0 Einleitung
Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges gibt es besonders in der westlichen Welt eine bunte Fülle von jugendlichen Subkulturen, unter denen die zu untersuchenden Psychobilly lediglich eine Gruppierung darstellen. Während zeitlich parallel entstandene Subkulturen inzwischen längst wieder verschwunden sind, haben sich die Psychobilly seit über zwanzig Jahren behauptet und sind darüber hinaus zu einem international expandierten Subkulturstil gewachsen. Angesichts dieser Tatsache ist es verwunderlich, wie wenig diese Subkultur in der wissenschaftlichen Literatur erwähnt wird. Diese Arbeit gibt einen groben Überblick über die Subkultur der Psychobilly. Zuerst wird auf die Entstehung und die historischen Einflüsse dieser Musikrichtung eingegangen, des weiteren stelle ich eine repräsentative Musikgruppe vor. Danach erläutere ich die Entstehung von Subkulturen im Allgemeinen und gebe eine mögliche Antwort auf die Frage, warum Jugendliche diese Art von Jugendkulturen brauchen bzw. sich von ihnen angezogen fühlen. Diese Denkansätze beziehe ich direkt auf die von mir untersuchte Subkultur der Psychobilly. Hier gehe ich noch einmal auf die Besonderheiten dieser Subkultur und ihrer Anhänger ein. Die Arbeit endet mit Auszügen und aktuellen Beispielen dieser Subkultur.
Das eigentliche Ziel dieser Arbeit ist es, dem Leser die grobe Konstruktion der Subkultur der Psychobilly transparent zu machen und erste wissenschaftliche Interpretationsansätze und Deutungen zu geben.
1
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 1
1. Begriffsdefinition 3
1.1 Die Musikrichtung
1.1.1 Die Entstehung
1.2 Die Bandgeschichte von the Meteors
2. Jugendliche Subkultur und ihre Entstehung 8
2.1 Abweichendes Verhalten von Jugendlichen
2.1.1 Jugendliche Teilkultur
2.2 Jugendkulturen bei der Identitätsbildung
2.2.1 Die Peer Groups
2.2.2 Alltagsbewältigung mit Hilfe von Musik
2.2.3 Jugendkulturen und ihre Gefahren
2.3 Die Bedeutung von Stil
3. Die Besonderheiten der Subkultur der Psychobilly 14
3.1 Konzerte und Treffen
3.1.1 Pogo
3.1.2 Fanzines
3.2 Dress Code
3.3 Haare
3.3.1 Kleidung
3.3.2 Tätowierungen
3.4 Psychobilly im Jahre 2003
4 Fazit 21
5 Literaturverzeichnis 22
Anhang 26
2
1. Begriffsdefinition
Einleitend erläutere ich kurz, was ich mit dem Begriff Subkultur bezeichne und in welchem Zusammenhang ich diesen Begriff gebrauche. Das Bertelsmann Universal- Lexikon definiert Subkultur als „relativ eigenständige und in sich eingeschlossene Kultur einer kleineren Gruppe, die innerhalb einer Gesellschaft lebt, an deren Kultur aber nicht voll teilnimmt“. 1 Genauer erklärt der Soziologe Hans Paul Bahrdt dazu: „Von einer Subkultur sollte man nur dort sprechen, wo sich in einem Teilbereich der Gesellschaft nicht nur besondere Wert- und Normstrukturen und besondere kognitive Deutungsmuster und Ausdrucksformen herausbilden ...sondern wo der besondere Charakter der Teilstruktur dadurch geprägt ist, dass ihre Träger sich zur Abschirmung, Abwehr oder sogar zur Opposition gezwungen sehen und dies noch einmal zur Herausbildung spezieller Ausdrucksformen, Deutungsmuster, Wertvorstellungen und Normen führt“. 2 Rolf Schwendler schreibt ergänzend dazu, dass man dabei zwischen unfreiwilligen und freiwilligen Subkulturen unterscheiden muss. Demnach sind unfreiwillige Subkulturen „Randgruppen, deren Stigma von vornherein von den Normen der Gesellschaft abweicht. Sie sind von vollständiger sozialer Akzeptanz ausgeschlossen und distanzieren sich unter Umständen erst dadurch von der Kultur der Gesamtgesellschaft. Zu den unfreiwilligen Subkulturen zählen z.B. Körperbehinderte, Heimzöglinge, Obdachlose, Kriminelle usw.“. Freiwillige Subkulturen definiert er dagegen „als stigmatisierte Gruppen, die ihr Stigma auf Grund bewusster Abweichung von der Kultur der Gesamtgesellschaft auf sich genommen haben“. 3 Die Gruppe der Psychobilly zählen eindeutig zu den freiwilligen Subkulturen.
