0. Einleitung Seite 1
1. Aufrüttelung Seite 2MMMMMMM3
2. Die Totenkaserne Seite 4
3. Der Fremde zwischen Ausgrenzung und Gemeinschaft Seite 4MMMMMMM5
4. Transportzüge Seite 6
5. zweite Station Drittes Bild Seite 6
6. Zwischen den Drahtverhauen Seite 7
7. Lazarettszene Seite 7MMMMMMM8
8. Militärkrankenhaus Seite 8
9. Friedrichs Wandlung Seite 8MMMMMMM9
10. Das Los des Proletariats Seite 9
11. Tod und Auferstehung Seite 9MMMMMMM10
12. Die Wiedergeburt Seite 10
13. Volksversammlung Seite 10MMMMMMM11
14. Die Bergsteiger Seite 11
15. Der Aufruf zur Revolution Seite 11MMMMMMM12
II NA
0. Einleitung
Das Drama „Die Wandlung. Das Ringen eines Menschen“ von Ernst Toller (geschrie- ben 1917/18) 1 befasst sich, wie der Titel schon sagt, mit dem zentralen expressionisti- schen Thema der geistigen Erneuerung und der daraus folgenden gesellschaftlichen Umgestaltung.
Er schrieb sein Erstlingswerk aus der Erschütterung seiner Kriegserlebnisse: In der typischen expressionistischen Form des Stationendramas (Verkündigungsdra- ma/Antikriegsdrama) demonstriert es die „Wandlung“ eines jungen Mannes vom Ju- den, der seinem Glauben entfremdet ist, zum Kriegsfreiwilligen und todesmutigen Sol- daten, der die Sinnlosigkeit des Krieges begreift, dann auch den Patriotismus verwirft, auf seinem Lebensweg Leid und Unmenschlichkeit wahrnimmt und schließlich seine Berufung findet: Die Menschen zur Menschlichkeit zu bekehren.
Einer der Pioniere dieser besonderen Dramenform war Strindberg. Toller bekannte sich zum Einfuß Strindbergs, dessen Name in der Eingangsszene der „Wandlung“ er- wähnt wird. 2 Das Stück „Die Wandlung“ besteht aus sechs Stationen, die noch einmal unterteilt sind in insgesamt dreizehn Bilder. Im Mittelpunkt des Stückes steht das entscheidende siebte Bild, der Höhe- und Wendepunkt des Dramas, so dass die sechs Bilder davor und die sechs Bilder danach gegeneinanderstehen. Die Dramaturgie des Stückes wirkt sym- metrisch konzipiert.
Das typisch expressionistische Werk mit autobiographischen Zügen stellt, trotz vieler Allegorik, gesellschaftskritisch und ideologiekritische Situationen und Figuren ent- schieden heraus. „Die Wandlung“ ist im Unterschied zu anderen expressionistischen Dramen nicht als bloße Demonstration einer Gesinnung konzipiert, sondern als Appell an die Menschheit, tatsächlich an einer politischen Aktion teilzunehmen. 3
1
Uraufführung 30.09.1919 in Berlin, auf der neugegründeten expressionistischen Stilbühne.
2
Johan August Strindberg, geb. 22.01.1849 in Stockholm, † 14.05.1912 (Stücke: Nach Damaskus, Ein Traumspiel und Gespenstersonate) Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1919-1924), Carl Hanser Verlag München Wien 1995 Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald.(„Erzählte
er nicht als Beispiel die Historie von Strindberg,
[...]?
„Ein Mann der Literaturgeschichte, wie er schön sagt.“),
(S.18)
3
„Diese Arbeit entstand als erste Niederschrift 1917, im dritten Jahr des Erdgemetzels. Die entgültige Form wurde in der Haft des Militärgefängnisses im Februar und März 1918 vollendet.“ J.B .Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1993. Hrsg. von Paul Raabe.
1. Aufrüttelung
Dem Drama sind im Prolog Verse mit dem Titel „Aufrüttelung“ vorangestellt. Dabei greift es der zentralen Symbolik des Dramas voraus. So lauten die ersten drei Ze ilen: „Zerbrich den Kelch aus blitzenden Kristallen, Von dem die Wunder perlentauend fallen, Wie Blütenstaub aus dunkelroten Tulpen.“ Die Aufforderung „Zerbrich“ stellt gleich zu Beginn die poetologische Reflexion durch die Anspielung auf das Abendmahl („Kelch“, „Wunder“, „dunkelrot “) in einen religi- ös-theologischen Kontext. Dabei erinnert der „Kelch“ an die Gethsemane-Situation, in der Jesus seinen Vater bittet, er möge den Kelch, gemeint ist sein bevorstehender Tod am Kreuz, an ihm vorübergehen lassen. 4 Das Zerbrechen des chris tlichen Symbols von Leid und Tod gewordenen Kelches ist zugleich eine Metapher für die dichterische Su- che nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, die nicht nur in der Auflösung traditioneller Formen besteht, sondern mit dem Aufbrechen erstarrter Symbole einhergeht. 5 In dem Bild vom fallenden Blütenstaub wird die doppelte Bewegung von Auflösung, Zerfall und Wachstum von Neuem widergespiegelt.„Wie Blütenstaub aus dunkelroten Tul- pen.“ 6 Die folgenden Gedichtzeilen machen deutlich, dass den Menschen eine Märchen- oder Traumwelt („Dämmerwelt“, „Wunder“, „Sonnenstrahlen“, „Märchen“, „Rosen- spenden“), in der eine Harmonie zwischen dem Menschen und der Natur sowie der Re- ligion („Kathedrale“, „Glaube“) vorgespiegelt wird, die jedoch unmöglich geworden ist. Die Worte „Verträumte“, „Märchen“ deuten auf ein Trugbild. Der Einbruch totaler Vernichtung und Zerstörung wird mit („mordend“, „Flammenspritzend“) umschrieben.
