1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit, die den Titel „Kontinuität und Wandel: Die katholische Kirche in der nachtridentinischen Gesellschaft“ trägt und auf gleichnamigen Referat vom 13.07.2004 aufbaut, soll ein Überblick über die katholische Konfessionalisierung, deren Träger und „Vermittlungsstrategien“ in den habsburgischen Territorien gegeben werden. Dabei sollen weniger die politischen oder militärischen Ereignisse des bewegten 16. und 17. Jahrhunderts im Vordergrund stehen, als vielmehr das Wirken von Kirche und Staat in der nachtridentinischen Gesellschaft. Zentral soll die Frage gestellt werden, mit welchen Mitteln die katholische Kirche die Weltsicht und Meinung der Menschen im Sinne der Neuerungen nach dem Konzil von Trient zu beeinflussen suchte. Im wesentlichen soll also dem Theorem der „Konfessionalisierung“ in seinen „praktischen“ Auswirkungen für die Gläubigen nachgegangen werden, speziell für den habsburgischen, katholischen Machtbereich im Südosten Mitteleuropas.
Ausgangspunkt der Arbeit sollen die Beschlüsse und Denkanstösse des Trienter Konzils sein, des Ereignisses, was die katholische Reform zwar nicht einleitete, doch als zentrales Moment für eine theoretische Antwort des Katholizismus auf die Fragen der Reformation gelten kann. Danach soll gefragt werden, wer die Träger der Verbreitung dieser innerkatholischen Reform waren, d.h. die Vermittler zwischen den geistigen Eliten der katholischen Kirche und dem „gemeinen Volk“, welches in der Mehrzahl des Lesens und Schreibens unkundig war. Des weiteren soll aufgezeigt werden, wie die Inhalte des erneuerten Glaubens vermittelt wurden, welche Vorstellungen aus dem Mittelalter übernommen wurden und was an neuen Ideen in die Gedankenwelt des frühneuzeitlichen Menschen einfloss. Abschließend soll ein Exkurs in Kunst und Architektur erfolgen, es soll untersucht werden, inwieweit Bilder, Skulpturen und Sakralbauten den Gläubigen stärken und im „rechten“ Glauben halten konnten.
Zunächst muss aber eine Annäherung an zwei Begriffe, bzw. ein Begriffspaar erfolgen, das eine zentrale Rolle in der Beschreibung der katholischen Erneuerung des 16. Jahrhunderts spielt: „Katholische Reformation oder Gegenreformation“ nannte Jedin einen programmatischen Aufsatz 1 , welcher sowohl die ideologische Schärfe des Gegenreformationstheorems nehmen sollte, als auch die Möglichkeit zu neuen interpretativen Ansätzen eröffnen half. Dabei soll der Teil der „katholischen Reform“ die kontinuierliche
1 Jedin, Hubert: Katholische Reformation oder Gegenreformation? Ein Versuch zur Klärung der Begriffe. Luzern
innere Erneuerung der Papstkirche seit dem 15. Jahrhundert beschreiben, während die „Gegenreformatio n“ die „Summe der neuen Methoden und Waffen 2 “ umfasst, mit der die katholische Kirche an den Protestantismus verlorenes Terrain zurückgewinnen will. In eine andere Richtung weist die Einbettung des Gegenreformationsparadigmas in die Modernisierungsdebatte, maßgeblich initiiert durch einen Aufsatz Reinhards 3 . Hier werden besonders Aspekte der „Rationalisierung“ und „Säkularisierung“ beleuchtet, die in der Entwicklung zum modernen Staatswesen von Bedeutung waren 4 .
In der heutigen Debatte überwiegt der Begriff der „Konfessionalisierung“ 5 . Er eröffnet eine Vielzahl von heuristischen Möglichkeiten und betont die Parallelität ähnlicher Entwicklungen innerhalb von Luthertum, Calvinismus und Katholizismus. Allerdings sind auch diesem Begriff Grenzen gesetzt 6 , so konstatiert Bastl, dass das „konfessionelle Selbstverständnis [...] sich oft mehr am Symbolischen, am Äußerlich-Rituellen als an gemeinen Glaubensfragen“ orientierte 7 . Dem nachzugehen wird eine Aufgabe der Arbeit sein, der Ausgangspunkt für den katholischen Bereich wird meist mit dem Konzil von Trient gleichgesetzt.