1.1 Die Musikrichtung
1.1.1 Die Entstehung
Ende der 70er Jahre gab es einer Vielzahl von Subkulturen in Europa. Die meisten davon musikalischer Herkunft wie Rockabilly, Teddy Boys, Anhänger des Glam-Rock, Mods, Psychedelics, Punks, Skinheads, um nur die Bekannteren zu nennen. 4 Besonders wild
1 Bertelsmann Universal-Lexikon, hrsg. Lexikon-Institut Bertelsmann, Gütersloh 1991, S.932 2 Bahrdt, Hans Paul, Schlüsselbegriffe der Soziologie, München 1984, S.93 3 Schwendter, Rolf: Theorie der Subkultur, Hamburg 1993, S. 137 4 vgl. Flow chart, in Ted Polhemus, Street Style – from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 136 -137
3
trat damals die englische Jugend in Erscheinung, die geprägt war durch die Rebellion, die mit der Punk-Bewegung ausgelöst wurde. 5 Es ist also nicht verwunderlich, dass auch das Phänomen Psychobilly ebenfalls seinen Ursprung in Großbritannien fand. Ted Polhemus, renommierter Autor und Trend Guru, 6 beschreibt in seinem Buch Street Style die Subkultur der Psychobilly als eine Mischung aus zwei verschiedenen Gangre - 70er Jahre britisch Punk mit amerikanischem Rockabilly der fünfziger Jahre. Verbunden durch den typischen Rhythmus Rock 'n' Roll in seiner reinsten Form. 7 Die erste wirkliche Psychoband benennt er mit the Meteors, gegründet 1980 in London. Die Band begann in einer Konstellation aus einem Rockabilly, einem Punk und einem Psychedelic Horror Enthusiasten. In kürzester Zeit schafften es the Meteors, einen subkulturellen Microkosmos um sich herum aufzubauen, dem sich immer mehr Bands anschlossen. Da the Meteors dadurch eine Sonderstellung in der Subkultur der Psychobilly besetzen, werde ich später genauer auf ihre Entstehung und ihre weitere Entwicklung eingehen. Als 1982 der Klub Food in Clarendon, Hammersmith West London, seine Tore öffnete, waren die Psychobilly mehr als nur die Anhänger einer Kultband. Hier kam das erste mal eine neue Subkultur zusammen. 8 Es gab große Konzerte mit verschiedenen Bands, die jeweils ihre ganz eigene Interpretation von dem damals sogenannten Mutant-Rockabilly hatte. So tendierten einige mehr zum Rockabilly als zum Punk Rock und umgekehrt. Zusätzlich war der Kreativität bei der Auswahl der Instrumente keine Grenzen gesetzt. Neben den klassischen Instrumenten wie Gitarre, Schlagzeug und natürlich dem Kontrabass verwendeten z.B. Bands wie King Kurt Saxophon und Trompete, Demented are Go spielte wiederum auf einer Platte mit einer elektrischen Geige und eine schottische Band sogar mit Dudelsack. Das musikalische Repertoire reichte von Rockabilly und Rock´n´Roll Klassikern bis hin zu Adaption russischer oder griechischer Volkslieder. Diese Offenheit, neuen Einflüssen gegenüber, trug vielleicht auch dazu bei, dass sich dieser Musikstil rasch in Europa, Skandinavien bis hin nach Japan verbreitete. Die Mischung aus Punk und Rockabilly zeichnete sich auch im Aussehen dieser neuen Subkultur wieder. Die ursprüngliche Tolle der Rockabilly blieb zwar erhalten, wurde aber mit Stilelementen des Punks, wie abrasierte Haarseiten und das Färben der Haare in grellen Farben, erweitert.
