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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Die Zeitproblematik bei Max Frisch 4
1.1 Der Zeitbegriff in Naturwissenschaft und Philosophie 4
1.2 Der Begr iff der Zeit bei Max Frisch 5
1.3 Zeit und Wiederholung 7
2 Der Begriff der Wiederholung im Vergleich 9
2.1 Frisch und Nietzsche 9
2.2 Frisch und Kierkegaard 12
2.3 Frisch und Ludwig Klages 14
3 Das Prinzip der Wiederholung 16
3.1 Die Wiederholung als Fluch 16
3.2 Wiederholung und Sehnsucht 19
3.3 Wiederholung und Geschichte 21
3.4 Wiederholung und Möglichkeit 23
4 Die Wiederholung in Struktur und Form des Werks 26
4.1 Die Konstruktion der Werke 27
4.1.1 Santa Cruz 27
4.1.2 Nun singen sie wieder 28
4.1.3 Die chinesische Mauer 29
4.1.4 Graf Öderland 30
4.1.5 Biografie: Ein Spiel 31
4.2 Die Leitmotivik im Werk 31
4.2.1 Santa Cruz 31
4.2.2 Nun singen sie wieder 32
4.2.3 Andorra 32
4.2.4 Biografie: Ein Spiel 33
Schlussbetrachtung 35
Literaturverzeichnis 36
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Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik der Wiederholung bei Max Frisch, welche in seinem Werk eine große Rolle spielt.
Um diese Problematik und das hieraus resultierende Verhalten der Figuren adäquat untersuchen zu können, erscheint es wichtig, zunächst die Begriffe Zeit und Zeiterlebnis, die eng mit der Auffassung von Wiederholung bei Frisch verbunden sind, zu untersuchen. Diesem Problem ist das erste Kapitel dieser Arbeit gewidmet.
Im zweiten Kapitel wird dann der Begriff der Wiederholung theoretisch untersucht, was vor allem in der Abgrenzung zu der Auffassung von Wiederholung bei den Philosophen Nietzsche und Kierkegaard geschehen soll. Hier soll gezeigt werden, dass es zwischen Frisch und den Philosophen einige auffallende Parallelen gibt, wichtig wird jedoch auch sein, die Unterschiede aufzuzeigen.
Das dritte Kapitel widmet sich nunmehr den verschiedenen thematischen Aspekten der Wiederholung in Frischs Werk. Die Figuren Frischs empfinden die Wiederholung in der Regel als Fluch, der sie lähmt und daran hindert, ihren Sehnsüchten zu folgen. Sie wollen ihr Leben ändern, bleiben jedoch immer wieder in der Wiederholung gefangen.
Diese Problematik wird durch die Form und Struktur der Werke unterstützt, womit sich schließlich das vierte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt. Denn auch in der Konstruktion der Werke sowie in leitmotivischen Worten oder Sätzen wird das Merkmal der Wiederholung offenbar. Hierzu gehört z.B., dass eine Vielzahl der Dramen zyklisch aufgebaut sind, d.h. sie enden da, wo sie begonnen haben, was das Problem der Wiederholung, dem die Figuren ausgesetzt sind, verstärkt.
Somit wird das Ziel dieser Arbeit sein, vor einem theoretischen Hintergrund die Vielzahl an Aspekten und Formen, in denen das Merkmal der Wiederholung auftritt, aufzuzeigen, um so deutlich zu machen, wie wichtig ein Verständnis dieser Problematik für das Verständnis des gesamten Werks Max Frischs ist.
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1 Die Zeitproblematik bei Max Frisch
Bei Max Frisch ist die Problematik der Wiederholung eng mit seiner Auffassung von Zeit und Zeiterlebnis verbunden. Deshalb soll in dieser Arbeit zunächst der Zeitbegriff und der Zusammenhang zwischen Zeit und Wiederholung in seinem Werk untersucht werden. Hierfür erscheint es zudem sinnvoll, einen kurzen Überblick über den Zeitbegriff in der Naturwissenschaft und Philosophie zu geben, um so zu einer Einordnung des Begriffs bei Frisch zu kommen.