2 Lutz, Heinrich: Reformation und Gegenreformation. München 1982². S. 154
3 Reinhard, Wolfgang: Gegenreformation als Modernisierung? Prolegomena zu einer Theorie des
konfessionellen Zeitalters, in: ARG 68 (1977), S. 226-252
4 Anm. des Verf.: m.E. birgt dieser Ansatz die Gefahr eines teleologischen Geschichtsverständnisses, wenn er
auch erhellend für Neuerungen im administrativen oder fiskalischen Bereich ist, so vernachlässigt er das
fortbestehen traditioneller Strukturen und Denkvorstellungen über das 17. Jahrhundert hinaus (so z.B. die
Manifestierung der mittelalterlichen Scholastik während des Trienter Konzils).
5 Die aktuellstem Darstellung für den katholischen Bereich zusammenfassend:
Reinhard, Wolfgang/ Schilling, Heinz (Hrsg.): Die katholische Konfessionalisierung: Wissenschaftliches
Symposium der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum und des Vereins für
Reformationsgeschichte 1993. Gütersloh 1995.
6 Vgl. Schindling, Anton: Konfessionalisierung und Grenzen von Konfessionalisierbarkeit, in: Ganzer, Klaus
(Hrsg.): Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung. Münster 1997. S. 9-44
7 Bastl, Beatrix: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1450-1650. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt
2002. S.58
3
2. Beginn und Träger der katholischen Reform und Konfessionalisierung
2.1 Das Konzil von Trient als Ausgangspunkt für die katholische Kirchenreform
Obwohl es schon vor dem Beginn des Trienter Konzils 1545 Anzeichen für Reformbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche gab 8 , muss diese Versammlung von katholischen Klerikern als zentrales Ereignis des Katholizismus bzgl. einer Antwort auf die protestantische Kritik im 16. Jahrhundert gelten.
Seit Ende 1545 bis zum Abschluss in einer feierlichen Schlusssitzung am 4. Dezember 1563 rangen die Vertreter der katholischen Mächte und des Papstes, wenn auch mit längeren Unterbrechungen, um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen. „Kompromisslos wurde die Reformation in Lehre und Praxis abgelehnt, dafür die altkatholische Lehre von der Transsubstantiation, den Sakramenten, dem freien Willen, der Messe, dem Heiligenkult u.a. erstmals klar definiert 9 .“ Insofern gelang es dem Konzil, zumindest die inhaltliche Abgrenzung gegenüber den neuen Lehren festzulegen. Während im organisatorisch- institutionellen Bereich durchaus Neuerungen wie die Verbesserung der Seelsorge, die Residenzpflicht für Priester und Bischöfe, die Gründung von Priesterseminaren, regelmäßige Synoden und Visitationen usw. eingeführt wurden 10 , überwogen hinsichtlich dogmatischer Fragen die Kontinuitäten der mittelalterlichen Kirche. So wurde die scholastische Theologie neu belebt, die Zulässigkeit der Heiligenverehrung und der guten Werke unterstrichen und die Lehre von der Läuterung („Fegefeuer“) bekräftigt 11 . Insgesamt wurden die Sakramente in ihrer Bedeutung erhöht, auch in „[...] demonstrativer Abgrenzung von den Protestanten [...] 12 .“
Letztendlich bleibt festzuhalten, dass die katholische Reform „von oben“ eingeleitet wurde, ganz im Gegensatz zur Reformation Luthers oder Calvins. „Modernisierung, Rationalisierung und Zentralisierung traten an die Stelle spätmittelalterlichen Wildwuchses und absurder Missbräuche“ konstatiert Lutz, jedoch nicht ohne einschränkend zu bemerken, dass die Beschlüsse nur „von einer streng zentralisierten Kirchenführung in die Praxis umzusetzen
8 So z.B. bei den verschiedenen Orden, siehe folgendes Kapitel
9 Dülmen, Richard van: Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550-1648. Frankfurt/ Main 1982. S.266
10 Vgl. Schilling, Heinz: Aufbruch und Krise. Deutschland 1517-1648. Berlin 1988. S. 269
11 Vgl. Zeeden, Ernst Walter: Hegemonialkriege und Glaubenskämpfe, in: Mitte, Wolfram (Hrsg.): Propyläen
Geschichte Europas. Bd.2. S. 74f.
