Einleitung
1. Theoretische Annäherung an den Begriff des Vertrauens
1.1. Annäherung an den Begriff des Vertrauens S.2
1.2. Das problematische Verhältnis des Vertrauens zur Ze it S.2 - 3
1.3. Personelles Vertrauen - Systemvertrauen S.3 - 4
1.4. Der darstellungsgebundene Charakter des Vertrauens S.4 - 5
1.5. Symbolische Kontrolle des Vertrauens S.5 - 6
1.6. Vertrauenskonzepte der Überzeugung und der gemeinsamen Werte S.6 - 7
1.7. Vertrauenskonzepte der Anerkennung und der Erfahrung S.7 - 8
2. Die Agenda 2010 und ihre vertrauensunterminierende Wirkung
2.1. Deutschland - Eine komparative Marktwirtschaft
2.1.1 Korporative und liberale Marktwirtschaften S. 9 - 10 2.1.2 Der Rheinische Kapitalismus S.10 2.1.3 Kulturkampf S.10 - 12
2.2. Die Agenda 2010 - Reaktion auf die Wirtschaftskrise
2.2.1. Die Reformmaßnahmen der Agenda 2010 S.13 2.2.1.1. Arbeit und Wachstum S.13
2.2.1.2. Bildung, Ausbildung und Innovation S.14
2.2.2.3. Modernisierung von Arbeitsmarkt und Arbeitsvermittlung S.15
2.2.2.4 Zukunftssicherung der sozialen Sicherungssysteme S.16 - 17
2.3. Analyse der Agenda 2010 aus vertrauensrelevanter Perspektive
2.3.1. Die Agenda 2010, eine vertrauensunterminierende Reform S.17 - 18
2.3.2 Analyse der Reform der sozialen Sicherungssysteme aus vertrauensrelevanter Perspektive
2.3.2.1 Reform der Arbeitslosenunterstützung S.19 - 20 2.3.2.2 Rentenversicherung S.20 - 21 2.3.2.3. Krankenversicherung S.21 - 22
Fazit S. 23 - 24
Literaturliste
1
Einleitung
Bereits wenige Wochen nach dem knappen Wahlsieg der Rot - Grünen Koalition bei den Bundestagswahlen im September 2002 geriet die SPD in ein, sich in den Umfragen immer nachdrücklicher abzeichnendes Abwärtstief 1 und verharrt zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit laut einer Projektion des ZDF - Deutschlandtrends bei lediglich 23 % der potentiell abgegebenen Stimmen 2 . Eine der Hauptursachen dieses nachhaltigen Vertrauenverlusts der SPD ist, meines Erachtens, in der überstür zten Verabschiedung der Agenda 2010 und den, mit ihr verbundenen, unpopulären Reformmaßnahmen zu erblicken. Im Rahmen dieser Kernseminararbeit werde ich das Reformkonzept der Agenda 2010 einer kritischen Analyse unter vertrauensrelevanten Gesichtspunkten unterziehen. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit werde ich mich allerdings vorwiegend auf eine Untersuchung jener Reformanstrengungen der Agenda 2010 beschränken, die eine für eine Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme.
Im ersten Kapitel der Hausarbeit werde ich zunächst, insbesondere mit Hilfe des Vertrauenskonzepts von Niklas Luhmann 3 , eine theoretische Annäherung an den Vertrauensbegriff vornehmen und verschiedene, insbesondere in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand interessante Theorieansätzen zur Vertrauensthematik vorstellen. Das zweite Kapitel der Arbeit widmet sich dem Reformprojekt „Agenda 2010“. Bevor ich die die zentralen Grundzüge der sozialdemokratischen Reformanstrengung erläutern werde, erscheint es mir sinnvoll, zunächst auf die, für eine vertrauenstheoretische Analyse der Agenda 2010, wichtigen Eigenheiten des korporativen Charakters des deutschen
Produktionsregimes einzugehen. Mit einer vertrauenstheoretischen Analyse des Inhalts der Agenda 2010 und des Zeitpunkts der Verabschiedung des Reformprogramms , vor allem den Maßnahmen zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme werde ich Kapitel 2 beschließen. Im Schlussteil der Arbeit, dem Fazit, werde ich die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammenfassen. Zudem werde ich kurz skizzieren, welche Ansätze, meines Erachtens, am ehesten geeignet wären, um die großen sozialstaatlichen Herausforderungen der Zukunft erfolgversprechend anzugehen.
1 Vgl. ZDF - Politbarometer, im Internet: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/13/0,1872,1020877,00.html
2 Ebd.
3 Vgl. Luhmann, Niklas 1968
Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S.7 - 29.
