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1. Einleitung
Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Darstellung der Transformationsprozesse unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder am Beispiel der Stadt Fes, Marokko. Im ersten Teil der Arbeit werden die städtebauliche Entwicklung vom Gründungsakt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sowie die charakteristischen Merkmale der orientalischen Stadt in beispielhafter Form aufgezeigt. Dabei liegt der Fokus auf der Vermittlung der Funktionsweise und den Besonderheiten von orientalischen Städten. Aufbauend auf diesen Grundlagen werden anschließend die städtebaulichen Interventionen des frühen 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit chronologisch vorgestellt sowie die Notwendigkeiten der jeweiligen Planungsszenarien und ihre Auswirkungen und Konsequenzen hinterfragt. Schon während des französischen Protektorats, vor allem aber in den Jahrzehnten danach, hat die Medina von Fes tief greifende Wandlungen erfahren. Dabei wird unter anderem das zentrale Problem des Verfalls der Medina thematisiert, um die diversen Faktoren und Ursachen der Stadtveränderung deutlich machen zu können.
Abschließend werden aktuelle Entwicklungstendenzen mit ihren unmittelbaren Wechselwirkungen auf die soziokulturelle Struktur angesprochen: Die Medina im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der Globalisierung.
2. Frühe Stadtgeschichte (bis 1912)
2.1. Ausbreitung des Islams
Obwohl man nicht von der christlichen, jüdischen oder buddhistischen Stadt spricht, ist der Begriff „Islamische Stadt“ oder „Orientalische Stadt“ sehr gebräuchlich. Daraus kann man schließen, dass Religion, Kultur, Staatsform und Stadtstruktur sehr eng miteinander verbunden sind.
Um die Entwicklung der Stadt Fes besser nachvollziehen zu können, wird nachfolgend der geschichtliche Kontext zur Zeit der Entstehung des Islams näher dargestellt. Der Islam ist die jüngste der Weltreligionen, welche durch Mohammed von 610 bis 632 in Mekka und Medina entstanden ist. Der Name Islam, der von Mohammed gewählt wurde, heißt „Eintritt in den Stand des Heils“ oder auch „Hingabe zu Gott“. Mohammed wurde 570 als Abkömmling des in Mekka regierenden Stammes Korarisch geboren. Mit 6 Jahren wurde Mohammed Vollwaise, wuchs zuerst bei seinem Großvater auf und nach dessen Tod bei einem Onkel. Durch die Heirat der Kaufmannswitwe Hadiga im Jahre 595 kam er aus dürftigen Verhältnissen in eine gesicherte Existenz. In jungen Jahren unternimmt er als Kaufmann einige Handelsreisen, auf denen er seine Bildung erweiterte. Mehr und mehr interessierte er sich für Fragen der menschlichen Sünde und das göttliche Gericht. 610 hatte Mohammad schließlich seine ersten Visionen, die er als Wort Allahs zunächst nur seinem unmittelbaren Umfeld verkündete; später bildeten diese Eingebungen, in Suren gestaltet, den Koran. Nach dem Tod seiner Frau ging er im Juli 622 von Mekka nach Medina, wo er in kurzer Zeit ein religiöses und staatsmännisches Ansehen erhielt. Nachdem er Staatsmann und Heerführer in Medina geworden war, erobert er 630 Mekka. Dadurch, dass er das Zentralheiligtum der arabischen Heiden, die Kaaba, als Wallfahrtsort seiner Religion anerkannte, wurden die Mekkaner bald zu seinen eifrigsten Anhängern. Der Prophet wurde zum Herrscher eines kirchlichen Staates, dem sich immer mehr Stämme anschlossen.
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Die welthistorische Bedeutung Mohammeds liegt vor allem darin, dass er die bis zu diesem Zeitpunkt der Weltgeschichte wenig hervorgetretenen arabischen Stämme einte und somit zu einem gewaltigen Kräftereservoir zusammenführte. Durch seine Religionsstiftung gab er dem arabischen Volk nicht nur einen außerordentlichen politischen Auftrieb, sondern er hob es auch auf ein höheres geistiges Niveau. Bisher hatte die Religion der Araber in einer Anzahl von Stammeskulten bestanden. Er führte den absoluten Monotheismus ein und wurde dabei sicherlich von der Religion der Juden und Christen beeinflusst. Er schenkte den Arabern ein heiliges Buch, eine Sammlung der ihm zu Teil gewordenen Offenbarungen, den Koran. Zum Tode Mohammeds umfasste der islamische Machtbereich die gesamte arabische Halbinsel. Nach dem Tod Mohammeds setzte unter seinem 2. Nachfolger Omar eine gewaltige Expansion des Islams ein. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein großer Teil des westlichen Orients unterworfen. Trotz der Expansionsphase kam es innerhalb der verschiedenen Stämme immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die in der Ermordung der nachfolgenden Kalifen gipfelten. 1
Ungeachtet der inneren Interessenkämpfe und Wirren setzte der Islam seinen Siegeszug fort. Während er im Osten bis zum Indus vordrang, wurden im Westen immer größere Bereiche des byzantinischen Reiches erobert. Sehr bald stand ganz Nordafrika unter islamischer Herrschaft. Im Jahre 711 wurde Spanien erobert.