12 Wie Fußnote 10
4
waren [...] 13 .“ Das Papsttum musste also Mittel und Wege finden, die beschlossenen Glaubensgrundsätze zu verbreiten und den analphabetischen Schichten ebenso zu vermitteln, wie den intellektuellen Eliten. Ein wichtiges Werkzeug zur Erreichung dieses Zieles sollten die Orden werden, die seit Beginn des 16. Jahrhunderts eine Renaissance erlebten.
13 Lutz, Heinrich: Reformation und Gegenreformation. München 1982². S. 68f.
5
2.2 Alte und neue Orden: Der Aufstieg des Jesuitenordens zur
bestimmenden Kraft der katholischen Konfessionalisierung
„Der Zustand der alten Ordensinstitutionen Mitte des 16. Jahrhunderts war kritisch. Hier eine Besserung zu erreichen gehörte ebenfalls zu den Aufgaben, die sich das Tridentinum gestellt hatte 14 “. Dabei konnte sich das Papsttum z.T. auf vor-tridentinische Entwicklungen stützen, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.
Grundsätzlich muss man zwischen den „alten“, aus dem Mittelalter überkommenen Orden, die sich in unterschiedlicher Art und Weise reorganisierten und den ausdrücklich zum Zwecke der Reform des geistigen Lebens gegründeten „neuen“ Orden unterscheiden. Zu ersteren gehörten z.B. die Zisterzienser, die vor allem in Frankreich beheimatet waren und nur wenig Möglichkeiten zur Erneuerung im erstarrten System der katholischen Kirche dort hatten. Bei den Benediktinern war die Lage differenzierter, ihre Fähigkeit zur Reform wurde vor allem durch die Situation in ihren Heimatländern bestimmt. Nach und nach erhielten die Bischöfe der unterschiedlichen Diözesen die päpstliche Erlaubnis zur Visitation und Reform der bisher unabhängigen Klöster.
Noch verheerender gestaltete sich die Lage bei den Bettelorden (Dominikaner, Minoriten, Augustinereremiten), wie Berichte von päpstlichen Gesandten des späten 16. Jahrhunderts zeigen 15 : Oft lebten die Mönche in eheähnlichen Verhältnissen, teilweise außerhalb der Klostermauern und der jeweiligen Landessprache schlecht oder überhaupt nicht mächtig. Eine Mischform zwischen „alten“ und „neuen“ Orden bilden m.E. die sogenannten „Spirituali“ in Italien. Hier spalteten sich 1526 die Kapuziner vom älteren Franziskanerorden ab und schlagen einen anderen Weg der Heilsfindung ein.
Dieser Weg der Heilsfindung beruhte auf mittelalterlichen Vorbildern und wird oft etwas zu allgemein als „Mystizismus“ bezeichnet. In noch eindringlicherer Form als die „spirituali“ beschrieb die Spanierin Teresa von Avila (1515-1582) die Schritte, welche zur Heilserlangung notwendig waren 16 . In ihrem Hauptwerk „Die Seelenburg“ von 1577 identifiziert sie sieben Stufen auf dem Weg zur ewigen Wahrheit, d.h. Gott. Die Mittel zur Erlangung der nächsten „Stufe“ waren im wesentlichen Meditation, Gebet und rituelles
14 Hroch, Miroslav/ Skýbová, Anna: Ecclesia Militans. Inquisition im Zeitalter der Gegenreformation. Leipzig
1985. S. 169
15 Ebd. S. 170
16 Vgl.: Jedin, Hubert (Hrsg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Bd. 4: Reformation, Katholische Reform und
Gegenreformation. Freiburg/ Breisgau 1967. S.584ff.
6
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