Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Zugang zur Zeitlichkeit 2
2.1. Ebenen der zeitlichen Staffelungen 3
2.2. Der Standpunkt des Erzählers 4
2.3. Der Ursprung des Gesprächs 5
3. Die Unmittelbarkeit des Geschehens 6
4. Bewegung als Ausdruck von Zeit 7
4.1. Die Wiederholung als Takt 8
4.2. Die Unterbrechung der Bewegung 10
5. Fazit 13
Bibliografie 15
1. Einleitung
"Die Erzählung", so konstatierte schon Thomas Mann in seinem Roman „Der Zauberberg“, "hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich
aber auch sternenweit von ihr entfernen kann." 1
Und während die musikalisch-reale Zeit individuell und subjektiv ist und so
nur bedingt zum Thema analytischer Arbeit werden kann, 2 ist zumindest die Betrachtung der imaginären Zeit der Erzählung auch unter streng wissenschaftlichen Maßstäben möglich. Jeder Text, der nicht nur eine bloße Zustandsbeschreibung ist, schildert einen Verlauf, eine Zeitspanne zwischen zwei Punkten und wird so zu einer Erzählung.
Normalerweise wird Zeitlichkeit über konkrete Begriffe der Zeit transportiert, entweder durch die Verwendung von Temporalwörtern, oder die bildliche Beschreibung wachsender und fortschreitender Prozesse. Wenn Entwicklung zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Verlauf nimmt, wird der entstehende Fortschritt auf der Zeitlinie gekennzeichnet.
Eine Erzählung, die frei von Begrifflichkeiten bleibt, die einen konkreten Zeitbezug haben, muss Zeitlichkeit über andere Wege vermitteln. „Gehen“ von Thomas Bernhard ist ein Text, dem eben jene genannten direkten Zugriffe auf die ihm inne wohnende Zeitlichkeit fehlen und sich einer Analyse unter diesem Gesichtspunkt zu entziehen scheint. Dass sich aber trotzdem Möglichkeiten für eine solche Interpretation bieten, will diese Arbeit zeigen. Dabei sollen die Begriffe, die von Gérard Genette in seinem Werk „Die Erzählung“ definiert wurden, die Funktion übernehmen, den Bezug zu einer anerkannten Zeitlichkeitstheorie zu stellen. Gerade weil eine strikte Analyse nach den Maßstäben von Genette aber scheitern muss, dient dieser Bezug mehr dazu sich definierter und bekannter Begrifflichkeiten bedienen zu können. Diese Arbeit versucht den zeitlichen Rahmen der Erzählung herauszuarbeiten, um damit ein Instrumentarium zu liefern, über das dann grundsätzliche
Angaben zur erzählten Zeit gemacht werden können. Dabei soll die Entwicklung, die im Mittelpunkt von „Gehen“ steht, auf ihren linearen Ablauf hin geprüft werden und nach Hinweisen gesucht werden, die eine genauere zeitliche Ordnung des Geschehens ermöglichen.
2. Der Zugang zur Zeitlichkeit
Die Erzählung „Gehen“ von Thomas Bernhard scheint nur die Zeit eines Spazierganges zu umfassen, denn fast unbemerkt finden die Ausflüge in anderen Zeitebenen statt. Durch den Einsatz verschiedener Erzählebenen wird der sonst so selbstverständliche Zugang zur Zeitlichkeit erschwert, und auch die gelegentlichen Angaben von bestimmten Zeitpunkten und Zeitspannen
generiert nur ein ungenaues Bild der verstrichenen Zeit. 3 Die wenigen zeitlichen Angaben sind dabei nur ein Aspekt der Problematik, ein weiterer ist in der Häufigkeit des Zitats zu sehen. Bernhard scheint durch die Art der Erzählung, die Verwendung und Verstrickung von konstant mindestens zwei Erzähl- und Zeitebenen, das Erstellen eines zeitlichen Ablaufmodells der Erzählung schwierig machen zu wollen.
Ein Ich-Erzähler berichtet von Gesprächen, die er mit einer Figur, namens Oehler geführt hat und zitiert diesen dabei häufig. Oehler selber berichtet seinerseits von Gesprächen, die er mit der Figur Karrer geführt hat und zitiert wiederum diesen sehr häufig.
Die iterative Struktur manifestiert sich auch darin, daß der Text mit zwei einander ständig abwechselnden Erzählperspektiven operiert, der Perspektive eines Ich-Erzählers und der jener Figur namens Oehler, die sich nicht etwa relativieren, sondern bestätigen. 4
Sowohl die Gespräche zwischen dem Erzähler und Oehler als auch die Gespräche zwischen Oehler und Karrer finden im Verlauf eines fast identischen Spazierweges statt. Während dem aktuellen Spaziergang und den
damit verbundenen aktuellen Gedankengängen wird versucht, die vergangenen Gedankengänge und Gehbewegungen Karrers nachzuzeichnen, die zu dessen Verrücktwerden geführt haben.
Durch die Verschachtelung der Ereignis- und Erlebniswelten, wird eine eindeutige zeitliche Zuordnung der Ereignisse fast unmöglich gemacht. Die zeitlichen Grenzen, in denen Handlung stattfindet, werden diffus.
2.1. Ebenen der zeitlichen Staffelung
Das Prinzip der verschiedenen Erzählebenen, die durch Zitate, über Umwege immer beim Ich-Erzähler zusammenlaufen, wird durch jede neue Figur um eine Ebene erweitert.
„Es kommt zu einer iterativen Hintereinanderschaltung von Äußerungen, die sich selbst wiederholen, wobei die jeweilige Sprecheridentifikation schwer durchschaubar ist, sofern sei nicht explizit angegeben wird (durch „sagte A“ oder „so B“). Eine solche Situation enthält sehr deutlich die Erzählung Gehen: das Gespräch Karrers mit Rustenschacher und dessen Neffe wird Gegenstand des Gesprächs zwischen Oehler und Scherrer, welches wiederum Gegenstand des Gesprächs zwischen Oehler und dem Ich-Erzähler wird, was die Erzählung ausmacht.“ 5
Die erzählte Zeit, die auf den ersten Blick die Zeitspanne eines Spazierganges umfasst, wird so um ein wesentliches Maß gesteigert. Innerhalb dieser Zeitspanne liegen wenigstens der Spaziergang Karrers, inklusive des Verrücktwerdens bei Rustenschacher, und der Spaziergang des Erzählers mit Oehler. Außerdem findet Karrers Einweisung in Steinhof und das Gespräch zwischen Oehler und Scherrer statt.
Wenn man Aussagen über die erzählte Zeit treffen möchte, ist es demnach wichtig, zwischen den unterschiedlichen Ebenen zu differenzieren und auch von unterschiedlichen Zeitrahmen in den jeweiligen Ereignisebenen auszugehen. Inhaltlich wird dieser Aspekt sehr deutlich, wenn die letzten Zeilen der Erzählung von einem im-Bett-liegenden Karrer berichten, und damit einen Zeitpunkt in die Geschichte eingliedern, der allein durch die aktuelle Handlung eine zeitliche Differenz generiert.
Arbeit zitieren:
Jan Lechner, 2004, Über die Zeit und ihre Strukturen in "Gehen" von Thomas Bernhard, München, GRIN Verlag GmbH
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