2.2. Geographische Lage
Aufgrund der topographischen Gegebenheiten ist Fes mit günstigen Standortbedingungen ausgezeichnet. Fes befindet sich in einer am Abbruch eines Hochplateaus gelegenen Mulde, durch die das Wadi Fes verläuft und somit die Region über einen hohen Wasserreichtum verfügt. Somit gab es alle Voraussetzungen für eine natürliche Be- und Entwässerung.
2.3. Das Netz der Königstädte
Nicht nur die Herrscherdynastien haben im Laufe der Geschichte Marokkos mehrfach gewechselt. Gleiches gilt auch für den jeweiligen Herrschersitz des Sultans, für die Hauptstadt. So gibt es in Marokko nicht eine einzige Stadt, die man als unumschränktes administratives, kulturelles und geistiges Zentrum des Landes ansprechen könnte, sondern mehrere. Unter der Dynastie der Idrissiden (788-970) wurde im Jahre 806 Fes gegründet und zur Hauptstadt gemacht. Die berberische Dynastie der Almoraviden (1054-1147) wählte Marrakech ab 1070 zu ihrer Metropole und baute die neue Stadt systematisch aus. Unter den Almohaden (1147-1244) waren dann Marrakech und Rabat die wichtigsten Zentren der Machtausübung. Die folgende Dynastie der Meriniden (1269-1471) residierte von Fes aus, wo unter Abou Youssef Yacoub als Herrschaftsviertel Fes-Jdid, das neue Fes, neben dem bisherigen Fes-el-Bali geschaffen wurde. Die aus dem Draatal kommenden Saadier (1554-1659) machten zunächst Taroudannt zu ihrer Residenz, verlegten sie aber nach nur kurzer Zeit nach Marrakech. Für die Alaouiten schließlich (ab 1659) war unter Moulay Rachid für kurze Zeit Taza die provisorische Hauptstadt, doch unter dem nachfolgenden Moulay Ismail wurde Meknes in gigantischen
1 Vgl. Bianca, Architektur und Lebensform im islamischen Stadtwesen, 1975, S. 18
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Ausmaßen zur Hauptstadt ausgebaut. Bereits die Nachfolger residierten dann wieder in Fes, das bis zum Beginn der Protektoratszeit die Kapitale des Landes blieb. Es sind also im Wesentlichen vier Städte, die als Sitz der Herrscher in der Geschichte Marokkos immer wieder auftauchen: Fes, Marrakech, Rabat und Meknes. Diese vier werden deshalb auch als marokkanische Königsstädte bezeichnet. Wichtig zu erwähnen ist, dass zwar jeweils eine diese Städte Hauptresidenz war; doch erfolgte die Herrschaftsausübung der marokkanischen Sultane in Form einer ständigen Wanderschaft zwischen der Hauptresidenz und den Nebenresidenzen. 2
Das Wissen über den Hintergrund der vier Königsstädte ist insofern von Bedeutung, da mit jedem Machtwechsel auch eine Verlagerung des Herrschersitzes einher ging und somit die ehemaligen Residenzstädte aufgrund ihres Bedeutungsverlustes in der Entwicklung stark stagnierten.
2.4. Die Entwicklung von Fes el-Bali bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Stadtgründung von Fes ist im Gegensatz zu Alexandria, Damaskus oder Aleppo nicht auf einen klassisch hellenistisch-römischen Plangrundriss zurückzuführen. Fes geht vielmehr auf den Gründungsakt des islamischen Herrschers Idris zurück, welcher im Nachfolgenden dargestellt werden soll. 3
Vermutlich siedelten sich schon früh Berberstämme im Bereich der heutigen Stadt Fes an. Die eigentliche Stadtgründung erfolgte am östlichen Ufer des Wadi Fes durch Mulay Idris im Jahre 789, einen von den Abbassiden aus Bagdad vertriebenen direkten Nachkommen des Propheten Mohammed, welchen die lokalen Berberstämme zu ihren Anführer machten.
Sein Sohn Mulay Idriss II. gründete dann im Jahre 808 n. Chr. die Residenzstadt Fesel Aliya am gegenüberliegenden westlichen Ufer des Wadi Fes und ernannte diese zur Hauptstadt seines von Berbern getragenen Reiches. [Vgl. Abbildung 1]
Gegen Ende des 9. Jahrhunderts bekam Fes bedeutenden Bevölkerungszustrom durch Flüchtlinge aus Kairuan und aus Andalusien, deren Anwesenheit eine kulturelle Blüte einleitete. Die neue Bevölkerung verteilt sich auf beide Flussbänke. Die westliche Stadt sei überwiegend von Arabern, die östliche von Berbern besiedelt worden. Später soll dann die westliche Stadt Flüchtlinge aus Kairouan, die östliche solche aus Andalusien aufgenommen haben. Dementsprechend heißt die Freitagsmoschee der Weststadt „mosquée des Kairouanais“, die der Oststadt „mosquée des Andalous“. Die Grabstätte Idris II., welche neben der Freitagsmoschee der Weststadt gelegen ist, gilt bis heute als eine der heiligsten Stätten des Islams in Marokko. 4
Bis ins 11. Jahrhundert hinein dürften die beiden Teilstädte von Fes bescheidene Ackerbürgersiedlungen geblieben sein; sie waren je von einem eigenen Mauerring umgeben und ihre Kernbereiche wurden durch den Flusslauf des Wadi Fes voneinander getrennt. Aufgrund immer wiederkehrenden Streites zwischen den beiden Teilstädten und der Grenzlage zwischen dem ägyptischen Fatimidenreich und dem maurischen Omaijadenreich blieb Fes ein Aufschwung verwehrt.
