Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Vorwort 3
1. Einleitung S. 4 - 5
2. Quellenlage und Publikationsstand 6
2.1. Quellen 6
2.2. Literatur und Publikationsstand S. 6 - 7
3. Zeittafel (Historische Daten zur Geschichte Kammins) S. 7 -12
4. Naturräumliche Situation, Besiedlung und Topographie 12
4.1. Zur naturräumlichen Situation und Besiedlungsgeschichte S. 12 -13
4.2. Die Topographie und Siedlungsstruktur Kammins 13
4.2.1. Allgemeine Anmerkungen zur Lage Kammins S. 13 -14
4.2.2. Das Stadtbild Kammins in neuerer und neuester
Zeit im Verhältnis zur mittelalterlichen Bebauung S. 14 -17
4.2.3. Die erhaltenen mittelalterlichen Bauwerke 17
a) Das Wolliner Tor 17
b) Das Rathaus S. 17.-18
c) Das Bischofshaus 18
d) Der Dom S. 18 -20
4.2.4. Kammin im frühen und hohen Mittelalter -
die archäologischen Funde und Befunde S. 20 -25
5. Diskussion 25
5.1. Der Name Kammin und seine Bedeutung S. 25 -26
5.2. Die Bedeutung und Funktion Kammins in slawischer Zeit 26
5.2.1. Die herzogliche Burg Kammin S. 26 -27
5.2.2. Exkurs: Wollin und Kammin - früher Seehandelsplatz
und administratives Zentrum? S. 28 -30
5.3. Siedlungsentwicklung und Siedlungskontinuität 30
5.3.1. Die spätslawische Siedlung S. 30 -31
5.3.2. Zur Frage nach der slawisch - deutschen Siedlungskontinuität S. 32 -34
6. Zusammenfassung S. 35 -36
Literaturverzeichnis S. 36 -43
Anhang/ Tafeln 44
Bildtafeln I - XV/ Abb 1 - 23 S 45 - 59
Vorwort
Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen eines Hauptseminars zur mittelalterlichen Geschichte an der Freien Universität Berlin im WS 1995/96. Der Titel der Lehrveranstaltung, die von Herrn Prof. Dr. K. Zernack geleitet wurde, lautete: „Probleme der Germania-Slavica-Forschung“. Im Verlauf des Semesters konnte mit Hilfe der Seminarvorträge und Diskussionen ein breit gefächerter Überblick über aktuelle Forschungsansätze zum Thema vermittelt werden. Fragen zu den Prozessen der mittelalterlichen Siedlungs- bzw. Stadtentwicklung bei den zwischen Elbe und Weichsel lebenden Slawen stießen in diesem Kontext auf das größte Interesse bei den Seminarteilnehmern. Insbesondere ein historisch - archäologisch orientierter Vortrag über Wollin, dem durch die freundliche Unterstützung von Herrn Prof. Dr. W. Filipowiak vom Nationalmuseum in Stettin neueste Erkenntnisse zum Forschungsstand zu Grunde gelegt werden konnten, fand großen Beifall. Angesichts der allgemeinen Begeisterung wurde im Anschluß an den Vortrag über Wollin eine Kurzexkursion zu den historischen Stätten des Odermündungsgebietes angeregt und in Planung genommen. Die Reise fand zu Beginn des folgenden Sommersemesters in der Zeit vom 26. bis 28. April statt; sie führte nach Stettin/ Szczecin, Wollin und Kammin/ Kamien Pomorski 1 .
Die Aufgabe, einen Kurzvortrag über die Entwicklungsgeschichte Kammins im Mittelalter zu halten, wurde von der Verfasserin während der Exkursion im Zusammenhang mit dem unmittelbar bevorstehenden Aufenthalt in Kammin übernommen. Der Vortrag war sehr knapp gestaltet und basierte hauptsächlich auf einem deutschsprachigen Tagungsmanuskript Herrn Prof. Dr. Filipowiaks aus dem Jahr 1995, welches von Herrn Prof. Dr. Zernack freundlicherweise zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt werden konnte 2 .
