Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1 Menschenbild Militär
Schlettow als Repräsentant des militaristischen Menschenbildes 2 Uniform 4
Menschenbild der Industrie Schuhfabrik Axolotl 5
Menschenbild von Behörde und Bürokratie Behörden und Bürokratie 8
Menschenbild Voigts 10
Die Menschlichkeit Zuckmayers am Beispiel des Hauptmann von Schlettow 12 Schluss 14
II
Einleitung
»Nein«, sagte der Zwerg“, laßt uns vom Menschen reden! Etwas Lebendiges ist mir lieber als alle Schätze dieser Welt!«
Dieses Zitat aus Rumpelstilzchen, das sich am Anfang von Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ befindet und welches den „Mensch“ in den Mittelpunkt stellt, könnte als die Quintessenz dieses „Märchens in drei Akten“ bezeichnet werden. Auch wenn dieses Stück vordergründig von dem Militarismus und dem Uniformwahn im preußisch-wilhelminischen Kaiserreich handelt, so dienen diese Themen nur als Aufhänger, um die eigentliche Thematik, nämlich ein „Menschenbild“ zu „beschwören“, zu veranschaulichen: dem Menschenbild des Militarismus, welches von blindem Gerhorsam und rigorosem Gesetzesformalismus bis hin zur Unmenschlichkeit geprägt ist, stellt Zuckmayer das Menschenbild Wilhelm Voigts gegenüber, welches sich in erster Linie auf die grundlegenden Menschrechte und die Menschenwürde gründet. Durch den Kontrast dieser beiden entgegengesetzten Pole, kommt das eigentliche Menschenbild zum Tragen, - die Menschlichkeit selbst: denn „das Stück [...] ist ja schließlich gemeint als eine Auflehnung des Menschlichen gegen eine Verschwörung der Bürokratie in der ganzen Welt.“ Es ist der Kampf Wilhelm Voigts, „der arme Teufel, der - durch die Not helle geworden - einer Zeit und einem Volk die Wahrheit exemplifizierte“, gegen die Inhumanität der wilheminisch - militaristischen Staatsordnung. Aber es geht nicht nur um die Auflehnung in diesem konkreten Fall, sondern um die universelle Auflehnung gegen Unmenschlichkeit überhaupt; Voigt, wie alle Figuren im „Hauptmann von Köpenick“, steht repräsentativ für ein bestimmtes menschliches Konzept, d.h. Wilhelm Voigt verkörpert das Menschliche in der ganzen Welt, so wie Hauptmann von Schlettow, die Behörden oder Hoprecht stellvertretend sind für all jene Untertanen und Handlanger, welche ein unmenschliches System bedienen. Darüber hinaus wirken diese Menschenbilder deshalb besonders authentisch und menschlich, weil Zuckmayer seine Figuren scheinbar “autonom“, ohne sich einzumischen, ihr eigenes Menschenbild und ihre “eigene“ Moral vertreten lässt.
Schlettow und Militarismus
Hauptmann von Schlettows Auffassung von „Mensch und Menschenordnung“ ist nicht die einer Einzelperson, sondern sie ist vielmehr das Exemplum schlechthin für jenen Geist des preußischwilhelminischen Militarismus, der auch im ganzen Stück dominiert: „[...] die Ehre [ist] das
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höchste Kleinod [ -]; dieselbe rein und fleckenlos zu erhalten, muß die heiligste Pflicht des gesamten Standes, wie des einzelnen bleiben. [...] Wahre Ehre kann ohne Treue bis in den Tod, ohne unerschütterlichen Mut, feste Entschlossenheit, selbstverleugnenden Gehorsam, [...] wie ohne aufopfernde Erfüllung selbst der anscheinend kleinsten Pflichten nicht bestehen.“ Dieses Wertesystem ist absolut mit dem Schlettows gleichzusetzen, dessen oberste Maxime mit den drei Worten, „Befehl is Befehl“, auf einen Nenner gebracht werden kann. Dieser Grundsatz hat die Entindividualisierung des Menschen zur Konsequenz, der seine eigene Persönlichkeit eliminiert, indem er mit blindem Gehorsam und Unterwürfigkeit ausführt, was ihm befohlen worden ist. Im Militär ist der Mensch nur ein kleines Rädchen unter vielen, das „haargenau“ zu funktionieren hat, um dann in Symbiose mit den anderen ein perfektes „Uhrwerk“ zu bilden. Alles muss minuziös stimmen, denn „darauf is alles aufgebaut, da steckt’n tieferer Sinn drin [...]“, we il so gewährleistet zu sein scheint, dass alles in ordentlichen Bahnen verläuft. Die eigene Identität und der eigene Wille sind da nicht nur belanglos, sondern sogar kontraproduktiv, weil sie dieses “perfekte Uhrwerk“ aus dem Rhythmus oder gar zum Stillstand bringen könnten. “Erst die Menschenordnung, und dann? Dann was?“, so könnte man überspitzt das Wertesystem des Militarismus formulieren. Dass diese Frage gewissermaßen Teil des militaristischen Gedankenguts ist, dafür ist Hauptmann Schlettow das signifikanteste Beispiel. Er hat die Antwort auf diese Frage nicht gefunden, weil er nie danach gesucht hat, da im Militär absoluter Gehorsam an Stelle von eigenständigem Reflektieren getreten ist:
