Gewalt durch Frauen I
Inhaltsangabe
1 Einleitung 1
2 Forschung 2
2.1 Geschichte der Thematisierung 3
2.1.1 Suzanne Steinmetz und „The battered husband“ 5
2.1.2 Reaktionen auf Susanne Steinmetz 6
2.2 Forschungsstand Querschnitt 8
2.3 Forschungsstand Längsschnitt 10
3 Arbeitshypothese 11
3.1 Gewalt als soziales Phänomen. 11
3.2 Geschlecht als soziales Konstrukt. 13
4 Zusammenfassung und Fazit 15
5 Erstellen eines Fragebogens 18
5.1 Methodologie und Methode 18
5.2 Fragebogen. 19
5.2.1 Persönliche Daten. 19
5.2.2 Einstellungen zur Gewalt 21
5.2.3 Gewalterfahrungen: aktiv, passiv 22
5.2.4 Subjektive Empfindungen. 23
6 Literatur 24
Gewalt durch Frauen
1 Einleitung
Gewalt ist eine wesentliche Frage für die gesamte Gesellschaft, für die Freiheit der Einzelnen und soziale Gerechtigkeit. Wenn Menschen durch Gewalt gehindert werden, sich persönlich zu entwickeln, das Haus zu verlassen, Freundschaften zu schließen, sich im Beruf voll einzubringen oder sich politisch zu beteiligen, dann geht das an die Substanz des Gemeinwesens. Gewalt betrifft den Menschen als Ganzes, der wiederum systemtheoretisch gesprochen, als organisches und psychisches System einen Teil sozialer Systeme bildet. Analog dazu leisten die jeweiligen Einzelwissenschaften ihren Erklärungsbeitrag zum „Gewaltphänomen“. Wie groß und gewichtig kann der Beitrag der Sozialwissenschaften und der Soziologie im Besonderen sein, um Empirie und Theorie von Biologie, Medizin und Psychologie zu ergänzen und eventuell zu korrigieren, und Ursachen und Wirkungen von Gewalt zu erklären? Ohne in die Tiefe einer ätiologischen Untersuchung als solcher zu gehen, versucht die vorliegende Arbeit das Phänomen „Gewalt“ mit dem Phänomen „Geschlecht“ zu kombinieren und diesbezüglich einen soziologischen Forschungsansatz zu begründen, dessen Ergebnisse bzgl. des Zusammenhangs von Gewalt und Geschlecht von großer praktischer Bedeutung z. B. für das politische System und das Rechtssystem einer Gesellschaft sein müssen.
Wie steht es nun um die Gewaltaffinität der Geschlechter? Die sowohl in der Täter- als auch in der Opferstatistik ausgewiesenen starken Unterschiede der geschlechtlichen Verteilung von Gewaltdelikten können ein Anlass sein, die These einer geschlechtlichen, nämlich vorwiegend männlichen Konnotation von Gewalt zu verfolgen und im Extremfall ausschließlich biologistisch zu determinieren. Eine soziologische Analyse kann sich mit dem Hinweis auf ein quantitatives Ungleichgewicht nicht begnügen. Zu entschlüsseln ist, welche geschlechtstypische Handlungslogik die Wirklichkeit produziert, die in den Zahlen der Statistik sichtbar wird. Das erfordert, geschlechtsspezifisches Gewalthandeln aus den sozialen Konstitutionsbedingungen vom jeweiligen Geschlecht zu erklären. Diese Perspektive, die auf die geschlechtliche Differenz der „Sozio-Logiken“ 1 von Gewalt zielt, ist ungeachtet dessen notwendig, dass laut amtlicher Statistik Frauen vergleichsweise selten Gewalt ausüben.
1 Vgl. Meuser, Michael: “Doing Masculinity”. Zur Geschlechtslogik männlichen Gewalthandelns, aus Regina-Maria
Dackweiler/Reinhild Schäfer (Hg.): “Gewalt-Verhältnisse”, Frankfurt a.M./New York 2002.
Gewalt durch Frauen
Anliegen der vorliegenden Arbeit kann es nicht sein, eben diesen „sozialen Sinn“ 2 geschlechtsspezifischer Gewalt herauszuarbeiten, vielmehr soll allein die Möglichkeit eines solchen Unterfangens belegt werden. Könnte das gelingen wäre geschlechtsspezifisches Gewaltverhalten nicht durch das biologische Geschlecht determiniert, als vielmehr an das soziale Geschlecht gebunden.
