Inhaltsverzeichnis 3
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
2 Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie 9
2.1 Die Sprachauffassung Wilhelm von Humboldts 10
2.2 Das sprachliche Weltbild nach Weisgerber 11
2.3 Der Inhalt des Wortes 11
2.4 Die Einheit des Wortes und das Problem der Polysemie 14
2.5 Zur Diskussion der Wortfeldtheorie 15
2.5.1 Die Anfänge der Feldtheorie 16
2.5.2 Die Feldauffassung Trier-Weisgerberischer Prägung 17
2.5.3 Kritik und Verteidigung des Trier-Weisgerberischen Feldes 22
2.5.4 Skizzierung einer strukturellen Wortfeldmethode (nach E. Coseriu) 29
2.5.4.1 Notwendige Vorunterscheidungen 30
2.5.4.2 Die lexematischen Strukturen 33
2.5.4.3 Lexikalische Solidaritäten 37
2.5.4.4 Ergänzungen zu Coserius Wortfeldmethode 39
Die Latent Semantic Analysis-Methode 3 43
3.1 Semantische Räume 43
3.2 Latent Semantic Indexing 44
3.3 Mathematischer Hintergrund der LSA-Methode 46
3.3.1 Die Singulärwertzerlegung 46
3.3.2 Interpretation des mathematischen Verfahrens 48
3.3.3 Zusätzliche Implementationen 49
3.3.3.1 Queries 49
3.3.3.2 Updating 50
3.4 Ein Beispiel für eine Anwendung von LSA 50
3.5 Anwendungsgebiete der LSA-Methode 56
3.5.1 LSA und Synonym-Tests 57
3.5.2 „Plato’s Problem“ 58
3.5.3 Themenbasiertes Wissen 59
3.5.4 Semantisches Priming 60
4 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
3.5.5 Essaybewertungen 61
4 Die linguistische Interpretation der LSA-Methode 63
4.1 Die theoretische Konstituierung der LSA-Methode 63
4.2 Latent Semantic Analysis, Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie 69
4.2.1 Die Bedeutung von Wörtern 69
4.2.2 Die Wortfeldtheorie und Latent Semantic Analysis 70
4.2.2.1 Wortfelder Trier-Weisgerberischer Prägung 70
4.2.2.2 Die Wortfeldtheorie nach Coseriu 73
4.2.3 Wortfelder und Semantische Räume 75
4.3 Automatische Generierung von Wortfeldern durch LSA 77
5 Zusammenfassung und Ausblick 83
Literaturverzeichnis 87
Anhang 93
Anhang A: Mathematisches Glossar 93
Anhang B: Ergänzungen zu Latent Semantic Analysis 98
Anhang C: Berechnung einer Singulärwertzerlegung mit MATLAB 101
Einleitung
1 Einleitung
“You shall know a word by the company it keeps.”
Verfahren für eine vektorbasierte semantische Analyse und insbesondere Latent Semantic Analysis wurden entwickelt, um die Bedeutung von Wörtern aufzudecken und darzustellen. Dies zieht jedoch sofort eine Frage nach sich: Was ist denn eigentlich die Bedeutung von „Bedeutung“? Wir wissen, dass die Wörter unserer Sprache bzw. jeder Sprache eine Bedeutung haben. Das macht es überhaupt erst möglich, sich zu verständigen bzw. Information zu übermitteln. Aber was genau ist das, was einem Wort eine bestimmte Bedeutung gibt? Sind das bestimmte Formen mentaler Konzepte, die im Geist des Benutzers einer Sprache existieren, oder sind es lediglich die Objekte, die durch die Wörter bestimmte Namen bekommen? Kurz gesagt: Sind Bedeutungen Dinge, die im Kopf existieren, oder existieren sie bereits durch die Dinge in unserer Umwelt? In der Psychologie und Philosophie wurde diese Frage bereits ausführlich diskutiert, so sieht Ludwig Wittgenstein (1953) die Bedeutung in der linguistischen Praxis begründet, was zu dem berühmten Diktum „Bedeutung ist Gebrauch“ führte. Die dahinter stehende Idee ist, dass wir die Bedeutung eines Wortes genau dann verstanden haben, wenn wir in der Lage sind, es richtig zu gebrauchen. Dies widerspreche nach Sahlgren (2001) der oftmals vertretenen Auffassung, dass die Bedeutung der Wörter außerhalb der Sprache, also in den Objekten der Welt zu suchen sei. Er ist der Auffassung, dass die Frage nach der Bedeutung von „Bedeutung“ in der Theorie der Sprache selbst liege:
What we need in order to understand the nature of meaning is therefore not so
much a rigid definition of the concept of meaning, but rather a profound
understanding of the inherent structures of natural language. In short, what we
need is a structuralistic account of language. (Sahlgren 2001) Es handelt sich also um eine sprachwissenschaftliche Fragestellung und man sollte annehmen, dass sich die Sprachwissenschaft bereits ausführlich mit der Bedeutungsfrage beschäftigt hat. Überraschenderweise hat sich aber gerade diese Wissenschaft mit dem Problem der Bedeutung von Wörtern besonders schwer getan. So ist die Semantik, also die Wissenschaft von den Bedeutungen, lange Zeit das „Aschenputtel der Linguistik“ gewesen und hat sich in den Gründerjahren zunächst fast ausschließlich mit der diachronischen Betrachtungsweise von Wörtern beschäftigt (vgl. Ullmann 1978:15f.). Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Linguistik von einer entscheidenden Wende betroffen, die auch die Semantik betraf und für die vor allem F. de Saussure verantwortlich war. Dieser machte zunächst auf die Bedeutung der synchronen
6 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
Betrachtungsweise von Sprache aufmerksam, die er bewusst von der historischen abgrenzte. Doch Saussure ging noch weiter, indem er behauptete, dass die Sprache ein System mit wechselseitigen voneinander abhängigen Elementen sei. Diese Konzeption bildete die Grundlage für die strukturelle Sprachwissenschaft (vgl. Ullmann 1978:17f.). Die strukturelle Methode fand ihre Anwendung zunächst in der Phonologie und Morphologie und später auch in der syntaktischen Analyse. Nur die Semantik blieb am Rande dieser Entwicklung, was im besonderen Charakter der lexikalischen Gegebenheiten begründet zu sein scheint. Sowohl das phonologische als auch das grammatische System bestehen im Gegensatz zum Wortschatz aus relativ wenigen und eher stabilen Elementen, während der Wortschatz sehr viel größer und zudem auch instabiler ist.
Es war Jost Trier, der im Jahre 1931 die Semantik mit seiner Habilitation Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes. Die Geschichte eines sprachlichen Feldes revolutionierte, wobei seine Lehren als Anwendung der saussureschen Theorien auf die Struktur des Wortschatzes angesehen werden können. Gleichzeitig wurden sie als „neohumboldtanisch“ eingestuft (vgl. Ullman 1978:30). J. Trier geht von einer Gliederung des Wortschatzes aus, bei der sich die Glieder, also die Wörter, gegenseitig voneinander abgrenzen und so ihre Bedeutung durch ihre Stellung innerhalb dieses Systems erhalten. Eine ausführliche und kritische Darstellung seiner Theorie und ihre Weiterführung insbesondere durch L. Weisgerber und E. Coseriu werden im folgenden Kapitel dargestellt, um die nötige linguistische Grundlage zur Interpretation der Latent Semantic Analysis-Methode zu liefern. Zuvor sollen kurz ein Überblick über die Lehren Wilhelm von Humboldts gegeben werden, da seine Auffassungen von der sprachlichen Weltansicht und der inneren Sprachform großen Einfluss auf die moderne Semantik und die Wortfeldtheorie hatten und die Frage nach der Bedeutung von Wörtern zu klären helfen.
