Technische Universität Braunschweig
Proseminar: Einführung in das Studium historischer Sprachstufen
3. Semester
Was ist Umgangssprache? Historische
und systematische Anmerkungen
von: Stefanie Langner
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 2
2. HISTORISCHE ENTWICKLUNG DES BEGRIFFS „UMGANGSSPRACHE“ 3
2.1 ERSTE BELEGE 3
2.2 SPRACHGERMANISTISCHE FORSCHUNG AM BEGRIFF „UMGANGSSPRACHE“ 5
3. DER SPRACHGERMANISTISCHE ENTWURF ZU „UMGANGSSPRACHE“ VON
HUGO STEGER – ANSÄTZE ZUR SYSTEMATISIERUNG 6
4. SYSTEMATISCHE ANMERKUNGEN 10
4.1 ZWEI BEDEUTUNGSVARIANTEN VON „UMGANGSSPRACHE“ ZUR VERSTÄNDNISHILFE GESAMTKOMPLEXES 10
4.2 BESCHREIBUNG DER NICHT-GERMANISTISCHEN BEDEUTUNGEN DES UMGANGSSPRACHEBEGRIFFS MIT HIFE DER WÖRTERBUCHARTIKELS 11
5. FAZIT 12
6. LITERATURVERZEICHNIS 15
1. Einleitung
Was ist Umgangssprache? Die Klärung dieser Frage zeigt vielerlei Schwierigkeiten auf, denn eine exakte Definition für diesen Termi nus gibt es nicht. Als Umgangssprache wird allgemein die „im persönlichen Gespräch gebräuchliche Sprache“1 bezeichnet. Das heißt also, Umgangssprache bezieht sich im Gebrauch in den meisten Fällen auf die gesprochene Sprache, so daß eine Darstellung über Entwicklung und Einordnung des Begriffs als problematisch herausstellt, da altes, überliefertes Material schriftliches Material ist. Ein weiteres Problem bei der Betrachtung ist, daß Umgangssprache im Umgang realisiert wird. Den Begriff hier eindeutig zu definieren, ist nicht möglich, da verschiedene Personen oder Gruppen in verschiedenen Situationen miteinander sprechen. Es gibt also verschiedene „Umgänge“ und Umgangssprache kann aus verschiedenen Richtungen betrachtet werden, so daß sich auch verschiedene Bedeutungen des Begriffs herauskristallisieren. In der folgenden Arbeit wird zunächst auf die historische Entwicklung von Umgangssprache eingegangen. Auch wenn Modelle des 18. Jahrhunderts aus den oben genannten Ursachen nicht vollständig sind, geben sie Grundlagen für die sprachgermanistische Forschung. Nach Darstellung einiger Forschungsansätze, beispielsweise die von Wunderlich oder Behaghel, wird dann im dritten Kapitel der Versuch der Systematisierung unternommen. Hilfreich hierbei ist die Untersuchung des Begriffs von Hugo Steger. Seine Untersuchungsergebnisse geben ansatzweise systematische Anmerkungen, denn Steger betrachtet den Begriff aus verschiedenen Perspektiven. Zwar gelingt dadurch keine genaue Definition aber eine Einordnung des Terminus. Im darauffolgenden Kapitel werden die verschiedenen Bedeutungsvarianten von Umgangssprache erläutert. Zum einen gibt es hier zwei spezielle, sich aufeinander beziehende Varianten: Umgangssprache als Varietät einer Sprache und als eine Sprachverwendungsart. Zum anderen wird im „Deutschen Wörterbuch“ von Paul zwischen sprachgermanistischen und nichtgermanistischen Bedeutungen unterschieden. Auf letztere soll zum Abschluß näher eingegangen werden. Die Arbeit endet mit dem fünften Kapitel, in dem Ergebnisse und gewonnene Erkenntnisse zusammengefaßt werden.
2. Historische Entwicklung des Begriffs „Umgangssprache“
2.1 Erste Belege
Laut Hermann Paul2 taucht der Begriff „Umgangssprache“ erstmals bei Gottsched auf. Er spricht 1753 in seinem „Versuch einer Critischen Dichtkunst“ davon, daß vornehmeren Personen die Tragödie mit einer hohen Sprachform zuzuordnen sei. Die Komödie hingegen sei Sache der niederen Personen und habe eine niedere Sprachform, nämlich die „Sprache des täglichen Umgangs“. Er verweist mit seinen literarischen Regeln auf diese Sprache und fordert den Dichter zu einer natürlichen Schreibweise auf. „Er will, daß die Sache in der Komödie lächerlich ist, daß aber nicht die Worte es sind.“3 Zwar nicht im Paul aufgeführt, gibt es 1787 einen anonymen Schreiber, der „Umgangs-Sprache“ im „Journal des Luxus und der Moden“ aufgreift. Henne interpretiert dieses Bindestrichkompositum als Zeichen der Unfestigkeit.4
Mehr Festigkeit hingegen bringt Adelung sechs Jahre später mit der Zwillingsformel „gewöhnliche Schrift- und Umgangssprache“. Auch hier ist die Umgangssprache eine Form der gesprochenen Sprache. Sie hat allerdings, anders als bei Gottsched, einen höheren Wert. Sie richtet sich nach dem funktionalen, sozialen und geographischen Ort. Auch wenn die hochdeutsche Schriftsprache eine höhere Stellung hat, kommt es dennoch zu einer Annäherung beider. Bichel formuliert zugespitzt: „Eine Umgangssprache wird zum Maßstab dafür gemacht, was in eine Schriftsprache gehört und was nicht.“5 1797 wird der Begriff „Umgangssprache“ von Bürger aufgegriffen. Er versteht diese Form der Sprache als Sprache der Gebildeten Norddeutschlands und spricht von einer „neueren Schrift- und höheren Umgangssprache“. In „Hübnerus redivivus“ (mit dem Untertitel: „Das ist: kurze Reimkunst für Dilettanten“ ) beschreibt er das, was die norddeutschen Gebildeten im Umgang miteinander sprechen. Süddeutschen hingegen wirft er ein falsches Verstehen und eine falsche Aussprache vor. Anders als Adelung ist Bürger nicht der Ansicht, daß die Sprache aufgrund des Geschmackes der oberen Klassen zur Schriftsprache gemacht wird. Bichel bemerkt, daß bei Bürger die Wortprägung „Umgangssprache“ in einem lockeren und wenig festgelegten Zusammenhang auftaucht.6
[...]
1 Ulf Bichel 1973, 129
2 Deutsches Wörterbuch 9. 1992, 932
3 Ulf Bichel 1973, 19
4 vgl. Helmut Henne in: Deutscher Wortschatz 1988, 815
5 Ulf Bichel 1973, 21
6 vgl. Ulf Bichel 1973, 71
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Stefanie Langner, 2001, Was ist Umgangssprache? Historische und systematische Anmerkungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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on Wednesday, November 09, 2005-