1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 2
2 Frankfurt 1921-1924 3
3 Wien 1924-1925 4
3.1 Karl Kraus 4
3.2 Erste Auseinandersetzung mit Freud 5
3.3 Erste Aufzeichnungen. 6
4 Der 15. Juli 1927. 7
4.1 Hintergründe. 8
4.2 Canettis Beschreibung der Ereignisse. 8
4.3 Canettis Darstellung der Masse. 10
4.4 Auswirkungen auf Canettis Wahrnehmung 12
5 Resümee 12
Literaturverzeichnis 13
2
Einleitung
Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 im damaligen Rustschuk, heute Russe (Bulgarien) geboren und starb am 14. August 1994 in Zürich. Er stammt aus einer jüdischen Familie, deren Vorfahren aus Spanien vertrieben worden waren. 1911 kam es zum Umzug der Familie nach Manchester. Nach dem Tod des Vaters siedelten die Canettis nach Wien um. Aufgrund des Kriegspatriotismus der Österreicher blieben sie aber auch dort nicht lange wohnhaft, sondern zogen 1916 in die Schweiz. Dort lebten sie schließlich fünf Jahre lang, ehe 1921 der Umzug nach Deutschland erfolgte.
Von 1924 bis 1929 studierte E. Canetti Chemie in Wien. Sein wirkliches Interesse galt aber der Literatur. In dieser Zeit besuchte er regelmäßig die Lesungen von Karl Kraus. Ebenfalls in diese Zeitspanne fällt auch seine erste Beschäftigung mit dem sozialpsychologischen Phänomen der ‚ Masse’, dessen Erforschung Canetti sein Leben widmete. In seinem zweiten Band „Die Fackel im Ohr“, welcher erst 1980 veröffentlicht wurde, beschreibt er ein Stück seiner Lebensgeschichte, das sich auf eben diese Zeit (1921 bis 1931) bezieht und somit wichtige Anhaltspunkte für seine Auseinandersetzung mit Masse liefert. Abgesehen von Karl Kraus setzt sich Canetti mit Freuds „ Massenpsychologie und Ich -Analyse“ auseinander und erlebt die Auswirkungen von Masse an der eigenen Person, wobei der 15.07.1927 diesbezüglich für ihn zum wichtigsten Tag wird.
Die Erlebnisse, die Canetti am meisten geprägt haben, sollen in den folgenden Kapiteln näher beleuchtet werden, um den Weg zu seinem 1960 erschienenen theoretischen Hauptwerk „ Masse und Macht“, an welchem er fast zwanzig Jahre lang gearbeitet hat, zu verdeutlichen.
3
2 Frankfurt 1921-1924
Die erste Begegnung mit dem Phänomen der Masse hat Canetti während seiner Zeit in Frankfurt, die er mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Brüdern in einer Pension verbringt. Er lebt drei Jahre in Frankfurt und zieht dann nach Abschluss seines Abiturs zu seinem Bruder Georg nach Wien, um sich dort seinem Studium zu widmen. Elias Canetti erlebt in dieser Zeitspanne wie die Inflation in Frankfurt ihren Höhepunkt erreicht und wird Zeuge von zahlreichen Demonstrationen gegen den Krieg. Anlässlich einer Demonstration gegen die Ermordung Rathenaus auf der Zeil widerfährt ihm zum ersten Mal das Erlebnis der Masse. 1 Im Buch greift er auf dieses Ereignis aber erst später zurück, als er bereits in Wien lebt: Er beschreibt die Wirkung des Arbeiteraufmarsches auf sich als ein Phänomen, das seine Kraft nicht im Individuum forciert hat, sondern in der Masse. Canetti fühlt die Überzeugungskraft der zur Menge vereinigten Menschen. Er ist vollkommen ergriffen von ihrer Entschlossenheit und erlebt ganz bewusst den Drang dazugehören zu wollen, den er selbst als physische Anziehungskraft, als eine Art Gravitation beschreibt. 2
Ein etwas anderes Erlebnis mit Masse hat Canetti in seinem letzten Jahr in Frankfurt, in welchem ihm die rasende Entwertung des Geldes ins Bewusstsein gerät. 3 Die Masse des Geldes verliert an Wert und somit an Macht. Die Folgen für die Menschen sind brutal. Mit der Entwertung des Geldes geht die Entwertung des Menschen einher, dessen Selbstbild zerstört wird.
1 Vgl.: E. Canetti: Die Fackel im Ohr-Lebensgeschichte 1921-1931. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1982, S. 53.
2 Ebd., S. 79f.
3 Ebd., S. 53ff.
4
3 Wien 1924-1925
Für die Zeit in Wien sind zwei Begegnungen von großer Bedeutung für Canetti. Abgesehen davon, dass er seine zukünftige Frau Veza Magd kennen lernt, besucht er die Vorlesungen von Karl Kraus und setzt sich mit Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ auseinander.
3.1 Karl Kraus
Am 17. April 1924 besucht Canetti die 300. Veranstaltung von Kraus. Diese erste Begegnung beschreibt er selbst sehr beeindruckend:
Von Anfang an und während der ganzen Veranstaltung war es die Stille vor einem Sturm. […] Es klang begeistert und fanatisch, befriedigt und drohend zugleich […]. Es waren nicht einzelne, die lachten, sonder viele zusammen. […] Ich hatte bald heraus, daß die Leute zu einem Mahl gekommen waren und nicht, um Karl Kraus zu feiern. […] Die Dynamik eines solchen bis auf den letzten Platz gefüllten Saals unter der Einwirkung jener Stimme, die auch in den Augenblicken nicht aussetzte, in denen sie verstummte, läßt sich so wenig wiedergeben wie das Wilde Heer der Sage. 4
Es wird deutlich wie sehr Canetti von der Reaktion des Publikums gefesselt ist. Er selbst wird allmählich Teil einer Masse, derer er sich nicht mehr zu entziehen vermag. Ohne die Worte zu verstehen und noch ohne Anteilnahme an der einheitlichen Massenreaktion des Publikums, spürt er die Überzeugungskraft und ist beeindruckt von der Tatsache, dass allein die Stimme von Karl Kraus ausreichend ist, um eine Masse zu lenken und bestimmte Reaktionen in ihr auszulösen.
In diesem Kontext wird bei näherer Betrachtung auch der Titel des Buches, nämlich „Die Fackel im Ohr“ verständlich. Abgesehen davon, dass das Wort Fackel isoliert betrachtet als Sinnbild für Freiheit und Revolution betrachtet werden kann, trägt die von Karl
4 E. Canetti: A. a. O, S. 71.
Arbeit zitieren:
Birte Glass, 2002, Begegnungen mit 'Masse' in Canettis zweitem Band 'Die Fackel im Ohr', München, GRIN Verlag GmbH
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