2 Müller-Hohenstein, Popp, Marokko, Klett Länderprofile, 1990, S. 124
3 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 14
4 Vgl. Bianca, Architektur und Lebensform, Artemis Zürich, 1975, S. 83
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Wenig archäologische Zeugnisse aus der Zeit vor 1000 sind erhalten. Demzufolge existieren keine genauen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Stadtgrundriss der Gründungsstädte. Lediglich die Hauptmoscheen stehen noch heute am Platz ihrer Vorgängerbauten. Allerdings können der ursprüngliche Verlauf der Stadtmauer und die Standorte der Tore nur hypothetisch rekonstruiert werden. Ein mögliches Szenario stellt die Karte von Stefano Bianca dar. [Vgl. Abbildung 1]
Im 11. Jahrhundert eroberten die aus der Sahara herauf gestoßenen Almoraviden Fes. Unter ihrer Herrschaft erfolgte die endgültige Vereinigung der bis dahin durch separate Stadtmauern getrennten Stadtteile innerhalb eines einzigen Mauergürtels. [Vgl. Abbildung 2] Im Folgenden bezeichnen wir die durch diesen Akt des Zusammenschlusses im Jahr 1096 hervorgegangene Stadt als Fes el-Bali. Durch die neue räumliche Situation kam es zu einer Aktivierung der den Fluss überbrückenden Verbindungswege als Träger eines lang gezogenen Stadtzentrums. Unter der Herrschaft der Almoraviden behielt Fes seinen Status als Hauptstadt und erfährt eine Zeit der Blüte und des Wachstums.
Dies änderte sich jedoch mit der Machtübernahme durch die Almohaden im 12. Jahrhundert, denn nun wurde Marrakech die Hauptstadt, des sich bis nach Andalusien erstreckenden maurischen Großreichs. Die schon zur Zeit der Almoraviden errichtete Zitadelle, vermutlich im Bereich der heutigen „Kasba Bou Jeloud“, wurde weiter ausgebaut und somit als die Hauptachse der Stadtentwicklung für alle folgenden Jahrhunderte festgelegt. Die Achse spannte sich vom wirtschaftlichen Zentrum der Kisariya im Osten über das religiöse und geistige Zentrum der „mosquée des Kairouanais“ bis hin zum Zentrum für Macht und Herrschaft im Westen. Dadurch wurde natürlich der Stadtteil der Andalusier in eine periphere Position gestellt; hier siedelten sich Handwerk für eine ländliche Bevölkerung und im Stadtinneren störendes Gewerbe an. Das einseitige Wachstum der Stadt Richtung Westen, welches durch naturräumliche Standortvorteile des Bereiches westlich des Wadi Fes begünstigt wurde, hat zu einer ungleichen Entwicklung der beiden Stadthälften geführt. Der Aufschwung von Fes nahm unter den Almohaden seinen Fortgang. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde ein neuer Mauerring gebaut, dessen Verlauf und Standorte der acht Tore sich im Wesentlichen bis heute nicht mehr änderte. 5
Der Stadtraum lässt sich zu Beginn des 13. Jahrhundert wie folgt gliedern: Das Zentrum der Medina besteht aus der zur Universität ausgebauten „mosquée des Kairouanais“, dem Grabheiligtum von Idris II. als dem Ziel vieler Pilger sowie dem dazwischen liegenden Geschäftsbezirk mit der Kisariya und dem angrenzenden Suq. Ein zweiter städtischer Kern, in seiner Bedeutung geringer, erstreckt sich um 1200 östlich des Flusses zwischen der „mosquée des Andalous“ und den nach Westen ins Hauptzentrum führenden Brücken. Beide Zentren waren durch Gassen verbunden, die sich in einem mehr oder weniger geschwungenen Verlauf der Hangneigung anzupassen versuchten. Der Mauerring der Almohaden war sehr großzügig dimensioniert, so dass innerhalb der Mauern noch viel offenes Land, Felder, Gärten und Baumhaine verblieben. Mit zunehmender Bebauung müssen die zu den Feldern führenden Wege zu Wohngassen umgebildet worden sein. Diese Gliederung des Stadtraumes sowie das Straßennetz sind bis heute in der Medina erhalten geblieben. 6 [Vgl. Abbildung 3]
5 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 16
6 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 16f
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Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde Fes von den Meriniden erobert und wieder zur Hauptstadt Marokkos erklärt. In den folgenden Jahren entwickelte Fes sich zur
bedeutendsten Stadt des Maghreb und blieb für fast 3 Jahrhunderte das Zentrum eines ausgedehnten Reiches.
