INHALTSVERZEICHNIS
I. Vorwort /Allgemeines. 2
II. Hauptteil 3
Inhalt der „Kleinen Fabel“ 3
Der Titel. 5
Gattungseinordnung: Fabel oder Parabel? 6
Versuch der Darstellung der „Kleinen Fabel“ als Skizze 9
Formale Analyse 11
Unterschiede zwischen den beiden Fassungen. 13
Interpretation. 15
III. Zusammenfassung 18
IV. Literaturverzeichnis. 19
1
I. Vorwort /Allgemeines
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Interpretation und der parabolischen Deutung von Franz Kafkas Erzählung Kleine Fabel. Kleine Fabel ist einer der Kafka- Texte, die von Max Brod bei der Durchsicht von Kafkas Nachlass entdeckt wurden. Überliefert ist Kleine Fabel innerhalb eines Konvoluts von losen Blättern, die unterschiedliche Texte aus dem Jahr 1920 tragen, und die vermutlich gegen Ende Oktober dieses Jahres entstanden sind. Max Brod bearbeitete die Erzählung geringfügig hinsichtlich Orthographie und Zeichensetzung, gab ihr eine Überschrift und stellte sie erst dann der Öffentlichkeit vor. Aufgenommen wurde Kleine Fabel in den 1932 erschienenen Band „Beim Bau der chinesischen Mauer“. Der Text zählt zu den kürzesten Kafka-Texten überhaupt. Es ist bekannt, dass Kafka ihn mehrmals überarbeitet hat, denn außer handschriftlichen Änderungen liegen eine „Erst“- und eine „Endfassung“ vor. Diese beiden Fassungen weisen einige Differenzen auf und sind somit für die Interpretation besonders interessant.
Die Arbeit möchte veranschaulichen, dass es sich bei Kleine Fabel um eine moderne Parabel handelt und klären, wie sich die Gattung Parabel von der Fabel abgrenzt. Ich habe mich für die Analyse und Interpretation dieser Erzählung entschieden, weil ich der Ansicht bin, dass sie sich sehr gut eignet um die Merkmale einer modernen Parabel herauszuarbeiten. Außerdem fand ich es interessant, dass ihr Titel den Namen einer Gattung trägt, was ja auch bei traditionellen Parabeln häufig der Fall ist.
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II. Hauptteil
Der Inhalt der „Kleinen Fabel“
Kleine Fabel beginnt mit der elegischen Feststellung 1 einer Maus, die dem Leser nicht weiter vorgestellt wird. Ihre Klage bezieht sich auf das „Enger“-Werden der Welt, das sie als etwas Bedrohliches wahrnimmt. Dieses Bedrohliche ist zweimal gesteigert durch den Komparativ „enger“ und das Zeitadverbial „mit jedem Tag“. Was sich der Leser unter „Welt“ vorzustellen hat, bleibt zunächst offen. Grund hierfür ist die Erzählperspektive, die die Eindrücke aus der Wahrnehmung einer kleinen Maus schildert. Die Maus belegt ihre Diagnose aber, indem sie ihre eigenen Erfahrungen in rückblickender Perspektive berichtet. Der Leser kann ihrem Bericht entnehmen, dass sie von Beginn an von Angst bestimmt war und sich bedroht fühlte. Allerdings fürchtet die Maus zunächst nicht die bedrohliche Enge, sondern die Weite der Welt. Ihre Angst ist es, die sie dazu bringt, vor der Breite davon zu laufen. Als die Maus „endlich rechts und links [...] Mauern“ erkennen kann, ist sie zum ersten Mal glücklich. Die Begrenzung durch die Mauern befriedigt sie. Doch der Zustand des Glücks ist nur von kurzer Dauer, da er nur so lange anhält, wie die Mauern „in der Ferne“ zu sehen sind. Nach dieser Erkenntnis der Maus erfolgt eine doppelte Zäsur im Text. Das „aber“ und der Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens weisen den Leser auf eine Veränderung hin. Nun ist es nicht mehr die Maus, die läuft, sondern die Mauern sind es, die anfangen sich zu bewegen und sich zu verselbstständigen. Die Maus scheint dagegen machtlos zu sein und das Eilen ruft ein neues Bedrohungsgefühl in ihr hervor. An dieser Stelle ergibt sich für den Leser die Frage, warum die Maus nicht in dem Moment stehen bleibt, in dem sie glücklich ist. Gegen diese Lösung spricht jedoch ihre angsterregenden Erfahrungen mit der Außenwelt. Denn die Maus fürchtet ja sowohl die Breite der Welt, als auch die Enge, die die Mauern verursachen. Breite und Enge stehe n jedoch in einem Widerspruch. Da dieser Widerspruch für die Maus unauflöslich ist, ist auch die Katastrophe - ihr Tod- für sie unvermeidlich. Schon aus der Ferne hat die Maus ihren Tod vor Augen. Sie erkennt ihre Todesfalle im Winkel des letzten Zimmers stehen und ist sich bewusst, dass sie auf dem Weg ist, dort hinein zu laufen. Sie weiß also, dass sie auf dem falschen Weg ist, kann jedoch daran nichts ändern und beugt sich ihrem Schicksal. An dieser Stelle könnte die Geschichte eigentlich enden. Doch stattdessen tritt eine neue Figur auf: die Katze. Sie taucht auf aus dem Nichts und schaltet sich ins Geschehen ein, indem sie auf die Rede der Maus antwortet. Mit ihrem Auftritt wird dem Leser noch einmal verdeutlicht, dass Beharren keine Lösung für die Maus
