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Inhaltsangabe
1. Vorwort 3
2. Die Anomietheorie nach Robert K Merton 4
2.1 Die Ausgangssituation 4
2.2 Das begrifflich-theoretische Gerüst 5
2.3 Anomie Ein eindeutiger Begriff 7
2.4 Die Typologie der Arten individueller Anpassung 9
2.5 Innovation Der kreativer Verbrecher 11
2.6 Die amerikanische Gesellschaft Do it yourself 13
2.7 Robert K Merton Ein Schlussplädoyer 16
3. Eine Kritische Würdigung 17
3.1 Theoretische Überlegungen zur Theorie 17
3.2 Das Verhältnis von Theorie und Realität 18
4.Schlusswort 20
5. Literaturangaben 22
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1. Vorwort
In der Presse und anderen Medien wird häufig der Verfall von Werten und Normen beklagt. Das Fehlen von gemeinsamen Normen und Wertvorstellungen liefert dabei eine Erklärungsmöglichkeit für abweichendes bzw. kriminelles Verhalten, welche besonders i m Zusammenhang mit Jugendlichen (die im Allgemeinen unter einem kritischeren Auge stehen) in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
Die Soziologie kennt für dieses gesellschaftliche Phänomen den Begriff der Anomie, welcher erstmals bei Emile Durkheim auftritt und den man „vorläufig als Regellosigkeit oder Normlosigkeit fassen kann“ (Lamnek 2001, S.108). Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton hat seine Anomietheorie 1938 im Kapitel „Sozialstruktur und Anomie“ seiner Aufsatzsammlung „Social Theory and Social Strukture“ veröffentlicht. Da diese Theorie breit rezipiert und diskutiert wurde, folgten weitere modifizierte Ausgaben in den Jahren 1957 und 1968. Die vorliegende Arbeit stützt sich vornehmlich auf die Edition von 1957. Merton nimmt in der Traditionslinie der Anomietheorie, welche bei Durkheim beginnt und in zahlreichen Nachfolgern und Kritikern wie Cloward, Opp (u.a.) noch viele Modifikationen erfährt, eine zentrale Stellung ein.
Zielsetzung dieser Arbeit ist es nun zu klären, was Merton unter Anomie versteht, welche ja zunächst vereinfacht als „Normlosigkeit“ aufgefasst werden kann (vgl. oben), wenn er gleichzeitig behauptet: „In keiner Gesellschaft fehlen Normen, die das Verhalten regeln“ (Merton 1968, S.289). In einem ersten Schritt soll daher seine Theorie abweichenden Verhaltens dargestellt werden. Sodann folgt eine kritische Würdigung seiner Theorie. Abschließend wird untersucht, inwiefern dieser theoretische Ansatz brauchbare Erkenntnisse im Bezug auf die oben angeführte öffentliche Diskussion über Ursachen abweichenden Verhaltens liefert.
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2. Die Anomietheorie nach Robert K. Merton
2.1 Die Ausgangssituation
Die Anomietheorie von Merton ist eine makrosoziologische Theorie. Merton orientiert sich (er war selbst Schüler des Systemtheoretikers Parson) an der Schule des Funktionalismus. Somit sieht er abweichendes Verhalten ebenso als Produkt der Sozialstruktur wie konformes Verhalten (Merton 1968, S.283). Zudem wendet sich sein Ansatz gegen die psychologischen Ansätze Sigmund Freuds 1 . Die psychologische Sichtweise wird dabei nicht (!) gänzlich verbannt, denn Merton deutet zu Beginn seiner Überlegungen an:
„Welche Rolle die biologischen Triebe auch immer spielen mögen, es bleibt die Frage zu beantworten: Warum schwankt die Häufigkeit abweichenden Verhaltens in verschiedenen Sozialstrukturen und warum haben die Abweichungen verschiedene Formen und Muster in verschiedenen Sozialstrukturen?“ (ebd. S.285)
Er will vielmehr zeigen, dass aus soziologischer Sicht einige Formen abweichenden Verhaltens als normale Reaktion auf die jeweilige soziale Situation anzusehen sind. Wenn dies gezeigt werden kann, „wird aber auch die Gleichstellung von Abweichen und psychischer Abnormalität fragwürdig“ (ebd. S.286).
Bevor nun dargestellt werden soll, „auf welche Weise einige sozialstrukturelle Gegebenheiten bestimmte Personen in einer Gesellschaft einem Druck aussetzen, sich eher abweichend als konform zu verhalten“ (ebd. S.285-286), sei noch auf die Mertonschen Formulierungen „eher“ und „Häufigkeit“ hingewiesen. Es geht ihm also nicht um kausal eindeutige Zusammenhänge, sondern um Wahrscheinlichkeiten bzw. Tendenzen. Für die abschließende Bewertung ist es mit Sicherheit nicht unerheblich, ein gewisses Feingespür für die vorsichtige Formulierungsweise zu entwickeln, mit denen Merton seine Thesen expliziert.
1 S. Freud geht davon aus, dass abweichendes Verhalten, dadurch erzeugt wird, dass die Gesellschaft die biologischen Triebe des Menschen unterdrück und diese sich unter gegebenen Umständen Freiheit verschaffen (vgl. Merton 1968, S.283).
