen voneinander ein gewisses Maß an Konsistenz im Verhalten und an Integration von Beteiligung.“ (S.7)
Der Mensch, der sich in einem Interaktionsprozess befindet, steckt also in folgendem Dilemma: „Obwohl gemeinsames Handeln und Kommunikation auf der einen Seite voraussetzen, dass die Partner sich in Handlungsorientierung und Sprache einander angleichen, muss jeder auf der anderen Seite verdeutlichen, „wer er ist“, um den Ablauf von Zusammenkünften vorhersehbar und auf diese Weise planbar zu machen.“ (S. 7) Zum Präsentieren der besonderen Individualität, also „wer er ist“, braucht der Mensch zudem die Zustimmung seines Interaktionspartners. Dieser entwirft Vorstellungen darüber, die nicht unberücksichtigt bleiben können. Dazu gehört z.B., dass „man“ von einem Wissenschaftler rationale Argumentation erwartet, von einem Künstler Exzentrizität und Phantasie, von einem Arzt Hilfsbereitschaft und Sorgfalt. Wer wiederholt gegen solche allgemein von der Gesellschaft geteilten Vorstellungen verstößt, läuft Gefahr, in seiner individuellen Besonderheit nicht akzeptiert zu werden.
Hinzu kommt, dass der Mensch eigene Bedürfnisse in jeder I nteraktion geltend machen möchte. Er muss also abwägen, wie er sich präsentiert, wenn er auf verschiedenartige Partner eingehen muss, um mit ihnen kommunizieren und handeln zu können, andererseits
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sich in seiner Besonderheit und mit seinen Bedürfnissen darzustellen hat, um als dasselbe Individuum auch in verschiedenen Situationen erkennbar zu sein. Gelingt es dem einzelnen nicht, seine Besonderheit auf diesem Hintergrund seinen Handlungs- und Gesprächspartnern zu übersetzen, droht er in Isolation zu geraten. Diesen Zustand des ständigen neuen Abwägens und „Sich Präsentierens“ mit dem Ziel der erfolgreichen Interaktion nennt Krappmann „balancierende Identität“. Dem Individuum wird der Akt des „Balancierens“ in unserer heutigen Gesellschaft zusätzlich durch konkurrierende Normen, Erwartungen und Interpretationen von Personen und Situationen erschwert. Angesichts dieser Tatsache stellt Krappmann die Frage, ob es für das Individuum vorteilhafter und leichter sei, auf Konsistenz im Verhalten und Integration zu verzichten. „Ist Individualität nur unter Verhältnissen zu wahren, die das Individuum nicht zwischen diskrepanten Erwartungen zu zerreißen droht?“ (S.8)
Doch auch -real nicht vorstellbare- Verhältnisse ohne einander widerstreitende Normen oder ohne Sanktionen für Abweichungen würden der Selbstdarstellung des Individuums Probleme bereiten. Entweder würde die vollständige Übereinstimmung aller Erwartungen und Bedürfnisse von vornherein die Artikulation einer Besonderheit ausschließen, oder dem Individuum, das doch von den allgemeinen Normen abweichende Erwartungen besitzt, stünden keine ihm mit den anderen gemeinsamen Interpretationen zur Verfügung, an die es bei der Artikulation dieser Erwartungen anknüpfen könnte. Krappmann schließt daraus, dass das Individuum auf eine gewisse Bandbreite unterschiedlicher Erwartungen und Interpretationen angewiesen ist, um sich an ihm nahestehenden Interpretationen anlehnen und durch Kritik des vorgegebenen Normensystems seine unberücksichtigten persönlichen Erwartungen verdeutlichen zu können.
Krappmann grenzt den Begriff der Identität klar von der Idee der „selbstentworfenen, starren Identität“ ab: „Identität ist nicht mit einem starren Selbstbild, das das Individuum für sich entworfen hat, zu verwechseln; vielmehr stellt sie eine immer wieder neue Verknüpfung früherer und anderer Interaktionsbeteiligungen des Individuums mit den Erwartungen und Bedürfnissen, die in der aktuellen Situation auftreten, dar.“ (S.9). Damit beschreibt er zugleich den biographischen Aspekt, der nach seiner Auffassung das Handeln des Individuums in Interaktionsprozessen beeinflusst. Das Individuum ordnet seine sozialen Beteiligungen aus der Perspektive der gegenwärtigen Handlungssituation zu einer Biographie, die einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen im Leben des Betreffenden herstellt. Der Entwurf einer Biographie scheint zwar zunächst nur durch bloße Interpretation eine plausible Abfolge zwischen den Ereignissen im Leben des Betreffenden herzustellen. Es sei aber, so Krappmann, „zu erwarten, dass, ein Individuum dann, wenn es frühere Handlungsbeteiligungen und außerhalb der aktuellen Situation bestehende Anforderungen in
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seine Bemühungen um Identität aufnimmt, auch tatsächlich ein höheres Maß an Konsistenz im Verhalten zeigen wird.“ (S.9) Durch Vernetzung verschiedener Handlungssituationen schafft sich der Mensch so einen Rahmen zur besseren Handlungsorientierung, d.h. zur Abwägung von Verhalten in neuen Situationen.
