Hausarbeit : „Enzensberger und die Mathematik“ Jan Hendrik Schmidt
Hauptseminar zur neueren deutschen Literaturgeschichte Sommersemester 2004
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Die hochgezogene Zugbrücke 3
3. Zahlenteufel und teuflische Zahlen 6
4. Die Algebra der Gefühle 9
5. Die Wissenschaft der Poesie 11
6. Die Poesie der Wissenschaft 14
7. Schlusswort - Zwischen Faszination und Unverständnis 17
8. Literaturverzeichnis 18
Seite 1
1. Einleitung
Hans Magnus Enzensberger ist zweifellos einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autoren der Gegenwart, aber er ist zugleich auch einer der Vielseitigsten. Die Bandbreite seines Schaffens reicht von der Lyrik über die Essayistik bis hin zur Kinderliteratur. Dabei kommt immer wieder eine Leidenschaft Enzensberger zum Ausdruck: Die Mathematik. Doch warum schreibt und veröffentlicht ein Autor, der nach eigener Aussage „ganz und gar kein Mathematiker“ 1 , ja sogar „ein hoffnungsloser Laie“ 2 ist, immer wieder Gedichte, Essays und sogar Bücher über die Mathematik, wenn er „schon froh sein muss, wenn er kapiert, worum es eigentlich geht“ 3 ? Weil er von ihr fasziniert ist, obwohl oder vielleicht auch gerade weil er ihr eigentlich mit Unverständnis gegenüber steht. Ganz ähnlich geht es dem Leser der Enzensbergerschen ‚Mathematischen Schriften’, denn es gelingt Enzensberger, seine eigene Faszination in seinen Werken an den Leser zu vermitteln. Er schafft es, die anfängliche Skepsis und das anfänglich sicher meistens vorhandene Unverständnis seiner Leser in Faszination umzuwandeln und ihnen immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern.
Die Leichtigkeit der mathematischen Lektüre macht vor allem den „Zahlenteufel“ zu einem Lesevergnügen. Aber auch Enzensbergers Vortrag „Zugbrücke außer Betrieb“ sorgt durch seine Scharfsinnigkeit und feine Ironie mehrfach für echtes Amüsement. Auch das Ergebnis einer Spielerei Enzensbergers, die „Einladung zu einem Poesie-Automaten“, sicherlich der schwierigste, weil nüchternste dieser drei Haupttexte, die dieser Arbeit zugrunde liegen, fasziniert. Um zu zeigen, dass sich Enzensbergers Faszination für die Mathematik durch alle Gattungen seiner Schriften zieht, werden die drei Haupttexte durch ein Gedicht und ein Essay Enzensbergers ergänzt.
Die Arbeit wird die unterschiedlichen Annäherungsweisen Enzensbergers an die Mathematik nachzeichnen, mal wissenschaftlicher, mal humoristischer, ganz so, wie auch Enzensberger selbst verfährt, und die Bedeutung der Wissenschaft für die Poesie wie auch der Poesie für die Wissenschaft herausarbeiten. Die Titelwörter Faszination und Unverständnis werden dabei der rote Faden dieser Arbeit sein.
1 Enzensberger, Hans Magnus: Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik
haben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 5 2003, S. 263.
2 Enzensberger, Hans Magnus: Zugbrücke außer Betrieb. Die Mathematik im Jenseits der Kultur - Eine
Außenansicht. Vortrag gehalten am 24. August 1998 auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress 1998
in Berlin. Erstabdruck am 29. August 1998 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. 200.
Deutsch-Englische Buchausgabe: Drawbridge Up / Zugbrücke außer Betrieb. A K Peters Publ., Natick (MA,
USA), 2001. Hier zitiert nach: http://www.nws.ei.tum.de/~rapa/sttm/texte/enzensberger.html.
3 Vgl.: Ebd.
Falls das Unverständnis für die Mathematik deren Faszination in dieser Arbeit übertreffen sollte, mögen die Worte des Zahlenteufels beruhigen: „Die meisten Mathematiker können überhaupt nicht rechnen. Für so was gibt es doch Taschenrechner.“ 4
2. Die hochgezogene Zugbrücke
„Es sind immer die gleichen Töne: ‚Hören Sie auf! Mit Mathematik können Sie mich jagen.’ - ‚Eine Qual, schon in der Schule. Keine Ahnung, wie ich damals durchs Abitur gekommen bin.’ - ‚Ein Albtraum! Völlig unbegabt, wie ich nun mal bin.’ - ‚Die Mehrwertsteuer kriege ich gerade noch hin, mit dem Taschenrechner. Alles andere ist mir zu hoch.’ - ‚Mathematische Formeln - das ist Gift für mich, da schalte ich einfach ab.’“ 5 Jeder kennt sie, diese immer gleichen Töne mit denen Enzensberger seinen Vortrag „Zugbrücke außer Betrieb“ auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress 1998 begann. Geradezu ein Postulat für das vorherrschende Unverständnis und die Ablehnung mit der die breite Masse der Menschen der Mathematik gegenüber steht. „Durchaus intelligente, gebildete Leute bringen sie routiniert vor, mit einer sonderbaren Mischung aus Trotz und Stolz.“ 6 Recht hat er. Doch warum ist das so? Warum hat sich „ein allgemeiner Konsens herausgebildet, der stillschweigend, aber massiv die Haltung zur Mathematik bestimmt“ 7 ? Warum wehrt sich auf der anderen Seite niemand so vehement dagegen, Musik zu hören oder einen Roman zu lesen? Warum werden diese Elemente der Kultur hoch geschätzt und allgemein akzeptiert und ein anderer, wie die Mathematik, beinahe ausgeschlossen? Warum „scheint es niemanden zu stören, dass ihr Ausschluss aus der Sphäre der Kultur einer Art von Kastration gleichkommt“ 8 ?
