Index
EINLEITUNG 4
WAS UNTERSUCHT DIE ÜBERSETZUNGSTHEORIE 5
DER PROZESS DER ÜBERSETZUNG 5
a) Erfassen und b) Interpretieren der Vorlage: Rimbaud verstehen 6
c) die Umsetzung der Vorlage 7
DREI ÜBERSETZUNGEN DREI GEDICHTE 8
AUSWERTUNG 22
ZECH 23
KÜCHLER 24
THERRE 25
ZUSAMMENFASSUNG 26
BIBLIOGRAPHIE 28
EINLEITUNG
EINLEITUNG
Für französische Literaten ist Rimbaud der „Engel im Exil“ (Mallarmé), der „Mystiker im Zustand des Wilden“ (Claudel), ein „brennenden Dornbusch“ (Gide). Doch auch in Deutschland ist Rimbaud ein Mythos: Wolfenstein nannte ihn einen „Empörer“ gegen die Unvollkommenheit der Welt. Klaus Mann sprach von der Sehnsucht nach den „glühenden Horizonten, den metallischen Regenbogen, den schwülen Nächten und fiebrigen Morgenröten, nach all den unerhörten Schönheiten und Schrecken, die Rimbaud uns mit betörend wilder Geste vorgaukelte, verhieß, enthüllte 2 “.
Die deutschen Übersetzungen machten das Werk Rimbauds auch für nicht- frankophone zugänglich und schrieben ein eigenes Kapitel des Rimbaud-Mythos. Handelt es sich hierbei nun aber wirklich um Rimbaud-Rezeption, oder vielleicht vielmehr um die Rezeption der verschiedenen Übersetzer? Wie weit entsprechen die Übersetzungen dem Original?
In dieser Hausarbeit sollen drei Übersetzungen eines Gedichtes aus den Illuminations von Rimbaud im Hinblick auf das Problem einer treuen Übersetzung genauer betrachtet werden: Es werden die Übersetzung eines Expressionisten (Zech), herausgegeben 1924; eine Übersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe von Küchler, herausgegeben 1960, und die 1979 herausgegebene Übersetzung von Therre und G. Schmidt einander gegenübergestellt und verglichen.
Es wurde das Gedicht Barbare ausgewählt - einerseits auf Grund seiner überschaubaren Länge, die eine detaillierte Gegenüberstellung verschiedener Übersetzungen ermöglicht, andererseits wegen einiger exemplarischer Übersetzungsschwierigkeiten, wie beispielsweise das Auflösen mehrdeutiger Wörter, die keine 1:1 Entsprechung in der Zielsprache haben.
Bei dem genauen Betrachten der verschiedenen Übersetzungen treten interessante Details zu Tage, die bei einer Interpretation des französischen Originals allein wohl oft
1 Arthur Rimbaud : (Une Saison en Enfer, / Hrsg. von Werner Dürrson), 2001 : 48
2 Bonnefoy 1962: 210
4
WAS UNTERSUCHT DIE ÜBERSETZUNGSTHEORIE ?
verborgen bleiben, da bei der Übertragung eines Gedichtes auf alle Einzelheiten geachtet werden muss: Grammatik, Wortwahl, Rhythmus, die Laute... 3 Eine Übersetzung kann nie all diesen Aspekten gerecht werden, und je nach Schwerpunktsetzung sind die Resultate z.T. sehr unterschiedlich.
WAS UNTERSUCHT DIE ÜBERSETZUNGSTHEORIE ?
In Kollers „Einführung in die Übersetzungswissenschaft“ werden die Teilgebiete der Übersetzungstheorie in zwei Haupt-Fragen zusammengefasst:
„ Die Übersetzungstheorie als Teilgebiet der Übersetzungswissenschaft behandelt Fragen wie : welche Faktoren bestimmen den Übersetzungsprozess? Welche Prinzipien leiten den Übersetzer bzw. sollen ihn leiten bei der Übersetzung bestimmter Texte für bestimmte Empfänger? 4 “
Demnach soll hier zunächst ein Blick auf den Übersetzungsprozess und die damit verbundenen Probleme der Übersetzung der Illuminations geworfen werden. Anschließend werden verschiedene normative Ansätze zusammenfassend vorgestellt („Welche Prinzipien sollen leiten?“).