Während eines Gesprächs mit Herrn Prof. Dr. Zernack zu einem späteren Zeitpunkt entwickelte sich schließlich die Idee, die mittelalterliche Geschichte Kammins als Beispiel für siedlungs- und besiedlungsgeschichtliche Prozesse im Umfeld der slawischen Burgen des Odermündungsgebietes zum Gegenstand einer schriftlichen Ausarbeitung zu wählen 3 .
1 Dem großen persönlichen Einsatz von Frau J. Swiatowa aus Stettin, die u.a. den erwähnten Vortrag über Wollin hielt, ist es zu verdanken, daß im Rahmen der Exkursion an vielen historisch bedeutsamen Stätten Führungen durch die zuständigen polnischen Stadtarchäologen bzw. Historiker über offene Altstadtgrabungen, durch Museen, Sammlungen etc. stattfinden konnten.
2 Herr Prof. Dr. Filipowiak hat die Ausgrabungen in Kammin jahrzehntelang betreut und war bzw. ist u.a. mit der Aufarbeitung sowie der Publikation des archäologischen Materials befaßt. Ihm gilt mein ganz besonderer Dank dafür, daß er die Zeit gefunden hat, mir persönlich eine Kopie der o.g. Tagungsrede mit einer anhängigen, umfangreichen Literaturliste sowie mit einigen Abbildungen zukommen zu lassen.
3 Für diese Anregung, einige begleitende Tips sowie Literaturhinweise möchte ich mich an dieser Stelle auch bei Herrn Prof. Dr. Zernack ganz herzlich bedanken.
1. Einleitung
Die Beschäftigung mit der Geschichte jener nordwestslawischen Länder, in die die westlichen Berichterstatter erst relativ vordrangen 4 bzw. über die erst aus dem Hochmittelalter Berichte überkommen sind 5 , bereitet aus der Sicht des Historikers deswegen Schwierigkeiten, weil die Entwicklungen des Frühmittelalters und des frühen Hochmittelalters auf Grund der Quellenlage beinahe ausschließlich anhand der Ergebnisse archäologischer Untersuchungen zu erschließen sind 6 .
Das Odermündungsgebiet eröffnet für ein weites Hinterland, welches mit der Oder über die zahlreichen einleitenden Wasserläufe verbunden ist, den Zugang zur Ostsee und umgekehrt. Spätestens seit dem 9. Jahrhundert fand an der unteren Oder eine Besiedlungsintensivierung statt, wie es sich anhand des archäologischen Materials nachvollziehen läßt (E g g e r s 1985). Entlang der ufernahen Landstriche an Haff, Bodden und den Flußnebenarmen entstand eine Vielzahl slawischer Burgen und Siedlungen. Möglicherweise stand diese Entwicklung in engem Zusammenhang mit der Wiederbelebung der Schiffahrt auf der Ostsee im 8./9. Jahrhundert, die nach einer seit der Völkerwanderungszeit andauernden Unterbrechung erstmals wieder umfangreiche Austauschkontakte zwischen den Skandinaviern und den Bewohnern der südlichen Ostseeküste erbrachten (H e r r m a n n 1994/95). Unter den Siedlungen im Odermündungsdelta entwickelten sich Wollin und vermutlich auch Stettin während des 9. und 10. Jahrhunderts zu (Tausch-) Handelsplätzen von überregionaler Bedeutung (Filipowiak 1989). Erst im 11. und 12. Jahrhundert gewannen darüberhinaus Kammin, Demmin, Usedom und Wolgast an Bedeutung. Die Entwicklung dieser Burgen beruhte jedoch weniger auf ihrer wirtschaftlichen Bedeutung als vielmehr höchstwahrscheinlich auf militärischadministrativen Funktionen (B o l l n o w 1964, F i l i p o w i a k 1989). Die ältesten schriftlichen Berichte über Kammin stammen aus der Zeit der ersten Pommernreise Ottos von Bamberg um 1124, obwohl die slawische Siedlung nachweislich wesentlich älter ist (F i l i p o w i a k 1995a). Es gibt Hinweise darauf, daß Kammin in den zwanziger Jahren des 12. Jahrhunderts und vermutlich auch darüberhinaus das Herrschaftszentrum Pommerns war (B o l l n o w 1964). Darüber, wie diese Zentralfunktion aussah, woraus sie resultierte und über welchen Zeitraum sie sich konkret erstreckte, kann auf Grund der unzureichenden Quellenlage lediglich spekuliert werden.
