Inhalt
I. Einleitung. 3
II. Gruppenarbeit contra Frontalunterricht. 4
III. Überwindung des Egozentrismus durch Gruppenarbeit. 5
IV. Erlernen von Regeln in der Gruppe Weiterentwicklung von
Schemata. 7
V. Gruppenarbeit ist erst ab einer bestimmten Entwicklungsstufe
sinnvoll. 8
VI. Vermeintliches Risiko der Gruppenarbeit oder das zum
Scheitern verurteilte Teamwork. 9
VII. Persönliche Stellungnahme. 10
VIII. Glossar (Erklärung der wichtigsten Fachbegriffe) ) 13
IX. Literaturverzeichnis 17
I. Einleitung
Nachdem wir uns im Seminar mit verschiedenen didaktischen Modellen auseinandergesetzt haben, möchte ich mich nun intensiver mit den entwicklungspsychologischen Aspekten einer Gruppenarbeit innerhalb des Unterrichtsgeschehens befassen und mich hierbei vor allem auf die Ausführungen des Genfer Psychologen JEAN PIAGET beziehen. Meiner Arbeit liegen der Auszug des Buches: „Jean Piaget: Psychologische Anmerkungen zur Gruppenarbeit“ unseres Seminarreaders (S.140-145), sowie Sekundärliteratur, die im Literaturverzeichnis aufgelistet wird, zu Grunde. Nachdem sich Piaget bereits in sehr frühen Jahren mit den Verhaltensweisen von Weichtieren und deren Anpassungsformen an ihre Umwelt beschäftigte, sollten Jahre später die Menschen, insbesondere auch seine eigenen Kinder, die Beobachtungsobjekte sein, an denen er nun Untersuchungen zur geistigen Reifung vornahm. Begriffe wie Äquilibration , Akkomodation, Assimilation sowie eine Darstellung der menschlichen kognitiven Entwicklung in einem Stufenschema sind bedeutsam für seine Arbeiten. In wiefern nun z.B. Gruppenarbeit die Äquilibration positiver beeinflussen kann als Frontalunterricht oder warum sie erst ab einer bestimmten Entwicklungsstufe effektiv ist, möchte ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit erläutern.
Kursiv gedruckte Begriffe werden im Glossar kurz erläutert
3
II. Gruppenarbeit contra Frontalunterricht
Aus der Sicht Piagets erfolgt eine kognitive Weiterentwicklung der Kinder nicht durch passives Zuhören oder bloßer Reflexion der Inhalte, die ihnen durch einen Lehrervortrag vermittelt werden, sondern durch kreatives Handeln und eigenen Einsatz 1 , denn „Das Kind ist [...] kein passives Wesen, dessen Hirn es vollzustopfen gilt, sondern ein aktives Wesen, das in seiner spontanen Suche nach dem Wissen gefördert werden will.“ 2 Demzufolge wäre der klassische Frontalunterricht wider die natürlichen Lernbedürfnisse der Kinder. Der Frontalunterricht geht zudem von einer falschen Prämisse aus, denn die Denkstrukturen eines Kindes sind nicht gleich der eines Erwachsenen, vielmehr müssen sie sich erst noch, z.B. durch Äquilibrationsprozesse, ausbilden 3 . So kann ein Grundschulkind in der konkret operativen Phase abstrakte Formulierungen oder Beschreibungen des Lehrers noch gar nicht erfassen, da es erst ab einem Alter von ca. 12 Jahren, ohne konkretes Anschauungsmaterial zur Verfügung zu haben, Abstraktionen zu folgen versteht. Nicht die „Autorität des Lehrers“ 4 selbst, sondern die Organisation einer Gruppenarbeit kann die Entwicklung der Denkprozesse fördern, denn ein Mensch kann sich nur dann weiterentwickeln, wenn er diverse Inhalte und Aspekte immer wieder von einer anderen Seite neu betrachtet 5 , wozu jedes Individuum in einer heterogenen Gruppe zwangsläufig aufgefordert wird. Ein Kind befindet sich nämlich im Ungleichgewicht, wenn es mit Situationen konfrontiert wird, die es nicht verstanden hat. Um wieder einen Gleichgewichtszustand herzustellen, muss es entweder assimilieren, d.h. „gewohnte Denk- und Handlungsweisen auf ein neues oder vertrautes Problem anwenden“, oder aber akkomodieren (bisherige Denk- und Handlungsweisen verändern, um neu auftretende Probleme lösen zu können), wenn das aufgetretene Phänomen in der Gruppe mit dem bisherigen „Weltbild“ des Kindes überhaupt nicht übereinstimmt. 6 Da die Äquilibration aus der eigenen Aktivität des Kindes, d.h. aus der selbst regulierten, ständigen Auseinandersetzung mit der Umwelt resultiert, fördert ein Gruppenprozess die kognitive Entwicklung des Kindes mehr als der Frontalunterricht, da das Kind nun viel mehr die Möglichkeit hat, sich aktiv, aus eigenem Antrieb heraus, mit der Umwelt auseinander zu setzen.