2
1. Theoretische Annäherung an den Begriff des Vertrauens
1.1. Annäherung an den Begriff des Vertrauens
Ob in der Polit - Talkshow, dem Leitartikel der Tageszeitung, der Wahlkampfveranstaltung oder in soziologischen Fachzeitschriften, „die Rede von Vertrauen ist allgegenwärtig.“ 4 Und doch scheint das Interesse an Vertrauen „ weit mehr als eine sozialwissenschaftliche Modeerscheinung“ 5 zu sein. So war es bereits einer der Gründerväter der modernen Soziologie, Georg Simmel, der sich „mit dem Vertrauen, seinen sozialen Voraussetzungen und Folgen“ 6 beschäftigte. Simmel erkannte im Vertrauen „eine der wichtigsten synthetischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft“ - eine Art sozialer Kitt, der Bindungen konstituiert und ermöglicht, die für das Funktionieren kooperativer sozialer Beziehungen lebensnotwendig sind.“ 7 Beim Vertrauen handele es sich um „eine unverzichtbare Ressource gerade moderner Gesellschaften“ 8 , was sich leicht Beispiel der „moderne n Kreditwirtschaft aber auch dem Wissenschaftsbetrieb“ 9 zeigen lasse.
1.2. Das problematische Verhältnis des Vertrauens zur Zeit
Andererseits ist aber auch zu konstatieren, dass Vertrauen „empirisch kaum fassbar“ 10 ist, denn es wird „eigentlich erst dort sichtbar, wo es fehlt.“ 11 Zudem erweist sich ein überaus „problematisches Verhältnis zur Zeit“ 12 . Schon Simmel erblickte im Vertrauen „die Hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen“ 13 und auch Niklas Luhmann kam zu einer ähnlichen Einschätzung: „Wer Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg. Er handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre.“ 14 Weil eine ungewisse Zukunft aber weit mehr Möglichkeiten enthält, „als in der Gegenwart aktualisiert
4 Frevert, Ute 2002 Vertrauen in historischer Perspektive
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.39
5 Schmalz - Bruns, Rainer 2002
Vertrauen in Vertrauen ? Ein konzeptueller Aufriss des Verhältnisses von Politik und Vertrauen, In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.9
6 Frevert, Ute 2002 Vertrauen in historischer Perspektive
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.40
7 Ebd, S.40
8 Ebd, S.40
9 Ebd, S.40
10 Ebd, S.46
11 Ebd, S.46
12 Luhmann, Niklas 1968
Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S.7
13 Simmel, Georg 1992
Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908), Frankfurt am Main , S. 393
14 Luhmann, Niklas 1968
Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S.7
3
und damit in die Vergangenheit überführt werden“ 15 kann, überfordert sie, so Luhmann, „das Vergegenwärtigungspotential des Menschen“ 16 Deshalb muss der Vertrauende „seine Zukunft laufend auf das Mass seiner Gegenwart zurückschneiden, Komplexität reduzieren“ 17 . So kommt es in der Realitätskonstruktion des Vertrauenden zu einem „Komplexitätsgefälle zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen Welt und Intention, zwischen „außen“ und „innen“.“ 18 : Der Vertrauende setzt „ innere Sicherheit an die Stelle äußerer Sicherheit“ 19 und leistet insofern eine „riskante Vorleistung“ 20 .Denn schließlich bezieht sich sein Vertrauen „ [...] stets auf eine kritische Alternative, in der der Schaden beim Vertrauensbruch größer sein, kann als der Vorteil, der aus dem Vertrauenserweis gezogen wird.“ 21 . Hier erblickt Luhmann die Funktion des Vertrauens: Es stärkt „die Gegenwart in ihrem Potential, Komplexität zu erfassen und zu reduzieren“ 22 und erschließt „Handlungsmöglichkeiten, die ohne Vertrauen unwahrscheinlich oder unattraktiv geblieben, also nicht zum Zuge gekommen wären.“ 23 Der Vertrauende neutralisiert insofern „gewisse Gefahren, die nicht ausgeräumt werden können, die aber das Handeln nicht irritieren sollen.“ 24
1.3. Personelles Vertrauen - Systemvertrauen
Gerade in Hinblick a uf eine komplexe Moderne, so Luhmann, muss es deshalb darauf ankommen, „in Prozessen intersubjektiver Kommunikation Systeme zu stabilisieren, die mehr Komplexität der Welt erfassen und reduzieren können und sein Vertrauen auf das Funktionieren dieser Systeme zu setzen. “ 25 Denn das Vertrauen wandele sich zunehmend „in ein Systemvertrauen neuer Art, das einen bewußt riskierten Verzicht auf mögliche weitere Information, sowie bewährte Indifferenzen und laufende Erfolgskontrolle“ 26 impliziert. Nicht zuletzt weil der moderne M ensch „unter Bedingungen einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft [...] immer weniger über immer mehr andere“ 27 weiß, werden die personalen Vertrauensbeziehungen der Vormoderne nämlich „zunehmend ergänzt durch das
