1 Legitimation der Macht. ..................................................................................................... 3 1.1 Historische Formen staatlicher Legitimität (Max Weber).......................................... 3 2 Die Ideologie als Opium der DDR-Herrschaft und der SED-Herrschenden.
Funktionalisierung der realen Welt. ........................................................................................... 4 3 Legitimation der SED-Herrschaft durch die Geschichte. ................................................... 5 4 Realer Sozialismus - zur begrifflichen Einordnung der DDR. .......................................... 6 4.1 Die Diktatur der Liebe. ............................................................................................... 6 5 Analytische Konzepte für die begriffliche Einordnung der DDR. ..................................... 8 6 Neue Begriffsbildung - der Realsozialismus als Fürsorgediktatur. ................................... 9
7 Literatur. ........................................................................................................................... 10
1 Legitimation der Macht.
1.1 Historische Formen staatlicher Legitimität (Max Weber).
Im christlichen Mittelalter legitimierte sich die Macht durch den Gott - „traditionelle Herrschaft“ 1 . Die weltliche Macht erhielt durch die Kirche und deren Ideologie ihre sakrale Weihe. Kraft Glaubens an die Heiligkeit wurde die herrschende Ordnung legitimiert.
Seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Deklaration der Menschenrechte von 1789 legitimierte sich die Macht durch neue Ideen und Prinzipien - Rechtsstaatlichkeit, Volkssouveränität, Gewaltenteilung etc. Das entspricht der Weberischen Definition der „legalen Herrschaft“ 2 . In der politischen Praxis der Führerstaaten des 20. Jahrhunderts entstand die Legitimation der Macht durch Masseninszenierung, Terror, Ideologie, Recht der Stärkeren. Max Weber charakterisierte diese Herrschaft als „charismatische Herrschaft“ 3 .
Die Faschisten und die Nationalsozialisten betrieben eine Wiederbelebung archaischer Glaubensinhalte in moderner Fassung, um ihre Macht zu legitimieren und zu festigen - zum Beispiel die Archetypen von Blut und Boden, die Symbole des
1 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tuebingen, 1956, S. 551ff.
2 Ebenda.
3 Ebenda.
3
drachentötenden Übermenschen und der Gottheiten von Walhall oder die Zeichen der teuflischen Mächte des Judentums, so wie auch eine biologische, pseudodarwinistische Rassenideologie 4 .
Die SED-Herrschaft entsprach keiner diesen legitimen Definitionen der Herrschaft, ergo kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die kommunistische Diktatur des DDR-Staates illegitim war.
2 Die Ideologie als Opium der DDR-Herrschaft und der SED-Herrschenden. Funktionalisierung der realen Welt.
Die Indoktrination mit den Grundthesen der kommunistischen Lehre begann mit Kinderbüchern und setzte sich durch das ganze Leben des Menschen im Realsozialismus fort. Sie galt nicht allein der Wissenschaftsvermittlung, sondern sollte die marxistisch-leninistische Weltanschauung zum unverlierbaren Bestandteil der sozialistischen Persönlichkeit machen 5 .
Die marxistische Schulung erforderde nicht nur formale Bekenntnisse, sondern auch die gewissenhafte Lektuere eines Grundkanons der Schriften von Marx, Engels und Lenin. Gleichzeitig je höher die Bildungseinrichtung in der Hierarchie des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems stand, desto gewissenhafter betrieb sie die marxistisch-leninistische Schulung.
Durch die Funktionalisierung der realen Welt und die Vorstellung von der Materie als eine Sinnestäuschung versuchten die totalitären Machthaber der SED-Regime die Macht über die Menschen zu erringen. Diese Verdoppelung der Wirklichkeit wurde als Machtmittel genützt. Der objektive Status der Realität wurde in dem Maße anerkannt, in dem er der Aufrechterhaltung der Macht dient. Fiktionen, die gewissermaßen eine zweite Wirklichkeit bildeten, ersetzten die höheren Sphären des realen politischen Lebens 6 .
Diese Funktionalisierung der realen Welt war notwendig, um den entstandenen Bruch in der DDR-Gesellschaft zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Parteispitze und Volk, zu verdecken. Um diese Kluft zu verbergen war es wichtig fuer
4 Stefan Wolle, Die Heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Bundeszentrale fuer politische Bildung, Berlin, 1998, S. 124
5 Ebenda.
6 Ebenda.
4
die SED-Herrscher, die Kommunikation zwischen oberer und unterer Ebene zu blockieren und stattdessen eine kuenstliche Wirklichkeit zu inszenieren. Die Aufgabe dieser Inszenierung (Funktionalisierung der realen Welt) erfuellte Ideologie und Propaganda 7 .
So wie Karl Marx mal die Religion mit „Opium des Volkes“ 8 als eine Form des falschen Bewusstseins bezeichnete, entsprach die nur in der Vorstellung der SED-Herrscher vorhandenen Staatsphilosophie und Ideologie ganz in seinem Sinne dem „Opium der Herrschenden“ 9 .
3 Legitimation der SED-Herrschaft durch die Geschichte.
Die marxistisch-leninistische Lehre war Heilslehre und Geschichtsinterpretation zugleich. Ihre Anziehungskraft schoepfte sie aus der spezifischen Zusammenschluss von Erloeusungsglaube und wissenschaftlicher Theorie Dem historischen Materialismus zufolge durchlief die Menschheit mehrere sozialökonomisch bestimmte Gesellschaftsformationen, an deren glücklichen und vollkommenen Ende schließlich der Sozialismus/Kommunismus stehen würde. Laut Marx und Engels 10 folgte dieser geschichtlichen Prozess die objektiven Gesetze der Natur, die der Mensch zwar erkennen und erforschen, aber nicht ändern konnte. So bildete diese Mythologie von klassenloser Gesellschaft den wesentlichen Kern der politischen Legitimation der SED-Herrschaft. Sie versuchte ihre Darstellung und Ergaenzung in vielen Argumentationsmustern und Beispiele aus dem Verlauf der deutschen Geschichte. Die SED-Fuehrung suchte akribisch nach neuen Legitimationsmustern in der Geschichte, die die Gruendung, die Existenz und der absolute Triumph der DDR bezeugen wuerden. Ein triftiges Beispiel dafuer ist die ganze Kampanie um die „Preussenwelle“, die in unkritische Heldenverehrung der preussischen Feldherrn und der preussischen politische n Publizisten ihre Pointe fand. Spaeter wurde der Reformator Luther nicht mehr allein Fuerstenknecht und Bauernschlaechter sein.
7 Detlef Pollack, Kirche in der Organisationsgesellschaft. Zum Wandel der gesellschaftlichen Lage der evangelischen Kirchen in der DDR, Stuttgart, 1994, S.77
8 K. Marx: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: H. Jochum / K. Heintz: Religionskritik, Konzepte 8, Frankfurt a.M. 1981, 24f.
9 Stefan Wolle, Die Heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Bundeszentrale fuer politische Bildung, Berlin, 1998, S. 131
10 Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 16, 6. Auflage 1975
5
Arbeit zitieren:
Vassil Loukarsky, 2002, Herrschaftslegitimation und -akzeptanz im Realsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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am Wednesday, February 17, 2010-