Die Antwort scheint einfach zu sein: Weil fast jeder einen Roman lesen kann, weil fast jeder Musik hören kann, aber kaum jemand mit der Mathematik umgehen kann, wobei es keine Rolle spielt, ob jeder, der einen Roman lesen oder Musik hören kann, diese oder jenen auch versteht, von einem Verständnis für die Mathematik einmal ganz zu schweigen. Aber diese Antwort wäre zu einfach. Die mathematischen Fähigkeiten sind genauso in uns allen genetisch verankert, wie die Fähigkeit zu lesen oder Musik zu hören. Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber Enzensberger merkt richtig an, dass nach der Gaußschen
4 Enzensberger: Zahlenteufel, S. 12.
5 Enzensberger: Zugbrücke.
6 Ebd.
7 Vgl.: Ebd.
8 Vgl.: Ebd.
Normalverteilung das statistische Maximum im Mittelfeld erreicht wird 9 , die Großzahl der Menschen folglich alles irgendwie kann - lesen, schreiben und rechnen. Eine mathematische Begründung, die nicht funktioniert. Denn so ist nicht zu erklären, warum die Mathematik gesellschaftlich ausgegrenzt wird. Sie erklärt, warum fast alle schreiben, lesen und auch rechnen können, denn klar ist ja, wir alle rechnen in unserem alltäglichen Leben genauso viel wie wir lesen und schreiben. Wäre es anders könnten wir nicht einmal einkaufen gehen.
Suchen wir also nach anderen Erklärungen, warum „die Mathematik in unserer Zivilisation so etwas wie ein blinder Fleck geblieben ist“ 10 . Wenn unsere Ablehnung der Mathematik nicht angeboren ist, dann muss sie anerzogen sein. Aber von wem? Und warum? Von der Gesellschaft, von den Mathematikern selbst, von den Eltern, von der Schule, ihren Lehrern, Lehrplänen und Lernzielen. Die Frage, was am Anfang stand, kann nicht beantwortet werden, da verhält es sich so wie mit Henne und Ei.
Beginnen wir mit der Schule. Klar ist, sie allein kann nicht Schuld sein, sonst gäbe es auch keine Mathelehrer; und echte Mathematiker schon gar nicht. Dennoch resultiert sicher ein großer Teil unserer Mathematik-Verdrossenheit aus öden Mathestunden. Jahrelang werden Schüler mit langweiligen Rechnereien gequält, die jeder Taschenrechner schneller, einfacher und besser erledigen könnte. Man wird von keinem Schüler verlangen können, hier noch den Sinn seiner Tätigkeit einzusehen. 11 Der Mathematikunterricht hinkt der Zeit hinterher und er unterfordert die Schüler. Jetzt werden die meisten sicher fragen, warum denn ‚unterfordert’, wenn doch so schon kaum einer die Mathematik versteht. Doch genau das ist der springende Punkt: Ein Verständnis der Mathematik ist in der Schule überhaupt nicht nötig. Es reicht völlig aus, langweilige Routinen zu beherrschen, um an gute Noten zu gelangen und jeder weiß, dass Routine keinen Spaß macht. Natürlich steht es außer Frage, dass gewisse Grundlagen zunächst geschaffen werden müssen, aber warum nach deren Einübung diese nicht dem Taschenrechner überlassen werden können, ist nicht zu verstehen. Anstatt abstraktes Denken zu fördern und mit der Mathematik zu experimentieren, wird jede kindliche Faszination im Keim erstickt. Kein Wunder also, dass die Erwachsenen und somit auch die Eltern der Schüler, die den üblichen Bildungsweg bereits hinter sich gebracht haben, ebenso wenig für die Faszination
