- 2 -
Inhaltsangabe
1. Vorverständnis 3
2. Zeichenerklärung 4
3. Narratives Interview 5
4. Interviewverlauf und Interviewatmosphäre 23
5. Sequenzierung 24
6. Kernaussagen 40
7. Paraphrasierung 44
8. Hintergrundwissen 54
8.1 Kindheit 54
8.2 Mißhandler und Mißhandlungen in R´s Leben 54
8.3 Ehe 54
8.4 Mutterverhältnis 55
8.5 Krankheiten 55
8.6 Beruflicher Werdegang 55
8.7 Lebensweg 55
9. Interpretation 56
9.1 Das Ablaufmodell für Verlaufskurvenprozesse 56
nach Schütze
9.2 Interviewinterpretation 57
10. Resümee 63
11. Glossar 64
12. Literaturangabe 66
- 3 - 1.Vorverständnis
Rita (R.) ist schon seit langer Zeit eine bedeutsame Bekannte von mir. Ich kenne sie und ihr Leben ausgesprochen gut. Im Moment ist R. arbeitslos und hofft auf eine neue berufliche Chance. Außerdem ist sie Mutter von zwei Kindern. Die Tochter lebte bis zu ihrem 20. Lebensjahr bei ihr. Der 18jährige Sohn lebt bei ihrem Ex-Mann. R. ist seit 1986 geschieden. Sie hat in der Zwischenzeit keine feste Dauerbeziehung mehr erlebt. Der Sohn wohnte bis 1989 bei ihr, ist aber dann zum Vater gezogen, weil er dort in der Schule besser zurecht kam. Das stellte sich heraus, als er einmal für 3 Wochen am Wohnort des Vaters die Schule besuchen mußte, weil R. zu dieser Zeit im Krankenhaus war. Der Sohn war damals ein sehr lebhaftes Kind und hatte Schwierigkeiten in der Schule. R. überließ ihrem Sohn schließlich die Entscheidung wo er leben möchte. Vor kurzer Zeit erzählte mir R., daß sie ihn vielleicht doch nicht einfach hätte gehen lassen sollen. R. hat den Kontakt zu ihrer Mutter seit ca. 2 Jahren total abgebrochen. Sie möchte von ihrer Seite keinen Kontakt mehr. Der Mutter selbst ist dies anscheinend auch egal.
Als R. mir immer mal von Zeit zu Zeit etwas von ihren Erlebnissen in ihrem Leben erzählte, war ich oftmals verblüfft, wie gut sie ihren Lebensweg trotz allem bewältigt. Sie hat meines Wissens nach niemals zu irgendwelchen Drogen gegriffen. Ich wußte bereits vor dem Interview von den wichtigsten Ereignissen und Gegebenheiten, wie z. B. die Heirat, die Scheidung, die Arbeitslosigkeit und die Krankheiten. Von dem sexuellen Mißbrauch habe ich vor einem Jahr gehört. Ihr selbst wurde all dies auch erst vor kurzem klar. Auch im Rahmen verschiedener Gesprächstherapien konnte sie vieles genauer erkennen. Des öfteren überlegte ich, ob all die vielen Schwierigkeiten, wie z. B. die psychosomatischen Krankheiten und die dadurch entstandenen beruflichen Probleme, eventuell Folgen der schlimmen Kindheit sind. Von daher bekam ich die Idee, diese Thematik als Interviewgrundlage zu verwenden. Es interessierte mich sehr, ihre Erzählung zu analysieren. Ich freute mich als sie zusagte.
- 4 - 2.Zeichenerklärung Betonung: XXxx Dehnung: xyyyx Pausen: (,) ganz kurzes Absetzen einer Äußerung (ca. 0,5 Sek.)
Stimmhöhe: (.) Senken der Stimme (´) Heben der Stimme Ortsangabe: ((Stadt)) um Ort nicht zu nennen Kommentare: kursiv andere Besonderheiten im Text sind kursiv im Text
Die Zeichenangaben erfolgen auf jeder Interviewseite bei Bedarf nur einmalig in der Kommentarspalte.