Unter der Herrschaft der Meriniden setzt eine rege Bautätigkeit ein. Die bis dahin unbebauten Bereiche innerhalb des durch die Almohaden angelegten Mauerrings werden mit weiteren städtischen Funktionen gefüllt. So entstehen im maurisch-islamischen Stil unzählige Neubauten. Jedoch schon im Jahre 1276 wird 2 km westlich, außerhalb der Medina gelegen, die eigene Regierungs- und Verwaltungsstadt Fes Djedid gegründet, um dem Hofstaat, seinem Gefolge und der Verwaltung der Armee eine angemessene Unterkunft zu sichern. An Fes Djedid schloss sich dann im 15. Jahrhundert eine neue Mellah (Judenstadt) an. Damit verstärkt sich ein weiteres Mal der Trend eines westlich ausgerichteten Stadtwachstums. [Vgl. Abbildung 4]
Gleichzeitig stellt die Gründung von Fes Djedid einen Bruch in der Stadtentwicklung dar. Die Gründungsstadt von Fes verkörpert den Typus der gewachsenen Stadt, die sich aufgrund der topographischen Lage, des Bevölkerungszustromes und der
Lebensgewohnheiten gebildet hat. In seinem gewachsenen Aufbau bietet Fes das typische Bild der islamischen Stadt, blieb doch die bewusst geplante und konstruierte, meist auf herrscherlichen Befehl angelegte Stadt eher die Ausnahme im Kulturbereich des Islams. Solche geplanten Städte wie Fes Djedid waren fast ausschließlich Residenzen, also nur von einer kleinen Herrscherklasse bewohnt und verfielen meist mit dem Fall der Dynastie. 7
Bei der Konzeption von Fes-Djedid als Palaststadt waren von Anbeginn mehrere Stadtteile unterschiedlicher Funktionen vorgesehen. Im Südwesten liegt der komplexe Palastbezirk, der unter anderem den privaten Wohnbereich des Herrschers beinhaltet und bis heute für Außenstehende nicht betretbar ist. Im Nordwesten schließt sich das Quartier Moulay Abdallah an, in welchem die Leibwache des Sultans untergebracht gewesen sein soll. Nach deren Verlegung in die Kasba des Cherarda um 1670 siedelten sich hier hohe Verwaltungsbeamte an. In diesem Quartier befindet sich ebenfalls die Freitagsmoschee von Fes Djedid. [Vgl. Abbildung 5]
Östlich des Palastbezirkes erstreckt sich dann die eigentliche Medina von Fes Djedid. Sie wird von einer großen Hauptachse „grande rue“ erschlossen. Von ihr gehen im annähernd rechten Winkel Gassen ab, die die Wohnviertel erschließen. Die „grande rue“ ist die Hauptgeschäftsstraße bzw. die zentrale Suq Gasse der Medina von Fes Djedid. Sie wird von zwei Moscheen, einem Hammam, Funduqs, Kisariyen und Ladenzeilen gesäumt. Südlich an die Medina von Fes Djedid schließt sich die Mellah an. Hierhin wurden alle Juden aus Fes el-Bali zwangsweise umgesiedelt. Auch die Mellah ist ebenfalls durch eine „grande rue“, welche sich schnell zu einer belebten Geschäftsstraße entwickelte, geprägt. Im Norden, Osten und Süden wird die Medina von Fes Djedid von einem doppelten Mauerring umgeben, der auf die Merinidenzeit zurückgeht. Im 16. Jahrhundert wurde er in unregelmäßigen Abständen durch Bastionen verstärkt. 8
Trotz Wechsel der Dynastien trat vom 15. bis ins 19. Jahrhundert keine wesentliche Änderung der Stadtstruktur und Ausdehnung ein. Fes blieb weiterhin politisches, geistiges, künstlerisches und wirtschaftliches Zentrum des Maghreb, obwohl es zeitweise durch Meknes konkurrenziert wurde. Unter den Alawidenherrschern Sidi Mohammed
7 Vgl. Bianca, Architektur und Lebensform, Artemis Zürich, 1975, S. 82
8 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 36ff
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(1775-1790) und Moulay Soliman (1792-1822) wurden auch einige größere Moscheen, Medresen und Zawiyas errichtet.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist wieder eine nicht unerhebliche Bautätigkeit erkennbar. Insbesondere der Bereich zwischen den Stadteilen Fes el Bali und Fes Djedid wurde durch höfische Architektur und private Wohngebäude überbaut. Hinzu kamen ergänzende und verbindende Befestigungsmauern. Ende des 19. Jahrhunderts errichten Bürger der Oberschicht, welche durch Handelsbeziehungen nach England und Italien Wohlstand angesammelt hatten, palastähnliche Stadtwohnungen mit
Gartenanlagen in den Randbereichen. So zum Beispiel im südwestlichen Teil von Fes el-Bali. Die Grünflächen, Gärten, Friedhöfe und Baumhaine der anderen Randbereiche blieben jedoch vorerst von städtischer Bebauung frei.
In dieser Zeit setzte ebenfalls der Wandel von der Willkürherrschaft der Sultane zu einer Politik der Liberalisierung ein. Das Land öffnete sich immer stärker modern-westlichen Einflüssen, unter anderem bedingt durch die intensiven Handelbeziehungen mit Europa. 9 Der zentrale Geschäftsbezirk im Umkreis der Kisariya sowie die Quartiere im Norden und Südosten der Medina erfuhren aufgrund der durch den Vorgang der Liberalisierung erstärkten Wirtschaft ebenfalls eine Umgestaltung. Es wurden weitere
Großhandelsanlagen und Werkstätten errichtet und ehemalige Wohngebäude für Lager-und Bürogebäude umgenutzt.
