Deutsche Daily Soaps
Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Serien „Verbotene Liebe“,
„Marienhof“, „Unter uns“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“
Diplomarbeit
als Teil der Diplomprüfung für PsychologInnen
Universität Regensburg
von
Carolin Wagner
8. Juni 2004
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 6
2 Theoretische Grundlagen ... 8
2.1 Die Geschichte der US-amerikanischen Soap Opera ... 8
2.1.1 Vorläufer der US-amerikanischen Soap Opera ... 8
2.1.2 Die US-amerikanische Radio-Soap Opera ... 8
2.1.3 Der Übergang der US-amerikanischen Soap Opera vom Radio in das neue Medium Fernsehen ... 10
2.1.4 Die US-amerikanische Fernseh-Soap Opera ... 10
2.2 Soap Operas in anderen Ländern ... 12
2.3 Exkurs: Series und Serials ... 13
2.4 Daily Soaps und kommerzielle Interessen ... 14
2.5 Typische Dramatisierungsweisen und formale Merkmale der Daily Soaps ... 16
2.6 Wirkungen der Daily Soaps ... 19
2.7 Die deutsche Seriengeschichte ... 20
2.8 Die deutschen Daily Soaps ... 22
2.8.1 Entwicklung und Etablierung der deutschen Daily Soaps ... 22
2.8.2 Platzierung der aktuellen deutschen Daily Soaps ... 23
2.8.3 Beschreibung der aktuellen deutschen Daily Soaps ... 24
2.8.3.1 „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ... 24
2.8.3.2 „Unter uns“ ... 26
2.8.3.3 „Verbotene Liebe“ ... 29
2.8.3.4 „Marienhof“ ... 31
2.8.4 Nutzung der aktuellen deutschen Daily Soaps ... 33
2.8.5 Forschungstradition und inhaltsanalytische Befunde zu den aktuellen deutschen Daily Soaps ... 36
3 Zielsetzung ... 55
4 Methodik ... 57
4.1 Zur Methode der Inhaltsanalyse ... 57
4.1.1 Allgemeine Beschreibung der Inhaltsanalyse ... 57
4.1.2 Inhaltsanalyse von Fernsehsendungen ... 61
4.1.3 Probleme der inhaltsanalytischen Untersuchung von Fernsehserien ... 61
4.2 Durchführung der Untersuchung ... 62
4.2.1 Festlegung und Auswahl des Untersuchungsmaterials ... 62
4.2.1.1 Bestimmung der Stichprobe im Rahmen der Studie „Das Weltbild des Fernsehens“ von Lukesch et al. (2004a, 2004b) ... 63
4.2.1.2 Bestimmung der Stichprobe für die vorliegende Untersuchung ... 64
4.3 Verwendete Kategoriensysteme ... 67
4.4 Technische Aspekte der Durchführung ... 68
4.5 Prüfung der Codiererübereinstimmung ... 69
4.6 Statistische Auswertung ... 70
4.6.1 Auswertung der nicht-metrischen Daten (zur Analyse der Häufigkeiten) ... 70
4.6.2 Auswertung der metrischen Daten (zur Analyse der Dauer) ... 72
5 Ergebnisse ... 74
5.1 Ergebnisse der formalen Kategoriensysteme ... 75
5.1.1 Allgemeine Sendungsmerkmale ... 75
5.1.2 Handlungsstränge ... 78
5.1.2.1 Häufigkeit der Handlungsstränge ... 78
5.1.2.2 Dauer der Handlungsstränge ... 79
5.2 Ergebnisse der zeitabhängigen Kategoriensysteme ... 79
5.2.1 Aggressive und gewaltbezogene Darstellungen ... 80
5.2.1.1 Häufigkeit aggressiver bzw. gewaltbezogener Darstellungen ... 80
5.2.1.2 Dauer aggressiver Handlungen bzw. gewaltbezogener Darstellungen ... 93
5.2.2 Prosoziale Handlungen ... 101
5.2.2.1 Häufigkeit prosozialer Handlungen ... 101
5.2.2.2 Dauer prosozialer Handlungen ... 110
5.2.3 Drogenbezogene Darstellungen ... 117
5.2.3.1 Häufigkeit drogenbezogener Darstellungen ... 117
5.2.3.2 Dauer drogenbezogener Darstellungen ... 127
5.2.4 Sexuelle Darstellungen ... 135
5.2.4.1 Häufigkeit sexueller Darstellungen ... 135
5.2.4.2 Dauer sexueller Darstellungen ... 139
5.2.5 Todesdarstellungen ... 142
5.2.5.1 Häufigkeit von Todesdarstellungen ... 142
