Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 3
II Feministische Linguistik 4
II.1 Vorläufer und Entstehung 4
II.2 Theoretische Ans ätze 7
II.3 Forschungsbereiche 10
III Feministische Gesprächsanalyse 11
IV Stand der feministischlinguistischen Forschung in Lateinamerika 13
V Soziales Geschlecht und kommunikatives
Verhalten am Beispiel Kubas 15
V.1 Auswahl des Materials 15
V.2 Thesen 16
V.3 Frauen und Frauenbewegung in Kuba 16
V.4 Analyse 19
V.4.1 Schweigen: Schwäche oder Dominanz? 19
V.4.2 Themeninitiierung und -akzeptierung 20
V.4.3 Themeninitiierung und nonverbale Kommunikation 21
VI Schlussfolgerung 23
Literatur - und Quellenverzeichnis 26
Anhang
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I Einleitung
Mit Beginn der “neuen Frauenbewegung” begann die linguistische Forschung, sich für das sprachliche Verhalten von Frauen und Männern zu interessieren. In den USA wurden in der ersten H älfte der siebziger Jahre die ersten maßgeblichen Studien zu den beiden Hauptthemenbereichen “Weibliches Sprachverhalten und Repräsentation” sowie “Diskriminierung der Frauen durch das Sprachsystem” veröffentlicht. In Europa verbreitete sich die feministische Linguistik trotz ihres durchschlagenden Erfolges nur teilweise als neue Forschungsrichtung. In Deutschland und England wurden bereits Ende der siebziger Jahre deren Ergebnisse rezipiert und die wichtigsten Thesen weiterentwickelt. Im südlichen Europa brauchte es hingegen wesentlich l änger bis sich die feministische Linguistik als eigenständiger Forschungszweig durchgesetzt hatte. Im Fall Spaniens wird diese Verzögerung mit der traditionell m ännerdominierten Gesellschaftsstruktur erklärt, in der zunächst vor allem die Erforschung der sozialen Rolle der Frau und die Durchsetzung der Idee der Gleichberechtigung wichtiger gewesen sei, als die Beschäftigung mit sprachlichen Verhaltensunterschieden zwischen den Geschlechtern. Es erscheint daher nicht sehr verwunderlich, dass sich die Situation f ür Lateinamerika eigentlich noch prekärer darstellt. Insbesondere die feministische Gesprächsanalyse scheint hier ein noch “unbestelltes Feld” zu sein.
Die vorliegende Arbeit soll daher zunächst einen Einblick in die Entstehung der feministischen Linguistik geben, und anschließend die wichtigsten Theorien, Methoden und Ergebnisse aus der feministischen Gesprächsanalyse vorstellen.
Von den Vertretern der feministischen Linguistik ist im Laufe der Zeit immer wieder betont worden, dass es nicht ausreiche, die reine Wechselwirkung zwischen Sprache und Geschlecht zu berücksichtigen, sondern dass auch der gesamte politische, gesellschaftliche und ökonomische Kontext, in dem sich die Gesprächsteilnehmer befinden, in die Analyse und Interpretation der Ergebnisse einfließen m üssen. Der Forschungsstand der feministischen Gesprächsanalyse in Lateinamerika hat in Verknüpfung mit dieser Forderung dazu geführt, dass in der vorliegenden Arbeit an ausgewähltem
3
Beispielmaterial aus dem Dokumentarfilm Havanna mi Amor 1 das Zusammenspiel von Sozialisation und kommunikativem Verhalten von Männern und Frauen aus Kuba analysiert wird. Dabei erhebt diese Arbeit allerdings nicht den Anspruch repräsentativ zu sein, geschweige denn allgemeingültige Aussagen über das sprachliche Verhalten von kubanischen Frauen machen zu können. Vielmehr soll es darum gehen, die möglicherweise existierende Korrespondenzen zwischen Sozia lisation oder besser Lebenswirklichkeit und Sprache bzw. kommunikativem Verhalten aufzuzeigen.
II Feministische Linguistik
II.1 Vorläufer und Entstehung
Als Vorläufer der feministischen Linguistik können Berichte von Kaufleuten und Reisenden aus dem 17. Jahrhundert gewertet werden, in denen außereuropäische Länder beschrieben wurden, in denen den Autoren zufolge nur von Frauen gesprochene Sprachen existierten. Der Begriff der Frauensprache geht auf diese Berichte zur ück, die aber später stark kritisiert wurden, weil sie mit der Annahme verbunden waren, dass derartige Phänomene nur in sogenannten “primitiven Völkern” vorkämen, nicht aber in “Kulturvölkern”. Seit Bodine (1975) werden Sprachen differenzierter als geschlechtsexklusiv oder geschlechtspräferenziell bezeichnet.