Kammin wird in den Quellen von 1124 nebeneinander als „Sitz des Herzogs“, „große Burg“ und „herzogliche Stadt“ bezeichnet (E b o , H e r b o r d ). Die Verwendung des Begriffes Stadt muß in diesem Zusammenhang verwundern. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß durch die fremdartigen Verhältnisse im slawischen Pommern begriffliche Unsicherheiten bei den westlichen Reisenden hinsichtlich der Benennung dessen, was sie sahen, ausgelöst wurden (B o l l n o w 1964, L e c i e j e w i c z 1983). Aber bereits 1140 werden in einer päpstlichen Bestätigungsurkunde für das pommersche Bistum bei der Burg ein Markt und ein Krug genannt (L u c h t 1965). Während der Dänenkriege wurde der Bischofssitz aus Wollin nach Kammin verlegt. In den Bestätigungsurkunden über die Verlegung erscheint Kammin neuerlich als Stadt. Diese Formulierung kann allerdings bewußt in Abweichung von der Realität gewählt worden sein, da bischöfliche Residenzen grundsätzlich in Städten liegen mußten (B o l l n o w 1964). Insgesamt deuten einige Faktoren darauf hin, daß sich Kammin im 12. Jahrhundert zu einem jener slawischen präkommunalen Zentren urbanen Charakters
4 Die Nordwestslawen verfügten nicht über ein eigenes schriftliches Urkundenwesen, anhand dessen es mögliche wäre, die frühen Entwicklungen in den slawischen Ländern mit den Werkzeugen des Historikers zu rekonstruieren. Erst Fremde, zumeist Mönche, haben im Rahmen ihres Vordringen nach Osten zur Entstehung schriftlicher Quellen beigetragen und dieses Vordringen geschah in den Gebieten östlich der Oder, möglicherweise mit Ausnahme von Kolberg, erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts (H e r r m a n n 1985; F i l i p o w i a k 1991b).
5 Der älteste bekannte Bericht über die slawische Besiedlung des Odermündungsgebietes stammt von dem jüdischmaurischen Kaufmann Ibrahim Ibn Jacub al Israeli at Tartusi aus der Zeit um 965, der das Gebiet jedoch höchstwahrscheinlich nicht selber bereist hat, sondern der vielmehr im Abrodritenland Erzählungen über die große Slawenstadt Weltaba (Wollin?) am großen Strom nordwestlich des Piastenreiches aufgegriffen hat (F i l i p o w i a k u . G u n d l a c h 1992). Der Wahrheitsgehalt der Quelle ist somit fragwürdig. Der nächste schriftliche Bericht über die Slawen an der Odermündung geht auf Adam von Bremen zurück und ist ca. 100 Jahre später entstanden (ebd.). Allerdings muß auch in diesem Fall fraglich bleiben, wieviel der geschilderten Dinge der Autor mit eigenen Augen gesehen hat. Aus keiner der frühen Quellen sind Informationen über Kammin zu entnehmen. Für die slawischen Territorien unweit der Nordostgrenze des karolingischen- bzw. ottonischen Reiches sieht die Quellenlage wesentlich besser aus; die Berichte setzen noch im Frühmittelalter ein und erreichen einen stetig ansteigenden, erheblichen Umfang (L ü b k e 1986).