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2.2 Das begrifflich-theoretische Gerüst
Um den erwähnten „sozialen Druck“ der Gesellschaft zu verstehen, ist es nötig Mertons theoretisches Bild der Gesellschaft darzustellen. Er unterscheidet zunächst innerhalb der Gesellschaft zwischen der kulturellen Struktur und der sozialen Struktur. Seine Definition der Begriffe lautet:
„Die kulturelle Struktur können wir etwa definieren als den Komplex gemeinsamer Wertvorstellungen, die das Verhalten der Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft oder Gruppe regeln. Und mit sozialer Struktur ist der Komplex sozialer Beziehungen gemeint, in die die Mitglieder der Gesellschaft oder Gruppe unterschiedlich einbezogen sind.“ (Merton 1968, S.292)
Innerhalb der kulturellen Struktur unterscheidet er nun zwei analytisch voneinander getrennte, in der jeweiligen Situation jedoch unmittelbar miteinander verbundene Elemente (ebd. S.286) Das erste Element sind die kulturellen Ziele, welche die legitimen Zielsetzungen einer Gesellschaft repräsentieren. Sie stehen in einer Wertehierarchie und „lösen sehr unterschiedliche Empfindungen aus “ (ebd. S.286-287).
Das zweite Element sind die regulativen Normen, welche aus der Vielzahl der möglichen Mittel zur Erreichung der kulturellen Ziele diejenigen eingrenzen, welche als legitim erachtet werden. Später werden diese auch als institutionalisierte Mittel bezeichnet.
Zwischen den Zielen und Mitteln besteht nun eine besondere Beziehung. Zum einen sollen die Mittel effizient auf die Ziele ausgerichtet sein, jedoch nicht im Sinne rein technischer Effizienz, „weil das Kriterium für Erwünschtes eben nicht technische Effizienz ist, sondern wertgeladene Empfindung 2 “ (ebd. S.287).
Das Entscheidende dabei ist jedoch, dass innerhalb einer Gesellschaft der kulturelle Nachdruck auf die Ziele unabhängig (!) vom Nachdruck auf die institutionalisierten Mittel variiert (ebd. S.287-288).
Mit Hilfe dieser Überlegungen kann man sich nun verschiedene Typen von Gesellschaften vorstellen. Wenn die Betonung der Mittel die der Ziele übersteigt, finden wir eine Gesellschaft vor, in der die „Aktivitäten zum Selbstzweck geworden 2 Diese Empfindung wird nach Merton von den meisten (!) Gruppenmitgliedern geteilt, bzw. durch Macht oder Propaganda durchgesetzt (Merton 1968, S.287). Die wage Formulierung „meisten“ deutet auf ein Problem hin, dass später noch zu erläutern sein wird, nämlich dann wenn von der „Gruppenspezifischen Assilimierung der Erfolgswerte“ die Rede ist. Vgl. hierzu: Merton 1995, S.163-168
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sind“ ( Merton 1968, S.288). Sie wäre zwar stabil, aber unflexibel. Hält sich der Nachdruck auf Mittel und Ziele in etwa die Waage, so spricht Merton von integrierten Gesellschaften. Da sich um die Verteilung von Gütern und Positionen in einer Gesellschaft ein stetiger Wettbewerb ergibt, muss in einer integrierten Gesellschaft sowohl die Teilnahme am Wettbewerb, als auch das Erreichen der Ziele Befriedigung verschaffen. Nötigenfalls muss Versagen im Wettbewerb, das durch normkonformes Handeln entstand, durch institutionelle Belohnung kompensiert werden ( ebd. S.288-289).
Werden in einer Gesellschaft jedoch die Ziele übermäßig stärker mit emotionaler Energie besetzt, als die institutionalisierten Mittel, so steht die Gesellschaft vor einem Problem, denn: „Durch solch unterschiedliche Betonung von Ziel und institutionellem Mittel kann letzteres so abgewertet werden, dass das Verhalten sich ausschließlich nach effizienten Maßstäben 3 richtet“ (ebd. S.289). Genau diese reine technische Effizienz ist aber zuvor als unerwünscht dargestellt worden.
Merton folgert nun daraus: „Wenn dieser Aufweichungsprozess sich fortsetzt, wird die Gesellschaft instabil und es entwickelt sich das, was Durkheim Anomie (oder Normlosigkeit) nannte“ (ebd. S.290).
Dies ist die Stelle an welcher Merton erstmals den Begriff der Anomie einführt. Im folgenden soll dieses Phänomen noch genauer beleuchtet werden.
3 Dieser Prozess wird plastisch am Beispiel Sport verdeutlicht. Wird beispielsweise bei einem Fußballspiel das Ziel des Erfolgs übermäßig stark betont, so kommt es unausweichlich (natürlich erst ab einem gewissen Grad) zu Aufweichung der Spielregeln und damit des fair-play.
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Stefan Dettl, 2003, Die Anomietheorie von Robert K. Merton - Eine normenlose Gesellschaft?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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