- 5 -
3. Narratives Interview
Durchgef ührt am 30.04.98
I Interviewer, P Proband Kommentare:
1 I Bitte erzählen Sie mir doch, oder erzähle mir, wie sich die
2 Geschichte Deines Lebens zugetragen hat. Hauptsächlich
3 die Geschichte der Kindheit und danach. Also wie hat sich
4 diese Kindheit Deiner Meinung nach auf Dein weiteres
5 Leben ausgewirkt. Erzähle einfach und laß Dir ruhig Zeit
6 für Einzelheiten, und für mich ist alles wichtig, was wohl
7 für Dich am wichtigsten ist.
8 P mmff Seufzer
9 I Ja, einfach mal so von der Kindheit.
10P Ja(,) auch soll ich jetzt von Geburt an(,) erzählen? (,) kurzes Absetzen
11 der Äußerung
12I hmh, einfach locker
13P Ja, ich wurde(,) 1953 in Berlin (im Osten) geboren
14I Ja
15P und meine Mutter wurde nach 6 Jahren Ehe von meinem
16 Vater(,) geschieden.
17I hmh
18P 1957 hat sie im Flüchtlingslager Ost-Berlin(,) den 2ten Mann(,)
19 kennengelernt.
20I hmh
21P Also der(,) unser Stiefvater wurde. Ich hatte damals noch eine
22 6 Jahre alte Schwester, ich war 3, meine Schwester 6 und ein schnell gesprochen
23 1jähriger(,) Bruder,
24I Ja
25P und eh(,) der Mann(,) der hieß Hans, den se dann später ge-
26 heiratet hat.
27I hmh
28P Der hat unser aller Leben verändert.
29I Ja
30P Also(,) als ich dann, als ma dann umgezogen sind von Berlin
31 nach ((Stadt)) (im Westen), begann also(,) mit der Einschulung ((Stadt)) Ortsangabe
32 für mich(,) mein Martyrium.
33I hmh
34P Also er hat sich total danach(,) entpuppt als Tyran Er hat also kurze Pause
- 6 -
35 uns(,) das waren ja 3 Stiefkinder(,) total eh(,) tyranisch behan- (,) kurzes Absetzen
36 delt. schikaniert. ( ) richtig fertig gemacht. mittlere Pause
37 ( ) Senken der Stimme
38I hmh
39P Also, wie gesagt, vom 1ten Schuljahr an beginn das mmff Seufzer
40 für mich und ich merkte meine Mutter war sehr schwach und. Wort ausgeatmet
41 ich hatte kein Schutz(,) ( ) auch von ihr nicht.
42I hmh
43P Und das hab ich dann 10 Jahre(,) durchgehalten. Mit 15 bin
44 ich. dort raus aus dem Milieu. Und das hat mich(,) natürlich
45 geprägt. in dem ( ) Sinne(,) die Angst, die ja im im Körper, die
46 man ja reinfrist. Aber trotz alle dem war ich schon ein opti-
47 mistisches (´) Kind, die immer wußte es kommt noch was(,) (´) Heben der Stimme
48 besseres. Also(,) mein Optimismus war immer schon da(,)
49 sonst hätt ich das. nie ausgehalten.
50I hmh
51P Ja, was dann noch dazukam war die Grenze, die überschritten
52 wurde(,) zum sexuellen Mißbrauch, (,) kurzes Absetzen
53 der Äußerung
54I hmh
55P die ja auch von der Mutter(,) die hätte da müssen(,) wirklich(,)
56 einschreiten, was(,) (´) tun sollen mmff. Das hat se auch sehr (´) Heben der Stimme,
57 Seufzer
58 schwach(,) ja.
59I hmh
60P Und dadurch. was ich dann später durch die Therapie erfahren
61 hab(,) ich hatte schon dieses in mir(,) wie sacht man. wenn man
62 in so nem Milieu groß wird(,) ist man da anfällig(,) daß man spä-
63 ter für(,) andere Mißhandler(,) eh(,) anfällig ist(,) und das ist mir
64 dann passiert(,) als ich 16 war(,) in(,) in der, auf der Arbeits-
65 stelle, wo ich im Haushalt gearbeitet hab. schnell gesprochen
66I hmh
67P Da wurd ich vom(,) Seniorchef. 12 Monate warens(,) sexuell
68 mißbraucht.