6 Sowie einiger Nachbarwissenschaften wie beispielsweise die der Toponymie oder der Toponomastik, auf die an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden soll (W a l t h e r 1982, F o s t e r 1994).
entwickelt hatte, über deren Entstehung, Aussehen und Status von Seiten der Historiker und Archäologen bereits seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird (L u d a t 1955, G i e y s t o r 1967, Z e r n a c k 1976, E n g e l 1995, P i s k o r s k i 1995).
Die Quellenlage für die Zeit des 12. Jahrhunderts ist sehr lückenhaft; wirklich aussagekräftige Informationen über die Entwicklung Kammins stellen vereinzelte Ausnahmen dar (vgl. 3. Zeittafel). Im 13. Jahrhundert trat demgegenüber eine weitere Verschlechterung ein, obwohl die Bischöfe ihre Residenz in Kammin unterhielten und die Dänenkriege ein Ende gefunden hatten. In der Zeit zwischen 1185 und 1245 ist zunächst das Abnehmen der Nachrichten über die Burg, den Markt, den Krug, die Kastellane und andere Einrichtungen zu beobachten. Im Zeitraum zwischen 1244/45 und der Stadtlokation, 1276 reißen die Quellen über den Ort schließlich vollständig ab. Über die Ursache besteht Unklarheit. Da die Überlieferungslücke jedoch auch in Bezug auf viele andere der bedeutenderen slawischen Siedlungen Pommerns zu verzeichnen ist wurde angenommen, daß sich das slawische Herzogtum im 13. Jahrhundert allgemein in einer Niedergangsphase befand, in deren Verlauf das Siedlungs- und Kastellaneiwesen zum Erliegen kam, wodurch die lokationszeitlichen Neugründungen und Aufsiedlungen quasi in einem wüst gefallenen Raum ohne wirklich Siedlungskontinuität stattgefunden hätten (B o l l n o w 1936, 1938, 1964; L i e c i e j e w i c z 1983, P i s k o r s k i 1995). Dieser Frage muß von Fall zu Fall unter Berücksichtigung archäologischer Funde und Befunde nachgegangen werden.
In Kammin haben sich in moderner Zeit keinerlei oberirdisch sichbare Anzeichen der alten slawischen Besiedlung erhalten. Selbst auf die Lage der mehrfach urkundlich bezeugten Burg deutet im Geländeprofil nichts mehr hin. Die Topographie der in Rudimenten noch erhaltenen Altstadt, die in ihrem Grundriß auf die Anlage der Lokationsstadt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückgeht, bietet ebenfalls wenige Hinweise auf die Struktur und Ausbreitung der älteren Besiedlung. Einige Versuche, auf der Basis des heutigen Geländereliefs Rückschlüsse auf die Topographie des slawischen Kammin zu gewinnen, erbrachten wiedersprüchliche Ergebnisse bzw. scheiterten (H o o g e w e g 1924, B o l l n o w 1964, L u c h t 1965) 7 .
Erst durch Zufallsentdeckungen bei Kanalisationsarbeiten in der nordöstlichen Altstadt und anschließende planmäßige Ausgrabungen in den Jahren zwischen 1958 und 1981 gelang es den polnischen Archäologen vom Nationalmuseum Stettin, den Burgwall im Bereich der Marienkirche zu lokalisieren und weitere Aufschlüsse über die Entwicklung bzw. Ausdehnung des alten Kammin zu erhalten. Bedauerlicherweise wurden diese Funde jedoch bislang nicht in Form einer geschlossenen Publikation vorgelegt, wodurch viele der wichtigen und interessanten Informationen nicht allgemein verfügbar sind.
