1. „DIE WAHLVERWANDSCHAFTEN“ - EIN VIELSCHICHTIGES WERK
Ursprünglich plante Goethe den Roman „Die Wahlverwandtschaften“ 1 nicht als eigenständiges Werk. „Die Wahlverwandtschaften“ sollten lediglich als Novelle in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ vorkommen. Doch die Novelle gewann dermaßen an Ausmaß, dass Goethe sich schließlich entschloss, sie als einen von „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ unabhängigen Roman zu gestalten. „Die Wahlverwandtschaften“ erschienen nach mindestens über einjähriger Arbeit (der erste Beleg datiert auf den 1. 5. 1808) im Herbst des Jahres 1809. Tatsächlich erweist sich der Roman als so gehaltvoll und so vielschichtig, dass es kaum vorstellbar ist, dass seine Grundgedanken im Ursprung nur ein untergeordneter Teil eines anderen Werkes werden sollten.
Schon die Überschrift verweist auf einen naturwissenschaftlichen Kontext, in den der Roman eingebunden werden sollte. Das Hauptaugenmerk des Romans richtet sich auf das Leben der vier Protagonisten Eduard, Charlotte, Ottilie und Hauptmann und weist dem Roman die Funktion sowohl eines psychologischen Romans als auch eines Gesellschaftsromans zu, da alle Figuren in einem gesellschaftlichen Kontext agieren. Dies sind einige wenige, doch sehr verschiedene Aspekte des Romans, die nur beispielhaft seine Vielschichtigkeit darstellen sollen.
Ein so vielschichtiges Werk aber erfordert ebenso viele Methoden zu seiner Erschließung, denn mit einer Methode alleine ist es unmöglich, sein Bedeutungsspektrum auch nur annähernd zu erfassen. Im Folgenden werden zwei der zahlreichen Vorgehensweisen - eine ikonographische und eine sozialgeschichtliche - zur Erschließung des Romans vorgestellt und miteinander verglichen. Der Vergleich soll die Methoden darauf hin untersuchen, ob und inwiefern sie der Vielschichtigkeit des Romans gerecht werden. Dabei wird natürlich nicht außer Acht gelassen, dass keine Methode imstande ist, alle Ebenen des Romans zu eröffnen.
1 Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman. Mit einem Nachwort von Ernst Beutler. Stuttgart 1956. [Der Text folgt: Johann Wolfgang Goethe. Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Herausgegebenen von Ernst Beutler. Neunter Band. Zürich 1949.]
Im Folgenden beziehen sich Seitenangaben ohne weitere Kennzeichnung innerhalb des Textes immer auf diese Ausgabe.
Die Angaben zur Entstehung der „Wahlverwandtschaften“ im ersten Kapitel beziehen sich ebenfalls auf diese Ausgabe, S. 263 - 269 (Nachwort).
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2. DARSTELLUNG VON ZWEI DER ZAHLREICHEN METHODEN
2.1 Buschendorfs ikonographischer Ansatz
In seinem Buch „Goethes mythische Denkform. Zur Ikonographie der
‚Wahlverwandtschaften‘“ 2 widmet sich Buschendorf der ikonographischen Ebene der „Wahlverwandtschaften“. In der vorliegenden Arbeit wird nur das aus vier Absätzen bestehende zweite Kapitel des Buchs, „Die Tradition der Landschaftsmalerei und des neuzeitlichen Arkadien in den ‚Wahlverwandtschaften‘“ (B, S. 66 - 122), herbeigezogen, die eigentliche ikonographische Analyse setzt auch erst in diesem Kapitel ein. Doch bevor Buschendorfs Vorgehensweise näher erläutert wird, sollte zunächst der Begriff „Ikonographie“ geklärt werden. Er leitet sich von den griechischen Worten „eikon“ (Bild) und
„graphein“ (beschreiben) ab. 3 In der Kunstwissenschaft hat der Begriff heute zwei grundsätzliche Bedeutungen: Zum einen bezeichnet er die „Bestimmung von Bildnissen des
griech. und röm. Altertums“ 4 , zum anderen ist mit ihm sowohl die „Beschreibung, Form- und Inhaltsdeutung von [alten] Bildwerken“ als auch die „Lehre vom Sinngehalt alter Bildwerke“ 5 gemeint - die für Buschendorfs Ansatz ausschlaggebende Bedeutung ist die zweite. Buschendorf führt auf, welche Motive aus der bildenden Kunst sich auch in den „Wahlverwandtschaften“ finden, und deutet diese Motive analog zur ikonographischen Deutung der Bildwerke.
Um zu seiner ikonographischen Deutung übergehen zu können, stellt Buschendorf erst heraus, welche wichtige Stellung die Landschaft in den „Wahlverwandtschaften“ einnehme. Dabei ist es ihm wichtig zu betonen, dass die „Gesamtlandschaft“ (B, S. 66) in den Blick genommen werden müsse und nicht, wie bisher in der Forschung geschehen, „ihre einzelnen Elemente“ (ebd.). Nur so sei es möglich, die Bedeutung der Landschaftsbeschreibungen zu begreifen, denn nur mit den „stilistischen und semantischen Implikationen ihres Kontextes“ (B, S. 67) und dem „Vorwissen“ (ebd.) auf das referiert werde, könne diese Bedeutung ganz erfasst werden. Die Betrachtung der „Gesamtlandschaft“ macht sich Buschendorf in seiner Analyse zum Ziel. (ebd.) Für ihn steht fest, dass das „Vorwissen“ an das Goethe in den Landschaftsbeschreibungen appelliert, das „Bildgedächtnis“ (B, S. 68) des Lesers sei. Mit
2 Buschendorf, Bernhard: Goethes mythische Denkform. Zur Ikonographie der „Wahlverwandschaften“. 1. Auflage. Frankfurt am Main 1986. Im Folgenden werden Zitate aus diesem Werk im Text durch Seitenangaben, denen ein B vorausgeht, in Klammern gekennzeichnet. Beispiel: „...“ (B, S. 66).