69I hmh
70P Und da hab ich gemerkt, eh. oder ich hab geglaubt, daß ich die
71 Schuldige bin, also weil ich das Spiel mitgemacht hab (Pause) (Pause) lange Pause
- 7 -
72 aber mir wurde erst jetzt(,) 1997(,) eh, bewußt, ich war 16 und (,) kurzes Absetzen
73 er war über 60.
74I Ja
75P Ja, das ist, das war für mich ganz. also heute ganz klar, daß kurze Pause
76 also dieser Mann(,) ( ) der hätte müssen bestraft werden, aber ( ) Senken der Stimme
77 er ist ja(,) dann irgendwann verstorben.
78I hmh
79P Ja. und wie lange ich das mit mir rumgeschleppt ( ) habe.
80I hmh
81P Und was ich dann suchte war, ist ganz verständlich. Liebe,
82 Wärme, Geborgenheit.
83I hmh
84P In einer Familie(,) in einem neuen Um. Umfeld mmff und Seufzer
85 wie soll ich sagen, das hat das(,) daß ich auf der Suche mittlere Pause
86 bin ist irgendwie selbstverständlich gewesen.
87I hmh
88P Und als ich dann meinen zukünftigen Mann kennengelernt
89 hab, und dessen Familie, da hat ich so nen Funken Hoffnung
90 das is es jetzt.
91I hmh
92P Das hat sich so nach außen hin. war das Bild so, also nach
93 außen hin war das(,) super toll, aber(,) später als ich dann
94 länger, eh, dort ein und aus ging(,) war es dann doch nit das,
95 was ich suchte.
96I hmh, hmh
97P Also es ging dann darum(,) ja überhaupt um Emotionen. Eifer-
98 sucht(,) Neid(,) Mißgunst. die Mutter, die ihren Sohn nit los-
99 lassen wollte, die ich ihren Sohn ja wegnahm. Also richtig
100 Rivalität halt, ja, in diesem Konflikthaus(,) Konfliktmilieu, da(,) lachend gesagt
101 hatte ich zu lernen(,) hab das nur noch nit verstanden damals.
102I hmh
103P Aber ich war einfach, ich war(,) schon als Kind war ich ein
104 kleiner Re. eh, was sagt man, Rebel, neh, der sich nix ge-
105 fallen ließ.
106I hmh
107P Und da suchte ich mir immer schon Wege(,) da, eh, doch noch
108 gut ( ) abzuschneiden.
109I Ja, hmh
- 8 -
110P Also ich mußte immer kämpfen.
111I hmh
112P Mußte immer kämpfen(,) und es ist wie so en roter Faden (,) kurzes Absetzen
113 ja als wenn ich das alles alleine schaffen muß. kurze Pause, beim
114 Reden in die Hände geklatscht
115I hmh
116P Alles wendet sich irgendwann von mir weg(,) ab.
117I hmh
118P Familie, die Stiefbrüder, die ich hatte, da war nichts, da war
119 gaaar niixx, ( ) da war nix. ( ) Senken
120 der Stimme
121I hmh
122P Dann als ich mich von meinem Mann. nach Krisen getrennt
123 hab, bin ich mal nach Berlin geflüchtet für 6 Wochen, und
124 hab dann dort in Berlin(,) wo ja meine Wurzeln sind(,) hab
125 ich(,) gemerkt, daß die Verwandtschaft, daß die überhaupt
126 nix mit mir zu tun haben will. Nach außen natürlich haben se
127 gesagt, ja kannst mal hier übernachten, oder(,) und als ich
128 dann sachte, ja ich will mich scheiden lassen, da(,) war auch
129 keiner da(,) also, das hab ich schon gespürt, daß mich da
130 keiner wollte.
131I hmh
132P Und bin dann wieder zurück. weil mein Mann wollte dann daß
133 wir bauen. und ich wollte nix weiter als ein eigenes Heim mit
134 ihm. Das war doch auch selbstverständlich?