Krappmann grenzt seinen Identitätsbegriff mehrfach deutlich von einem starren, „lediglich psychologischen“, auf die herkömmliche Vorstellung von Persönlichkeitsstrukturen sich stützenden Konzept ab. Er beschreibt, „...dass die Bedingungen der Möglichkeit der Identität eines Individuums und damit seiner Fähigkeit zu sozialer Interaktion auf der Ebene sozialstruktureller Faktoren zu suchen sind und Identität nicht zureichend als ein subjektives, im Belieben des Individuums stehendes Bestreben, sich in einer Welt angeblich zunehmender Konformität als ein einmaliges festzuhalten, beschrieben werden kann.“ (S.11) Die Individualität eines Individuums, also seine es von den anderen unterscheidende Besonderheit, wird demnach auch nicht als eine unabtrennbar mit der Existenz des Individuums gegebene Eigenschaft verstanden. Nach Krappmanns Ansicht muss „der Aufbau einer individuierten Identität als eine den Strukturen sozialer Interaktionsprozesse entsprechende Leistung des Individuums angesehen werden, ohne die eine Beteiligung an Kommunikations- und Handlungsprozessen gefährdet oder sogar ausgeschlossen ist.“ (S.11) Daraus folgt, dass diese Leistung auch misslingen kann, nämlich z.B. dann, wenn gegensätzliche Verhältnisse es dem Individuum nicht gestatten, sich als identisches zu behaupten. Eine Beispiel-Situation hierfür könnte sein: Ein Bankangestellter, der in seiner Freizeit Motorrad fährt, trifft auf einem Stadtfest gleichzeitig seinen Vorgesetzten und seinen Kumpel aus der Rocker-Szene. In der nun folgenden Interaktion haben beide Gespächspartner unterschiedliche, zum Teil sogar gegensätzliche Erwartungen an das Verhalten des Bankangestellten. Gelingt es dem Bankangestellten nicht, sich auch in dieser Situation als „identisches Individuum“ zu behaupten -sei es, weil ungünstige Sozialisationsbedingungen ihm nicht die Fähigkeit vermittelt haben, Identität auch bei diskrepanten Erwartungen zu wahren - kann dies z.B. einen Abbruch der Interaktion zur Folge haben.
Das Streben nach Identität ist für das Individuum demzufolge nicht als eine Art „anthropologischer Naturkonstante“ zu verstehen, sondern als unablässlich für die erfolgreiche Partizipation des Individuums in Kommunikations- und Interaktionsprozessen. Identität zu gewinnen und zu präsentieren, beschreibt Krappmann als einen „in jeder Situation angesichts neuer Erwartungen und im Hinblick auf die jeweils unterschiedliche Identität von Handlungs- und Gesprächspartnern zu leistenden kreativen Akt.“ (S.11) Dieser „kreative Akt“ schafft etwas noch nicht Dagewesenes, nämlich die Aufarbeitung der Lebensgeschichte des Individuums für die aktuelle Situation. Durch den Rückgriff auf frühere Interaktionserfahrungen und andere Anforderungen, die mit in die Formulierung seiner
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Position einfließen, schafft es das Individuum, sich dieser Situation gegenüber in Distanz zu setzen. Dies hilft ihm, da seine Position Bestandteil der Situation ist und wiederum von den anderen Gesprächspartnern berücksichtigt werden muss, bei dem Versuch, eine Interpretation der Situation durchzusetzen, die seinen Handlungsmöglichkeiten und Absichten weitgehend entspricht.
Krappmann greift für seine Erläuterung des Identitätsbegriffs auf den soziologischen Interaktionismus zurück, der sich auf die sozialen Beziehungen des Individuums in einer symbolischen Umwelt konzentriert und von der Analyse von Alltagserfahrungen ausgeht, die jedermann zugänglich sind. Der Interaktionismus ist der Auffassung, dass das Individuum auf soziale Beziehunge zu anderen angewiesen ist, „weil es nur in diesen Beziehungen ein „Selbst“ aufbauen beziehungsweise Identität gewinnen kann.“ (S.20) Aus dem Interaktionismus entstammt auch die Idee, dass das soziale Geschehen ein offener, dynamischer Prozess sei. Jedes Individuum muss demzufolge sich ständig bemühen, seine Beteiligung an Interaktionen und damit auch seine Identität neu zu stabilisieren. (S.21) Das Individuum besitzt Identität immer nur in bestimmten Situtionen und unter anderen, die sie anerkennen. (S.35)
Krappmann vertritt die Auffassung, dass die hier beschriebene Vorstellung von balancierender Identität jedoch nicht unter harmonischen gesellschaftlichen Verhältnissen möglich ist. Sondern die Struktur der Interaktionsprozesse verlangt gerade, widersprüchliche Erwartungen, unzureichende Bedürfnisbefriedigung und unzulängliche Versuche der Übersetzung subjektiver Interpretationen und Intentionen auszuhalten und nicht zu verdrängen. Die sei erforderlich, weil nur auf diese Weise ein Handlungsspielraum geschaffen werden könne. Laut Krappmann führt der strukturelle Zwang, Diskrepanzen zu überbrücken, zugleich zur Kritik unzufriedenstellender Verhältnisse. (S. 30)
Quelle:
Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität. Stuttgart: Klett-Cotta, 1969. Neunte, in der Ausstattung veränderte Auflage 2000.
Datum und Unterschrift
Bad Münder, 19. August 2003
Britta Daniel
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Arbeit zitieren:
Britta Daniel, Hans-Peter Tonn, 2004, Was bedeutet Identität nach Lothar Krappmann und Karl Haußer?, München, GRIN Verlag GmbH
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