1 „Ach“
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gewesen wäre. Denn die Katze kann - im Gegensatz zu den Mauern, die nur in der Wahrnehmung der Maus selbstständig werden- aktiv handeln, was sie auch macht. Sofort ist klar, dass sie der Maus überlegen ist. Zum einen ist dies naturbedingt, zum anderen wird es daran deutlich, dass sie der Maus den Rat geben kann die Laufrichtung zu ändern 2 . Aus der Sicht der Katze wäre dies „nur“ eine Kleinigkeit 3 . Dem Leser erscheint ihr Ratschlag zunächst logisch, aber im völligen Widerspruch dazu steht ihr konkretes Handeln. Denn sie selbst setzt dem Leben der Maus ein Ende, indem sie die Maus frisst 4 . An dieser Stelle besitzt der Text eine Leerstelle. Das „Sinnvakuum“ 5 der Schlusspointe stellt ein Transfersignal dar. Denn dem Leser bleibt offen, ob die Maus eine Reaktion gezeigt hat, ob sie die Empfehlung der Katze nicht aufgreifen konnte oder ob der Rat einfach zu spät kam. Lediglich der Tod der Maus steht am Ende eindeutig fest. Durch Falle und Katze war er doppelt abgesichert und stellt somit für den Leser an sich nichts Unerwartetes dar.
2 siehe Modalverb „musst“
3 „nur“.
4 „fraß sie“.
5 Elm, Theo: „Die moderne Parabel“, Seite 158
4
Der Titel
Untersucht man den Titel Kleine Fabel, ist es wichtig festzuhalten, dass dieser nicht von Kafka selbst stammt, sondern nachträglich von Max Brod über die Erzählung gesetzt worden ist. Dennoch halte ich seine Einbezie hung in die Interpretation für sinnvoll, da eine Überschrift beim Leser stets eine Erwartungshaltung hervorruft, die er an den betitelten Text stellt. So erwartet der Leser bei Kleine Fabel allein aufgrund des Titels, dass es sich um eine Fabel handelt. Diese Vermutung scheint der Text selbst zunächst zu bestätigen und zu untermauern. Grund hierfür ist die Erfüllung von zahlreichen Gattungsmerkmalen der Fabel, auf welche ich später in dieser Arbeit noch genauer eingehen werde. Der Fabelcharakter der Erzählung scheint aber vor allen Dingen darin bestätigt, dass es sich bei den Hauptpersonen um Tiere handelt, die menschliche Fähigkeiten besitzen. So können sowohl Katze, als auch Maus reden. Die Maus kann sogar reflektieren und ist ein Tier, das in vielen Fabeln auftritt. Der Text selbst ist es folglich, der beim Leser den Eindruck erweckt, eine Fabel zu sein. Durch diesen Ausdruckscharakter der rein formellen und inhaltlichen Gegebenheiten stellt sich die Frage, ob Kafkas Text überhaupt einer Überschrift bedurfte. Meine Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Ich halte den Titel von Brod zwar für passend, aber für das Textverständnis nicht zwingend notwendig. Denn Kleine Fabel spricht für sich und versteht es ohne Titel beim Leser Assoziationen mit einer Fabel zu wecken. Der Titel stellt allerdings eine zusätzliche Hilfe für die Entschlüsslung des Textes dar. So versucht die, von Max Brod ergänzte, Überschrift das in Worte zu fassen, was der reine Kafka Text bezweckt, nämlich den Leser absichtlich auf eine falsche Fährte, einen falschen Interpretationsansatz, zu locken, indem er ihm glaubhaft macht eine Fabel zu sein. Dieses „In-die-Irre- führen“ des Rezipienten unterstützt der Titel zwar, doch er schränkt den Text zugleich als „kleine“ Fabel ein. Ich bin der Ansicht, dass man das Adjektiv „kleine“ als Hinweis auf diese Teilerfüllung und nur bedingte Zugehörigkeit zur Gattung deuten kann. Demnach ist die Erzählung keine „große“, gemäß der Gattungsmerkmale, vollwertige Fabel. Allerdings kann die nähere Erläuterung „kleine“ auch auf die Knappheit der Erzählung hinweisen.
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Arbeit zitieren:
Melanie Grimm, 2004, Parabolische Elemente in Kafkas Erzählung 'Kleine Fabel', München, GRIN Verlag GmbH
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