135I hmh
136P Und. zur Harmonie is es dann doch nit gekommen. mittlere Pause
137I hmh
138P Ne, war einfach zu dicht, die Mutter und(,) die Geschwister(,)
139 un wir als Paar mit Kind.
140I Ja
141P Das war zu eng. Und er war immer unterwegs, er hat über-
142 haupt, er wußte gar nit was da abging.
143I hmh
144P Ja. also irgendwie auch(,) durch den Stiefvater sach ich
145 heute hat sich. das Bild des Mannes(,) sehr negativ gefärbt.
146I hmh
- 9 -
147P Also(,) diese innere Angst, sei vorsichtig vor Männern, (,) kurzes Absetzen
148 untersuche se erst, sei kritisch, wäge erst mal ab,
149I hmh
150P könnt ja wieder so en schlimmer sein.
151I Ja
152P Und wo was mit Alkohol is und Kriminalität, da laß ich
153 sowieso die Finger weg.
154I hmh
155P Weil das hat mich stark geprägt. Also wenn man Leiden
156 immer, immer wieder erfährt als Kind(,) will ma endlich(,)
157 dieses Leiden nicht mehr leben,
158I hmh
159P durchmachen.
160I hmh
161P (´) aber(,) Leiden macht auch stark, also hat mich auch (´) Heben der Stimme
162 immer wieder(,) stark gemacht,
163I hmh
164P als Kämpfernatur. (Pause) (Pause) lange Pause
165I hmh, ja, also stark gemacht. Und wie gings weiter?
166P In der Kindheit? Ja als Kind, eh, mußt ich en(,) ganzes
167 Stück Kindheit opfern. Ich mußte Mutter sein(,) Helferin(,)
168 Putzfrau(,) die Ein. käu,käufe (stockend) getätigt hat, kurze Pause
169 EINKÄUFERIN, einfach (´) Aschenputtel (schnell) für alle, LACHEND
170 für alle kleineren Geschwister. Und erst mußte die Arbeit mittlere Pause
171 gemacht werden(,) dann durft ich ( ) spielen. ( ) Senken der Stimme
172I hmh
173P (Pause) Ja, aber heute, wenn, wenn ich heute so zurück-
174 gucke, sehe ich. dAADUUrch daß, ich(,) eigen-
175 ständig leben kann, ich habs gelernt(,) daß ich immer
176 sagen kann ich brauch niemand(,) ja.
177I hmh
178P Jetzt von, von dem tun, machen, ja, also, da brauch ich
179 niemand. MMff, aber innerlich (Pause) fehlt da doch Seufzer
180 KLLATSCH ein Stück mehr(,) Wert. GEKLATSCHT
181I hmh
182P Der Selbstwert(,) das ist immer. ein Stück Selbstwert
183 ist ( ) verlorengegangen,
- 10 -
184I hmh
185P oder wurde gar nit erst erreicht.
186I Ja
187P (Pause) hmh (Pause) (Pause) lange Pause
188I Und weitere Phasen. des Lebens? kurze Pause
189P MMff, ja als ich dann geheiratet ( ) habe, und erkannt Seufzer,
190 habe, daß ich da wieder falsch war. ging auch diese Ehe ( ) Senken der Stimme
191 in die Brüche. Ich entschloß mich dort wegzugehen. mit mittlere Pause
192 meinen beiden Kindern. Das war auch also(,) aus der (,) kurzes Absetzen
193 heutigen Sicht war das ein guter Entschluß.
194I hmh
195P Und ich hab dann mit meinen beiden Kindern(,) alleine.
196 auch wieder da gestanden und mußte wirklich alleine
197 kämpfen. Ich hatte zu dieser Zeit, em(,) konnte ich zurück
198 zu meiner Muutter. Mein Stiefvater war in der
199 Zwischenzeit verstorben. Er hat sich also selbstgerichtet.
200I Aha
201P Was für uns aber nichts, eh(,) besonderes war. Also
202 irgendwie(,) hat das jeder von uns geahnt(,) daß das mal
203 passieren wird, weil er mit sich selber ja auch unzufrieden
204 war, also, er hat sich ja selbst nit gemocht.