15 Ebd, S.10
16 Ebd, S.10
17 Ebd, S.10
18 Ebd, S.24
19 Ebd, S.25
20 Ebd, S.21
21 Ebd, S.22
22 Ebd, S.13
23 Ebd, S.23
24 Ebd, S.23
25 Ebd, S.20
26 Ebd, S.20
27 Hartmann, Martin 2002 Vertrauen als demokratische Erfahrung
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.87
4
Vertrauen in Institutionen (den R echtsstaat, die Polizei etc.).“ 28 Deshalb ist es für das Individuum zunehmend notwendig, vermittelnde Instanzen aufzusuchen, „die wiederum so vertrauenswürdig sind oder sein sollten, dass man sie mit Blick auf die Informationen oder Kenntnisse, die sie über andere besitzen, mit denen man in ein Vertrauensverhältnis eintreten will, für glaubwürdig hält.“ 29
Damit derart abstrakten Systemen überhaupt so etwas wie Vertrauen entgegengebracht werden kann, schaffen sie, „Zugangspunkte, an dem die Vertrauenswürdigkeit des ganzen Systems stellvertretend greifbar sein soll.“ 30 So lässt sich etwa „ein interpersonelles oder in den Worten von Giddens, ein „gesichtsabhängiges“ Vertrauen für ein Vertrauen“ 31 nutzen, das Unbekannten gilt. Nicht ohne Grund sind etliche sogenannter Sympathieträger aus Sport und Kultur im Nebenberuf begehrte Werbeträger.
Folgt man dieser Konstruktion, so wird deutlich, „dass das Primat des interpersonellen Vertrauens auch im Rahmen der abstrakten Systeme nicht ernsthaft angetastet wird.“ 32 Allerdings bleibt fraglich „wie sich diese Ressource in Institutionen transportiert, und wie diese ihrerseits zurückwirken.“ 33
1.4. Der darstellungsgebundene Charakter des Vertrauens
Dem Wandel zu einem „Systemvertrauen neuer Art“ 34 entspricht zudem, so Luhmann, „e in Übergehen von primär emotionalen zu primär darstellungsgebundenen
Vertrauensgrundlagen.“ 35 So zeigt sich auch am politischen System der Bundesrepublik, ,,dass ich in politischen Zusammenhängen ja oftmals den Personen, denen ich vertraue, überhaupt nicht zu begegnen brauche.“ 36
28 Frevert, Ute 2002 Vertrauen in historischer Perspektive
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.42
29 Hartmann, Martin 2002 Vertrauen als demokratische Erfahrung
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.87
30 Ebd, S.88
31 Ebd, S.88
32 Ebd, S.88
33 Seubert, Sandra 2002
Wohlwollen und Vertrauen - moralische Grundlagen der Politik ?
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.127
34 Luhmann, Niklas 1968
Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S.20
35 Ebd, S.20
36 Hartmann, Martin 2002 Vertrauen als demokratische Erfahrung
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.89
5
Vielmehr stützt sich eine Kommunikation von Vertrauen immer mehr auf einer der „wichtigsten Vertrauenbanken der Hochmoderne“ 37 , auf das „System der Massenmedien, insbesondere der Echtzeitmassenmedien (Wenzel 2001)“ 38 Dies hat konseque nterweise aber zur Folge, dass Politik auch „nach Maßstäben der Unterhaltung analysierbar werden muss, dass die Selbstdarstellung und die Vertrauenswürdigkeit von Politikern zentrale Dimensionen dieser Analyse werden..“ 39 Nicht zuletzt die vor Wahlen immer häufiger grassierenden Fernsehduelle, nach denen nicht selten weniger über den Inhalt des Gesagten, als vielmehr über die Telegenität der Kandidaten reüssiert wird 40 , indizieren die Realitätskongruenz dieser Einschätzung. Folgerichtig sind politische Funktionssysteme wie die SPD auf „das „face -work“ von Systemrepräsentanten angewiesen“ 41 , das nicht zuletzt auch „über die Echtzeitmassenmedien als Vertrauenskommunikation vermittelt wird.“ 42 Denn Vertrauen richtet sich oftmals „gleichsam performativ auf die Eigenschaften von Individuen und nicht auf die Qualität von Gründen.“ 43
1.5. Symbolische Kontrolle des Vertrauens