5.2.5.2 Dauer von Todesdarstellungen ... 147
5.3 Ergebnisse der zeitunabhängigen Kategoriensysteme ... 148
5.3.1 Figuren ... 148
5.3.2 Die vier wichtigsten Rollen ... 168
5.3.3 Senioren ... 210
5.3.4 Familiendarstellungen ... 215
5.3.5 Entwicklungsaufgaben ... 229
5.3.5.1 Entwicklungsaufgaben über alle Altersgruppen hinweg ... 229
5.3.5.2 Entwicklungsaufgaben aufgeteilt nach Altersgruppen ... 236
5.3.6 Jugendschutz ... 237
5.3.7 Komik und Humor ... 247
5.3.8 Themen ... 251
5.3.9 Werte ... 262
6 Diskussion ... 264
6.1 Diskussion der formalen Ergebnisse ... 264
6.1.1 Diskussion der Ergebnisse zu den allgemeinen Sendungsmerkmalen ... 264
6.1.2 Diskussion der Ergebnisse zu den Handlungssträngen ... 265
6.2 Diskussion der inhaltlichen Ergebnisse ... 265
6.2.1 Diskussion der Ergebnisse zu den aggressiven und gewaltbezogenen Darstellungen ... 265
6.2.2 Diskussion der Ergebnisse zu den prosozialen Handlungen ... 267
6.2.3 Diskussion der Ergebnisse zu den drogenbezogenen Darstellungen ... 270
6.2.4 Diskussion der Ergebnisse zu den sexuellen Darstellungen ... 273
6.2.5 Diskussion der Ergebnisse zu den Todesdarstellungen ... 274
6.2.6 Diskussion der Ergebnisse zu den Soapfiguren ... 276
6.2.7 Diskussion der Ergebnisse zu den Senioren ... 294
6.2.8 Diskussion der Ergebnisse zu den Familiendarstellungen ... 295
6.2.9 Diskussion der Ergebnisse zu den Entwicklungsaufgaben ... 298
6.2.10 Diskussion der Ergebnisse zum Jugendschutz ... 300
6.2.11 Diskussion der Ergebnisse zu Komik und Humor ... 303
6.2.12 Diskussion der Ergebnisse zu den Themen ... 304
6.2.13 Diskussion der Ergebnisse zu den Werten ... 308
6.3 Zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse ... 309
6.3.1 Methodische Aspekte ... 309
6.3.2 Ausblick ... 309
6.3.3 Charakteristika der deutschen Daily Soaps ... 309
6.3.3.1 Besondere Kennzeichen der Daily Soap „Verbotene Liebe“ ... 310
6.3.3.2 Besondere Kennzeichen der Daily Soap „Marienhof“ ... 310
6.3.3.3 Besondere Kennzeichen der Daily Soap „Unter uns“ ... 311
6.3.3.4 Besondere Kennzeichen der Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ... 311
7 Zusammenfassung ... 312
8 Literaturverzeichnis ... 313
1 Einleitung
Benutzt man heutzutage das Wort „Serie“, so geschieht dies meist im Zusammenhang mit einer bestimmten Form dieser Gattung, nämlich der Fernsehserie. Dass die Serie aber keineswegs eine Erfindung des Fernsehens ist und auf eine lange Geschichte zurück blicken kann, gerät leicht in Vergessenheit. Die Fernsehserie entwickelte sich aus der Radioserie (Hickethier, 1991, S. 17). Diese wiederum lässt sich auf den Comic- Strip, den Zeitungsfortsetzungsroman, die Kolportage- und frühe Serienliteratur sowie das Unterhaltungstheater und die Kinoserie zurückführen (a.a.O.). Geht man noch weiter in der Geschichte zurück, so findet man bereits in den rapsodischen Gesängen Homers und in Scheherazades „1001 Nächten“ Beispiele für serielle Unterhaltung (a.a.O.). Hickethier bemerkt zu dieser langen Tradition seriellen Erzählens: „Das Erzählen in Fortsetzungen oder auch in wiederkehrenden Episoden kommt offenbar einem Grundbedürfnis menschlicher Unterhaltung nach und hat in der Fernsehserie nur ihre TVbezogene massenmediale Form gefunden“ (Hickethier, 1989, zitiert nach Hickethier, 1991, S. 17f). Dass die Serie nicht nur dem „Grundbedürfnis menschlicher Unterhaltung“ dient, sondern sich auch hervorragend zur kommerziellen Nutzung eignet, ist bekannt (Hagedorn, 1995, S. 28f).