Im Hauptteil werden die verschiedenen Ergebnisse der Übersetzung einander gegenübergestellt und ausgewertet.
DER PROZESS DER ÜBERSETZUNG
Dieser Prozess gliedert sich in drei Phasen:
a) Erfassen der Vorlage (d.h. wörtlich- philologisches und stilistisches Erfassen sowie Erfassen des Kunstwerkes als Ganzes).
b) die Interpretation der Vorlage (Suchen des objektiven Kerns der Vorlage)
c) die Umsetzung der Vorlage (künstlerisch gültige Umformulierung unter Beachtung der Inkongruenz verschiedener sprachlicher und stilistischer Systeme) 5 .
Bei dem konkreten Übersetzungsfall von Rimbauds Illuminations, liegen schon bei a) (Erfassen des Kunstwerkes) und b) (Interpretation) erhebliche Schwierigkeiten vor - die unterschiedlichen Antworten zu diesen Fragen gehen weit auseinander.
3 Jaques Plessen geht in seinem Aufsatz « Les Illuminations. Une traduction impossible ? » (in Sergio Sacchi 1988:143 ff.) von einer Erfahrung aus, die er in einem Seminar gemacht hat : Die Studenten haben mit viel Gewinn Übersetzungen hinzugezogen, um dem verborgenen Sinn einiger Illuminations auf den Grund zu gehen.
4 Koller 1987 :45 5 Koller 1987: 74, 75
5
WAS UNTERSUCHT DIE ÜBERSETZUNGSTHEORIE ?
A) ERFASSEN UND B) I NTERPRETIEREN DER VORLAGE:
RIMBAUD VERSTEHEN.?
Die späteren Gedichte von Rimbaud (vor allem die Illuminations) wurden extrem unterschiedlich aufgefasst.
So postuliert Antoine Fongaro, es könne mit etwas Geduld ein sogenanntes „dictionnaire de Rimbaud“ ausgearbeitet werden. So sei der „sens unique de tous les mots de l’alchimiste du verbe 6 “ eindeutig bestimmbar. Nach Fongaro handelt es sich nämlich in Rimbauds Werk um nichts anderes, als ein System von Echos, die sich teils auf eigene Texte, teils auf gelesene Texte von Verlaine, Banville, Hugo, Michelet usw. beziehen.
Tzvetan Todorov dagegen behauptet das genaue Gegenteil:
„L’obscurité des Illuminations est l’une des principales caractéristiques de ce texte ; aussi, la tâche de l’interprète, dans ce cas particulier, ne consiste-t-elle pas seulement, ou pas tellement, à élucider le sens, à dissiper les obscurités, mais, avant tout, à reconnaître leur existence et à chercher le sens historique de ce phénomène. 7 »
André Guyaux seinerseits sieht sowohl Rätselhaftigkeit als auch Sinn in Rimbaus Illumination :
„La poésie rimbaldienne « conjugue les voix de l’énigme et les voix du sens 8 ».
Er schlägt zwei ungewöhnliche Lese-Strategien zur Erfassung und Interpretation der Gedichte vor :
Die Texte lesen wie Bilder von Kandinski- oder aber musikalisch, als literarisches Äquivalent der Polytonalität von Stravinski 9 .