Geschlechtsexklusiv bedeutet, dass eine Frauensprache grammatische Regeln in Phonologie, Morphologie und Syntax aufweisen muss, die sich eindeutig von den entsprechenden Regeln der zugehörigen M ännersprache unterscheiden müssen, und / oder dass große Teile des Lexikons in geschlechtsexklusiven Dubletten vorliegen m üssen. 2 Ein Beispiel f ür eine Sprache mit geschlechtsexklusiven Differenzen wäre zum Beispiel das Japanische. Bei geschlechtspräferenziellen Unterschieden im Sprechen, handelt es sich um solche Variationen, die typischerweise von einem Geschlecht verwendet werden. Sie wurden vor allem für das Englische und Deutsche gefunden, aber auch für das Spanische. Es handelt sich dabei um stilistische Vorlieben von
1 Havanna mi Amor, Dokumentarfilm, Regie: Uli Gaulke, Deutschland 2000, 82 Minuten.
2 Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft, Berlin 1995, S. 24.
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Frauen und M ännern, wie z.B. Indirektheiten, Abschwächungen und Höflichkeiten etc.
Die ersten linguistischen Studien, die bei europäischen Sprachen Differenzen im sprachlichen Verhalten von Frauen und M ännern auf der Ebene des Wortschatzes, der Syntax und des Stils feststellten, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu nennen sind hier Fritz Mauthner (1921), der den Sprachgebrauch allgemein und das Gesprächsverhalten von Frauen untersuchte, und Otto Jespersen (1922, deutsch 1925), der sich mit Wortschatz und Syntax der Frauensprache beschäftigte. Mauthner führte die Differenzen auf soziale Faktoren zur ück, beispielsweise führe die Halbbildung der Frauen dazu, dass diese im Deutschen vermehrt “unnötige” Fremdwörter benützten, während M änner diese mieden. Jespersen argumentierte biologistisch und bescheinigte den Frauen ein konservatives Sprachverhalten - im Gegensatz zum innovativen der Männer - und eine primitivere Syntax. 3 Obwohl sich beide Beschreibungen auf individuelle Beobachtungen stützen und damit heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht mehr genügen, sind sie insofern interessant, als dass sie Frauensprache aus männlicher Perspektive als defizitäre Variante der Männersprache beschreiben. Eine Sichtweise, der sich auch die ersten “richtigen” Feministinnen nicht ganz entziehen konnten. Als eigenständige Disziplin entstand die feministische Linguistik Mitte der siebziger Jahre im Rahmen der “neuen Frauenbewegung” 4 und als Weiterentwicklung bzw. Teilbereich der soziolinguistischen Forschung (Labov /Shuy/Trudgill), in der “Geschlecht” neben anderen bereits als soziale Kategorie in die Untersuchungen miteinbezogen wurde. Die wichtigsten Repräsentantinnen dieser Entstehungsphase sind Mary Ritchie Key und Robin Lakoff, die sich beide sowohl mit weiblichem Sprachverhalten, als auch mit der Diskriminierung der Frau durch das sprachliche System beschäftigten. Während Mary Ritchie Key sich in ihrem Aufsatz “Linguistic Behavior Of Male And Female” (1972) und drei Jahre später in ihrem Buch “Male/Female Language” (1975) dafür stark machte, dass Frauen nicht versuchen sollten, das sprachliche Verhalten von Männern zu kopieren, setzte
3 Zur genaueren Beschreibung der beiden Ansätze vgl. Samel, Ingrid: a.a.O., S. 25ff.
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Robin Lakoff in ihrem 1975 erschienen Aufsatz “Why Women Are Ladies” die Defizithypothese von Mauthner und Jespersen fort. Gleichzeitig formulierte Lakoff aber das Problem, dass Frauen, die das m ännliche Sprachverhalten kopieren oder immitieren, sich zwar Gehör verschafften, sich aber gleichzeitig dadurch als Frauen degradierten.
Der Unterschied zwischen den Thesen Lakoffs und Jespersens besteht darin, dass Lakoff das Sprachverhalten von Frauen nicht auf deren biologische Veranlagung, sondern auf ihre soziale Situation zurückführt. Lakoffs Sichtweise wurde in folgenden Studien vor allem kritisiert, weil sie das weibliche Sprechen als defizitär verstand.