3. Stadtentwicklung in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts Isolation der Medina
Die europäisch-westliche Präsens, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu anderen islamischen Städten eher langsam an Einfluss gewann, manifestierte sich 1912 durch den Beginn der französischen Protektoratszeit (1912-1956) über Marokko. Die durch die Franzosen neu eingeführten Machtstrukturen hatten weitreichende Folgen, denn Fes als Hauptstadt wurde durch Rabat ersetzt und auch das Wirtschaftsleben verschob sich an die Atlantikküste, in die von den Franzosen stark geförderte Hafenstadt Casablanca. Fes selbst degradiert somit zu einer eher unbedeutenden Provinzstadt. Der erste Generalresident von Marokko, Marschall Lyautey, betrieb eine Politik der Isolation der Altstädte. Grundsätzlich sollten die europäischen Neustädte von den Medinas getrennt werden, um das kulturelle Erbe der Marokkaner nicht zu gefährden.
3.1. Die Entstehung der „ville nouvelle“
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Funktionen städtischen Lebens, Wohnens und Arbeitens auf die beiden ummauerten Arealen der Medinas von Fes el-Bali und Fes Djedid beschränkt geblieben. Dies änderte sich, als die französischen Truppen im Mai 1911 in Fes einzogen. Zuerst richteten sich die Franzosen ebenfalls in Sommerpalästen, Villen und Gartenpavillons im Südwesten von Fes el-Bali ein. 1914 wurde der Gartenpalast von Dar el-Beida Amtssitz des Generalresidenten Marshall Lyautey. Es mussten zur Unterbringung weiterer Ämter und Behörden auf noch freien
9 Vgl. Bianca, Städtebau in islamischen Ländern, Studienunterlagen Nr. 44, 1980, S. 117
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Gartengrundstücken Neubauten errichtet werden. In diesen befinden sich auch heute noch die analogen Dienststellen des Königreichs Marokko.
Jedoch war die Unterbringung der Militärverwaltung in den Randlagen der Medina von Fes el-Bali nur als Provisorium gedacht. Marshall Lyautey hatte bereits die „Französisierung“ der Altstadtbereiche in Algerien und die daraus resultierende Zerstörung der traditionellen Bausubstanz als auch gewachsenen Sozialstrukturen der Medinas kennen gelernt. Lyautey hatte Achtung und Verständnis für die islamische Kultur und wollte ähnliche katastrophale Fehlentscheidungen wie in Algerien in den Großstädten Marokkos verhindern. Somit stellte er Grundprinzipien der französischen Stadtentwicklungspolitik auf:
- eine Hauptachse stellt das Rückgrat der neuen Stadtanlage dar,
- in vielen Fällen ist diese Achse auf ein besonderes Gebäude der Medina ausgerichtet (Moschee),
- an dieser Hauptachse reihen sich die Gebäude der Verwaltung und öffentlichen Dienstleistungen,
- zwischen der „ville nouvelle“ und der Medina ist eine von Bebauung freigehaltene Grünzone vorgesehen. 10
Die gesetzlichen Grundlagen, um diese Ziele verwirklichen zu können, wurden 1914 erlassen. Im Jahre 1916 entwarf Henri Prost den ersten Plan zur Entwicklung der „ville nouvelle“. Als Standort wählte man ein ebenes Plateau etwa 3,5 km südwestlich von der Stadtmitte Fes el-Balis und 2 km südlich von der Stadtmitte Fes Djedids entfernt. Somit wurde die Dynamik der nach Westen gerichteten Entwicklung fortgeführt. Eine der wichtigsten Inhalte stellt die räumliche Trennung zwischen den neu zu errichtenden Europäerstädten von den Medinas der „Eingeborenen“ dar. 11
Darüber hinaus sollten die historischen Zeugen der Medina von Fes erhalten, restauriert und belebt werden. Dank dieser städtebaulichen Vorgaben zählen gerade die Altstädte Marokkos zu den am besten erhaltenden Städten des Orients. Allerdings wurde durch das Nebeneinander zweier unterschiedlicher Systeme von Stadt der Grundstein für ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen Altstadt und Neustadt und somit auch traditioneller und westlich orientierter Lebensweise gelegt.
3.2. Stadtstruktur der „ville nouvelle“
Die Karten [Vgl. Abbildung 6 und Abbildung 7] zeigen das ursprüngliche Plankonzept. Als Ausgangs- und Knotenpunkt des Straßennetzes waren die beiden Bahnhöfe von Fes vorgesehen gewesen. Von diesen beiden Knotenpunkten sollten strahlenförmig Straßen ausgehen, die das Stadtgebiet der „ville nouvelle“ erschließen und gliedern. Die Hauptachse der „ville nouvelle“ von Fes bildet die Prachtallee „Avenue de France“, welche am Südbahnhof beginnt und auf das weithin sichtbare Minarett der merinidischen Moschee in Fes Djedid orientiert ist. Zwischen der „ville nouvelle“ und der Medina erstreckt sich auf einer Breite von mehr als 500 m eine Grünzone, die ursprünglich den Sultansgarten, den Aguedal, bildete. Erst ab den 30er Jahren wurde dieser von Bebauung freigehalten Streifen mit Gebäuden gefüllt. An der Avenue de France reihen sich verschiedene Ämter und öffentliche Gebäude, und zwar Offizierskasino, Gericht,
10 Müller-Hohenstein, Popp, Marokko, Klett Länderprofile, 1990, S. 132
11 Müller-Hohenstein, Popp, Marokko, Klett Länderprofile, 1990, S. 134f
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Tabakverwaltung, Grundbuchamt, Finanzamt, Forstverwaltung, Hauptpost und Staatsbank.