Ziel dieser Arbeit wird es sein, mit Hilfe der Theorien aus der strukturellen Semantik und der Wortfeldtheorie die Möglichkeiten einer linguistischen Interpretation der Latent Semantic Analysis-Methode aufzuzeigen. Der Name dieses Verfahrens deutet bereits darauf hin, dass es sich um eine Methode handelt, die in der Lage ist, die latente semantische Struktur zwischen Wörtern aufzudecken, wobei die Vorstellung von semantischen Räumen eine zentrale Rolle spielt. Landauer u.a. (1998b) haben sich vor allem damit beschäftigt, inwieweit sich die Latent Semantic Analysis-Methode als Modell zur Simulation kognitiver Fähigkeiten des Menschen eignet. Dabei hat man jedoch das Problem, dass die Leistungen des menschlichen Gehirns noch zu unerforscht sind, um gesicherte Aussagen treffen zu können. Der Vorteil einer rein linguistischen Interpretation, die sich zudem auf die strukturelle Semantik beschränkt, ist die Tatsache,
Einleitung
dass das zu untersuchende Objekt die Sprache selbst ist. Wie die Arbeit zeigen wird, lassen sich die Theorien der strukturellen Semantik sehr gut mit den zugrundeliegenden Ideen der Latent Semantic Analysis-Methode vereinbaren. Wie bei der Wortfeldtheorie, so geht man auch bei der Vorstellung von den semantischen Räumen innerhalb der Latent Semantic Analysis-Methode davon aus, dass sie den Wortschatz so gliedern, dass die erhaltene Struktur Aufschluss über die Bedeutungen der Wörter und ihre Beziehungen zueinander gibt. Kernpunkt dieser Arbeit wird es sein, eine Analogie zwischen der Vorstellung von Wortfeldern in der Linguistik und der Vorstellung von den semantischen Räumen innerhalb der LSA-Theorie herzustellen. Dazu wird es nötig sein, eine möglichst genaue Vorstellung darüber zu geben, wie die Latent Semantic Analysis-Methode funktioniert und was sie leistet. Dies soll im dritten Kapitel dieser Arbeit geschehen. So wird es vor allem darum gehen zu zeigen, dass ein vollautomatisches statistisches Verfahren wie Latent Semantic Analysis, dass als Eingabedaten nur Text benutzt, wobei sogar die Wortreihenfolge vernachlässigt wird, in der Lage ist, eine Reihe kognitiver, auf Sprache basierender Fähigkeiten des Menschen zu simulieren (vgl. Landauer et al. 1998b).
Latent Semantic Analysis basiert auf der Singulärwertzerlegung (= Singular Value Decomposition), einer Matrixzerlegung, welche den Kern des Verfahrens bildet und entscheidend zu seinem Erfolg beiträgt. Erst mit Hilfe dieser Zerlegung ist es möglich, die zuvor eingelesenen Wörter und Texte bzw. Textabschnitte als Punkte in einem semantischen Raum zu repräsentieren, wobei die Wahl der Dimension des Raumes eine große Rolle spielt. Durch das Berechnen der Entfernungen, die zwischen den Punkten oder Vektoren in dem Raum bestehen, kann auf die Bedeutungsähnlichkeiten zwischen Wörtern bzw. zwischen ganzen Texten/Textabschnitten geschlossen werden. Wie dies im Einzelnen geschieht, soll im dritten Kapitel ebenfalls erläutert werden.
8 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
2 Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
Wie im vierten Kapitel dieser Arbeit gezeigt werden soll, sind es vor allem die strukturelle Semantik und die Wortfeldtheorie, die die nötigen Instrumentarien zur linguistischen Interpretation der Latent Semantic Analysis-Methode liefern. Zu diesen Theorien wird dieses Kapitel einen Überblick liefern. Zudem wird es nötig sein, grundlegende Fachbegriffe aus der linguistischen Semantik wie Polysemie und Synonymie zu definieren, da diese in Arbeiten zu Latent Semantic Analysis häufig problematisiert werden und eine wichtige Rolle bei der Leistungsfähigkeit dieses und anderen Verfahren zum Information Retrieval spielen. Beginnt man, sich mit den vorherrschenden semantischen Theorien zu beschäftigen, so wird schnell deutlich, dass diese längst nicht so ausgereift sind wie die der Grammatik oder der Phonologie (vgl. Karcher 1979:8f.). Dies erschwert natürlich eine Interpretation mit Hilfe dieser Methoden, andererseits soll im vierten Kapitel auch gezeigt werden, dass es nicht nur möglich ist, Latent Semantic Analysis mit Hilfe dieser Theorien linguistisch zu interpretieren, sondern dass es dieses Verfahren auch möglich macht, die Plausibilität der Wortfeldtheorie zu zeigen. Eine entscheidende Wende innerhalb der Geschichte der deutschen Semasiologie 1 brachten die Jahre zwischen 1925 und 1931, die durch mehrere kritische Aufsätze von L. Weisgerber ins Rollen gebracht und durch J. Triers Studie Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes 2 vollzogen wurde (vgl. Seiffert 1968:9). Die herkömmliche, aus der historisch orientierten Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts entstandene Semasiologie hatte sich hauptsächlich mit der Psychologie des Bedeutungswandels beschäftigt. Das wesentliche Verdienst J. Triers bestehe nach Seiffert (1968:22) somit darin, dass er für die Semasiologie eine Methodik zu entwickeln versucht hat, die vom Grammatischen und auch von Fragen der Wortbildung losgelöst war und bewusst auf Wortinhalten fußte. Die sprachliche Semasiologie sollte nicht mehr von fremden Disziplinen, vornehmlich der Psychologie, abhängig, sondern innerhalb der Semasiologie selbst erklärbar sein.
Die Anfänge der von Jost Trier begründeten Lehre vom sprachlichen Feld sind jedoch schon älteren Ursprungs und gehen sowohl auf die Anschauungen W. v. Humboldts als auch auf F. de Saussures Lehre von der Sprache als Zeichensystem zurück (vgl. Schwarz 1973:426).
1 Als Semasiologie wird hier mit Gipper (1993:73) jene Wissenschaft verstanden, die sich seit ihrer
Gründung (zwischen 1820 und 1830) mit der Bedeutung der Einzelwörter beschäftigt, und zwar
vornehmlich mit den Bedeutungen von Wörtern der Hauptwortarten Verb, Substantiv und
Adjektiv.
2 Vgl. Trier (1931).
10 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
2.1 Die Sprachauffassung Wilhelm von Humboldts
Wilhelm von Humboldt kann als der größte Sprachforscher des 19. Jahrhunderts angesehen werden. Sein Schaffen hatte jedoch keine nennenswerte Wirkung auf die Sprachwissenschaft seiner Zeit, da der Hauptstrom der Sprachwissenschaft ganz im Zeichen der historisch-vergleichenden, d.h. indogermanischen bzw. indoeuropäischen Sprachforschung stand (vgl. Gipper 1992:7).