9 Vgl.: Enzensberger: Zugbrücke.
10 Ebd.
11 Vgl.: Ebd.
der nachfolgenden Generation sorgen können, da sie selbst sich von den erlittenen Beschädigungen in den meisten Fällen nie wieder erholt haben werden. 12 Diejenigen, die sich ihrer Faszination nicht berauben ließen und sich nicht der allgemeinen Flucht vor der Mathematik angeschlossen haben, befinden sich dadurch in einer gewissen Isolation. Die Mathematiker stehen einer breiten Masse gegenüber, die ihr Tun nicht versteht, es teilweise sogar verachtet. Wen wundert es also, dass sie ihrerseits nicht bereit sind, der breiten Masse einen Einblick in ihre sonderbare Welt zu gewähren und lieber unter ihresgleichen bleiben? Man kann es ihnen eigentlich nicht verdenken. Sie bewegen sich in ihrer eigenen Welt, in ihrer eigenen Fachsprache und Notation, die für sie selbst trivial ist, die der Laie jedoch einfach nicht verstehen kann. Leider leiden darunter die Wenigen, die tatsächlich, trotz ihres Laiendaseins gerne einen Einblick in die Welt der Mathematiker hätten. Die Mathematiker werden ihnen oft mit „geringschätziger Herablassung“ 13 entgegen treten, denn „als gesprächsfähig kann unter Fachleuten nur der gelten, für den das Triviale trivial ist, sich also von selbst versteht. Alle, auf die das nicht zutrifft, also mindestens 99 Prozent der Menschheit, sind in diesem Sinn hoffnungslose Fälle, mit denen sich zu unterhalten einfach nicht lohnt“ 14 . Es stehen sich also - um P. C. Snows These aufzugreifen - zwei Kulturen gegenüber, zwei voneinander abgewandte Welten, getrennt durch einen tiefen Graben, über den nur eine Zugbrücke führt, die zurzeit allerdings hochgeklappt oder sogar außer Betrieb ist. Doch es ist ein gutes Zeichen, dass in den letzten Jahrzehnten viele Bücher erschienen, geschrieben von Mathematikern, „Dolmetschern“ 15 , wie sie Enzensberger nennt, die den Nicht-Mathematikern die mathematische Welt näher bringen sollen und auch können. Auf der anderen Seite des Grabens sind es Autoren wie Enzensberger selbst, die etwas für die Verständigung der zwei Kulturen tun, indem sie Bücher wie den „Zahlenteufel“ schreiben und die ihrige Kultur dazu anhalten, ihre Ablehnung gegen die Mathematik aufzugeben, selbst wenn für sie - wie auch Enzensberger für sich selbst feststellt - die Zugbrücke zur Insel der Mathematiker hochgezogen bleibt. 16
Beide Seiten arbeiten also daran, die Zugbrücke zumindest wieder in Betrieb zu nehmen, um sie dann in Zukunft vielleicht auch wieder herabzulassen und die Kommunikation, den Austausch, die Verständigung der beiden Kulturen wieder aufzunehmen.
12 Enzensberger: Zugbrücke.
13 Vgl.: Ebd.
14 Ebd.
15 Ebd.
16 Ebd.
Arbeit zitieren:
Jan Hendrik Schmidt, 2004, Enzensberger und die Mathematik. Zwischen Faszination und Unverständnis, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Lehrer und seine Schüler nach PISA 2000 - Wechselwirkungen zwische...
Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge
Seminararbeit, 23 Seiten
Erzähltextanalyse der Novelle 'Tonio Kröger'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Formale Erzähltextanalyse: Botho Strauß: Drüben
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Die Frauenmystik im Mittelalter
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 16 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 28 Seiten
Die Rundfunkpolitik in der britischen und sowjetischen Besatzungszone ...
Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Seminararbeit, 26 Seiten
Die Entwicklungsstufen und das politische Denken der 'Gruppe 47...
Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Das schwedische Bildungssystem - und warum es funktioniert.
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Das schwedische Bildungssystem
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 27 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit Literatur am Beispie...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 16 Seiten
Jan Hendrik Schmidt's Text Enzensberger und die Mathematik. Zwischen Faszination und Unverständnis ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jan Hendrik Schmidt hat den Text Enzensberger und die Mathematik. Zwischen Faszination und Unverständnis veröffentlicht
Jan Hendrik Schmidt hat einen neuen Text hochgeladen
Critical Essays: Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger, Bruce Armstrong, John Simon
Poetic Maneuvers: Hans Magnus Enzensberger and the Lyric Genre
Charlotte Ann Melin, Marjorie Perloff, Rainer Rumold
Hans Magnus Enzensberger und die Ideengeschichte der Bundesrepublik
Mit einem Essay von Lars Gusta...
Dirk von Petersdorff
Von einem der auszog, Fledermä...
Bernd Stein, Marcus Angebauer, M. Faste, Dieter Stein, D. Usher
Porzellanmalerei - Faszination Rosen. Porcelain Painting - A Passion f...
Melanie Foster, Janice Luther
0 Kommentare