1.1 Der Zeitbegriff in der Naturwissenschaft und Philosophie
Aristoteles definierte die Zeit als ein Maß der Bewegung. Die Zeit wurde in der Antike als ein Element betrachtet, welches Bewegung und Veränderung verursacht. Dabei wurde sie einerseits als unruhestiftend angesehen (im Symbol des Sturmes), andererseits wurde die Vorstellung von einer gesetzmäßigen zyklischen Bewegung vertreten (im Sinnbild der Sterne). 1
Bei dem Übergang von der Antike zur christlichen Zeitauffassung kam es zu einer Subjektivierung der kosmischen Zeit, die mit der Formulierung Augustinus’ ihren Höhepunkt erreichte: „In dir meine Seele messe ich die Zeit“ 2 . Augustinus wandte sich gegen das zyklische Zeitmodell als das Maß der Ewigkeit und vertrat stattdessen die Auffassung von der Zeit als Gerade, die einen Anfang und ein Ende hat.
In der naturwissenschaftlichen Auffassung der Neuzeit wird die Zeit zu einer eindimensionalen Linie, auf der es nur Zeitpunkte, aber kein Vergangenes, Jetziges und Zukünftiges gibt. Der bekannteste Vertreter dieser Auffassung war Newton. Mit Minkowski fügt sich Zeit mit der Raumdimension zum Raum-Zeit-Kontinuum zusammen. 3
Die Auffassung von einem subjektivem Zeitbegriff im letzten Jahrhundert wurde in erster Linie von der Psychologie und der Existenzphilosophie geformt. Beide gingen von dem Aspekt des zeitlichen Menschen aus. Hierbei ist die gelebte Zeit nach Minkowski nicht zerlegbar und nach Bergson von kontinuierlicher Dauer. 4
1 Vgl. Dahms (1976), S. 2.
2 Zit. n. Dahms (1976), S. 3.
3 Vgl. Dahms (1976), S. 3.
4 Ebd.
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1.2 Der Begriff der Zeit bei Max Frisch
In seinem Tagebuch 1946-1949 hat Max Frisch sich grundsätzliche Gedanken über literarische, gesellschaftliche und existentielle Fragen gemacht. Hierzu gehören auch Überlegungen zum Zeitbegriff:
Die Zeit?
Sie wäre damit nur ein Zaubermittel, das unser Wesen auseinanderzieht und sichtbar macht, indem sie das Leben, das eine Allgegenwart alles Möglichen ist, in ein Nacheinander zerlegt; allein dadurch erscheint es als Verwandlung, und darum drängt es uns immer wieder zur Vermutung, daß die Zeit, das Nacheinander, nicht wesentlich i st, sondern scheinbar, ein Hilfsmittel unsrer Vorstellung, eine Abwicklung, die uns nacheinander zeigt, was eigentlich ein Ineinander ist, ein Zugleich, das wir allerdings als solches nicht wahrnehmen können, so wenig wie die Farben des Lichtes, wenn sein Strahl nicht gebrochen und zerlegt ist.
Unser Bewußtsein als das brechende Prisma, das unser Leben in ein Nacheinander zerlegt, und der Traum als die andere Linse, die es wieder in sein Urganzes sammelt; der Traum und die Dichtung, die ihm in diesem Sinne nachzukommen sucht - 5
Das Leben ist nach Frisch also eine Allgegenwart alles Möglichen, ein Zugleich. Da wir dieses Ineinander - wie die Farben des Lichts - jedoch nicht wahrnehmen können, wird es durch unser Bewusstein, das brechende Prisma, mit Hilfe der Zeit in ein Nacheinander zerlegt. Die Zeit, das Nacheinander sind somit nicht wesentlich, sondern nur scheinbar, eben nur ein Hilfsmittel unserer Vorstellung. Nur im Traum ist dieses Nacheinander wieder aufgehoben, was wiederum in der Dichtung nachempfunden werden kann.