Um diese Thesen zu falsifizieren, werden im Rahmen einer Sekundäranalyse bestehende empirische Untersuchungen vorgestellt und ausgewertet. Wie verhält es sich tatsächlich vor Ort mit Gewaltanwendung zwischen den Geschlechtern? Können Veränderungen oder Tendenzen über die Jahre konstatiert werden? In diesem empirischen Teil der Arbeit wird der Themenkomplex aus methodischen Gründen hauptsächlich auf Gewalt in heterosexuellen Beziehungen beschränkt, die als Parameter für geschlechtspezifisches Gewaltverhalten geeignet erscheint.
In einem weiteren Schritt soll in Ansätzen die soziologische Theorie der Gegenwart vorgestellt werden, die sich naturgemäß nur äußern kann, wenn der Thematik die zu beweisende soziale Dimension bereits als Prämisse innewohnt. Wenn Gewalt ein Geschlecht hat, kann die seriöse Sozialwissenschaft Erklärung und Reaktion nicht allein Biologie, Medizin, Psychologie oder gar ideologieverdächtiger Politik überlassen.
Abschließend wird ein Fragebogen vorgestellt, der bereits bestehende empirische Untersuchungen ergänzen könnte, die daran interessiert sind, Daten zu generieren, die Schlüsse zur Ausgangsproblematik zulassen: Bestehen signifikante Korrelationen zwischen Gewalt und Geschlecht und wie kann bzw. muss man sie erklären?
2 Forschung
Zunächst wird der Weg der wissenschaftlichen Annäherung an den beschriebenen Themenkomplex nachgezeichnet. Vor allem im Rahmen der Familienkonfliktforschung kann auf eine sehr lebendige Forschungstradition zurückgegriffen werden, die mannigfaltige streitbare Daten und Interpretationen liefert, das Gewaltverhalten der Geschlechter zu erfassen und zu deuten.
2 Vgl. ebenda
Gewalt durch Frauen
2.1 Geschichte der Thematisierung
Danach rückte zunächst in den USA die Kindesmisshandlung in das Bewusstsein einer interessierten Öffentlichkeit. Die Tatsache, dass amerikanische Kinderärzte seit der Erfindung von Röntgenapparaten nach den zweiten Weltkrieg bei Kindern Knochendeformationen und schlecht verheilte Knochenbrüche sowie andere schwere Verletzungen fanden, die nur von schweren, körperlichen Misshandlungen stammen konnten, führte zu den ersten Veröffentlichungen zu diesem Thema. Für die typischen Merkmale schwer, körperlich misshandelter Kinder, die gegenüber Außenstehenden nur selten zugegeben werden, wurde 1962 der Begriff „battered child syndrome“ geprägt. 3 Ursachen solcher Misshandlungen , die man für seltene Ausnahmefälle hielt, suchte man in individuell-pathologischen Persönlichkeiten der Täter. Nach der damaligen Vorstellung konnte jemand nur „geisteskrank, psychisch gestört oder asozial sein“ 4 , wenn er sein Kind schwer verprügelte. Interessanterweise nach dem Vorbild des damals schon bestehenden Tierschutzbundes, wurde der amerikanische Kinderschutzbund gegründet. 5
Mit dem Aufkommen der modernen Frauenbewegung und den Forderungen nach Emanzipation der Frau seit Ende der 60er Jahre wurde auch Gewalt gegen Frauen zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung. Gemäß der Devise, dass das Private das Politischste sei, wurde zum ersten mal ein Aspekt von „Gewalt in der Familie“ als ein Politikum definiert. „Gewalt gegen Frauen“ als der „sichtbarste Teil“ der Benachteiligung und Unterdrückung der Frauen, sollte nicht länger durch die individuelle Pathologie des Misshändlers erklärt werden, vielmehr wurde ihr massenhaftes Vorkommen vorgebracht und als Ursache geriet die gesamte, patriarchalisch strukturierte Gesellschaft in den Focus der Überlegungen. Der öffentliche Druck der Frauenbewegung machte „Gewalt in der Familie“, insbesond ere „Gewalt gegen Frauen“, zu einem sozialen Problem, weil „Gewalt in der Familie“ auf soziale Ursachen zurückgeführt wurde und gesellschaftliche Abhilfe verlangte. 6 In Anlehnung an den Begriff des „battered child syndrome“ etablierte sich nun der Begriff eines „battered woman syndrome“, mit dem ein Muster ehelicher Interaktion gemeint war, das mit schweren physischen Misshandlungen einherging, Demütigungen jeder Art, sexuelle Übergriffe, Todes-