Besonders L. Weisgerber (1953) hat sich in seinen Arbeiten intensiv mit Humboldts 3 Lehre von der sprachlichen Weltansicht und der inneren Sprachform beschäftigt: Humboldt gehe davon aus, dass mehrere Sprachen nicht ebenso viele Bezeichnungen einer Sache sind, sondern verschiedene Ansichten derselben. Jede Sprache bilde damit in jedem ihrer Zustände das Ganze einer sogenannten Weltansicht, indem sie Ausdrücke für alle Vorstellungen enthalte, welche sich die Nation von der Welt macht, und für alle Empfindungen, welche die Welt in ihr hervorbringt (vgl. Weisgerber 1953:12). Nach Weisgerber (1953:13) ist das Aufzeigen der Weltansicht für Humboldt jedoch nur eine Vorstufe. Daneben klinge noch ein anderer Gedanke mit: der der gestaltenden Kraft. Die Weltansicht der Sprache sei nicht etwas Ruhendes, sondern eher ein Mittelpunkt geistigen Gestaltens. Humboldts Grundauffassung ist demnach, die Sprache als Energeia zu sehen; die Erforschung der Sprache gipfelt dann in dem Begriff der inneren Sprachform (vgl. Weisgerber 1953:14). Sprache als Energeia betrachten, bedeutet, dass die Daseinsform der Sprache als eine Wirklichkeit verstanden wird, die Trägerin eines Wirkungszusammenhangs und damit eine Kraft ist, die im Leben der gesamten Sprachgemeinschaft als Sammel- und Ausstrahlungspunkt von Wirkungen ihr Dasein hat. Die Wirklichkeit solcher Kräfte komme damit keine geringere Bedeutung zu als der Realität der Dinge und Sachen unserer Lebenswelt (vgl. Weisgerber 1953:15). Die Weltansicht ist nach Weisgerber (1953:16) somit die Fülle der Sprachinhalte gesehen als Ergon, als Ergebnis, sowohl dem Bestande nach (in statischer Betrachtung) wie dem Grunde nach (als Reflex, als Wiedergabe der Welt). Beides sei nötige Zwischenstufe, aber nicht erschöpfend. Diese Weltansicht sei unter dem Blickwinkel der Energeia dauernde Wirklichkeit, also nichts Statisches, sondern immerzu in einer Sprachgemeinschaft Aktives. Und sie sei ihrer Begründung nach nicht einfach Reflex oder Spiegel der Dinge, sondern noch mehr Erscheinung geistiger Gestaltung, die die wesentlich formende Kraft des Menschen einbeschließt. In diesem Sinne könne man das Weiterdenken von der Weltansicht der Sprache zur inneren Sprachform kennzeichnen als Fortschreiten des Denkens in Kräften (vgl. Weisgerber 1953:16f.).
3 Vgl. hierzu auch W. v. Humboldt (1967/8).
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
2.2 Das sprachliche Weltbild nach Weisgerber
Nimmt man Humboldts Gegenüberstellung von Ergon und Energeia, von Werk und wirkender Kraft auf, so ist nach Weisgerber (1953:26) die Grammatik im Kern eine Betrachtungsweise der Sprache als Ergon, die die Bestandteile von Sprache feststellt. Die grammatische Betrachtung siedele den Inhalt der Wörter üblicherweise bereits außerhalb der Sprache an; dieses Verfahren müsse jedoch als fragwürdig angesehen werden angesichts Humboldts Erkenntnissen über die Weltansicht der Sprache (vgl. Weisgerber 1953:27f.).
Dabei können wir das, was wir so feststellen, zunächst einmal im Sinne des
Ergon, des Gebildes vor Augen führen als eine geistige ‚Zwischenwelt’, deren
Bestand und Aufbau sich uns bewußt in einer Welt von ‚sprachlichen Inhalten’
darstellt. Und zwar handelt es sich vor allem darum, diese Zwischenwelt nicht als
Anhängsel der lautlichen Sprachmittel zu sehen, sondern als das eigentliche Ziel
der grammatischen Beschreibung [...]. Es wird damit eine ganz neue,
inhaltsbezogene Grammatik der deutschen Sprache entstehen. (Weisgerber
1953:27f.)
Weisgerber (1953:28) bestimmte die Grammatik als Methode wissenschaftlicher Betrachtung der Sprache als Ergon; die ausgewiesene Zwischenwelt trage demnach „den Stempel dieser statischen Betrachtungsweise“. Die Sprache sei jedoch nicht Ergon, sondern Energeia, und so müsse der nächste Schritt einer grammatischen Beschreibung der sprachlichen Zwischenwelt das Aufdecken der Art sein, wie die Sprache die Welt erschließt.
Mit dem Terminus Weltbild fasst Weisgerber (1953:31) das über die Sprachinhalte Gesagte zusammen, was auch das „Dynamische“ einschließt, „das Humboldt in der inneren Sprachform hat: die Wirkung der formenden Kraft, die gemäß den Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Geistes dem Sein (im weitesten Sinne) in einer jeden Sprache zu einem Bewußt-Sein verhilft“.
Eine Größe wie die deutsche Sprache kann tatsächlich nur wesensgemäß erfaßt
werden, wenn man sie als eine Wirklichkeit im eigentlichsten Sinne versteht, ein
Lebendiges, das durchaus jener energetischen Auffassung des Lebens entspricht.
(Weisgerber 1953:31f.)
2.3 Der Inhalt des Wortes
In der Linguistik ist es heute üblich, Wörter einer Sprache als sprachliche Zeichen anzusehen und eine ganze Sprache als System solcher Zeichen. Zeichen zu sein, bedeutet hier, Zeichen für etwas zu sein und zugleich, dass ein Zeichen für jemanden gilt, der es beachten oder dem es dienen soll. Hier stellt sich die Frage, ob man die Wörter einer
12 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
Sprache tatsächlich in diesem Sinne auffassen kann. Gipper (1993:49) weist darauf hin, dass der Bezug im Falle von Wörtern wie Sonne und Mond eindeutig zu sein scheine:
Denn hier verweist ein Wort unverwechselbar auf eine Sache. Aber wir wissen
auch, daß es im Weltall Himmelskörper gibt, die auf Grund ihrer Eigenschaften
mit unserer Sonne und unserem Mond vergleichbar sind und deshalb mit den
entsprechenden Wörtern erfaßt werden können. Sie fallen in diesem Gebrauch
aus der Klasse, der Himmelsköper, die wir als Sterne bezeichnen, heraus. (Gipper
1993:49)
Wörter erweisen sich für Gipper demnach als Zeichen, die für viele gleiche oder ähnliche Gegenstände stehen können. Ein sprachliches Zeichen ist hierbei stets eine Verknüpfung von Lautung und Inhalt, die wiederum an eine bestimmte Sprache gebunden ist. Dabei ist der Inhalt eine geistige Größe und nicht die bezeichnete Sache selbst:
Wörter wie Sonne und Mond sind keine Etiketten, die wir den Himmelskörpern
ankleben, vielmehr machen sie die vorher anonymen Gegenstände allererst
ansprech- und nennbar und rücken sie zugleich in eine ganz bestimmte Sicht.
Wer ‚Sonne’ sagt, verweist nicht nur auf etwas Bestimmtes, das wir am
Tageshimmel sehen können. Er spricht vielmehr von einem Gegenstand, dem in
unserer Sprache eine Vielzahl von Wirkungen, ja Aktivitäten zugesprochen wird.