Betrachtet man also die ersten beiden Phasen des Übersetzungsprozesses vor diesem Hintergrund, wird die besondere Herausforderung deutlich, die mit den Texten der Illuminations einhergeht:
Wenn die wörtlichen Echos die Interpretation ermöglichen, müssen diese in der Übersetzung wiederzufinden sein, es sollte also möglichst wenig am Vokabular geändert werden. Wenn jedoch zusammengesetzte, abstrakte Bilder den entscheidenden Aspekt darstellen, muss die deutsche Variante deren Ausdrucksstärke und Eigenart in
6 Vgl. Sergio Sacchi 1988: X.
7 Sergio Sacchi 1988: 11 8 A. Guyaux 1985 : 177 9 Sergio Sacchi 1988: XVII, XVII
6
WAS UNTERSUCHT DIE ÜBERSETZUNGSTHEORIE ?
der Vordergrund stellen. Liegt die hauptsächliche Bedeutung auf der „Musik“ Rimbauds, muss unter Umständen sehr frei übersetzt werden, um eine lautliche und rhythmische Entsprechung zu finden. Wie kann ein solcher Text also zufriedenstellend übersetzt werden?
C) DIE UMSETZUNG DER VORLAGE
Die Frage führt zunächst auf eine Verallgemeinerung zurück: Wie kann/ bzw. soll eine Vorlage generell umgesetzt werden? Auf die Suche nach normativen Kriterien hat sich schon 1957 Th. Savory begeben. Nach ausführlichen Recherchen in verschiedenen Abhandlungen zur Übersetzungsproblematik hat er seine Ergebnisse antithetisch zusammengefasst:
1. A translation must give the words of the original.
2. A translation must give the ideas of the original.
3. A translation should read like an original work.
4. A translation should read like a translation.
5. A translation should reflect the style of the original.
6. A translation should possess the style of the translator.
7. A translation should read as a contemporary of the original.
8. A translation should read as a contemporary of the translator.
9. A translation may add to or omit from the original.
10. A translation may never add to or omit from the original.
11. A translation of verse should be in prose.
12. A translation of verse should be in verse. 10
Es gibt keine allgemein gültigen Kriterien für eine « richtige » Übersetzung. Jedoch sind Übersetzungen durch die Vorentscheidungen, die der Übersetzer getroffen hat, in bestimmte theoretische Klassen einzuordnen, gemäß deren Prinzipien sie eine treue Übersetzung anfertigen. Diese Tatsache soll als Hintergrund in die Auswertung der verschiedenen Übersetzungen einfließen.
ZUM BEGRIFF DER UNTREUE
Jahrhunderte lang stand der Begriff der Treue im Zentrum der Auseinandersetzung mit der Übersetzung. An ihm wurde und wird meist die Berechtigung und der Wert der Übersetzungsmethode gemessen 11 .
Unter Treue ist jedoch stets etwas anderes zu verstehen, je nachdem, an welchen Normen der Übersetzer sich orientiert.
10 Koller 1972: 100, Zitat nach Th. Savory (The Art of Translation, London 1957: 49) 11 Vgl. Koller 1972: 112
7
DREI ÜBERSETZUNGEN - DREI GEDICHTE?
Im Folgenden soll untersucht werden, wie verschiedene Übersetzer, geleitet von unterschiedlichen Normen, das selbe Gedicht Barbare auf verschiedene Weise „treu“ übersetzen.
Dazu soll unter der Überschrift „ drei Übersetzer - drei Gedichte?“ zunächst eine Gegenüberstellung der drei Versionen erfolgen, in der die Änderungen aufgezeigt werden, die von den Übersetzern vorgenommen wurden. Die Gegenüberstellung schließt dabei auch eine Analyse des Originals ein.
Eine Tabelle (s. Anhang) stellt die drei Versionen übersichtlich einander gegenüber. Für die jeweiligen Tabellen der drei Übersetzungen, die eingehend die verschiedenen Klassen von Änderungen untersuchen (s. Anhang) wurde das Prinzip der der Einteilung in syntaktische Umstellungen ( changes of order); Auslassungen (Omissions); strukturelle Veränderungen ( Structural alterations); und Zusätze (Additions) von E.A.Nidas Versuch übernommen, vier englische Bibelübersetzungen zu analysieren 12 .