Nördlich und südlich der Hauptachse entwickelten sich Wohn- und Gschäftsgebiete. Das südlich gelegene entwickelte sich zum Hauptgeschäftsviertel und beherbergt die städtische Markthalle. Im Südwesten der Neustadt und westlich der Medina entstanden zwei Kasernengelände.
Das Industriegebiet wurde im Osten entlang des Bahnkörpers entwickelte.
3.3. Soziokulturelle Segregation
Ende der zwanziger Jahre schalteten sich dann auch private Kapitalgesellschaften ein, welche zu günstigen Preisen Parzellen kauften, sie durch billige einheimische Kräfte mit Villen bebauen ließen, um sie dann an zahlungskräftige Europäer zu vermieten. Ganz nach den Grundsätzen von Marshall Lyautey sollte die „ville nouvelle“ hauptsächlich von Europäern bewohnt werden. Die Bedeutung hing demzufolge stark von der Zahl und Kaufkraft ihrer Bewohner ab. Die anfänglich monotone Bevölkerungsstruktur, gekennzeichnet durch Militär und Verwaltungsbeamten, wurde nur wenige Jahre später durch andere Berufsgruppen wie Ladenbesitzer, Kaufleute, Handwerker, Ärzte, Architekten und Lehrer bereichert. Demzufolge war das Angebot der Händler und Dienstleister ganz auf den Bedarf der Europäer eingestellt. Marokkaner als Kunden waren weniger erwünscht. 12
Der Zeitraum des französischen Protektorats ist durch eine Koexistenz zweier kulturell, wirtschaftlich, politisch und sozial unterschiedlicher Systeme gekennzeichnet. Die Medinas von Fes el-Bali und Fes Djedid blieben weitgehend unberührt, da die neu hinzugekommenen Funktionen der „ville nouvelle“ für eine europäische Bevölkerung mit ihrem eigenem Lebensstil zugeschnitten waren. Im Laufe der Zeit jedoch blickte die marokkanische Bevölkerung immer öfter in Richtung der modernen „ville nouvelle“, da diese Sinnbild für Fortschritt und Luxus geworden war. Der Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung 1956 markiert den Beginn von tief greifenden Veränderungen und Transformationsprozessen.
12 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 43ff
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4. Stadtentwicklung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Von der Stagnation zur Integration der Medina
Zweimal wurden im Laufe der Geschichte von Fes el-Bali Neustädte für spezifische Herrschafts- und Regierungsfunktionen gebildet. Im 13. Jahrhundert errichteten die Meriniden Fes Djedid und im 20. Jahrhundert baute die Protektoratsmacht Frankreich die „ville nouvelle“ als Verwaltungs- und Garnisonsstadt. In beiden Fällen war dies mit einer Verlagerung unterschiedlicher städtischer Funktionen aus Fes el-Bali in die Neustadt verbunden. Jedoch wurde die Bedeutung des alten Zentrums dadurch kaum beeinträchtigt. 13
Das heißt, dass der Zeitraum von der Stadtgründung durch Idris II. im Jahr 808 bis zur Unabhängigkeitserklärung 1956 hauptsächlich durch physisches Wachstum der Stadt gekennzeichnet war, wobei eine reliefbedingte Ausbreitung der Stadt Richtung Westen ein markantes Merkmal bildete. Die großen Veränderungen in der Stadtentwicklung ab 1956 sind wesentlich gekennzeichnet durch Wanderungsströme innerhalb der Bevölkerung und der damit verbundenen sozialen Neuordnung. Es entstehen ebenfalls in den Randbereichen der Stadt neue Siedlungen, um dem nicht unerheblichen externen Bevölkerungsdruck, welcher aus der Land-Stadt-Flucht resultiert, entgegenwirken zu können.
Wie im vorherigen Abschnitt dargestellt, erfolgt die erste Konfrontation der traditionellen Lebensformen mit europäischen Idealen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Besetzung Marokkos durch die Franzosen. Die städtebaulichen Richtlinien garantieren eine weitgehende strukturelle Erhaltung der Medina. Darüber hinaus existieren die „ville nouvelle“ und die Medina in einem räumlichen Nebeneinander. Wir finden zwei grundlegend unterschiedliche Systeme in Religion, Wirtschaft, Handel, sozialem Gefüge und Wertvorstellungen, welche in ihrer architektonischen und städtebaulichen Artikulation sehr stark voneinander differieren.