„Also ich hab schon im Kadettenkorps sehr viel nachgedacht. Aber was heißt das, man hat ja’n Dienst, nich? Das geht doch über alles, da wird man wieder ’n Mensch, nich wahr?“
Der Soldat gibt mit dem Dienstantritt sozusagen für immer sein “Selbst - Bewusstsein“ auf, um dann “Bewusstseins - los“ seine militärischen Aufgaben erfüllen zu können. Keine Spur von Meinungsfreiheit, Kreativität oder Persönlichkeit, im Militär hat man bloß eine Maschine zu sein, die auf Knopfdruck gehorcht und funktioniert. „Das geht doch über alles“, wie Schlettow so treffend formuliert. So is t es also erst in dieser militärischen Ordnung, in der Selbstaufgabe oberstes Gebot ist, möglich, ganz Mensch zu werden. In diesem Sinne, ist Schlettow ständig Mensch, weil er sich den Satz, der -„Offiziersberuf ist dauernde öffentliche Verantwortung“-, zu seiner Lebensgrundlage gemacht hat. Er ist nicht mehr in der Lage, den Privatmenschen vom Offiziersmenschen Schlettow zu trennen; eigentlich ist er nur noch Militärmensch und allein der Gedanke daran, sein Leben, wie ihm Wabschke nahelegt, als „richtiger Mensch“ fröhnen zu
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müssen, erfüllt ihn mit Abscheu: „Vielleicht - vielleicht hat er recht - Nee, pfui!“ Im selben Maße, wie Schlettow unfähig ist, sich selbst auf andere Weise als nach ausschließlich militärischen Kriterien zu betrachten, so ist er gleichsam unfähig die Welt und die Menschen von einem anderen als jenem Blickwinkel aus zu sehen. In Schlettows Augen ist ein “wahrer“ und vollständiger Mensch erst derjenige, der den richtigen „Schliff“ hat, - und den hat nur, wer „gedient“ hat. Der Mensch wird einfach auseinanderdividiert in Soldat und Nicht-Soldat, also in Mensch und Nicht-Mensch; andere Klassifizierungen sind in seinem Weltbild nicht existent. Da ist es auch unnötig, den Charakter und die Wesenszüge eines Menschen zu kennen, der Anblick einer Person allein genügt, um zu wissen, ob jemanden im Militär war, und ob es sich folglich um einen “ganzen“ Mensch handelt:
Sehnse, Wabschke, bei Ihnen merkt man auf Schritt und Tritt, daß Se nich gedient haben. [...] Das fehlt ihnen, Wabschke, das fehlt ihnen! Als Schneider sinse vielleicht tipptopp, aber als Mensch, da fehlt Ihnen der Schliff, der Schnick, der Benimm, die ganze bessere Haltung!
Das Urteil, das Schlettow hier über die Wertigkeit Wabschkes fällt, basiert ausschließlich auf dessen äußeren Erscheinungsbild. Obwohl Schlettow nur auf die Oberfläche Wabschkes schaut, sieht er sich dennoch befähigt, ihn als “Nicht-gedienten“ abzustempeln und ihn damit mit dem Etikett “makelhaft“ zu versehen. Er ist nicht mehr in der Lage, die Welt anders als dur ch die militaristische Brille zu sehen, welche das Wesen eines Menschen einfach ausblendet. Seine Sichtweise ist deckungsgleich mit dem militaristischen Weltbild: einfach nur “Mensch-sein“ gibt es dort schlichtweg nicht, bisschen “Mensch-sein“ aber auch nicht; es gibt nur Soldaten, also Funktionen, die ihre Pflicht unter Einbüßung ihres Willens und ihrer Persönlichkeit erfüllen. In diesem Sinne, sind die “Diener“ des Militärs keine “lebendigen“ Menschen mit Individualität und eigenem Charakter, sondern lediglich leblose, mechanisierte Abbilder des Menschen.
Uniform
Dieses militaristische Menschenbild, in welchem nicht der Mensch selbst, sondern nur seine Funktion und Hülle von Bedeutung ist, wird hier zusätzlich noch durch die Rolle der Uniform unterstrichen. Die Wichtigkeit, die sie innerhalb der militaristischen Gesellschaft spielt, wird bereits durch die Tatsache deutlich, dass sie neben Voigt, der einzige Protagonist dieses Stückes ist; dass nur Voigts und der “Lebenslauf“ der Uniform über einen Zeitraum von mehr als zehn
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Arbeit zitieren:
Shirley Ladkany, 2004, Mensch und Menschenbild in Zuckmayer's "Hauptmann von Köpenick", München, GRIN Verlag GmbH
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