4
Matthäus 26,39
5
Dies Zerbrechen korrespondiert mit einer Szene des Dramas, in der ein Pfarrer mit Friedrichs Gesichts- zügen das Kreuz zerbricht. („Von
irgendwo kommt ein Pfarrer (Antlitz Friedrichs). Seine erhobenen Hände umschließen ein Kruzifix, das er den Krüppeln entgegenstreckt.“
(S.32/33) „
Seine erhobenen Hände zerbrechen langsam das Kreuz.“)
(S.33) 6. Bild der
Wandlung.
6 Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis: Prolog „Aufrüttelung“ Zeile 3, Carl Hanser Verlag München Wien 1995 Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland. „Ein Staat, ein Volk, ein System, in dem die Wahrheit unter- drückt wird, oder sich nicht hervorwagt, ist wert, so rasch und endgültig wie möglich zugrunde zu ge- hen.“ „Von unten her sollte der Geist des Lebens und der Wahrheit als kritischer, belebender, anfeuern- der Geist das Tagewerk der Gesellschaft durchdringen,[...].“ (S.85) Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, Oktober 1963 (Die Originalausgabe erschien 1933 beim Querido Verlag, Amsterdam, unter dem Titel: Eine Jugend in Deutschland.
In den ersten Strophen wird die zu überwindende Illusion mit Bildern einer erstarrten Glaubenswelt („Kathedralen“) gleichgesetzt, die von toten Riten und Symbolen be- stimmt ist. Die 6.Strophe führt das Gedicht , nach Bildern des Krieges und der Ver- zweiflung, („Da! Mordend kroch ekle Tiere“/ Flammenspritzend auf der Erde“) 7 wieder auf die poetologische Reflexion zurück.
Diese Verse wenden sich an den „neuen“ Dichter, dessen Aufgabe darin besteht „auf- zurütteln“, und zwar aus dem Traum! („Verträumt pflückten Märchen wir mit weichen Händen“) („Wir blickten traumschwer blinzelnd auf“) Zweimal wird der Traum, als Bild für die „alte“ Dichtung, mit negativer Wertung verwendet und als Dämmerzustand, welcher der Realität nicht standhält oder sie nicht erfasst („weiche Hände“), abgelehnt. Der Aufruf, an den Dichter, seine Aufgabe wahrzunehmen („Den Weg!/Den Weg!// Du Dichter weise.“), verknüpft sich mit dem Hinweis auf den „Bruder, der das große Wis- sen in sich trug“ und als Vorbild des Dichter gelten kann. Im „Bruder“ vermischen sich Anklänge an Johannes den Täufer, der als Rufer in der Wüste Christus den Weg berei- tet. 8 Auch sie wird in religiösen Bildern beschrieben, diesmal deutlich als prophetisch charakterisiert, die in einer Zukunftsvision „Tempel hoher Freude“ erwähnen. Das Eröffnungsgedicht „Aufrüttelung“ kritisiert einerseits erstarrte Formen institutio- nalisierter Religion, um andererseits an prophetische Bilder und Traditionen anzuknüp- fen. Ein Vorzeichen dafür bildet die Aufforderung, den „Kelch zu zerbrechen“, also das christliche Symbol des Le idens und die daran geknüpften Traditionen zu demontieren, um dem erfahrenden Leid des Krieges gerecht zu werden. („Bereit zur Tat) 9 Das Ge- dicht gibt das Thema des Dramas vor: “Die „Wandlung“ eines jungen Mannes, vom Kriegsfreiwilligen zum Revolutionär“ 10 Die mit der Suche nach einer qualitativ neuen Gemeinschaft, in der die Gegensätze aufgehoben sind, verbunden ist.
7
Ernst Toller, Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis (1918-1924), Carl Hanser Verlag München Wien, 3. Auflage 1995, Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald
8
Matthäus 3,1-12; Lukas 3,1-18; Johannes. Heilverheißung: “Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige!“ So steht Johannes in der propheti- schen Tradition; in seiner Bußpredigt kündigte er eine Krise der Werte an.
9 Ernst Toller, Gesammelte Werke, Carl Hanser Verlag München Wien, 3. Auflage 1995 10 Der Fall Toller, Kommentar und Materialien, (S.96), Carl Hansen Verlag München Wien 1979 Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald (Aus dem „Völkischen Kurier“ 21. Juli 1924) („Der üble Rätejude Toller aus Samotschin, der an der Ermordung der Münchner Geisel nicht ganz unschuldig ist, hatte schon zu der Zeit, als er noch hinter den Festungsmauern saß, die jüdische Frechheit, die Welt auf sich aufmerksam zu machen.“ )
Arbeit zitieren:
Monika Draws-Volk, 2002, Zu: Ernst Toller - Die Wandlung, München, GRIN Verlag GmbH
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