Senta Trömel-Plötz übertrug die Ergebnisse von Key und Lakoff Anfang der achtziger Jahre auf die deutsche Sprache und ihre Verwendung durch weibliche Sprecher. 5 Die zentralen Thesen und Ergebnisse waren:
• Der Wortschatz ist durch spezifische Interessen- und Arbeitsbereiche bestimmt (Kinder, Haushalt, Mode).
• Verwendung “leerer” Adjektive (“reizend”, “s üß”) und Sprache der Verniedlichung, um weiblichen Stil gefällig zu machen, Aussagen abzuschwächen, Konflikte zu vermeiden.
• Verwendung der Frageintonation in Aussagesätzen und Aufforderungen.
• Unbestimmter, unsicherer Sprechstil durch R ückversicherungsfragen (tag questions), durch die das Bild der Frau als Abhängige verstärkt wird.
• Verwendung von Unschärfemarkierern (hedges) wie z.B. “Ich glaube ...”, die Aussagen abschwächen und den Eindruck von Unsicherheit hinterlassen.
• Häufiger Gebrauch von emphatischen Adverbien (“das ist so süß”).
• Frauen passen sich in Aussprache und Syntax eher der Standardsprache an als M änner, um ihren niedrigeren gesellschaftlichen Status aufzuwerten.
4 Zum Begriff der “neuen Frauenbewegung” vgl. Samel Ingrid: a.a.O., S. 14 f. Die neue
Frauenbewegung stellt demnach die zweite Phase der Frauenbewegung dar, und hatte ihren
Ursprung in der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition von 1967/68.
5 Vgl: Trömel-Plötz, Senta: Linguistik und Frauensprache. In: dies: Frauensprache - Sprache
der Veränderung, Frankfurt am Main 1982. S. 31.
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• Verwendung überhöflicher Formen und weniger Schimpfwörter, um dem Bild der Frau als schön und höflich zu entsprechen.
II.2 Theoretische Ans ätze
Es existieren zwei grundlegende Erklärungsansätze in der feministischen Linguistik, die versuchen, die Differenzen zwischen dem sprachlichen Verhalten von Frauen und M ännern auf unterschiedliche Ursprünge zur ückzuführen. Zu differenzieren ist hier zwischen der biologischen und der soziologischen Argumentation. Ein dritter Ansatz, das Paradigma der Homologie verbindet die beiden ersten miteinander. 6 Der biologische Ansatz f ührt die Differenzen im Sprechen von Frauen und Männern auf die evolutionsbedingte physiologische Verfassung der beiden Geschlechter zur ück. Bei Frauen habe sich die linke Hirnhemisphäre, die für die Sprachfunktionen zuständig ist, stärker entwickelt, weil sie in der Evolutionsgeschichte immer schon die sozial kommunikativen Aufgaben übernommen h ätten - Versorgung des Nachwuchses etc. -, während bei den Männern die rechte Hirnhemisphäre, also die räumlich visuelle Orientierung, ausgeprägter sei. Daher seien Frauen im sprachlichen Stil verbalkommunikativ, relational, emotiv und kontextbezogen, wohingegen Männer einen eher räumlich analytischen, abstrahierenden und kontextunabhängigen Stil pflegten.
Im Gegensatz dazu begründet der soziologische Ansatz die Differenzen zwischen weiblichen und männlichen Sprechern durch die Position und Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft. Die Unterordnung der Frau unter den Mann in patriarchalen Gesellschaften verlange von ihr sprachliches Verhalten, das dieser gesellschaftlichen Position entspräche und diese manifestiere, also einen unsicheren, höflichen Stil.
Der dritte Ansatz, das Paradigma der Homologie, verbindet die beiden ersten miteinander. Demnach generiert die natürlich physiologische Verfassung die sozialen Rollen der Geschlechter und deren Verhalten. Diese Paradigmen
6 Vgl. Rodríguez Alfano, Lidia: Acercamiento teórico crítico al discurso de las mujeres. In:
Iztapalapa. Anális is del Discurso. Teorías,Métodos y Áreas de Estudio, Revista de Sciencias
sociales y Humanidades, año 23, No. 53, Universidad Autónoma Metropolitana, México 2002,
S. 70.
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Arbeit zitieren:
Inken Seltmann, 2004, Feministische Gesprächsanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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