„People crossed the road when a psychobilly approached – multi-colourd
quiffs, bleached jeans, Dr. Martens half way up their legs and multitude of tattoos prevailed“. 9
5 http://www.drmartenss.com/Subculture_PhycoBilly.asp, 27.03.2003
6 http://www.wdr.de/tv/kultur/kultursz/promitipp/schroth.html, 25.03.2003 7 Polhemus, Ted: Street Style – from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102 8 Polhemus, Ted: Street Style – from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102 9 http://www.drmartenss.com/Subculture_PhycoBilly.asp, 27.03.2003
4
Zu berücksichtigen ist, dass die Arbeiterklasse in Großbritannien damals viel größer und dominanter war als in Deutschland. Dieser „hard time Look“ ist auch als Ausdruck der damaligen wirtschaftlichen Repression zu werten, die mit dem Ende der Wilson Ära eintrat.
Lederjacken und T-Shirts wurden mit Horror und B-Movie-Szenarien bemalt, basierend auf den dazu gehörigen Liedertexten, die von Monster, Mutanten und anderen Schreckgestalten handelten.
„Take an average rockabilly song about falling in love, muss up the
sound with distortion and growling vocals, and add a verse about how that same girlfriend happens to be undead. That´s psychobilly“. 10
Ted Polhemus weist in seinem Buch explizit darauf hin, dass so ein spezieller Musikstil niemals die breite Masse erreichen konnte und dass Bands wie Guana Batz, Demented are Go, Batmobile und King Kurt keine Erwähnung bei Top of the Pops erhalten haben. 11 Prinzipiell mag er damit auch Recht behalten, in Bezug auf die zuletzt genannten King Kurt unterliegt er aber einem Irrtum. Sie waren im August 1984 auf Platz 34 der englischen Charts mit ihrem Lied Destination Zululand und traten in diesem Zusammenhang bei Top of the Pops auf 12 . Auch the Meteors erreichten mit ihrem Cover Song Jonny remember me 1983 Platz 66 in den englischen Charts. 13 Dies läßt darauf schließen, dass zumindest in den Anfängen dieser Subkultur von Seiten der Jugendlichen großer Zuspruch kam, der sich letztendlich auch in Plattenverkäufen widerspiegelte.
1.2 Die Bandgeschichte von the Meteors
1978 gründete in London P. Paul Fenech, Gitarre und Gesang, und Nigel Lewis, Bass und Gesang, beide erfahrene Rockabilly-Musiker, zusammen mit Terry Earl am Schlagzeug und Pat Panioty, Rhythmus-Gitarre die Band Raw Deal. Es war geplant, neue musikalische Wege auszuprobieren, um gegen den mehr weichen und etablierten Rockabilly gegen zu steuern. Die Band brach aber bald darauf auseinander, weil man sich nicht auf den musikalischen Stil einigen konnte. P. Paul Fenech und Nigel Lewis spielten unter dem Namen the Meteors weiter zusammen. Einen passenden Schlagzeuger fanden sie in dem Punk Mark Roberson. Mit ihrer Mischung aus Rockabilly, Punk und Psychedelic
10 by Donovan, Carrie, the Washington Post, article: Psychobilly, creeping into the culture,
sunday, december 20, 1998
11 Polhemus, Ted: Street Style – from Siedewalk to Catwalk, London 1994, S. 102
12 http://www.musica.co.uk/musica/screen__ARTISTDB/shop__MUS/artist__
King~Kurt.htm, 28.03.2003
13 http://www.musica.co.uk/musica/screen__PRODUCT/shop__MUS/affiliate__/
category__PP454164.htm, 29.03.2003
5