Als besonders erfolgreiche Form der Fernsehserie lässt sich der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit charakterisieren. Soap Operas (kurz: Soaps) oder Seifenopern (die Begriffe werden im Folgenden synonym verwendet) gehören heute weltweit zu den beliebtesten Sendungen – und dies sowohl auf Seiten des Publikums als auch auf Seiten der „Macher“. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der in Deutschland etablierten Variante der Seifenoper, der Daily Soap Opera (kurz: Daily Soap), die von Montag bis Freitag im Vorabendprogramm des deutschen Fernsehens ausgestrahlt wird.
Vor gut zehn Jahren hatten die meisten Serien im deutschen Fernsehen – und hier vor allem die in den Vorabendprogrammen gezeigten – keinen wesentlichen Einfluss auf das Image des ausstrahlenden Senders (Hickethier, 1991, S. 16). Dann kamen Sendungen wie „Lindenstraße“ (ARD) und „Schwarzwaldklinik“ (ZDF) und diese erwiesen sich für ihre jeweiligen Sendeanstalten als besonders kennzeichnend (a.a.O.). Heute sind es die eigenproduzierten Daily Soaps, die „maßgeblich am Auf- und Ausbau des Senderimages beteiligt“ sind (Göttlich & Nieland, 1998a, S. 160). Und so verwundert es nicht, dass Jugendliche mit der ARD in erster Linie die Sendungen „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ verbinden (Heckner, 2002, S. 93). Auch wenn die Programmverantwortlichen an dieser Stelle lieber die „Tagesschau“ sehen würden – die beiden Soaps „sind für junge Zuschauer zum Markenzeichen des Ersten geworden“ (a.a.O.). Beobachtet man bei RTL die regelmäßige Präsenz von Schauspielern der beiden Daily Soaps „Unter uns“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ in den unterschiedlichsten Sendeformaten des Privatsenders, so scheinen die beiden eigenproduzierten Serien einen noch größeren (beabsichtigten) Einfluss auf das Erscheinungsbild ihrer Sendeanstalt zu haben.
Doch welches Image drücken die Daily Soaps ihren Sendern auf? Welche Inhalte sind es, die das Programm der öffentlich-rechtlichen ARD und das des privaten Senders RTL prägen?
Die vorliegende Arbeit gibt zumindest eine Teilantwort auf diese Fragen, indem sie die Inhalte der vier aktuellen deutschen Daily Soaps aufzeigt und damit potenzielle Einflussfaktoren auf das jeweilige Senderimage beschreibt.
Bevor die Untersuchungsergebnisse dargestellt und diskutiert werden, wird ein Überblick über die Herkunft der Seifenopern und die Entwicklung der deutschen Daily Soaps gegeben. Außerdem werden die wichtigsten formalen und inhaltlichen Aspekte der deutschen Daily Soaps und der derzeitige Forschungsstand beleuchtet.
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Die Geschichte der US-amerikanischen Soap Opera
2.1.1 Vorläufer der US-amerikanischen Soap Opera
Als für die Entwicklung der US-amerikanischen Soap Opera entscheidend gelten die Domestic Novels (besonders in den USA weit verbreitete Frauenromane des 19. Jahrhunderts) und die Film Chapter Plays (im Kino gezeigte Fortsetzungsgeschichten) (Stedman, 1971, zitiert nach Frey-Vor, 1991, S. 488). Die im häuslichen Milieu spielenden und an aktiver Handlung armen Domestic Novels waren gekennzeichnet durch die Dominanz von Dialogen und die Vormachtstellung weiblicher Figuren (a.a.O.). Die Film Chapter Plays, die einmal pro Woche in den Kinos vorgeführt wurden, zeigten meist ebenfalls Frauen in den Hauptrollen, drehten sich aber nicht wie die Domestic Novels um Liebe und Leid, sondern eher um spannende Abenteuer mit Action- und Krimihandlungen (a.a.O.). Um die Zuschauer immer wieder vor die Leinwand zu locken, wurde jede Folge mit einer besonders gefährlichen Situation abgebrochen, deren Auflösung man erst in der Fortsetzung der nächsten Woche erfahren konnte (a.a.O.). Dieses Stilmittel, der sogenannte „Cliffhanger“, steht auch heute noch am Ende jeder Seifenoper – wenngleich die Helden im Gegensatz zu früher meist nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen, sondern sich „nur“ in einer emotional angespannten Situation befinden, die den Zuschauer die nächste Folge mit Neugier erwarten lässt (Frey-Vor, 1991, S. 488).