3 Vgl. Gemünden, Jürgen: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften, Marburg 1996, S. 3.
4 Zitat: ebenda.
5 Vgl. ebenda: bei dieser fast schon zynisch anmutenden Feststellung bezieht sich Gemünden auf Susanne Steinmetz.
6 Vgl. Sack, Fritz, Eidmann, D.: Gewalt in der Familie; Univ. Projektsbericht (Kurzfassung), Hannover 1985, S. 3.
Gewalt durch Frauen
drohungen und Beschränkungen der persönlichen Freiheit. 7 Durch die Eröffnung des ersten Frauenhauses in England und die Veröffentlichung von Erfahrungsberichten betroffener Frauen 8 wurde die öffentliche Debatte verstärkt und auch die Misshandlung und Vergewaltigung von Frauen von ihren eigenen Ehemännern aus einem noch tabuisierten Bereich in eine breite Öffentlichkeit gezerrt. In der Folgezeit rezipierte die Wissenschaft den Begriff der „strukturellen Gewalt“ 9 , sodass jede Form von sozialer Benachteiligung von Frauen als „Gewalt gegen Frauen“ thematisiert wurde. Empirische Sozialwissenschaft als auch soziologische Theoriebildung nahmen sich der Thematik an 10 , deren Ergebnisse und Erkenntnisse durchaus gesamtgesellschaftliche Konsequenzen zur Folge hatten. 11
In den 80er Jahren kam noch das Thema „Gewalt gegen alte Menschen“ auf. Es handelt sich dabei um ein Problem, das mit zunehmender Zahl alter Menschen in unserer Gesellschaft noch an Aktualität gewinnen wird, im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht weiter vertieft werden soll.
Anderen Aspekten familiärer Gewalt, die wenig oder gar kein öffentliches Interesse fanden, schreibt Gemünden folgende Merkmale zu: Es waren Themen, die mit einem weiteren Tabuthema belegt waren, an deren Thematisierung keine große Lobby interessiert war, oder die Opfer nicht dem traditionellen Bild des Opfers als dem Schwächeren, dem Hilflosen entsprachen. Zu diesen Teilaspekten zählen: „Gewalt in homosexuellen Beziehungen“, sexueller Missbrauch von Jungen, „Gewalt gegen Eltern“ und „Gewalt gegen Männer“, die allesamt von dem größten Teil der Öffentlichkeit als „Scheinthemen“ 12 abgetan wurden. Zu Unrecht, wie erste Stimmen der wissenschaftlichen Forschung und Theorie reklamierten, da „Gewalt in den oben beschriebenen Formen meistens in allen familiären Subbeziehungen gemeinsam auftritt und sich die einzelnen Formen oft wechselseitig bedingen, weshalb zum Verstehen ihrer Ursachen keine Form isoliert betrachtet werden kann. “ 13
7 Vgl. Schneider, Ursula: Gewalt in der Familie; in: Schwind, Hans- Dieter, Baumann, Jürgen u.a.(Hg.): Ursachen,
Prävention und Kontrolle von Gewalt, Band 3, Berlin 1990, S. 522.
8 Erin Pizzey, Leiterin dieses Frauenhauses, veröffentlichte ihre Einblicke in die Situationen der Frauen unter dem Titel:
Scream silently or the neighbours will hear.
9 Vgl. Kap. 3.1.
10 Verwiesen sei nur auf die mannigfaltigen Ansätze der feministischen Theorie der 70er und 80er Jahre.
11 Verwiesen sei auf Gesetzesänderungen , „Quotenfrauen“, Frauenhäuser, „Frauenforschung“, „Frauenräume“.
12 Zitat: Gemünden, Jürgen: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften, Marburg 1996; S. 4.
13 Zitat: Gemünden, Jürgen: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften, Marburg 1996, S. 5;
Gemünden bezieht sich auf drei verschiedene Quellen bereits aus den 80er Jahren.