(Gipper 1993:49)
Gipper kritisiert hier die Auffassung, dass die Menschen die Gegenstände und Erscheinungen, denen sie begegneten, einfach benannt, „ihnen also gleichsam Namensschildchen aufgeklebt haben wie in einem botanischen Garten, so daß der Wortschatz jeder Sprache eine Nomenklatur, einen catalogus mundi enthält“ (Gipper 1993:19). Gipper dagegen teilt die Auffassung Saussures, dass das Wort nicht eine Sache mit einem Namen verbindet, sondern einen Lautkörper mit einem Begriff:
Damit ist eine entscheidende Einsicht gewonnen: das Wort ist erkannt als eine
untrennbare ‚psychische’ Einheit mit zwei Seiten, einer lautlich-sinnlichen und
einer geistig-begrifflichen, die sich wechselseitig bedingen wie Vor- und
Rückseite eines Blattes Papier. (Gipper 1993:20)
Hierbei weist Gipper darauf hin, dass das Begriffspaar signifiant-signifié 4 , das Saussure in diesem Zusammenhang verwendet, zu Fehlleitungen führen kann: „Wer vom signifié oder vom Bezeichneten reden hört, wird zwangsläufig verführt, es außerhalb der Sprache zu suchen“ (Gipper 1993:21).
Am Beispiel des Wortes Baum macht Gipper deutlich, dass hier nicht einfach Vorgegebenes benannt, sondern menschlich begriffen und in Sprache umgesetzt werde:
4 Saussure verwendet signifiant (= Bezeichnendes) für die lautlich-sinnliche Seite des Wortes, signifié
(= Bezeichnetes) dagegen für die inhaltliche Seite (vgl. Gipper 1993:20).
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
Der Wortinhalt Baum ist nicht von der Umwelt gefordert, sondern ein Ausdruck
menschlicher Auffassung der Dinge, die sich in unserer Sprache
niedergeschlagen hat. Sieht man sämtliche Inhalte einer Sprache zusammen, so
ergibt sich eine ganze Weltansicht, das ‚Weltbild’ der Sprache, wie L.
Weisgerber sagt. Da sich dieses sprachliche Weltbild mit der Spracherlernung
sozusagen als eine geistige Zwischenschicht zwischen Mensch und Welt schiebt,
spricht L. Weisgerber auch von einer geistigen oder sprachlichen ‚Zwischenwelt’,
ein Begriff, der zum Kern der Weisgerberschen Sprachauffassung gehört. (Gipper
5 1993:23)
Diese Auffassung von der sprachlichen Zwischenwelt wurde jedoch oftmals in Frage gestellt. Dass ein Wort wie Wesen nicht lediglich etwas Vorgegebenes, was überall auf der Welt in gleicher Weise anzutreffen ist, benenne, „sondern einen bestimmten gedanklichen Wert aus einer bestimmten Geisteswelt erst in der sprachlichen ‚Symbolisierung’ setzt und greifbar macht“, werde nach Gipper (1993:23) allgemein zugegeben, schwieriger sei dies jedoch mit Wörtern für Artefakte wie z.B. Sessel oder Stuhl. Hier erweise sich die Rede von der sprachlichen Zwischenwelt als anfechtbar (vgl. Gipper 1993:24). An dieser Stelle setzt nun die Wortfeldtheorie ein, die untersucht, wie diese Wörter zueinander in Beziehung stehen. Das führt nach Gipper (1993:26) zu folgenden Fragen:
Sind die Wörter für einen Sachbereich als ein ‚Feld’ anzusprechen? Wo liegen
die Grenzen zwischen sachlichen und sprachlichen Gesichtspunkten? Wie ist die
Geltung und der Gebrauch eines Einzelwortes aus einem Sachbereich gesichert?
Wie läßt sich der muttersprachliche Einschlag, das Wirksamwerden der
sprachlichen Zwischenwelt konkret nachweisen?
Gipper (1993:38) kommt hierbei zu folgendem Schluss: Es sei zunächst ein muttersprachlicher Befund, dass es im Nhd. zwei gleichberechtigte Grundwörter Sessel und Stuhl gibt sowie bestimmte Möglichkeiten, durch Zusammensetzungen diese Grundwörter zu differenzieren. Jeder Sprecher, der von klein auf über beide Wörter verfügt, werde ungewollt genötigt, sie auch unterscheidend zu gebrauchen. Der Beweis ergebe sich aus dieser Überlegung:
Es wäre ebenso gut denkbar, daß wir im Nhd. nur ein Wort für den gesamten
Sessel-Stuhl-Bereich hätten oder daß wir über mehrere Grundwörter hierfür
verfügten. In beiden Fällen würden wir mit Bestimmtheit genauso wenig Anstoß
nehmen an einem solchen vorgegebenen Befund, wie es tatsächlich tun. Wir
begnügen uns mit dem, was die Muttersprache bereitstellt, und helfen uns notfalls
mit Zusammensetzungen. (Gipper 1993:38f.)
Vergleicht man nun den Sinnbereich von Sessel-Stuhl mit den Gegebenheiten im Englischen, so stellt man folgendes fest:
5 Siehe Abschnitt 2.2 dieser Arbeit und vgl. hierzu auch Weisgerber (1953).
14 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
Im Englischen gibt es für diesen Bereich nur den umfassenden Begriff chair, so
dass der englische Beobachter gar nicht auf den Gedanken kommt, eine
Unterscheidung, wie sie im Deutschen vorherrscht, zu bemerken. Er
unterscheidet nicht, weil die Sprache nicht unterscheidet. Somit ist die
„muttersprachliche Gliederung [...] überhaupt nicht als Vorgriff auf das Seiende
erkannt, und die ganze Argumentation bleibt in der Sehweise der englischen
Sprache befangen. (Gipper 1993:40)
Gipper merkt zudem an, dass die heutige Geltung und inhaltliche Gruppierung der nhd. Wörter für Sitzgelegenheiten von den Sachen her eine so wesentliche Stütze und Begründung empfangen, dass man nicht von einem Wortfeld im eigentlichen Sinne sprechen könne. Somit brauche man auch nicht über alle deutschen Wörter für Sitzgelegenheiten zu verfügen, um eines von ihnen richtig verwenden zu können. Damit sei nicht gesagt, dass die sprachlichen Bedingungen unwichtig wären: „Denn daß unsere Sprache gerade diese bestimmten sachlichen Kennzeichen als Unterscheidungsmerkmale hat wirksam werden lassen und keine anderen, das kann man den Grundwörtern äußerlich nicht ansehen“ (Gipper 1993:43). Es geht Gipper (1993:43) also nicht um das Nachvollziehen einer Feldordnung im eigentlichen Sinne, sondern um das Beherrschen einer sprachlichen Gliederung.