Von großer Relevanz für die Konstitution aber auch Zerstörung von Systemvertrauen scheint auch die Art und Weise zu sein, wie es in die Umwelt rückprojiziert wird. So werden Menschen und soziale Einrichtungen, denen man vertraut, „ zu Symbolkomplexen, die besonders sstörempfindlich sind und gleichsam jedes Ereignis unter dem Gesichtspunkt der Vertrauensfrage registrieren.“ 44 Insofern besitzt „alles Geschehen eine symptomatische Relevanz. Einzelereignisse gewinnen wie Stichproben ausschlaggebende Bedeutung für das Ganze.“ 45
Deshalb kann eine einzige „Lüge [...] das gesamte Vertrauen zerstören“ 46 , denn „gerade die kleinen Missgriffe und Darstellungsfehler entlarven durch ihren Symbolwert oft mit
37 Wenzel, Harald 2002
Vertrauen und die Inegration moderner Gesellschaften
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.74
38 Ebd, S.74
39 Ebd, S.74
40 Vgl. Kleine - Brockhoff, Thomas 2004 Der rätselhafte Mr. Kerry, Die Zeit, 30/2004
41 Wenzel, Harald 2002
Vertrauen und die Inegration moderner Gesellschaften
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.74
42 Ebd, S.74
43 Schmalz - Bruns, Rainer 2002
Vertrauen in Vertrauen ? Ein konzeptueller Aufriss des Verhältnisses von Politik und Vertrauen, In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.22
44 Luhmann, Niklas 1968
Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S.27
45 Ebd, S.27
46 Ebd, S.27
6
unerbittlicher Schärfe den „wahren Charakter“. “ 47 Allerdings gefährdet oder zerstört nicht jede kritische Information das Vertrauen. Vielmehr genießt die Vertrauensperson „einen gewissen Kredit, in dessen Rahmen auch ungünstige Erfahrungen zurechtinterpretiert oder absorbiert werden können.“ 48 Vertrauen wird also, „weil die Wirklichkeit für eine reale Kontrolle zu komplex ist, mit Hilfe symbolischer Implikationen kontrolliert.“ 49 In Hinblick auf die gewonnenen Kenntnisse kommt Luhmann zu dem Schluss, „dass der Begriff des Vertrauens keineswegs eine handfeste Problemlösung angibt, die man nur ins Werk zu setzen hätte, um das Problem aus der Welt zu schaffen.“ 50 Denn Vertrauen wird „kontingent, das heißt freiwillig e rwiesen werden. Es kann daher weder verlangt noch normativ vorgeschrieben werden“ 51 : Aus dieser Perspektive erscheint Vertrauen denn eher „wie ein Geschenk, das dem Menschen zufällt.“ 52
1.6. Vertrauenskonzepte der Überzeugung und der gemeinsamen Werte Neben dem Vertrauenskonzept von Niklas Luhmann erscheinen mir für eine Analyse der Agenda 2010 aber auch andere, leider nicht immer einfach voneinander abzugrenzende, Theoriekonzepte zur Vertrauensproblematik überaus wertvoll.
So wird in der soziologischen Literatur ein Zustand des Vertrauens häufig „gleichgesetzt mit dem Vorhandensein einer Reihe von Überzeugungen, die einem Akteur Auskunft über die Handlungsmotivation eines anderen Akteurs geben.“ 53 Dieses Konzept erfordert so lediglich „den genaueren Gehalt dieser Überzeugungen auszubuchstabieren, um das Phänomen des Vertrauens von anderen kognitiven Zuständen abzugrenzen.“ 54 Allerdings unterschlägt oder unterschätzt eine derartige Konzeption „die emotionale, die moralische und die symbolische Dimension eines Vertrauensverhältnisses.“ 55 So vertritt etwa Fukuyama die Ansicht, „dass Vertrauen stets auf gemeinsamen Werten beruht und diese voraussetzt.“ 56 Für ihn ist Vertrauen “the expectation that arises within a community of regular, honest, and cooperative
47 Ebd, S.27
48 Ebd, S.28
49 Ebd, S.28
50 Ebd, S.29
51 Luhmann, Niklas 1987
Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main, SuhrkampVerlag, S.181
52 Bollnow, Otto Friedrich 1958
Wesen und Wandel der Tugenden, Frankfurt / M. , Ullstein, 1958, S.182
53 Hartmann, Martin 2002 Vertrauen als demokratische Erfahrung
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S.78
54 Ebd, S.78
55 Ebd, S.79
56 Göhler, Gerhard 2002 Stufen des politischen Vertrauens
In: Politisches Vertrauen : soziale Grundlagen reflexiver Kooperation / Rainer Schmalz-Bruns, Reinhard Zintl (Hrsg.) Baden-Baden, Nomos-Verl.-Ges., 2002, S. 230
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Magister Artium Roland Sonntag, 2004, Die SPD und das Vertrauen. Ein kritische Analyse der Agenda 2010 aus vertrauensrelevanter Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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