Diese Vorstellung hat zwar gewisse Ähnlichkeit mit dem Begriff der Zeit bei Newton, weist andererseits jedoch grundsätzliche Unterschiede auf. Beide betrachten die Ordnung der Zeit als ihr Hauptmerkmal, doch während Frisch das Nacheinander der Zeit nur als vom Menschen hervorgebrachten Schein ansieht, glaubte Newton an die Absolutheit der Zeit, auf die der Mensch keinen Einfluss hat. 6 Zudem kannte Frisch die Relativitätstheorie Einsteins, die die Vorstellung von einer absoluten Zeit entgültig widerlegte. 7
Doch auch an der Vorstellung von der Zeit als Schein scheint Frisch zu zweifeln, denn ebenfalls im Tagebuch 1946-1949 schreibt er:
Wenn es stimmt, daß die Zeit nur scheinbar ist, ein bloßer Behelf für unsere Vorstellung, die in ein Nacheinander zerlegt, was wesentlich eine Allgegenwart ist, wenn alles stimmt, was mir immer wieder durch den Kopf geht, und wenn es auch nur für das eigene Erleben stimmt: warum erschrickt man über jedem Sichtbarwerden der Zeit?
5 Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 361f. (Alle Zitate aus Frischs Werk sind den Gesammelten Werken entnommen, die hier und im Folgenden mit ‚GW’ abgekürzt werden.)
6 Vgl. Wang (1992), S. 11.
7 Vgl. Die Chinesische Mauer, GW II, S. 162f.
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Als wäre der Tod eine Sache der Zeit. 8
Diesen Zweifel versucht Frisch zu lösen, indem er von zwei verschiedenen Zeitbegriffen ausgeht 9 :
Vielleicht müßte man unterscheiden zwischen Zeit und Vergängnis: die Zeit, was die Uhren zeigen, und Vergängnis als unser Erlebnis davon, daß unserem Dasein stets ein anderes gegenübersteht, ein Nichtsein, das wir als Tod bezeichnen. Auch das Tier spürt seine Vergängnis; sonst hätte es keine Angst. Aber das Tier hat kein Bewußtsein, keine Zeit, keinen Behelf für seine Vorstellung; es erschrickt nicht über einer Uhr oder einem Kalender, nicht einmal über einem Kalender der Natur. Es trägt den Tod als zeitloses Ganzes, eben als Allgegenwart: wir leben und sterben jeden Augenblick, beides zugleich, nur daß das Leben geringer ist als das andere, seltener,... 10
Die hier mit dem Begriff Zeit definierte Zeit ist also sowohl die objektiv gemeinte Zeit des Nacheinanders als auch die subjektive des menschlichen Bewusstseins, welche Frisch abermals als die uneigentliche, scheinbare Zeit benennt. Der Begriff der Vergängnis dagegen lässt sich mit dem Erlebnis, der Allgegenwart und dem Tod in Einklang bringen.
Demnach erweist sich die Frage nach der Zeit „als eine Frage nach der Gesamtheit unseres Erlebnisses, und das nennt Frisch die Allgegenwart. Zeit begegnet uns als alltägliche objektive Uhrzeit, die über uns hinweggeht oder uns auch daran hindert zu leben, und gleichzeitig als jenes innere, allvertraute Erlebnis“ 11 .
Bei der Frage nach dem Erleben stellt sich auch die Frage nach dem Erleben in der Gegenwart. Hierzu schreibt Frisch:
Man fragt sich manchmal, inwiefern eine Gegenwart überhaupt erlebbar ist. Könnte man unser Erleben darstellen, und zwar ohne unser Vorurteil, beispielsweise als Kurve, so würde sie sich jedenfalls nicht decken mit der Kurve der Ereignisse; eher wäre es eine Welle, die jener anderen verwandt ist, die ihr vorausläuft und wieder als Echo folgt; nicht die Ereignisse würden sich darstellen, sondern die Anlässe der Ahnung, die Anlässe der Erinnerung. Die Gegenwart bleibt irgendwie unwirklich, ein Nichts zwischen Ahnung und Erinnerung, welche die eigentlichen Räume unseres Erlebens sind; die Gegenwart als bloßer Durchgang, die bekannte Leere, die man sich ungern zugibt. 12
Obwohl also die Gegenwart existiert, kann der Mensch sie als solche kaum erleben.