Obwohl sich also bereits im 19. Jahrhundert Elemente der Seifenoper nachweisen lassen, sollten noch Jahre vergehen, bis diese Art von Serien über den Bildschirm flackerte. Die Soap Opera begann ihren Erfolgszug nämlich über einen Umweg und eroberte zunächst ein anderes Medium, nämlich das Radio.
2.1.2 Die US-amerikanische Radio-Soap Opera
Der Name Soap Opera leitet sich von den Hörfunkserien ab, die Anfang der 1930er Jahre in den USA entstanden (Frey-Vor, 1990, S. 489). Um Hausfrauen als Konsumentinnen zu gewinnen, versuchte man sie durch ein neues Radiosendeformat – die sogenannten Daytime Serials - zu unterhalten, während sie tagsüber mit der Hausarbeit beschäftigt waren (a.a.O.). Die zu diesem Zweck entwickelten kurzen Fortsetzungsgeschichten wurden v.a. von Waschmittelherstellern intensiv als Werbeträger genutzt, wobei sich die Firma Procter & Gamble als Sponsor besonders hervortat (a.a.O.). Nach einer von diesem Unternehmen in Auftrag gegebenen Marktforschungsstudie wollte die amerikanische Hausfrau während der Hausarbeit lieber unterhalten als belehrt werden, und dies sprach für ein größeres Engagement in die „leicht verdauliche“ und nebenbei konsumierbare Radioserie (a.a.O.).
Der Sendungsinhalt wurde an den Bedürfnissen des Zielpublikums ausgerichtet. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen wurde hervorgehoben, ganz alltägliche Konflikte – wie z.B. Probleme bei der Arbeit in Küche und Garten – avancierten zu zentralen Themen (Ang, 1986, S. 68). Die Tatsache, dass mittels der täglich ausgestrahlten Fortsetzungsgeschichten neben Waschmitteln beispielsweise auch Suppenwürfel und Haferflocken beworben wurden (Frey-Vor, 1990, S. 489), konnte die Namensgebung der Serien, die in ihrer Gefühlsbetontheit der Oper ähnelten (Götz, 2002, S. 13f)1, nicht mehr verhindern. Die Artikel der Waschmittelhersteller – die „Seifen“ – dominierten und verhalfen dem Genre zu seinem Namen: Die Soap Operas waren geboren (Cantor & Pingree, 1983, S. 37).
Rasch entwickelte sich die Serienart zu einer der beliebtesten Unterhaltungssendungen im Radio (Cantor & Pingree, 1983, S. 38f). So wurden auf dem Höhepunkt der Radio- Soaps im Jahr 1940 täglich 64 Serien ausgestrahlt (a.a.O.). Obwohl sich einige Hörer anscheinend bereits über die Serienflut beschwerten, ist man sich einig, dass in diesem Jahr etwa 20 Millionen Frauen – das waren annähernd die Hälfte der Frauen, die während des Tages überhaupt zu Hause waren – zwei oder mehr Serien pro Tag verfolgten (a.a.O.).
Im den folgenden Jahren verlor die Radio-Soap Opera jedoch an Bedeutung (a.a.O., S. 39f). Ihre Zahl sank bereits im Jahr 1941 auf 33, 1950 wurden nur noch 27, 1956 nur noch 16 Serien ausgestrahlt; im Jahr 1961 fand sich keine einzige mehr im Programm der Radiostationen (a.a.O.). Da einige Serien bereits im Fernsehen liefen, ist es dennoch erstaunlich, wie lange sich die Soap Operas im „veralteten“ Medium Radio behaupten konnten (Borchers, 1994, S. 24).
[....]
1 Nach Allen (1995, S. 4) signalisiert das Wort „Opera“ eher ein Zerrbild: Während der Begriff Oper im Normalfall die höchste dramatische Kunstform beschreibt, wird er hier zur Charakterisierung der niedrigsten gebraucht.
Arbeit zitieren:
Carolin Wagner, 2004, Deutsche Daily Soaps - Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Serien Verbotene Liebe Marienhof Unter uns und Gute Zeiten schlechte Zeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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