Insgesamt sind im Hinblick auf die Anfänge und die slawenzeitliche Entwicklung Kammins bis zur Gründung der Rechtsstadt viele Fragen offen bzw. sie sind bisher nicht auf der Grundlage des aktuellen Erkenntnisstandes diskutiert und zusammengefaßt worden. Mit der vorliegenden Hausarbeit wird der Versuch unternommen dieses Defizit auszugleichen, obwohl sich das Vorhaben teilweise auf einer sehr schwachen Datengrundlage bewegt. Die Untersuchung beschränkt sich im wesentlichen auf den Zeitraum zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet die Beschäftigung mit den Fragen der Siedlungsentwicklung und ihrer Grundlagen.
7 Teilweise wurde die Lage der Burg unter dem Dom, auf dem Aschenberg oder noch weiter östlich rekonstruiert, vgl. beispielsweise die zeichnerischen Angaben bei L u c h t (ebd. S. 52).
2. Quellenlage und Publikationsstand
2.1. Quellen
Eine spezielle Quellensammlung zur mittelalterlichen Geschichte Kammins liegt nicht vor. Für die Zeit der Pommernmission geben die von Ebo (ed. W i k a r j a k , L i m a n , 1969), Herbord (ders., 1974) und einem Prüfeninger Mönch (ed. H o f m e i s t e r , 1924) verfaßten Viten Ottos von Bamberg wertvolle Informationen.
Die überkommenen Schriften aus dem Bestand der Herzöge, der Bischöfe, des Domkapitels, des Dominikanerklosters zu Kammin usw. bilden einen Bestandteil des Pommerschen Urkundenbuches (PUB 1340)) bzw. des Codex Pomeranie diplomaticus (CPd/I: H a s s e l b a c h , K o s e g a r t e n u. v. M e d e m 1843-1862). Die wichtigsten Quellen liegen zusätzlich in deutscher Übersetzung vor (s. auch H e l b i g , W e i n r i c h , 2 1976).
2.2. Literatur und Publikationsstand
Kammin hat als Objekt siedlungs- und stadtgeschichtlicher Untersuchungen gegenüber Wollin und Stettin stets eine untergeordnete Rolle gespielt.
Als Ziel der ersten Reise Ottos von Bamberg und späterer kirchlich-bischöflicher Mittelpunkt Pommerns erlebte Kammin im 12. und frühen 13. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Bedeutung für das pommersche Herzogtum. Daher konzentrieren sich viele Abhandlungen auf Themen, die in diesen zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang fallen (K a n t z o w 1537/38; v . M e d e m 1835; L ü p k e 1871; K l e m p i n 1869; H o o g e w e g 1924; H e y d e n I: 1957; S c h m i d t 1972, 1975; P e t e r s o h n 1961,1963,1969,1971 u.1979).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine bedeutende Darstellung zur Geschichte Kammins (K ü c k e n 1880). Einige kleinere Veröffentlichungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gehen dagegen lediglich oberflächlich auf die slawische Besiedlung am Bodden ein (S p u h r m a n n 1924; W a l d k a u t z 1931). B o l l n o w unternahm schließlich den Versuch, aus den Quellen differenzierte und fundierte Hinweise auf den Ursprung und die Bedeutung der slawischen Burgen und Siedlungen Pommerns vor dem Einsetzen der schriftlichen Zeugnisse zu gewinnen. Mit Kammin befaßte sich B o l l n o w , um die Hintergründe für die lange Anwesenheit Bischof Ottos in der Burg während seiner ersten Reise zu untersuchen und offene siedlungstopographische Fragen zu erläutern (1935,1936,1938 u.1964). Einige Untersuchungen zur Ostkolonisation behandeln Kammin randlich (A u b i n 1939, M a r c i n i a k 1971, H i g o u n e t 2 1990). Einige Autoren befaßten