Fußnoten geben dabei nähere Informationen über die Art der Änderungen, d.h., wann „Textsemantische Verfahren 13 “, oder „Modulationen 14 “ vorliegen, die grammatischer, phonetischer oder sema ntischer Natur sein können. 15
DREI ÜBERSETZUNGEN - DREI GEDICHTE?
Ein Vergleich
« La traduction est donc un acte créatif...La traduction serait-elle donc un acte autonome par (Gabriele -Aldo Bertozzi ) 16 »
rapport au texte auquel elle se réfère ?.
Das Gedic ht Barbare wurde im Rahmen der Illuminations veröffentlicht. Da es, wie die meisten Illuminations, extrem unterschiedlich rezipiert wurde, soll hier keine Deutung erfolgen, die nicht in direktem Zusammenhang mit den angewendeten Stilmitteln und deren Wirkung steht.
Das Gedicht wird nach Wetzels Einteilung in Abschnitte eingeteilt und die verschiedenen Übersetzungen bezüglich der stilistischen Wiederaufnahmen und Änderungen miteinander verglichen.
12 E.A. Nida 1946: 184-192
13 Zusätze und Veränderungen, die am Text vorgenommen werden, ohne dass dies sprachlich notwendig wäre.
14 In der ZS werden Ausdrücke gewählt, die dem AS-Lexem nich 1:1 entsprechen, den fremden Inhalt also nur teilweise, ungenau oder unter Verlust von Bedeutungsnuancen wiedergeben. 15 Begriffe sind aus Koller 1972:118-129 übernommen.
16 Sergio Sacchi 1988:57
8
Quote paper:
Joanna Jaritz, 2003, "Barbare" von Rimbaud im Spiegel der Übersetzung, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das Gedicht "A une passante' von Charles Baudelaire
Romance Languages - French Literature
Termpaper, 9 Pages
Zur Frage der Gattung und der Fragmenthaftigkeit bei Georg Büchners Le...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Italianismen in der französischen Sprache
Romance Languages - Italian and Sardinian Studies
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
Progression eines geistigen Verfalls - Schizophrenie in Georg Büchners...
German Studies - Modern German Literature
Thesis (M.A.), 138 Pages
Stereoselektive Synthese cyclopentanoider Teilbereiche von Archaebakte...
Doctoral Thesis / Dissertation, 146 Pages
Auf der Suche nach dem 'Unbekannten': Blumen im Werk von Rimba...
Romance Languages - French Literature
Termpaper, 23 Pages
Pierre de Ronsard und die Dichtung der Pléiade
Romance Languages - French Literature
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Der Entwurf einer programmatischen Ästehtik in Theorie und Praxis - R...
Romance Languages - French Literature
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Per Nilssons "So lonely" - Die Analyse eines modernen Adoles...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Kafkas "Ein Landarzt" - Ein Traumbild
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Honoré Daumier. Emanzipierte Frauen in seinem lithographischen Werk - ...
Art - Graphics / Illustration / Print
Scholary Paper (Seminar), 35 Pages
Die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches in Thomas Manns "Bud...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Zu: Thomas Gordon - Lehrer-Schüler-Konferenz
Wie man Konflikte in der Schul...
Pedagogy - Common Didactics, Educational Objectives, Methods
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Filmanalyse: Die fabelhafte Welt der Amélie
Die Bedeutung des Vorspannes i...
Communications - Movies and Television
Termpaper, 28 Pages
Vermittlung von Impressionen in "Die fabelhafte Welt der Amélie&q...
Jean-Pierre Jeunets Film "...
Termpaper, 22 Pages
Joanna Jaritz has published the text "Barbare" von Rimbaud im Spiegel der Übersetzung
Joanna Jaritz has uploaded a new text
0 comments