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Einleitung
1984 beschäftigte sich in Kiel innerhalb des 9. Kongresses der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“ eine Arbeitsgemeinschaft im Rahmen der Kantrezeption mit dem derzeitigen Verhältnis von Pädagogik und praktischer Philosophie. Professor Dr. Rudolf Schottländer referierte über das Thema „Tugendpragmatik statt Pflichtenrigorismus“. 1 Dabei macht er einen Exkurs zu Werken von Spinoza, Nicolai Hartmann, Josef Pieper und Kant, die in der Geschichte philosophische Versuche unternommen haben, den Tugendbegriff in seinen Grundlagen zu erfassen und zu erklären.
Zuerst stellt er die menschliche Seite der Tugend in den Vordergrund, um zur Definition der ethischen Tugend zu gelangen. Dann nimmt er zur Tugend der Gerechtigkeit Stellung. Über den Begriff „Eukairia“ gelangt Schottlaender schließlich zum kategorischen Imperativ Kants und zur ethischen Verantwortung jedes Einzelnen, wobei das sittliche Verhalten darauf bedacht sein sollte, die rechte Mitte zu treffen. Die Pflicht bildet bei Kant den zentralen Begriff seiner Ethik und über die Stellungnahme der Tugend zur Pflicht gelangt Schottlaender zum kantischen Apriorismus. Am Schluß entfernt sich Schottlaender von der Erkenntnis a priori und erläutert seine Auffassung vom sittlich Guten.
Rudolf Schottlaender (1900 - 1988) studierte Philosophie und Philologie in Berlin, Marburg, Freiburg und Heidelberg, wo er 1923 zum Dr. phil. Promoviert wurde, und war dann bis 1933 als Übersetzer und Publizist tätig. Während des „Dritten Reiches“ war der aus einer jüdischen Familie stammende Privatlehrer, dann Krankenpfleger und Arbeiter in einer Munitionsfabrik. 1947 - 49 lehrte er als Prof. der Philosophie an der TH Dresden und übersiedelte nach Konflikten mit der SED nach Westberlin. Bis 1959 war er hier Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch, gehörte 1951 zu den Gründern des Wochenblatts „SOS-Zeitung für weltweite Verständigung“ und wurde 1959 wegen seines Auftretens gegen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung aus dem Schuldienst entlassen. 1960 ging er nach Ostberlin und war bis zu seiner Emeritierung 1965 Ordinarius für klassische Philologie an der Humboldt-Universität. 1986 erschienen seine Erinnerungen „Trotz allem ein Deutscher. Mein Lebensweg seit Jahrhundertbeginn.“ 2
1 Vgl. Pleines, J.-E., Kant und die Pädagogik, Würzburg 1985, S.7.
2 Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), hrsg. von Walther Killy und Rudolf Vierhaus, Band 9 Schmidt- Theyer, München 1998.
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Inhalt
1. Begriffsbestimmung: Tugend
2. Definition der ethischen Tugend
2.1. Affekte
3. Gerechtigkeit
4. Eukaira
4.1. Imperativ
4.2. Die rechte Mitte
5. Pflicht
5.1. Einstellung
6. Der Kantische Apriorismus
7. Schottländers Auffassung vom sittlich Guten
Fazit
Literaturverzeichnis
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1. Begriffsbestimmung: Tugend
Rudolf Schottländer geht es in seiner Auseinandersetzung zwischen „Tugendpragmatik und Pflichtenrigorismus“ um eine Tugend, die zwei Aufgaben miteinander verknüpft: Zum einen soll eine philosophische Grundlage der Tugend geschaffen werden, zum anderen soll diese Lehre dazu beitragen, den Menschen tugendhaft erziehen zu können. 3 Er beginnt seinen Aufsatz mit der These, „daß die Tugend etwas allgemein Menschliches ist“ 4 und erläutert seine Auffassung ausführlich, um eine allgemein gültige tugendhafte Grundeinstellung aufzubauen. Dabei grenzt er sich von neuen Thesen ab, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgekommen sind.