1 Vgl. Thomas Kesselring, „Jean Piaget“, München 1999, (S.59)
2 Vgl. Seminarreader, Text: „Jean Piaget. Anmerkungen zur Gruppenarbeit“, (S.140, Z.27-30)
3 ebd. (S.141, Z.5-6ff)
4 ebd. (Z.11)
5 Vgl. Thomas Kesselring, „Jean Piaget“, München 1999, (S.73)
6 Vgl .Klaus Beyer, Eckehardt, Knöpfel, Andreas Pfennings (Hrsg): Einführung in pädagogisches Denken
und Handeln 3. Erziehung als Förderung der Entwicklung. Paderborn 1991
4
Ein weiterer wichtiger Grund für die Gruppenarbeit ist die Ausbildung der menschlichen Vernunft. Entgegen der früheren Annahme, die Vernunft sei angeboren, muss diese nämlich noch, begünstigt durch Interaktion mit der Umwelt (Gruppenarbeit), herausgebildet werden. 7 Im sensomotorischen sowie noch im vor-operativen Stadium werden nämlich die Handlungen des Kindes noch vom Egozentrismus beeinflusst, sodass es z.B. die Information der Mutter, über eine stark befahrene Straße ohne Ampelschaltung zu gehen sei gefährlich, dann nicht mehr beachtet, wenn es auf der anderen Straßenseite Freunde sieht, weil nun das Bedürfnis des Kindes, sie zu begrüßen und mit ihnen zu reden, überwiegt. Den Sinn der Worte (Schutz des eigenen Lebens) hat es aufgrund seines mangelnden Vernunftdenkens noch nicht verstanden, sonst würde nämlich das Bedürfnis der Unversehrtheit überwiegen.
Arbeitet das Kind hingegen nie in einer Gruppe, sondern immer nur in Einzelarbeit, so bleibt es in seiner egozentrischen Moralvorstellung viel länger verhaftet und seine Denkweisen können nicht früh genug modifiziert werden, da sich das Kind ohne eine Identifizierung seiner Denkfehler vermeintlich im Gleichgewicht befindet, was zur Folge hat, dass es weder assimiliert noch akkomodiert und somit zunächst keine höhere Entwicklungsstufe erreichen kann.
Nach Piaget ist also „das Leben in der Gruppe [...] das natürliche Umfeld für jegliche geistige Tätigkeit, und die Zusammenarbeit unabdingbar für die Herausbildung des rationalen Denkens.“ 8
III. Überwindung des Egozentrismus durch Gruppenarbeit
Wie bereits erwähnt, haben Kinder zunächst eine „egozentrische Moralvorstellung“ 9 . Als Piaget beispielsweise sechsjährige Kinder an einem Gruppentisch beobachtete, stellte er fest, dass sie eher mit sich selbst sprachen als mit dem/der Tischnachbarn/In. Auch dann, wenn sie mit anderen reden, fällt es ihnen noch schwer, sich in andere Personen hineinzuversetzen und ihre Argumente, Ideen oder Vorstellungen zu verstehen. So sind in der kindlichen Kommunikation Erklärungen oder Begründungen kaum zu finden, Anweisungen, Mitteilungen oder Zustandsbeschreibungen hingegen dominieren. 10
7 Vgl. Seminarreader, Text: „Jean Piaget. Anmerkungen zur Gruppenarbeit“, (S.141, Z. 24 ff)
8 Vgl. Seminarreader, Text: „Jean Piaget. Anmerkungen zur Gruppenarbeit“,( S.141, Z. 26-28)
9 Vgl. Johannes Bilstein: “Entwicklung - Erziehung - Sozialisation“. Stuttgart 1982
10 Vgl. Thomas Kesselring, „Jean Piaget“, München 1999, ( S.96)
5
Arbeit zitieren:
Anika Geißler, 2004, Entwicklungspsychologische Gründe für die Gruppenarbeit nach Jean Piaget, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die kognitive Entwicklung nach Jean Piaget: Lernpsychologische Implika...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 18 Seiten
Zurück zu den Anfängen? – Eine qualitative Untersuchung zur Wiederent...
Koedukation oder Geschlechtert...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Examensarbeit, 125 Seiten
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Jugend und neue Medien - Nutzen und Gefahren für Jugendliche
Soziologie - Kinder und Jugend
Hausarbeit, 36 Seiten
Kooperation im sonderpädagogischen Handlungsfeld
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 24 Seiten
Arbeit in Gruppen - Potentielle Vorteile und Probleme der Gruppenarbei...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 30 Seiten
Unterrichtsstunde: Miteinander Turnen gemeinsam gestalten - Gestaltung...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Unterrichtsentwurf, 27 Seiten
James Bond 007 "Goldfinger" - Eine Analyse anhand der femini...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit, 16 Seiten
Gerhart Hauptmanns -Die Weber- und die Handlungsbesonderheiten der Fig...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Psychopedia, a suggestopedic approach to language learning
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Unterrichtsvorbereitung im Fach Deutsch: Die beschreibende Funktion vo...
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Unterrichtsentwurf, 19 Seiten
Soziales Lernen in der Grundschule - Beweggründe und Ziele
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 17 Seiten
'O Vater, warum hast du mich verlassen?' - Eine Untersuchung d...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Soziales Lernen - mit dem Fokus auf den Schulunterricht
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Funktion und Bewertung der Utopie in Schillers Briefen "Über die ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Gruppenarbeit – zeitgemäße Unterrichtsmethode oder Zeitverschwendung?
Praktikumsbericht / -arbeit, 25 Seiten
Zu: Friedrich Schiller - "Über die ästhetische Erziehung des Mens...
Seminararbeit, 13 Seiten
Anika Geißler's Text Entwicklungspsychologische Gründe für die Gruppenarbeit nach Jean Piaget ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anika Geißler hat den Text Entwicklungspsychologische Gründe für die Gruppenarbeit nach Jean Piaget veröffentlicht
Anika Geißler hat einen neuen Text hochgeladen
The Origin of Intelligence in the Child: Jean Piaget: Selected Works
Jean Piaget, Margaret Cook
Mental Imagery in the Child: Jean Piaget: Selected Works
Jean Piaget, Barbel Inhelder, P. A. Chilton
Jean Piaget and Neuchatel: The Learner and the Scholar
Anne-Nelly Perret-Clermont, Jean-Marc Barrelet
0 Kommentare