zog das Trio durch die kleineren Londoner Clubs. Ihre Liedertexte handelten von Monster, Sciencefiction und Horror-Szenarien. Nach nur einem Jahr hatte sich die Band eine loyale Fangemeinde erspielt, die sich the Crazies nannten und bei den Clubbesitzern nicht gerade gerne gesehen wurde, da es immer wieder zu Problemen mit ihnen kam. Ihre Konzerte waren jedoch immer öfter ausverkauft. Andere Bands schlossen sich ihrem Stil an. 1981 veröffentlichten the Meteors ihre erste EP unter dem Namen Meteors Madness. Wenig später erschien die zweite EP RadioactiveKid und der erste Longplayer In heaven. Es folgten Auftritte als Vorband größerer Bands wie the Cramps oder Screaming Lord Such. 1982 kam es zum Bruch. Nach einem Streit mit P. Paul Fenech verließ erst Mark Roberson, dann Nigel Lewis die Band. Fenech machte mit Mike White am Bass und Steve Meadham am Schlagzeug weiter und nahm schließlich die zweite LP Wrecking Crew auf. Danach folgten ständige Wechsel in der Besetzung, einziges konstantes Mitglied blieb dabei P. Paul Fenech. Als Frontmann personifiziert er the Meteors. Seine kompromisslosen Äußerungen wurden zum Markenzeichen. So ist z.B. auf fast allen erschienenen Platten ein kleiner Stempel zu finden, der an ein Brandzeichen erinnert und die Aufschrift trägt: „only the Meteors are pure psychobilly“. Dabei bezeichnet Fenech jeden als Psychobilly, der the Meteors mag, unabhängig von Äußerlichkeiten etc.: „It´s not your haircut, it´s your attitute“. Aus heutiger Sicht wirkt seine Äußerung fast wie eine Vorahnung. In Anbetracht der Tatsache, dass ihm im fortschreitendem Alter die Haare ausgingen und er nun glatzköpfig in Erscheinung tritt.
Im Laufe der über zwanzigjährigen Bandgeschichte veröffentlichte the Meteors eine Vielzahl an EP´s, LP´s und CD´s. 14 Ein Teil davon im eigenen Tonstudio mit dazugehörigem Plattenlabel. Dieses „Do It Yourself“ (DIY) Prinzip kam mit der Punkbewegung auf und garantiert eine gewisse Unabhängigkeit in Bezug auf Produktion und Vertrieb. The Meteors entfalteten so nicht nur die eigene Kreativität, sondern ermöglichten auch verschiedenste Produktionen und Co-Produktionen z.B mit der Punkband Alien Sex Fiend.
Trotz der Nähe zum Punk-Rock gab und gibt es bei the Meteors keine politische Orientierung: Mit Statements wie: „We don´t care about politics or religion“ beziehen sie in Interviews und auf Platten-Covern klare Stellung dazu. Ein offizielles Meteors-T-Shirt trägt sogar die ironische Aufschrift: „Yellow Zone Surf Club: Political Free Zone. 15 Diese strikte Haltung wird von vielen Fans übernommen. Im Guestbook auf den Internetseiten von the Meteors wurde am 20. März diesen Jahres ein Fan erst ermahnt, dann wüst beschimpft. Er hatte seine Angst um ein Familienmitglied, das in den Irakkrieg einberufen wurde, geäußert. 16
14 eine genaue Liste aller offiziellen Veröffentlichungen findet sich im Anhang
15 www.wreckingpit.com/faq, 30.04.2003
16 http://themeteors.proboards5.com/index.cgi?board=talk&action=display&num=1048157176
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Quote paper:
Nicolas Widera, 2003, Psychobilly - eine jugendliche Subkultur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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TOP !!!.
Ja, Nicolas, stimmt genau! Psychobilly ist eine seit Jahren und weltweit verbreitete Jugendkultur!
Let`s Rock`n`Roll!!! Umso besser finde ich die Idee, dieses Thema auch mal von der wissenschaftlichen Perspektive anzugehen! Damit hast du viel Mut bewiesen, denn es existiert kaum Literatur hierzu, und welcher Prof. kennt schon Demented are go!
Alles in allem große Klasse! Doch mit dem Begriff der Subkultur wäre ich etwas vorsichtiger, denn Rolf Schwendter`s Theorie der Subkultur gilt als längst überholt. Diskussionen und Kritik an Subkulturtheorie haben in den vergangen Jahrzehnten dazu beigetragen, dass dieser Begriff kaum mehr in der Wissenschaft verwendet wird. Vielmehr steht die Frage im Vordergrund: Welche Anforderungen muss eine Theorie der Subkultur heute erfüllen?
Nichts desto trotz,finde deine Arbeit klasse, vorallem, wie du die Lebenswelt der Psychobillys vor einem sozialgeschichlichen Hintergrund beschreibst!
on Thursday, June 14, 2007-