Zuerst weist er ausdrücklich darauf hin, daß er nicht die christlichen Kardinaltugenden Glaube, Liebe, Hoffnung anspricht, da zum einen nicht jeder Mensch Christ ist, aber trotzdem seiner Ansicht nach jeder dazu befähigt ist, ein tugendhaftes Leben zu führen. Dagegen ist Thomas von Aquin stets bestrebt, die Sittengebote im Licht der Heilsgeschichte Gottes zu betrachten und sie mit der Ethik der Nichtglaubenden zu vergleichen. Für Thomas von Aquin ist die >Caritas<, die notwendige Basis für das tugendhafte Leben, weil alle Menschen nehmen an der göttlichen Vorsehung teil und haben denselben Logos und denselben inneren göttlichen Instinkt in sich, so daß auch Nichtchristen zum sittlichen Bewußtsein fähig sind. 5 Für Thomas von Aquin gibt es nur eine Moral, die Bewegung zu Gott hin. Im Johanneskommentar sieht er Christus als das Licht jedes Menschen - nicht nur des Christen. Dieses Licht wird auch > lumen gratia < genannt, und er geht davon aus, daß der Logos alle Menschen dieser Welt insgesamt erleuchtet. 6
Der antike griechische Tugendbegriff areté bildet die Basis bei Rudolf Schottlaender, denn daraus ist die schwierige Aufgabe einer exakten Begriffsbestimmung erwachsen. Kennzeichnet der Begriff zuerst vor allem körperliche Tüchtigkeit, so wandelte er sich im Laufe der Jahre. Über die Stammverwandtschaft zu aristos (der Beste) führt er zum areté-Begriff als allgemein menschliches Bestverhalten. 7 Das deutsche Wort Tugend kommt von taugen (brauchbar sein), das lateinische:virtus von vir, der Mann und das griechische: ??et? = gefallen, von fügen, zusammenfügen.
Im nächsten Schritt wird Otto Friedrich Bollnow (1903 - 199) von Schottlaender kritisiert, weil er Vertrauen zu den Tugenden rechnet. Wie bereits in seiner „Theorie des Vertrauens“ untermauert er seine Feststellung; das Vertrauen keine Tugend ist, weil man nach dem Wozu? fragen muß, während sich diese Frage bei der Tapferkeit erübrigt. 8 Vertrauen kann also für Schottlaender negativ als auch positiv sein, aber Tugenden sind immer mit dem Bestverhalten in Verbindung zu setzen. Dagegen spricht die Heilige Schrift in dem Brief an die Hebräer eindeutig dafür sein Vertrauen in das Erlösungswerk Gottes zu setzen: „Darum werft euer Vertrauen nicht weg.“ 9
Als nächstes bemängelt Schottlaender bei Nicolai Hartmann, daß er seiner Tugendlehre keinen pädagogischen Halt gibt. Der zweite Teil der „Ethik“ von Nicolai Hartmann (1882-1950) steht unter dem Gesichtspunkt „Das Reich der ethischen Werte“. Im V. Abschnitt spricht er „Spezielle sittliche Werte“ (erste Gruppe) an. Das 43. Kapitel handelt „Von den Tugenden überhaupt. Hartmann meint, daß eine Tugendlehre nicht angemessen ist, „denn niemand wird durch Belehrung gut“, sonder man erreicht dadurch eine „Trivialisierung des