Die Gegenwart ist also unerlebbar, und auch die Vergangenheit ist nach Frisch eine Erfindung, die nicht zugibt, eine Erfindung zu sein, ein Entwurf rückwärts 13 . Die eigentliche Zeit liegt also in der Zukunft begründet:
Ich weiß nie, wie es war. Ich weiß es anders - nicht als Geschichte, sondern als Zukunft. Als Möglichkeit. Wie es war, als ich in einer Prüfung durchgefallen bin, oder wie es war mit einer Frau, die
8 Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 493.
9 Vgl. auch Wang (1992), S. 15).
10 Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 499f.
11 Wang (1992), S. 16.
12 Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 451f.
13 Ausgewählte Prosa , S. 11. Zit n. Wang (1992), S. 18.
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mich verlassen hat oder die ich verlassen habe, ich erzähle nie, wie es war, sondern wie ich mir vorstelle, daß es wäre, wenn ich es nochmals erleben müßte. Erfahrung zeigt sich als Ahnung, als Voraussage. Das gilt nicht nur für den Schriftsteller, glaube ich, es gilt für alle Menschen. 14 Wie im ersten Zitat dieses Abschnitts bereits angedeutet 15 , sieht Frisch nur im Traum und in der Dichtung die Möglichkeit, Uhrzeit und Vergängnis nicht als entgegengesetzt und voneinander getrennt, sondern als sich ergänzend und gleichzeitig zu erleben. 16
Im folgenden Abschnitt sollen diese hier dargestellten Erkenntnisse nun mit dem Begriff der Wiederholung in Zusammenhang gebracht werden.
1.3 Zeit und Wiederholung
Wie im vorherigen Abschnitt deutlich gemacht wurde, spielt der Zeitbegriff in Frischs Werk eine große Rolle. Hierbei ist wichtig anzumerken, dass die Figuren in seinem Werk oftmals den Versuch unternehmen, „außerhalb der Zeitlichkeit zu leben, indem sie die erlebte Zeit, die Bedeutung der Vergänglichkeit und des Todes in ihrem Leben negieren wollen“ 17 . Sie empfinden eine Entfremdung von der Zeit, was z.B. beinhaltet, dass sie die Vergangenheit als leer und ereignislos ansehen. Sie leben deshalb in der ständigen Erwartung in Neues, doch auch dies wird nach kurzer Zeit zu Gewohntem. „Die lineare Chronologie des äußeren Zeitablaufs wird in der monotonen Wiederholung von äußeren Handlungen als zyklisch empfunden, weil alles als ewige Wiederkehr des Gleichen wirkt.“ 18
Die Figuren bei Frisch empfinden sich als Sklaven der Zeit, was sich auch in ihrer Furcht vor dem Alltag ausdrückt, der als das Sinnbild für das ungelebte Leben angesehen werden kann. 19 Dieser Alltag bedeutet vor allem Wiederholung, aus der die Figuren ausbrechen wollen: „Die Gestalten versuchen aus dem Gefängnis der Zeit, wie es anscheinend ihr Leben beschränkt, auszubrechen und sich ihr Leben außerhalb des Zei tablaufs und frei vom Fluch der Wiederholung einzurichten. [...] Doch alle Versuche, die Tatsache des Zeitablaufes aus ihrem Bewußtsein zu verdrängen, entfremden sie dermaßen von der Wirklichkeit, daß sie nicht mehr zum wahren Leben kommen.“ 20
Hier wird also bereits deutlich, dass die Figuren bei Frisch die Wiederholung vor allem als Fluch empfinden, dem sie sich entgegen zu stellen versuchen. Diese Thematik wird im dritten
14 Ebd., S. 8. Zit. n. Wang (1992), S. 18.
15 Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 361f.
16 Vgl. Wang (1992), S. 21.
17 Dahms (1976), S. 18.
18 Ebd., S. 80.
19 Vgl. Dahms (1976), S. 89.
20 Dahms (1976), S. 97.
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Kapitel dieser Arbeit noch ausführlich behandelt. Zuvor jedoch soll der Begriff der Wiederholung im Vergleich zu anderen Ansätzen untersucht werden, um so zu einem Verständnis des Begriffs bei Max Frisch zu gelangen.
Arbeit zitieren:
Christina von Bremen, 2001, Die Problematik der Wiederholung bei Max Frisch, München, GRIN Verlag GmbH
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