2.4 Die Einheit des Wortes und das Problem der Polysemie
Gipper (1993:65) mahnt bei der Beurteilung angeblich polysemer Wörter zur Vorsicht, wenn man von einem Wort als untrennbare Einheit von Laut und Inhalt ausgeht und ferner der Wortinhalt aus der Einbettung in einen muttersprachlichen Sinnbezirk zu verstehen ist und damit jeder konkreten Sprechsituation und jedem formulierten Satz vorausliegt. Dabei soll nicht gesagt werden, dass die Sprechsituation und der Zusammenhang für das richtige Verständnis eines Wortes unwichtig sind, aber „wenn der Zusammenhang häufig zum vollen Verständnis unentbehrlich ist, dann nicht etwa deshalb, weil er den Wortinhalt sozusagen erst schafft, sondern weil er das gemeinte Wort erkennen und identifizieren hilft“ (Gipper 1993:65). Der Kontext sei durchaus wichtig und unentbehrlich, ganz besonders für den Leser oder Hörer:
Aber er ‚macht’ die Lautung Schloß nicht erst zum Gebäude, Türverschluß oder
Gewehrteil, sondern er hilft, das jeweils gemeinte der - synchronisch betrachtet -gleichlautenden, aber verschiedenen Wörter Schloß 1 ‚Gebäude’, Schloß 2
‚Türverschluß’ und Schloß 3 ‚Gewehrteil’ zu identifizieren. Derjenige, der den
Satz mit Schloß formuliert, weiß bereits vorher, welches Schloß er meint, und
meist ist er sich überhaupt nicht bewußt, daß es auch noch andere Schlösser gibt.
(Gipper 1993:65f.)
Somit sei es auch für den Hörer nicht schwer, das Wort richtig zu identifizieren, weil die Sinnbezirke, in die die Wörter gehören, heute so weit auseinanderliegen, dass sie in einem
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
bestimmten Kontext kaum in Konkurrenz zueinander stehen. In solchen Fällen soll von Homonymie gesprochen werden.
Es gibt jedoch auch Beispiele, wo man tatsächlich von Polysemie sprechen kann. Gipper (1993:68f.) führt hier das Beispiel schreiben 6 an, wobei sich dieses Wort in allen möglichen Verwendungsweisen direkt oder indirekt auf die Verschriftung von Sprache bezieht. Polysemie liegt also dann vor, wenn zwei oder mehrere Wörter einen gemeinsamen Bedeutungskern bzw. gemeinsamen inhaltlichen Nenner haben. 7
2.5 Zur Diskussion der Wortfeldtheorie
Gegenüber den Auffassungen der Semasiologie und der Onomasiologie geht die inhaltbezogene Betrachtung der Sprache davon aus, dass die Sprache keine Ansammlung isolierter Teile oder Namen ist, sondern ein gegliedertes Sinngefüge, in dem jedem Wort ein Stellenwert zukommt. „Dieses gegliederte Sinngefüge ist nicht starr und ein für allemal festgelegt, sondern wandelt sich gemäß den kulturellen Entwicklungen und den sich ändernden Ansichten der Menschen von den Dingen“ (Gipper 1993:86). 8
Eine wichtige Methode, den Inhalt aus seiner Einbettung in einen Bezirk sinnverwandter Wörter zu bestimmen, ist unter dem Begriff des sprachlichen Feldes bzw. des Wortfeldes 9 bekannt geworden. Die grundlegende These ist, dass die Wörter des Wortschatzes einer Sprache nicht als Einzelwörter beziehungslos nebeneinander stehen, sondern immer Glieder von Gefügen sind, von denen ihr Inhalt mitbestimmt wird (vgl. Gipper 1993:100).
6 Z.B. bezieht sich schreiben in dem Satz Sie schrieb einen Brief auf die Aktivität, einen Text zu
verfassen, der an einen bestimmten Adressat gerichtet ist, während schreiben in Thomas Mann
schrieb zahlreiche Romane eine besondere schriftstellerische Aktivität einschließt (vgl. Gipper
1993:70).
7 Die Trennungslinie zwischen Homonymie und Polysemie wird jedoch nicht immer scharf zu ziehen
sein.
8 Gipper (1993:86) weist an dieser Stelle darauf hin, dass die Ausdrücke Bedeutung und
Bedeutungswandel dazu verleiten, wesentliche Zusammenhänge zu übersehen. So könne der Inhalt
des Wortes Weib weder durch den Hinweis auf eine bestimmte Frau noch durch den Hinweis auf
Vorstellungen, die das Hören der Lautung im Individuum aufruft, ausgeschöpft werden. Das Wort
Weib werde in keiner Weise von der Natur der Dinge verlangt, sondern ist ein Glied unserer
deutschen Sprachwelt, dessen Inhalt wahrscheinlich in keiner anderen Sprache in genau der
gleichen Weise vorkommt. „[D]er ganze Prozeß der Spracherlernung und die eigene
Lebenserfahrung haben den Sinnbezirk der Frau gedanklich in uns aufgebaut und uns den Inhalt
des Wortes Weibes vermittelt. Diese Geltung hängt sicher nicht von uns persönlich ab, auch wenn
wir zusätzliche persönliche Gefühle und Erfahrungen mit dem Wort verbinden. Sie wird vielmehr
entscheidend vom überindividuellen Sinngefüge der Muttersprache mitbestimmt. Freilich können
wir dem Fremden, der das Wort nicht kennt, einige grobe Gebrauchshinweise geben, aber völlig
sicher in der Verwendung des Wortes wird er erst werden, wenn er sich ebenfalls das ganze
Sinngefüge mit den dazugehörigen Verwendungsweisen zu eigen macht“ (Gipper 1993:87).
9 Schon Trier bemerkte, dass eine „babylonische Sprachverwirrung um das Feld herum aufzuwachsen“
drohe (Trier 1973b:133; Erste Veröffentlichung 1934 in Neue Jahrbücher für Wissenschaft und
Jugendbildung 10, S. 428-449). In dieser Arbeit soll für diese Art lexematischer Strukturen der
Terminus Wortfeld (frz. champ lexical, engl. Lexical field) verwendet werden.
16 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
2.5.1 Die Anfänge der Feldtheorie
Jost Triers Habilitationsschrift von 1931 10 kann als richtungsweisend für die moderne Semantik angesehen werden (vgl. Geckeler 1971:85). Es gibt jedoch auch Stellen in wissenschaftlichen Arbeiten, wo schon vor J. Trier der Begriff des Feldes verwendet wurde. Die erste explizite Formulierung des Feldgedankens, die vor allem wegen ihres unbestreitbaren Einflusses auf die Terminologie der folgenden Feldforschung zitiert werden soll, stammt von G. Ipsen aus dem Jahre 1924: 11
Ferner, die Eigenwörter stehn in einer Sprache nie allein, sondern sind
eingeordnet in Bedeutungsgruppen; damit ist nicht eine etymologische Gruppe
gemeint, am wenigsten um chimärische ‚Wurzeln’ aufgereihte Wörter, sondern
solche, deren gegenständlicher Sinngehalt mit anderen Sinngehalten verknüpft
ist. Diese Verknüpfung aber ist nicht als Aneinanderreihung an einem
Assoziationsfaden gemeint, sondern so, daß die ganze Gruppe ein
‚Bedeutungsfeld’ absteckt, das in sich gegliedert ist; wie in einem Mosaik fügt
sich hier Wort an Wort, jedes anders umrissen, doch so, daß die Konturen
aneinanderpassen und alle zusammen in einer Sinneinheit höherer Ordnung auf-,
nicht in einer faulen Abstraktion untergehen. (Ipsen 1924:225) 12
In diesem Zitat könnte der Ausgangspunkt für die Verwendung des Mosaikvergleichs liegen, den auch Trier gebrauchte. 13 Auch J. Trier schließt eine Beeinflussung durch Ipsen nicht aus:
Das Wort Bedeutungsfeld hat GUNTHER IPSEN als erster öffentlich gebraucht. Ob
ich die Theorie der Feldbetrachtung allein mit SAUSSURES Hilfe entwickelt habe
oder ob die kurzen 12 Zeilen bei IPSEN mitgewirkt haben, kann ich nicht mehr
sagen. Ich bin nicht der erste, der von den Feldern redet. Aber ich darf feststellen,
daß das Thema dieser Arbeit und die Form seiner praktischen Bearbeitung mir
seit 1923 deutlich waren. Im ganzen der Auffassung fühle ich mich am stärksten
verwandt LEO WEISGERBER. Der Begriff des Feldes, wie ihn WALTHER PORZIG
gebraucht [...], liegt abseits unseres Weges. (Trier 1931:11) 14
10 Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes. Die Geschichte eines sprachlichen Feldes.
