Eine Arbeit über die Aussagemöglichkeit der Archäologie zu einem bestimmten Thema, zumal eine, die in ihrem Umfang begrenzt ist, kann nicht alle historischen und archäologischen Erkenntnisse über die entsprechenden Subjekte (hier also die Alemannen und Bajuwaren im 6. und 7. Jh.) erfassen und darstellen. Um eine befriedigende Tiefe zu erreichen muss sie sich deshalb auf einige Beispiele konzentrieren und immer wieder die Frage stellen, inwieweit sich aufgrund des Beispiels eine Aussage treffen lässt über den Grad der Christianisierung, damit über das intrinsische und von außen immer unsichtbare christliche Bekenntnis der entsprechenden Person und der Gesellschaft in der sie lebte. Dass dieses interpretierte Bekenntnis dem entspricht, was wir heute, rund 1500 Jahre später unter christlichem Bekenntnis verstehen, mehr noch, dass wir unser heutiges Verständnis als Messlatte verwenden, um zwischen „noch-heidnisch“ und „schon-christlich“ zu trennen, ist gewagt, aber wohl unumgänglich. Anders als die Geschichtswissenschaft konzentriert sich die Vor- und Frühgeschichte dabei auf Bilder und Symbole, auf „handfeste“ Überreste der damaligen Zeit und trifft sie damit vielleicht sogar besser - diese (fast) schriftlose Zeit, in der eben Bilder und Symbole eine so bedeutende Rolle spielten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Stand der Forschung
3 Spätantike Traditionen
3.1 Geschichtliche Einordnung
3.2 Archäologische Spuren
3.3 Spätantike Missionszentren oder christliche Minderheiten?
3.4 Fazit
4 Schriftquellen
4.1 Columban-Vita
4.2 Gallus-Vita
5 Archäologische Zeugnisse
5.1 Kirchbauten
5.1.1 Aussage über das christliche Bekenntnis der Erbauer
5.1.2 Aussage über „Adelsschicht“ im Frankenreich
5.1.3 Fränkischer Einfluss
5.1.4 Beispiele für Kirchbauten
5.2 Goldblattkreuze
5.3 Christliche Symbolik auf Trachtbestandteilen
5.3.1 Christlich interpretierbare Symbolik
5.3.2 Schmuck
5.4 Amulettkapseln
6 Synkretismus
6.1 Heidnische Beigabentradition
6.2 Heidnische und christliche Trachtbeigaben
6.3 Heidnische und christliche Symbolik auf einem Fund
7 Ausblick/ Ergebnis
7.1 Das Ende der Reihengräberzeit
7.2 Bonifatius
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Aussagemöglichkeiten der Archäologie in Bezug auf die Religionsgeschichte und den Prozess der Christianisierung bei den Alemannen und Bajuwaren im 6. und 7. Jahrhundert. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich archäologische Funde als Indikatoren für ein persönliches oder gesellschaftliches christliches Bekenntnis interpretieren lassen, wobei insbesondere die Spannung zwischen christlicher Symbolik und überlieferten heidnischen Traditionen analysiert wird.
- Analyse archäologischer Zeugnisse wie Kirchbauten und Goldblattkreuze als Nachweise für Christianisierung.
- Untersuchung von Schriftquellen (Columban- und Gallus-Vita) zur Missionsrealität.
- Diskussion des Phänomens des Synkretismus in Grabbeigaben und Symbolik.
- Einfluss fränkischer und spätantiker Traditionen auf den Glaubenswandel.
- Betrachtung der sozialen Implikationen von Bestattungssitten und deren Wandel.
Auszug aus dem Buch
6.3 Heidnische und christliche Symbolik auf einem Fund
Dies lässt sich am stärksten vermuten, wenn wir auf ein und demselben Fundstück sowohl heidnische, als auch christliche Symbolik finden, sei es als glücksbringendes Heilszeichen, oder als Bekenntniszeichen. Eine eher magisch-amuletthafte Bedeutung kann man bei der Schwertscheide der Abbildung 15, die in Gutenstein gefunden wurde, vermuten. Sie ist ein sehr sprechendes Beispiel für dieses Kuriosum.