205I hmh
206P En Mensch, der andere nur tyrannisiert(,) kaputtmacht,
207 niedermacht(,) der kommt irgendwann an den Punkt, und
208 merkt, also.
209I hmh
210P was für en ( ) schlimmer Mensch er ist. un er hat´s getan.
211 Und so konnte ich dann zurück(,) zu meiner Mutter(,) hab
212 dort 1 Woche(,) mit meinen Kindern(,) gewohnt. Und hab
213 auch ganz schnell durch meinen(,) Bruder(,) Stiefbruder.
214 in der Nähe von(,) ((Stadt))(,) ein Apartment(,) gefunden. ((Stadt)) Ortsangabe
215I hmh
216P Da war auch dann die Sicherheit der Kinder, daß die gut
217 untergebracht waren(,) gegeben(,) und das Jugendamt
218 konnte kommen(,) und ( ) uns besuchen.
219I hmh
220P Und dann kam für mich so ne zweite Phase, das(,) die
221 Mutterkiste aufzuarbeiten
- 11 -
222I hmh
223P Wer war diese Frau? Warum(,) hat sie uns immer (,) kurzes Absetzen
224 ( ) hängenlassen? ( ) Senken der Stimme
225I Ja
226P Das war also dann wieder(,) en ganz neuer Prozess.
227 Ich merkte (´) wieder daß ich alleine da stand und(,) (´) Heben der Stimme
228 überhaupt(,) ( ) keine richtige Hilfe (Pause) gar nix(,)
229 also hier geht´s nit um materielle Dinge, also Materielles schnell gesagt
230 is. zweitrangig. kurze Pause
231I hmh, hmh
232P Das, das gab es nicht. Mußte, ich mußte alleine ( ) da-
233 durch, MMff, und dann bin ich nach der Scheidung. auch Seufzer
234 erst mal in ein tiefes Loch gefallen.
235I hmh
236P Diagnose „reaktive Depression“ wurde behandelt. ( ) mittlere Pause
237 wurde gut behandelt,
238I hmh
239P und ich fand dann auch nen Halbtagsjob (Pause) aber (Pause) lange Pause
240 irgendwann war die, war die Überforderung(,) Halbtags-
241 job(,) Kinder(,) Schule(,) war zu viel(,) also(,) nervlich(,)
242 stand ich da(,) am Rande eines Zusammenbruchs.
243I hmh
244P Und der Körper signalisierte mir. daß es zuviel war, also
245 Rückenprobleme(,) Unterleibsprobleme.
246I hmh
247P (Pause) ja (Pause)
248I hmh, und wie ging es danach weiter?
249P Wie ging es danach weiter? Lachend gesagt
250 Immer weiter.
251I hmh (Pause)
252P Ja dann, konnte ich wegen meinem Rücken(,) diese
253 Tätigkeit nicht mehr ausführen,
254I Aha
255P mußte operiert werden, Unterleibsoperation. Und dann
256 mußt ich dann meine beiden Kinder trennen. Den Sohn
257 zum Vater, die Tochter, die war. so groß, daß sie den
258 Haushalt und alles(,) gut bewältigen konnte. Lachend gesagt
259I Aha
- 12 -
260P (´) Jaaa, und dann ließ ich mich operieren (Pause) und (´) Heben der Stimme
261 mein Sohn wollte dann bei seinem Vater bleiben. Und (Pause) lange Pause
262 von meiner Seite aus war es mir auch. recht, mittlere Pause
263I Aha
264P weil ich gesundheitlich(,) einfach auch nervlich. erschöpft (,) kurzes Absetzen
265 war, und. weil er auch ein sehr lebhafter Junge war, hab kurze Pause
266 ich en dann also. losgelassen.
267I Ja
268P (Pause) Ja beruflich war´s dann für mich schlecht. Also
269 da war ich immer auf der (Pause) MMff, auf der(,) nega- Seufzer
270 tiven Schiene. Daß ich da überhaupt nit ( ) weiterkam. ( ) Senken der Stimme
271I Ja, hmh
272P Physisch und psychisch (Pause) hat´s nie richtig geklappt.