Band 1: Von den Anfängen bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts. Heidelberg.
11 Vgl. auch Geckeler (1971:89).
12 Geckeler bemerkt zu diesem Zitat, dass der Terminus Bedeutungsfeld an dieser Stelle zu umfassend
sei, da Bedeutung nicht auf den lexikalischen Bereich der Sprache beschränkt sei (vgl. Geckeler
1971:89).
13 Hierzu findet man bei Trier folgende Stellen: „Die das Wortfeld, den Wortmantel, die Wortdecke
mosaikartig zusammensetzenden Einzelworte legen - im Sinne ihrer Zahl und Lagerung - Grenzen
in den Begriffsblock hinein und teilen ihn auf“ (Trier 1931:1) und „Die Stelle, an der es, von ihnen
umdrängt, in dem großen Mosaik des Zeichenmantels als kleiner Stein sitzt, entscheidet über
seinen Gehalt, sie weist ihm zu, was für einen Teil aus dem Gesamtblock der fraglichen
Bewußtseinsinhalte es herausschneidet und zeichenhaft darstellt. Die Bedeutung des Einzelwortes
ist abhängig von der Bedeutung seiner begrifflichen Nachbarn. Alle schließen sich zu der Aufgabe
zusammen, in den Block ungegliederten Bewußtseinsinhalts gliedernde Grenzen einzuziehen, ihn
zu klären, ihn begrifflich faßbar zu machen“ (Trier 1931:3). Dieser Mosaikvergleich stellt für die
Folgezeit einen der Hauptangriffspunkte für die Feldtheorie dar (vgl. Geckeler 1971:89).
14 Geckeler (1971:89) bemerkt an dieser Stelle, dass J. Trier „unverständlicherweise einen anderen
Ahnherrn seiner Grundgedanken, W. v. Humboldt,“ übersehen habe. L. Weisgerber lasse dagegen
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
Bevor hier die eigentliche Feldtheorie, die J. Triers und L. Weisgerbers, vorgestellt wird, soll der Ansatz W. Porzigs vorgestellt werden, der fast gleichzeitig mit J. Triers Veröffentlichungen erschien und den E. Coseriu in seiner Wortfeldtheorie wieder aufgreift. 15
W. Porzig beschrieb seine Auffassung vom Feld in seinem 1934 erschienenen Artikel Wesenhafte Bedeutungsbeziehungen. Seine Auffassung von der inhaltlichen Bestimmbarkeit von Wörtern geht auf den Umstand zurück, „daß bestimmte Wörter stets mit anderen gekoppelt zu denken sind, sei es aufgrund sachlicher Beziehungen, sei es auf Grund muttersprachlicher Sehweisen“ (Gipper 1993:119). Porzig beschäftigt sich also mit kombinatorischen Strukturen, d.h. mit dem bedeutungsmäßigen Zusammengehören von Gruppen wie greifen - Hand, sehen - Auge, hören - Ohr, lecken - Zunge, bellen - Hund, wiehern - Pferd, fällen - Baum u.a.
Es handelt sich dabei offenbar nicht um eine bloße consociation im sinne
Sperbers, also darum, daß einem bei dem einen wort das andere leicht einfiele,
sondern um eine beziehung, die im wesen der gemeinten bedeutungen selbst
gründet. Ich nenne sie deshalb wesenhafte bedeutungsbeziehungen. (Porzig
1934:70)
Porzig grenzt seine Auffassung deutlich von dem Feldbegriffs Trier ab:
Die elementarste beziehung, die ein bedeutungsfeld möglicherweise noch
bestimmen kann, ist offenbar die zwischen nur zwei wörtern. Man kann deshalb
die wesenhaften bedeutungsbeziehungen im vorhin erwähnten sinne auch
elementare bedeutungsfelder nennen. Wie sich von ihnen aus die möglichkeit
ergibt, höhere einheiten festzustellen, wird gelegentlich zur sprache kommen,
bildet aber für diesmal keinen teil unseres themas. (Porzig 1934:72)
2.5.2 Die Feldauffassung Trier-Weisgerberischer Prägung
In diesem Abschnitt soll nun die Feldauffassung von J. Trier und L. Weisgerber dargestellt werden. Wie bereits erwähnt, sieht J. Trier eine Beeinflussung durch Saussure und evtl. durch Ipsen und sieht sich in seiner Auffassung vor allem L. Weisgerber nahestehend. Zudem geht nach Geckeler aus seinen Arbeiten eine tiefgehende Wirkung Humboldtscher Gedanken hervor. Vor allem die Auffassung Triers, dass Gliederung das allgemeinste und tiefste Wesensmerkmal der Sprache sei, gehe auf Humboldt zurück und
in keiner seiner Arbeiten Zweifel über die entscheidende Rolle, die Humboldts Ideen für seine
sprachwissenschaftliche Konzeption spiele, aufkommen.
15 Zu dieser Zeit erschienen noch andere Ansätze, die aber praktisch ohne Wirkung blieben. Hierzu
gehören der Ansatz von G. Ipsen (1973; erste Veröffentlichung 1932 in Zeitschrift für
Deutschkunde 46, S. 1-18), dessen Präzisierungen seines Bedeutungsfelds von einer rein
inhaltsbezogenen Betrachtung wegführen. Erwähnt sei an dieser Stelle auch der Artikel von A.
Jolles (1973; erste Veröffentlichung 1934 in Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und
Literatur 58. Halle, S. 97-109, dessen Bedeutungsfelder Minimalfelder mit jeweils zwei Gliedern
sind, z.B. Vater - Sohn, rechts - links, Tag - Nacht, Tod - Leben. Trier (1973b:160f.) ist der
Ansicht, dass sich der Weltbestand nicht in Gegensatzpaare aufteilen lasse.