sich konkret mit der kolonisationszeitlichen Aufsiedlung im Land Kammin (v. S o m m e r f e l d 1886; S t e p i n s k i 1975; B e n l 1985; C o n r a d 1988; P e t e r s o h n 1988). Andere Abhandlungen behandeln Fragen der herzoglichen Landesorganisation, der Siedlungs- und Stadtgründungspolitik Barnims I. sowie Fragen nach der Rolle der Pommernherzöge für die Kolonisation allgemein (S e l l 1819; K r a t z 1865; M ü l l e r 1929, L u c h t 1965, S p o r s 1981). Einen aktualisierten Kurzüberblick über die Geschichte Kammins vermittelt außerdem das Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 12: Mecklenburg/ Pommern (b e i d e r W i e d e n u . S c h m i d t 1996). Für die Stadtgeschichts- und Burgenforschung spielen archäologisch-naturwissenschaftlich ermittelte Daten neben den historischen Daten eine große Rolle. Dabei kommt den Ergebnissen der Stadtkerngrabungen besondere Bedeutung zu (K i e r s n o w s k i 1951; S p o r n 1978; F i l i p o w i a k 1991; P i s k o r s k i 1995). Zufallsbeobachtungen bei Erdarbeiten im Bereich der Altstadt haben neben den archäologischen Sondagen und planmäßigen Ausgrabungen durch Mitarbeiter des Nationalmuseums Stettin eine Reihe von Befunden geliefert, sind vielfach ausgewertet worden sind (L e c i e j e w i c z 1959,1962; E g g e r s 1960; C n o t l i w y 1958; F i l i p o w i a k 1956,1994,1995). Die verfügbaren Funde und Befunde stammen aus dem Bereich der Burg, des Suburbiums, der Lokationsstadt und aus der näheren Umgebung Kammins. Sie geben Hinweise auf die ältere Entwicklung des Platzes und seine ökologischen Grundlagen (L e g a 1930; K i e r s n o w s k i 1951, 1959; G a r c z y n s k i 1962,1966; S l a s k i u . Z i e n t a r a 1969; E g g e r s 1978, 1985; Z a k u. S a l b e r g e r 1980; C n o t l i w y 1981; F i l i p o w i a k 1956, 1972, 1994, 1995).
Abschließend ist festzustellen, daß weder von deutscher noch von polnischer Seite eine dem aktuellen Erkenntnisstand angepaßte Gesamtdarstellung zur mittelalterlichen Siedlungsentwicklung Kammins auf der Grundlage archäologischer und historischer Quellen vorliegt. F i l i p o w i a k gab auf einer Tagung in Lübeck 1995 die jüngste Darstellung zum Thema ab, die in dieser Form weder eine umfassende Darstellung bieten kann noch will. Die von F i l i p o w i a k in Aussicht gestellte Veröffentlichung des Tagungsbeitrags steht ebenfalls noch aus (Filipowiak 1995a).
3. Zeittafel (Historische Daten zur Geschichte Kammins 8 )
Zeittafel
1159 Das Land Kammin, d. h. der Burgbezirk, umfaßte im Nordosten das Ländchen Schelfin, reichte also ungefähr bis zur Liebelose (PUB 48)
1176 Der Edle Unima, Burgmann aus Kammin -...nobilis de castro Caminensi...- wirdurkundlich als Zeuge aufgeführt (B o l l n o w 1964, S. 193)
8 Anhand datierbarer Schriftquellen, die über bekannte historische Prozesse, Personen etc. im Zusammenhang mit Kammin berichten, läßt sich eine erste Übersicht über die hoch- und spätmittelalterliche Entwicklung Kammins und die Einbindung in die übergeordneten historischen Prozesse jener Zeit erstellen, die einen Orientierungsüberblick vermitteln soll.
...ipsa
sedes in ecclesia sancti Johannis baptiste apud civitatem Camyn, que
1177
Erneuter Vorstoß der Dänen nach Pommern unter der Führung Waldemars I.,
1181
Nach der Entmachtung Heinrichs des Löwen durch Kaiser Friedrich I.