3 Schottlaender, Rudlof, Kant und die Pädagogik, Würzburg 1985, S. 55.
4 Ebd. S. 55.
5 Bénézet, Bujo, Moralautonomie und Normenfindung bei Thomas von Aquin, München 1979, S. 259.
6 Ebd. S. 331.
7 Schottlaender, Rudlof, Kant und die Pädagogik, Würzburg 1985, S. 55.
8 Vgl. Schottlaender, Rudolf, Theorie des Vertrauens, Berlin 1957, S.7.
9 Hebräer 10, 35.
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Höchsten und Ernstesten, als dasjenige, was selbst die „Moral“ und „Tugend“ zu etwas Langweiligem und halb Lächerlichen herabgewürdigt hat. Die Ethik hat nicht zu „moralisieren“. 10
Da Schottlaender an seine Tugendlehre den Anspruch entwickelt hat, daß sie auch im täglichen Leben greifen kann, ist die Abgrenzung zu Hartmann nachvollziehbar. Auch die Ansicht Josef Piepers (1904-1997) die Klugheit an erste Stelle zu setzen, teilt Schottlaender nicht. Hier sei kurz erwähnt, wie Josef Pieper zu dieser These gelangt. Ausgehend von Thomas von Aquin, der die sieben Tugenden eines Christen beschreibt, wozu er die vier Kardinaltugenden der Philosophie: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maßhaltung durch die drei theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe ergänzt, verwendet Josef Pieper diesen Ansatz als Ausgangspunkt für seine Tugendlehre. In dieser Wirklichkeit liegt für Pieper das Fundament, weil „die Verwirklichung des Guten das Wissen um die Wirklichkeit voraussetzt“. 11
Der Tugendbegriff ist aber in der philosophischen Ethik mehr als in der theologischen Ethik, da in der Theologie, der Glaube an Gott den Anfang hat: „...ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen.“ 12 So ist der Tugendbegriff in der philosophischen Ethik mehr das Kernstück der moralischen Betrachtung, weil die philosophische Betrachtung liegt im gegenwärtigen Bereich des Lebens, während die theologische Ethik den Blick auf den Willen Gottes richtet, weil das sittliche Handeln findet seine Richtigkeit in der Bewahrung der geistigen Unversehrtheit, die das schönste und höchste Geschenk Gottes an sein Geschöpf bedeutet. Die menschliche Vernunft, die Klugheit, darf dem Zorn nicht unterliegen. 13
2. Definition der ethischen Tugend
Klar grenzt sich Schottlaender von diesen Auffassungen ab, denn Schottlaender verzerrt den herkömmlichen Tugendbegriff, wenn er behauptet: „Tugend ist eine allgemein- menschliche Best- Einstellung, die einerseits Affekte korrigiert, andererseits zu Pflichten disponiert.“ 14 Schottlaender möchte einen zeitgemäßen Tugendbegriff erstellen, der auch umgesetzt werden kann. Dazu greift er auf bewährte Philosophen zurück, ohne auf die Wurzeln der abendländischen Kultur zu achten, die ihren Ursprung im Christentum hat. Der Begriff „Affekte“ ist in Anlehnung an den Philosophen Benedictus Spinoza (1632-1677) gewählt worden. Daher ist dieser Begriff bei Spinoza näher zu betrachten. Spinoza, der in seinem Hauptwerk Ethica (erschienen 1677), seine ethische Erkenntnis in „Propositio“ erläutert, in „Demonstratio“ mit dem beweissicherndem Zeichen Q. E. D. festigt und gelegentlich „Corollarium2 und „Scholium“ anfügt, schreibt in seinem 3. und 4. Buch „Ethik“ über Elementaraffekte. In diesen Elementaraffekten erkennt Rudolf Schottländer Elementartugenden. 15 Da Spinoza sein Werk in lateinischer Sprache geschrieben hat, greife ich an den wichtigsten Stellen seinen Wortlaut auf. Im übrigen zitiere ich aus der vorliegenden Übersetzung.
10 Hartmann, Nicolai, Ethik, Berlin 1962, S. 418.
11 Pieper, Josef, Kleines Lesebuch von den Tugenden des menschlichen Herzens, München 1957, S. 21.
12 Hebräer 11, 6.
13 Bénézet, Bujo, Moralautonomie und Normenfindung bei Thomas von Aquin, München 1979, S. 122 f.
14 Schottlaender, Rudolf, Kant und die Pädagogik, Würzburg 1985, S. 56.
15 Schottlaender, Rudolf, Kant und die Pädagogik, Würzburg 1985, S. 56.
Arbeit zitieren:
Karoline Kmetetz-Becker, 1998, Zu Rudolf Schottlaenders "Kant: Kritik der praktischen Vernunft - Tugendpragmatik statt Pflichtenrigorismus", München, GRIN Verlag GmbH
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Zur Rechtfertigung von Strafe bei Immanuel Kant
(Grundlegung zur Metaphysik de...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
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