18 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
sei gleichzeitig die Basis für Triers Feldbegriff (vgl. Geckeler 1971:101). Von F. de Saussure übernahm J. Trier dagegen die Auffassung von der Sprache als System. Dieses Prinzip wandte er erstmals konsequent auf die Untersuchung des Wortschatzes an. So spricht er denn auch von den „Ideen der Ganzheit, der sinngebenden Gliederung von oben herab und des Gefüges“ als von den „Leitsternen“ seiner Arbeit (Trier 1931:25). Im einleitenden Kapitel Über Wort- und Begriffsfelder erklärt Jost Trier, was er mit der Arbeit Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes anstrebt. Es ging ihm in seinem Werk darum zu zeigen, dass die mittelhochdeutschen Wörter im Sinnbezirk des Verstandes (kunst, wîsheit, list, wissen u.a.) nicht isoliert, auch nicht allein aus dem Kontext zu verstehen sind, sondern dass sich ihre Bedeutungen bzw. Inhalte wechselseitig begrenzen und bestimmen. Deshalb seien sie nur zu erfassen, wenn man ihren Stellenwert, der sich aus der Einbettung in ein „Feld“ der benachbarten Begriffe ergibt, ermittelt hat. Obwohl es sich hier um eine sprachhistorische Untersuchung an begrenztem mittelhochdeutschen Material handelt, hat das Werk großen Einfluss auf die neuere Sprachwissenschaft ausgeübt (vgl. Gipper 1993:7). Trier selbst sah sich in erster Linie als Sprachhistoriker. Aus diesem Grunde ging es ihm in seiner Untersuchung nicht so sehr um den sprachlichen Befund in einem bestimmten Zeitraum, sondern um den Sprachwandel in der Zeit. Seine Beschreibung der jeweiligen Wortfelder in den einzelnen Zeitabschnitten erfolgte zwar synchron, aber der Sprachwandel konnte erst durch den Vergleich verschiedener „Querschnitte“ 16 diachron nachgewiesen werden (vgl. Gipper 1993:8). Auch hier beruft sich Trier in seiner Vorgehensweise auf F. de Saussure, eines seiner Vorbilder, der großen Wert auf die systematische Trennung von Synchronie und Diachronie in der Sprachbeschreibung legte. 17
Es geht Trier also darum, deutlich zu machen, dass „kein ausgesprochenes Wort im Bewußtsein des Sprechers und Hörers so vereinzelt“ dastehe, sondern dass „[j]edes ausgesprochene Wort seinen Gegensinn anklingen“ lässt.
Und noch mehr als dies. In der Gesamtheit der beim Aussprechen eines Wortes
sich empordrängenden begrifflichen Beziehungen ist die des Gegensinns nur eine
16 „Wenn nur im reinen Sein eines ruhenden oder als ruhend gedachten Sprachzustandes die Struktur
von Feldern sichtbar wird, wenn nur hier sprachlich-begriffliche Gruppenbildungen und die
Abgängigkeit der Wortbedeutungen voneinander überhaupt gesehen werden, so wird Geschichte
nur sein als komparative Statik, d.h. als eine sprungweise von Querschnitt zu Querschnitt
fortgehende, stets und immer von neuem das Gesamtfeld ins Auge fassende zeitlich rückwärts und
vorwärts vergleichende Beschreibung“ (Trier 1931:13).
17 Nach Trier sei eine solche Sprachbetrachtung das Verdienst der Genfer sprachwissenschaftlichen
Schule. F. de Saussure habe deutlich gemacht, dass das Wort in seinem Sinngehalt durch seine
gleichzeitigen Nachbarn im selben Begriffsfeld bestimmt werde und dass die Wortforschung mehr
Wert auf die gleichzeitigen (synchronen) Gruppenbildungen legen müsse. Diesem Anspruch könne
man genügen, wenn man den sprachlichen Ausdruck ganzer Begriffsgruppen in seiner Gesamtheit
untersuche, wobei dem Saussureschen Gedanken folgend geschichtliche (diachronische) und
gleichzeitige (synchronische) Betrachtungen streng getrennt und der zweiten Betrachtungsweise
der Vorrang gegeben werde (vgl. Trier 1931:11).
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
und gar nicht die wichtigste. Neben und über ihr taucht eine Fülle anderer Worte
auf, die dem ausgesprochenen begrifflich enger oder ferner benachbart sind.
(Trier 1931:1)
Trier nennt diese Worte Begriffsverwandten, die „unter sich und mit dem ausgesprochenen Wort ein gegliedertes Ganzes, ein Gefüge, das man Wortfeld oder sprachliches Zeichenfeld nennen kann“, bilden (Trier 1931:1). Das „Wortfeld“ oder „sprachliche Zeichenfeld“ stellt selbst wiederum „ein gegliedertes Ganzes, ein Gefüge“, dar.
Das Wortfeld ist zeichenhaft zugeordnet einem mehr oder weniger geschlossenen
Begriffskomplex, dessen innere Aufteilung sich im gegliederten Gefüge des
Zeichenfeldes darstellt, in ihm für die Angehörigen einer Sprachgemeinschaft
gegeben ist. [...] [D]ie das Wortfeld, den Wortmantel, die Wortdecke mosaikartig
zusammensetzenden Einzelworte legen - im Sinne ihrer Zahl und Lagerung -
Grenzen in den Begriffsblock hinein und teilen ihn auf. (Trier 1931:1) Wie stellt sich nun Trier diese Gliederung der Wörter im Feld vor? Hierzu sollen an dieser Stelle eine Reihe von Zitaten vorgestellt werden, die darüber Aufschluss geben:
Und daß wir genau wissen, was mit ihm [dem ausgesprochenen Wort] gemeint
ist, das liegt gerade an diesem Sichabheben von den Nachbarn und diesem
Sicheinordnen in die Ganzheit der den Begriffsbezirk überlagernden Wortdecke,
des lückenlosen Zeichenmantels. Die Worte im Feld stehen in gegenseitiger
Abhängigkeit voneinander. Vom Gefüge des Ganzen her empfängt das
Einzelwort seine inhaltliche Bestimmtheit. (Trier 1931:2) Das Wortzeichenfeld als Ganzes muß gegenwärtig sein, wenn das einzelne
Wortzeichen verstanden werden soll, und es wird verstanden im Maße der
Gegenwärtigkeit des Feldes. Es ‚bedeutet’ nur in diesem Ganzen und kraft dieses
Ganzen. Außerhalb eines Feldganzen kann es ein Bedeuten überhaupt nicht
geben. [...] Das Wort folgt hier dem allgemeinen Wesen aller Zeichen. Zu diesem
Wesen gehört es, daß der Bezeichnungsinhalt und Umfang eines Zeichens sich
richtet nach der Stellung, die das Zeichen innerhalb der Gesamtheit der übrigen
ihm inhaltlich benachbarten Zeichen einnimmt. (Trier 1931:5) Nicht das Einzelzeichen sagt etwas; nur das System der Zeichengesamtheit kann
etwas sagen angesichts des Einzelzeichens. So bindet sich das Wort mit den
übrigen Worten des gleichen Begriffsfeldes zu einem eigengesetzlichen Ganzen
und empfängt von diesem Ganzen aus seinen Bezeichnungsumfang. Die Geltung
eines Wortes wird erst erkannt, wenn man sie gegen die Geltung der
benachbarten und opponierenden Worte abgrenzt. Nur als Teil des Ganzen hat es
Sinn; denn nur im Feld gibt es Bedeuten. (Trier 1931:6) Worte sind sinnlos, wenn ihre Kontrastworte aus dem gleichen Begriffsfeld dem
Hörer fehlen, und sie sind unscharf und verschwommen, wenn ihre begrifflichen
Nachbarn nicht mit auftauchen, ihren Anteil am Begriffsfeld beanspruchen und
durch ihr Heranrücken die Grenzen des ausgesprochenen Wortes scharf
hervortreten zu lassen. (Trier 1931:8)
20 Möglichkeiten linguistischer Interpretation der LSA-Methode
Dies sind die Gründzüge der Feldauffassung, wie sie J. Trier in der Einleitung seiner Habilitationsschrift darlegt. In einigen Aufsätzen, die dieser Habilitationsschrift folgten, werden diese Gedanken präzisiert: In seinem Aufsatz Deutsche Bedeutungsforschung (Trier 1973c) z.B. führt er das Problem der hierarchischen Gliederung näher aus, indem er noch einmal darauf hinweist, dass in der Sprache alles in sich gegliedert ist, die Worte sich in dem Feld ergliedern und sich das Feld wiederum in eine größere Ordnung gliedert usw., bis man so aufwärts zur Gesamtheit der Sprache gelangt (vgl. hierzu auch Geckeler 1971:104f.). 18 In diesem Aufsatz stellt Trier zudem noch einmal eine allgemeine Definition des Feldbegriffes vor:
So wurde der Begriff des Feldes in die Wortforschung eingeführt. Felder sind die
zwischen den Einzelworten und dem Wortschatzganzen lebendigen sprachlichen
Wirklichkeiten, die als Teilganze mit dem Wort das Merkmal gemeinsam haben,
daß sie sich ergliedern, mit dem Wortschatz hingegen, daß sie sich ausgliedern.