1185
Unter Knut VI. fallen die Dänen neuerlich in Pommern ein. Von Wollin
1188
Die Bestätigungsurkunde Papst Clemens III. über die Verlegung des
1208 Unima tritt als Kastellan von Kammin in den Schriftquellen in Erscheinung
- . . Unima castellanis Camminensis...- (B o l l n o w ebd., S. 194)
1214
Erneut erwähnen die Quellen einen Kastellan von Kammin (ebd.)
1217
1223 Herzog Wartislaw III. wird als ...dominus Caminensis... bezeichnet (CPd 148)
um
1228
In Kammin wird ein Dominikanerkloster gegründet; Stifter ist der slawische
1228 Eine herzogliche Urkunde nennt den Edlen Wargina als Kastellan von Kammin (ebd., S. 194)
1230
Das pommersche Herzogtum wird unter den Söhnen Bogislaws II. und
1231 Die Marggrafen von Brandenburg aus dem Geschlecht der Askanier werden Lehnsherren von Pommern (Arnold ebd., S. 4)
1232 Wartislaw III. bestätigt die Schenkungen an die Dominikaner (H o o g e w e g 1924, S. 205)
1232 Als Kastellan von Kammin tritt der Edle Stoislaw auf (B o l l n o w ebd., S. 196)
1234
Barmin I. und Bischof Konrad von Kammin schließen einen Vertrag über die
1240
Die Quellen erwähnen einen
Ztoyslaus castellanus
in Kammin,
1244
Die Burg Kammin wird letztmalig explizit schriftlich erwähnt; in diesem
1244
Wartislaw III schenkt den Dominikanern den nach Osten führenden und für
1273
Mit dem „Altendammer Vertrag“, geschlossen zwischen Herzog Barnim I.
1273 Die Markgrafen von Brandenburg belagern Kammin und zerstören Teile der Siedlung (F i l i p o w i a k 1995a, S. 13)
1274
Herzog Barnim I. gründet in Kammin eine Stadt; er stattet sie mit deutschem,
ab 1276 Erste Ritter mit deutschem Namen treten in den Urkunden auf (B o l l n o w ebd.)
1283 Bogislaw IV. bestätigt den Dominikanern die Schenkung von Fischwehren auf den „Kamminer Gewässern“ (ebd., S. 208)
1295 Teilung Pommerns, Kammin fällt an die Wolgaster Herzogslinie (A r n o l d 1988, S. 5)
1302 Bogislaw IV. schenkt der Stadt die Einkünfte aus allen städtischen Zöllen und legt gleichzeitig die Höhe des Dammbrückenzolls fest (K r a t z 1865, S. 60)
1308
Herzog Bogislaw IV. bestätigt das Stadteigentum, die Heringsfangrechte in
1308
Im „Märkischen Krieg“ wird Kammin während der Belagerung durch die
1311
Die Dominikaner bitten Herzog Wartislaw IV. um die Erlaubnis, das Kloster
1313 Markgraf Waldemar I. von Brandenburg verleiht Bischof Heinrich von Kammin und dem Domstift das Eigentum an der Stadt Kammin; die
Schenkung beschränkt sich jedoch vermutlich auf die von den Askaniern
1320 Wartislaw IV. sichert den Bürgern der Stadt Kammin die Zollfreiheit auf der Peene zu (ebd.)
1321
Stadt und Land Kammin werden von den pommerschen Herzögen Otto I.,
1331
Die Vormünder der minderjährigen Söhne Wartislaws IV.- Bogislaw V.,
1335 Das Dominikanerkloster liegt wieder außerhalb der Stadt, vermutlich an gleicher Stelle wie vor 1311 (H o o g e w e g ebd.)
1348 Die erste große Pestwelle erfaßt das Land und fordert bis um 1350 starke Verluste unter der Bevölkerung (C o n r a d ebd., S. 46)
1355/56 Stadt und Land Kammin werden von den Söhnen Wartislaws IV. für die Summe von 5000 Mark zurückerworben (ebd.)