Wir erkennen oben einen bewaffneten Krieger mit einem Wolfskopf, oder eine Wolfsmaske, die auf die, Odins Männer genannten, Ulfhednar, einen germanischen Kriegerkult hinweist, der mit Wolfsfellen bekleidet in die Schlacht zog. Verwandt mit den heute noch sprichwörtlichen Berserkern, die Bärenfelle umlegten. Unten auf der Schwertscheide sieht man aber das Kreuz. Ob es bei Herstellung der Scheide bereits in das Material geritzt wurde, oder ob das später der Fall war, lässt sich nicht erkennen.
Dass diese, Vermischung von christlichen und heidnischen Traditionen zu etwas ganz neuem führt, wird hier besonders deutlich. Das Kreuz, Symbol für Leiden und Stellvertretertod des Gottessohnes Jesus Christus, der von Feindesliebe sprach, neben dem Wolfskrieger, vermutlich mit der selben Funktion als Schutz und Hilfe im Zweikampf.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der archäologischen Interpretationsmöglichkeiten von Glaubensvorstellungen in einer schriftarmen Zeit.
Stand der Forschung: Überblick über die Quellenlage und den wissenschaftlichen Diskurs zur Christianisierung der Alemannen und Bajuwaren.
Spätantike Traditionen: Untersuchung der Kontinuität römisch-christlicher Strukturen und deren Einfluss auf germanische Siedlungsgebiete.
Schriftquellen: Analyse der Viten von Columban und Gallus hinsichtlich ihres historischen Zeugniswerts über die Missionsarbeit.
Archäologische Zeugnisse: Vorstellung zentraler Fundgruppen wie Kirchbauten, Goldblattkreuze und Amulettkapseln als Indikatoren für christliches Leben.
Synkretismus: Erörterung der Vermischung von heidnischen und christlichen Praktiken in der Bestattungskultur und Symbolik.
Ausblick/ Ergebnis: Zusammenfassung des Wandels in der Bestattungskultur bis hin zum Abschluss der Christianisierung unter Bonifatius.
Schlüsselwörter
Archäologie, Christianisierung, Alemannen, Bajuwaren, Frühmittelalter, Goldblattkreuze, Kirchbauten, Synkretismus, Reliquien, Amulettkapseln, Grabbeigaben, Merowingerzeit, Missionsgeschichte, Religionsgeschichte, Bestattungssitte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwieweit die Archäologie den Prozess der Christianisierung bei den Alemannen und Bajuwaren im 6. und 7. Jahrhundert anhand von materiellen Hinterlassenschaften nachvollziehen kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Themen sind der Übergang von heidnischen zu christlichen Riten, die Bedeutung von Kirchbauten als Ausdruck eines sozialen Wandels sowie die Analyse von Objekten mit religiöser Symbolik wie Kreuzen und Amulettkapseln.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, ob und wie archäologische Funde als direkte Zeugnisse für ein tatsächliches christliches Bekenntnis der damaligen Bevölkerung gedeutet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre methodische Herangehensweise, indem sie archäologische Befunde (Grabungen, Fundobjekte) mit schriftlichen Quellen (Heiligenviten) vergleicht und in einen historischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spätantiker Traditionen, die Auswertung spezifischer archäologischer Denkmäler und die Untersuchung des Synkretismus, also der Vermischung heidnischer und christlicher Elemente.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Frühchristentum, Bestattungstradition, materielle Kultur, merowingische Oberschicht und Missionsgeschichte charakterisiert.
Welche Rolle spielen die sogenannten Goldblattkreuze bei der Interpretation?
Goldblattkreuze werden als eines der deutlichsten Anzeichen für einen Christianisierungsprozess gewertet, da sie spezifisch als Grabbeigaben in einem christlichen Kontext fungierten.
Wie erklärt die Arbeit das Phänomen der „Amulettkapseln“?
Amulettkapseln werden als Objekte mit sowohl magisch-kultischer als auch möglicherweise christlicher Funktion gedeutet, die in der Oberschicht verbreitet waren und deren Verwendung teilweise auf antike Traditionen zurückgeht.
Was besagt die Arbeit über den Einfluss des Frankenreichs?
Die Autorin/der Autor zeigt auf, dass der fränkische Einfluss, besonders durch Missionare aus Luxeuil, eine entscheidende Rolle für den Christianisierungsprozess und die Verbreitung christlicher Patrozinien in den besiedelten Gebieten spielte.
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- Sikko Neupert (Author), 2004, Frühes Christentum bei Alemannen und Bajuwaren im 6. und 7. Jhd., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32198