Die Ordnungshöhe ist dabei gleichgültig. (Trier 1973c:132) Die Vorteile einer solchen vom Ganzen des Begriffsfeldes ausgehenden Forschung seien groß. Kernpunkt sei hierbei, dass man mit dieser Forschungsweise enger als bisher an das Bewusstsein des „Sprachbrauchers“ herankomme. Gegenstand der Forschung sei genau die Wirklichkeit, mit der sich auch der „Sprachbraucher“ auseinander zu setzen habe. Diese Wirklichkeit erkennen heiße, in das sprachliche Bewusstsein des Sprachbrauchers einzudringen, seine sprachlich-begrifflichen Fähigkeiten, seine Neigungen, den Schwerpunkt seiner Interessen zu erkennen (vgl. Trier 1931:10f.).
Aus dem Wesen der Sprache als einer in sich durchgehend gebundenen Einheit von Zeichen folge, „daß in jedem Zeitabschnitt die Fülle der geschichtlich überlieferten Zeichen - gleichgültig, wie ihre Herkunft und eigene geschichtliche Dynamik sei - sich in die zeichenhafte Darstellung der Gesamtheit des Bewußtseinsinhaltes in solcher Weise teile, daß der wesentliche Zweck der Sprache, die Verständigung über die einen Zeitabschnitt bewegenden Gedanken, erreicht wird“ (Trier 1931:12).
Jede diachronische Verschiebung eines Zeichens wird die ganze Gruppe in
Unruhe und Bewegung versetzen solange, bis das Gleichgewicht der Zeichen
untereinander in der Repräsentation des inhaltlichen Komplexes wieder
hergestellt ist. Wie das Zeichensystem auf die diachronischen Anstöße antwortet,
das kann aus dem Anstoß selbst nicht erklärt werden; es folgt allein aus dem
eigenen Ordnungsgesetz des Begriffsfeldes in der Waagerechten. Es handelt sich
im Grunde um die alte, merkwürdig oft vergessene Erkenntnis, daß aus dem
historischen Ursprung einer Sache Schlüsse auf ihr Wesen nicht gezogen werden
dürfen. Das Wesen der Sache ist durch Aufzeigung der Stellung und Wirkung
18 In diesem Aufsatz hat sich Trier zudem vor allem mit dem Feldbegriff Ipsens auseinandergesetzt,
während er in seinem Aufsatz Das sprachliche Feld. Eine Auseinandersetzung (Trier 1973b) seine
Kritik gegen Jolles und Porzig zusammenfasst.
Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie
innerhalb desjenigen Systems zu erforschen, dem sie jetzt angehört. (Trier
1931:12f.)
Hier soll nun noch einmal kurz auf Triers Terminologie eingegangen werden. Wie an den obigen Zitaten Triers deutlich wird, verwendet er in seinen Arbeiten Wortfeld, sprachliches Zeichenfeld, Begriffsfeld, sprachliches Feld, Feld, Sinnbezirk, ohne gleichzeitig Differenzierungen zu den einzelnen Termini anzugeben, die er selbst vielleicht beim Gebrauch impliziert. Er vermeidet jedoch den Fachbegriff Bedeutungsfeld, den G. Ipsen, A. Jolles und W. Porzig gebrauchten (vgl. Geckeler 1971:107). Im Sinne Leo Weisgerbers, der die Gedanken Triers weitergeführt hat, erscheinen die Termini Wortfeld und Sinnbezirk sinnvoll für die Weiterverwendung zu sein (vgl. Geckeler 1971:107). Die Verbindung zwischen J. Trier und L. Weisgerber (über W. v. Humboldt) wird deutlich in der Aussage Triers (1973c:117) „Sprachinhaltsforschung ist Gliederungsforschung“. 19 Somit lässt sich mit Recht von einer Wortfeldtheorie Trier-Weisgerberischer Prägung sprechen.
L. Weisgerbers besonderes Verdienst ist es, die Feldtheorie in einen umfassenden sprachtheoretischen Zusammenhang zu bringen. L. Weisgerber unterscheidet zwischen statischer und energetischer Sprachbetrachtung, wobei er die erste als grammatisches, die zweite als volles sprachwissenschaftliches Verfahren ansieht. 20 Die Einordnung der Feldtheorie in den Entwurf seiner Sprachbetrachtung erfolgt folgendermaßen:
Für die Erforschung des Weltbildes der Sprache sind sie [die Wortfelder] von
ausschlaggebender Bedeutung, weil hier nun tatsächlich die Eigengesetzlichkeit
der sprachlichen Denkwelt voll zu ihrem Recht kommt. Die Vorherrschaft des
Lautlichen ist gebrochen, indem die Gliederung der Sprachinhalte den Maßstab
abgibt. [...] Vor allem sind die sprachlichen Felder echte Einheiten der Sprache,
weil in ihnen gewissermaßen das Werk im Betrieb, im Zusammenwirken seiner
Teile gesehen ist. So sind auch die Gruppen von Sprachmitteln, wie sie sich bei
der Feldbetrachtung zusammenfinden, die wirklich das Leben der Sprache
tragenden Gebilde; der Einblick in ihren Aufbau bringt echte Erkenntnis über die
sprachliche Zwischenwelt. Sie sind daher Hauptanhalt bei dem Bemühen, das
Weltbild einer Sprache bewußt zu machen, also beim Aufbau einer
inhaltbezogenen Grammatik. (Weisgerber 1953:93)
Im Gegensatz zur traditionellen Sprachbetrachtung, die vorwiegend grammatisch orientiert war, zeigt sich bei L. Weisgerber also eine besondere Bewertung des Wortschatzes und insbesondere der Wortfelder als etwas fest zu der Sprache Gehörendes (vgl. Geckeler 1971:109). Das macht auch folgendes Zitat deutlich:
Demgemäß kann nicht das Einzelwort an den Anfang gesetzt werden. Und es gilt
für das grammatische Aufzeigen der Sprachinhalte der Grundsatz, daß nicht von
19 Vgl. hierzu auch Geckeler (1971:108).
20 Vgl. Abschnitt 2.2 dieser Arbeit.
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