Gewalt durch Frauen
Eine heftig geführte Diskussion zum Thema „Gewalt gegen Männern“ entspann sich erst Ende der 70er Jahre nach der Veröffentlichung eines Aufsatzes der amerikanischen Soziologin Suzanne Steinmetz unter dem bezeichnenden Titel „The battered husband syndrome“ 14 . Die damals von Steinmetz bzw. ihren Kritikern bezogenen Positionen, in Massenmedien und politischen Gremien diskutiert, bestimmen bis heute weitgehend die kontroversen Sichtweisen des Themas und sollen deshalb im Folgenden skizziert werden.
2.1.1 Suzanne Steinmetz und „The battered husband“
Suzanne Steinmetz führte u.a. die weltweit erste repräsentative Untersuchung über Gewalt in der Familie im Auftrag des National Institut of Mental Health (NIMH) durch. 15 Gewalt wurde mit der sogenannten „Conflict Tactics Scale“ in Form eines Katalogs konkreter Ereignisse, der vom Drohen mit Gewalt über Werfen, Kratzen, Boxen bis zum Einsatz tödlicher Waffen reichte, abgefragt. 16 Dass Männer und Frauen etwa gleiche Raten so gemessener Gewalttätigkeit erreichten, überraschte Forscher und Öffentlichkeit, stand es doch in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen und insbesondere von Feministinnen vertretenen Auffassung, es gäbe in ehelichen Beziehung grundsätzlich nur Gewalt gegen Frauen. Damit war die Existenz von Gewalt gegen Männer durch empirische Untersuchungen belegt und verlangte nach einer Ursachenforschung analog zur bereits bestehenden „Frauenforschung“. 17 Nach den Untersuchungen und Veröffentlichungen warf Steinmetz der Forschung und Öffentlichkeit nicht mehr Unwissenheit, sondern „ selektive Nicht-Wahrnehmung“ vor, denn, „is husband battering really an unknown phenomenon, or just an other example of selective inattention?" 18 Steinmetz fand folgende Gründe, warum Gewalt von Frauen an Männern bislang kein Forschungsthema und kein Thema für die Medien waren: 19 Einerseits werden Frauen schwerer verletzt als Männer, was „Gewalt gegen Frauen“ sichtbarer m acht, andererseits
14 Steinmetz, Suzanne: The battered husband syndrome; victimology 2, 1977-78, S. 499-509.
15 Die ersten wissenschaftlichen Daten zu häuslicher Gewalt von dem Forscherteam um die amerikanischen Soziologen
Murray Straus, Suzanne Steinmetz und Richard Gelles wurden später vollständig in dem Buch “Behind closed doors”
veröffentlicht (Straus et al 1980) vgl. Gemünden, Jürgen: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intim-
partnerschaften, Marburg 1996; S. 11 ff.
16 Zur CTS vgl. ebenda, Kap. 3.1, als Datenquellen dienten Dunkelfelduntersuchungen bzw. Familienkonflikt-
untersuchungen, wie Straus et al sie nennen, sowie Daten von Tötungs- und Körperverletzungsdelikten, Polizeinotrufen
und Befragungen von Scheidungskandidaten.
17 Explizit betont wird von Steinmetz die Vergleichbarkeit von „Gewalt von Frauen“ und „Gewalt von Männern“, die,
zumindest für eine soziologische Analyse der Thematik gleichsam als Prämisse vorausgesetzt werden muss.
18 Vgl. Steinmetz, Suzanne: The battered husband syndrome; victimology 2, 1977-78, S. 499: mit dem Begriff der
„selektiven Nichtwahrnehmung“ stellte sie Forschung und Öffentlichkeit sowohl Wille als auch Fähigkeit, die
Problematik überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn den Status des „Sozialen“ zuzugestehen und dem-
entsprechend zu reagieren, in Frage.
19 Vgl. ebenda, S. 504 f.
Arbeit zitieren:
Joachim Klenk, 2004, Gewalt durch Frauen oder hat Gewalt ein Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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