1368
Neuerliche Landesteilung unter den Erben des Wolgaster Herzogshauses in
1389
Die Herzöge Wartislaw VII. und Bogislaw VIII. gewähren den Bürgern von
1394 Kammin wird als Mitglied der Hanse am Vorgehen gegen die Seeräuber (Vitalienbrüder) auf der Nord- und Ostsee beteiligt (ebd.)
1403 Die Kirche und das Konventshaus der Dominikaner werden neu erbaut (H o o g e w e g ebd., S. 218)
1417 Kammin gehört als fünfte Stadt zu einem Bündnis der Ritterschaft und der Städte im Land jenseits der Swine (K r a t z ebd., S. 62)
1459 Herzog Erich II. von Wolgast beansprucht den Besitz der Stadt und des Landes Kammin gegen die Ansprüche Herzog Ottos III. von Stettin (ebd.)
1461 Hinsichtlich der Ansprüche auf den Besitz Kammins kann keine Einigung erzielt werden; ein schiedsrichterlicher Vergleich wird beantragt (ebd.);
1464
Als Ergebnis des beantragten Vergleiches fallen die Stadt und das Land Kammin an
1465
Wegen des verbotenen Handels mit Dänemark verlieren die Kamminer Kaufleute
1478
Ein kaiserlicher Schutzbrief für die Hansekaufleute nennt Kammin
1481
Im Rahmen des „Landfriedensbündnisses“ verpflichtet sich Kammin, gleich
1483 Kammin brennt zu weiten Teilen ab, nur der Dom und die Marienkirche bleiben von Feuer unberührt (W a l d k a u t z 1931, S. 24)
1528
Veranlaßt durch die voranschreitende Reformation liefert der Prior die
1532
Die Musterrolle von 1523 veranlagt für Kammin die Stellung eines Kontingents
1532 Im Rathaus von Kammin werden die Kleinodien des Dominikanerklosters gewogen und geschätzt (ebd.)
1534
Schon unmittelbar nach der Ankündigung der Kirchenvisitation auf dem
1534/35
Allgemeine Einführung der Reformation in Pommern, der sich jedoch Bischof
1535
Herzog Barnim X. verbietet den Kamminer Handwerkern das Bierbrauen
1538
Die Stadt brennt beinahe vollständig ab, viele Bewohner verlassen Kammin.
1540
Bogislaw X. schreibt über Kammin ...Camin
ist gegen die anderen Stette sehr
1544 Tod des letzten katholischen Bischofs - Erasmus von Manteuffel - in Kammin; Inkraftsetzung der Reformation im Land Kammin (H e y d e n , vgl. 1534/35)
1544
Abbruch und Schändung des Klosters (H o o g e w e g ebd.)
1544
1544 Ein herzogliches Mandat untersagt den Handwerkern von Kammin neuerlich das Bierbrauen über den Eigenbedarf hinaus (ebd.)
1553 Dem Adel in der Umgebung der Stadt wird ebenfalls das Brauen von Bier zum Verkauf auf den umliegenden Märkten untersagt (ebd.)
1580 Herzog Johann Friedrich überläßt dem Rat die Verwaltung des Stadtgerichts gegen eine jährliche Abgabe von 30 Florin (ebd.)
1628
Nach dem Hufenmatrikel versteuert Kammin 73 Häuser, 57 Buden, 8 Keller
1630 Im dreißigjährigen Krieges wird Kammin wiederholt belagert, eingenommen und schließlich fast vollständig niedergebrannt. Viele Gebäude werden zerstört (ebd.)
Arbeit zitieren:
Tanya Armbruester, 1996, Mittelalterliche Siedlungsentwicklung an der unteren Oder zwischen dem 9. und 13. Jh. - untersucht am Beispiel Kammin (Kamien Pomorski), München, GRIN Verlag GmbH
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