Daraus könnte man schließen, dass das eigentliche Ziel von Marshall Lyautey erreicht worden sei; zwei nebeneinander autark funktionierende Systeme, das der Medina und das der „ville nouvelle“, welche sich untereinander nicht konkurrieren. Dies schien auch in den ersten Jahren der Fall zu sein, denn die Medinas von Fes el-Bali und Fes Djedid blieben weitgehend unberührt, da die neu hinzugekommenen Funktionen der „ville nouvelle“ für eine europäische Bevölkerung mit ihrem eigenem Lebensstil zugeschnitten war. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die „ville nouvelle“ zu einem Modell modernwestlicher Lebensform, welches gerade für die in der Medina lebende marokkanische Oberschicht immer anziehender und interessanter wurde. Infolge dieses
selbstverständlichen Prozesses wandelt sich das Image der Medinas in Richtung „unmodern“ und „altmodisch“. 14
Diese Werteverschiebung konnte man als erstes im veränderten Kaufverhalten der marokkanischen Oberschicht erkennen. Das Interesse an westlichen Gütern stieg, da mit deren Besitz bzw. Konsum auch ein gewisses gesellschaftliches Ansehen verbunden war. Dieser Prozess verstärkte sich nach der Unabhängigkeitserklärung Marokkos 1956 und dem damit verbundenen Abzug der Franzosen aus der „ville nouvelle“. Synchron mit der Abwanderung der Franzosen rückten immer mehr marokkanische Bürger nach. Das entstandene Vakuum in der „ville nouvelle“ wurde durch die marokkanische Oberschicht
13 Vgl. Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 41
14 Escher, Wirth, Die Medina von Fes, EGA Heft 53, 1992, S. 47
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gefüllt. Die zur Zeit der Franzosen entstandenen Stadtstrukturen, entwickelt nach europäischen Werten, ihre typischen Elemente und sogar das einzelne Haus blieben erhalten und wurden ohne eine bauliche Veränderung von den neuen Bewohnern erschlossen. Der Prozess der Abwanderung bestimmter Bevölkerungsgruppen löst natürlich auch eine Vielzahl von Kettenreaktionen in anderen Bereichen hervor. Diese gegenseitigen Abhängigkeiten, deren Wirkungszusammenhänge und die sich daraus ergebenden Probleme, sollen nun näher betrachtet werden.
4.1. Ursache - Wirkung - Problem?
4.1.1. Abwertung der Altstadt durch Bevölkerungsaustausch
Die historische Medina war in ihrer Zusammensetzung der Bevölkerung nie homogen, sondern sehr stark differenziert. Die baulich bedingte räumliche Nähe sorgte für eine enge Vernetzung der unterschiedlichen Gruppen. Ausgelöst durch den Abzug der französischen Protektoratsmacht und den nicht unerheblichen Einkommensunterschieden innerhalb der marokkanischen Bevölkerung stellt sich Anfang der 50er Jahre ein Segregationsprozess ein. 15
Nach dem Abzug der französischen Besatzungsmacht zog die marokkanische Oberschicht in die Bereiche der „ville nouvelle“. Die dort vorhandenen administrativen, wirtschaftlichen und baulichen Strukturen wurden weitgehend übernommen. Da die dort lebenden Marokkaner die westliche Lebensweise nicht ablehnten, wurden auch die öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel Schulen, von denselbigen übernommen und auch betrieben.
Der Rückzug führender Familien aus der Medina in die Neustadt führte zu einer Störung des sozialen Gleichgewichts in der Medina. Diese wurde zusätzlich durch die in gleicher Zeit einsetzende Land-Stadt-Flucht noch verstärkt. Die neuen Bevölkerungszuzüge konnten nicht mehr organisch in die Stadt integriert werden. 16 So wurden die durch den Fortzug der Oberschicht leer gewordenen Wohnhäuser an ärmere Bevölkerungsschichten vermietet oder verkauft. Dies bedeutete gleichzeitig aber auch den schleichenden Verfall der Häuser, da die neue Wohnklientel nicht die Mittel für die kontinuierliche Instandsetzung aufbringen konnte. Aufgrund des kontinuierlichen Zuzugs der ländlichen Bevölkerung wurde der Wohnraum immer knapper. Dies führte jedoch nicht dazu, dass neuer Wohnraum geschaffen wurde, sondern, dass der zur Verfügung stehende Wohnraum auf mehr Einwohner verteilt wurde. Die zuvor von der reichen Oberschicht genutzten großen Wohnhäuser und Wohnpaläste wurden in Gemeinschaftswohnanlagen umfunktioniert und dienten in der Folge mehreren Familien als Heimat. Auch Häuser, in denen es zuvor eine gewerbliche Nutzung gegeben hatte, wurden in reine Wohngebäude umgewidmet. Diese Faktoren führen dazu, dass die Tragfähigkeit des Gebietes aufgrund der natürlichen räumlichen Enge erschöpft ist.
Die in der Medina von Fes bis dahin erhalten gebliebenen Baumhaine und Gärten wurden nun aufgrund des enormen Bevölkerungsanstiegs ebenfalls überbaut.
15 Vgl. Gangler, Ribbeck, Ist die „Medina“ noch zu retten?, Trialog 40/1994, S. 5
16 Vgl. Bianca, Städtebau in islamischen Ländern, Studienunterlagen Nr. 44, 1980, S. 117
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Der Mitte des 20. Jahrhunderts einsetzende kontinuierliche Verfall der Medina von Fes wird zusätzlich durch weitere Parameter beschleunigt: Das Missverhältnis der Einwohnerdichte zwischen Medina und „ville nouvelle“ führt zu katastrophalen Wohnbedingungen innerhalb der Medina. Die unzureichende verkehrliche Erschließung der Medina beschleunigt die Abwanderung höherer sozialer Schichten und verhindert gleichzeitig eine Erreichbarkeit des Gebietes mit Verkehrsmitteln, die über die Dimensionen eines Maultieres oder Esels hinausgehen. Die Stadt Fes mit ihren 143 Moscheen, 7 Medresen und 64 monumentalen Brunnen war damals als ein Meisterwerk des Städtebaus in Gefahr.