273 Un dann erst. nachdem ich meinen Sohn losgelassen
274 hab(,) da ging ich dann so auf die Ende(,) 30 zu.
275I Aha
276P Glaub 38 war ich. Da bin ich dann auf Raten meiner
277 Ärztin(,) in ne Beratungsstelle,
278I hmh
279P un hab ne Gesprächstherapie ( ) angefangen. Fast heulend,sehr emotional
280I hmh
281P hmh, (´) jaaa un das war richtig.
282I hmh
283P (Pause) Und hab die Zeit. der Arbeitslosigkeit. genutzt
284 für mich (Pause) und hab Bücher gelesen. über Psy-
285 chologie. esoterische Psychologie.
286I hmh
287P Kosmospsychologie.
288I hmh
289P (´) Jaaa (Pause) und da hab ich sehr viel entdeckt(,) was
290 mir sehr geholfen ( ) hat. und ich hab mein Leben auf-
291 gearbeitet (Pause) aber ich bin heute. nicht befreit von
292 der Vergangenheit. Die ist einfach da. Die macht sich
293 bemerkbar. indem sie immer wieder über den Körper
294 spricht.
295I hmh
296P Also daß ich heute psychosomatisch krank bin. Immer
297 wieder erinnert werde
- 13 -
298I Ja
299P Also als Folgeerscheinung, neh, Kindheit, MMff, die Seufzer
300 Ehezeit. Für mich ist ganz klar(,) die Jahre der Angst, (,) kurzes Absetzen
301 10 Jahre Kindheit, 10 Jahre Ehe, diese Angst hat sich
302 in meinem Körper manifestiert. Ich erkenne die Symp-
303 tome(,) hab aber gelernt damit umzugehen. und ( ) mittlere Pause
304 schaffe das auch. ( ) Senken der Stimme
305I Ja
306P Ja(,) nur beruflich. da bin ich heute an einem Punkt. kurze Pause
307 wo ich im Moment gar nit weiß. was da noch kommen
308 ( ) könnte. Ja, also von der Arbeitsmarktlage her(,) vom
309 Alter her(,) von(,) es sind so viele Faktoren, die da mit-
310 Spielen, also da ist ja nit nur der Fak. Faktor IICH,
311 Sondern das ganze Umfeld. was ja mitwirkt.
312I hmh
313P Also nichts ist einfach weg, sondern. man nimmt alles mit.
314I Ja. (Pause) So also das, also chronologisch der Ablauf
315 war das? Dann frage ich nochmal so einige Punkte etwas
316 genauer nach. So em.
317P Dann frag. Lachend gesagt
318I Wie war das jetzt genau gemeint mit der Schikanierung?
319 Was hat der Stiefvater denn(,) wie hat er schikaniert?
320P Ja wir wurden nachts aus em Bett geholt. Wir haben also
320 schon geschlafen, also entweder meine Schwester oder
321 ich(,) wir mußten ihm Bier holen(,) Wein holen(,) weil er
322 das brauchte, er war ja auch Alkoholiker, und wer da nit
323 pariert hat(,) der wurde verprügelt.
324I hmh
325P Oder abends(,) standen wir in ner Schlange, in ner Reihe
326 und er wollte die Hausaufgaben sehen, und damals hatten
327 ma alle noch Schiefertafeln. und jeder is dann mit der
328 Schiefertafel zu ihm, und wenn ihm was nit gepasst hat,
329 hat er Spucke am Finger gemacht(,) durchgestrichen
330 noochmAL maachen. Im Nachthemd mußte ma das
331 dann nochmal neu machen, und erst, wir durften erst ins
332 Bett, wenn das so war(,) wie er es wollte.
333I hmh
334P Schikaniererei
Arbeit zitieren:
Yasmin Einloft, 1999, Auswirkungen von gravierenden Kindheitserlebnissen auf das weitere Leben - Ein Leben als Lernprozess? (Auswertung eines narrativen Interviews), München, GRIN Verlag GmbH
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