4.1.2. Missverhältnis der Investitionen
Der Umzug der Verwaltung und wichtiger kultureller Einrichtungen in die Neustadt beraubte die Medina wichtiger Funktionen und entwertete sie somit zu einen Armenquartier. Trotz der im Vergleich zur Neustadt höheren Bevölkerungsdichte in der Medina kommt es wahrscheinlich aufgrund europäisch ausgebildeter Entscheidungsträger zu einer einseitigen Verteilung öffentlicher Investitionen zu Gunsten der Neustadt. 17 Die relativ geringen Budgets die der Altstadt zu Gute kamen, stifteten allerdings oft mehr Schaden als Nutzen. So wurden zum Beispiel Schulen am Rand der Medina auf ehemaligen Gartenflächen neu errichtet, obwohl sie den Strukturgesetzen der Medina folgend in das bestehende Netz der Quartierszentren hätten eingebunden werden müssen. Die öffentliche Hand förderte somit eher die übermäßige Verdichtung der Altstadt.
4.2. Stagnation der Medina
Der Zeitraum von 1960 bis 1990 ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher Studien und Planungsansätze geprägt, welche jedoch nur in Ansätzen realisiert wurden. In den sechziger Jahren gab es Bestrebungen der Stadtverwaltung den Fluss Oued Bou Khrareb zu überdecken, zu dessen linker und rechter Seite sich die beiden ursprünglichen Gründungsstädte, im Lauf der Jahrhunderte zusammengewachsenen Stadtteile, befinden. Unter der Leitung von Jean-Paul Ichter beginnt 1968 der Bau der Stichstraße von Süden in das Zentrum der Medina, mit dem Ziel die Medina funktional besser in die Gesamtstadt zu integrieren. [Vgl. Abbildung 8] Angedacht war eine auf dem überdeckten Fluss verlaufende Durchfahrtstrasse durch das Zentrum von Fes und eine weitere Straße, welche den Stadtteil der Kairuaner durchschnitten hätte. Dieses Projekt erzeugte in der Öffentlichkeit vielfältige Diskussionen bis letztendlich das Projekt aufgrund finanzieller Probleme gestoppt wurde. Die Bauarbeiten wurden in dem Bereich, wo die Hauptadern des west-östlich verlaufenden Fußgängerwegnetzes den Fluss überbrücken, abgebrochen. Anfang der siebziger Jahre erkannte die UNESCO die Einmaligkeit der Medina von Fes und förderte eine Bestandaufnahme und die spätere Erstellung eines Richtplans für Fes
17 Vgl. Bianca, Städtebau in islamischen Ländern, Studienunterlagen Nr. 44, 1980, S. 118
Transformation orientalischer Stadtstrukturen unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder - Stadtbeispiel Fes -LS Städtebau und Entwerfen, BTU Cottbus, Nico Schröter 9908528 Seite 12
mit besonderer Berücksichtigung der Altstadt. Es bildet sich eine aus marokkanischen und französischen Planern bestehende Gruppe „Atelier du Schema Directeur d´Urbanisme de la Ville de Fés“, deren Aktionsplan mit 43 Projekten und über 400 Einzelmaßnahmen nur in Ansätzen verwirklicht wurde. Da den internationalen Institutionen die Kompetenzen fehlen, gelingt es der UNESCO nicht, ein umfassendes Planungskonzept zur Erhaltung und Belebung der Medina durchzusetzen. 18
4.3. Integration der Medina
1990 ziehen randalierende Jugendliche durch Fes. Es kommt zu kleineren Unruhen und auch ein Hotel in unmittelbare Nähe zur Medina wird geplündert. Diese Ereignisse sind für die marokkanischen Behörden der Auslöser, die Gestaltung der Medina in die eigenen Hände zu nehmen. Die Veränderung der Altstadt soll nach dem Konzept der Integration und Kohäsion erfolgen. Das bedeutet, dass die Beziehungen der verschiedenen Teile der Medina untereinander koordiniert werden sollen und die Medina funktional besser an die anderen Stadtteile von Fes angebundne werden soll. Des weiteren soll die Gesamtheit der Einrichtungen, die im Zusammenhang mit der Lebenswelt der Bewohner der Medina stehen, verbessert werden. So muss zum Beispiel durch einen Infrastrukturausbau eine bessere Zugänglichkeit gewährleistet werden können, Versorgungszentren geschaffen und teilweise Produktionsverlagerung betrieben werden. Die Zugänglichkeit mit Kraftfahrzeugen soll grundlegend verbessert werden. Bereits bestehende Zufahrten werden soweit nötig vergrößert und neue Durchfahrts- sowie Stichstraßen mit entsprechenden Parkmöglichkeiten angelegt. [Vgl. Abbildung 9] Darüber hinaus ist die Infrastruktur den Erfordernissen moderner, westlicher Standards anzupassen. Postämter, Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser, Telefonzellen und Hydranten sind, soweit noch nicht vorhanden, einzurichten. Umweltbelastende Handwerksbetriebe (Gerbereien, Metallverarbeitung) werden in den Ostteil der Stadt ausgelagert. Das verträgliche und touristisch attraktive Handwerk verbleibt in der Medina. 19
18 Vgl. Escher, Die Medina von Fes auf dem Weg in das 21. Jahrhundert?, Trialog 40/1994, S. 47
19 Vgl. Escher, Die Medina von Fes auf dem Weg in das 21. Jahrhundert?, Trialog 40/1994, S. 48
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Nico Schröter, 2004, Stadtentwicklung Fes - Transformation orientalischer Stadtstrukturen unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder, München, GRIN Verlag GmbH
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