3 Microsoft® Encarta® 98 Enzyklopädie. © 1993 - 1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
4 Duden Fremdwörterbuch. Bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat der Duden Redaktion unter Mitwirkung von: Maria Dose ... und zahlreichen Fachwissenschaftlern. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1990. (Der Duden; Band 5). Im Folgenden: Duden Fremdwörterbuch.
5 Ebd.
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diesem Wissen im Hinterkopf erkenne der Leser, dass auf den ersten Seiten des Romans (S. 3 f.), in denen die Parkanlagen von Eduard und Charlotte beschrieben werden, das „Gattungsschema einer idealen Landschaft im strengen kunsthistorischen Sinn“ (B, S. 68) entworfen werde. Deswegen trägt auch der erste Absatz des Kapitels die Überschrift „Ideale Landschaft“ (B, S. 66). Im Laufe dieses Kapitels zeigt Buschendorf nicht nur die „stilistischen und semantischen Implikationen“ des Textes auf, durch die eine kunsthistorisch zu begreifende ideale Landschaft gestaltet wird, sondern klärt auch die Funktion dieser idealen Landschaft. Ihre Funktion sei es, in einer zunehmend von „Zweckrationalität“ (B, S. 74) bestimmten Welt, durch die ihr eigene Ästhetik „‘den Zusammenhang des Menschen mit der umruhenden Natur offen zu halten und ihm Sprache und Sichtbarkeit zu verleihen‘, d. h. die ansonsten ‚notwendig entgleitende »ganze Natur« als Landschaft‘ zu vergegenwärtigen“ (B, S. 75). Allerdings sei eine „historisch bedingte Entfremdung von der ursprünglichen Einheit mit der Natur“ (ebd.) nötig, bevor man sich der „Einheit mit der Natur“ als etwas Positivem erinnern könne und des Ästhetischen bedürfe, um sie sich wieder vor Augen zu führen. Die Natur in den „Wahlverwandtschaften“ sei also als „geistige Antike“ (B, S. 78) zu verstehen, die in der Vervollkommnung des englischen Gartens, der „Realisation idealer Landschaft“ (B, S. 77), durch die Hauptfiguren des Romans möglichst unverfälscht dargestellt werden sollte. Die Kennzeichnung als „geistige Antike“ aber sei das „geistige Substrat“ (B, S. 78) der „Bedeutung idealer Landschaft“ (B, S. 79), bei dieser handle es sich um die Arkadische
Poesie 6 . (Es sei an dieser Stelle kurz angemerkt, dass ich diese Schlussfolgerung nicht ganz nachvollziehbar finde.)
Buschendorf führt im zweiten Absatz des Kapitels, „Der Roman als arkadisches Zwischenreich“, aus, dass nicht nur die Landschaftsbeschreibungen in den
„Wahlverwandtschaften“, sondern auch der Roman selbst von dem „Geist Arkadiens“ 7 (B, S. 79) beeinflusst sei. Mit dem Begriff „Arkadien“ macht Buschendorf einen Sprung zur Literatur, da „Arkadien“ im Gegensatz zur „idealen Landschaft“ ein literarischer Begriff ist. Die „Wahlverwandtschaften“ entwürfen eine „‘geistige Landschaft‘ ‚zwischen Mythos und Wirklichkeit‘“ (ebd.) und schufen somit ein „arkadisches Zwischenreich“ (ebd.), zwischen dem Ideal der arkadischen Idylle, dem Goldenen Zeitalter, wie es sich als „‘überhöhte[s] Arkadien‘“ bei Sannazaro fände (B, S. 80), und der Realität der Figuren in den
6 Arkadische Poesie ist eine Bezeichnung für Hirten- und Schäferdichtung, die nach der Landschaft Arkadien (Peleponnes) so benannt worden ist. „Arcadia“ ist der Titel zahlreicher Werke, z. B. Sannazaro, 1502. Angaben aus: Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart, 1989. (Kröners Taschenausgabe; Band 231).
7 Arkadien im mythologisch-literarischen Sinne meint den Schauplatz eines glückseligen, idyllischen Landlebens. Angaben nach: Duden Fremdwörterbuch.
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„Wahlverwandtschaften“. Denn zum einen lebten die Figuren zurückgezogen in einer ländlichen, idyllisch anmutenden Umgebung (B, S. 79), die durchaus einer „idealen Landschaft“ des Goldenen Zeitalters gemäß sei, zum anderen aber mache sich die Wirklichkeit z.B. in Form von Berichten vom Kriegsgeschehen (Krieg war dem Goldnen Zeitalter fremd) bemerkbar (B, S. 81). Die Mängel des „arkadischen Zwischenreiches“ gegenüber der Idylle des Goldenen Zeitalters wiederum würden vor allem gerade durch die Idealisierung Arkadiens (B, 82 f.) hervorgehoben (B, S. 83). Das „arkadische Zwischenreich“ ist laut Buschendorf die Nichterfüllung des Ideals: eine ideale Landschaft, die nicht ideal ausgefüllt wird.
Am deutlichsten werde die Differenz zwischen Goldenem Zeitalter und Arkadien in den „Wahlverwandtschaften“ im „Bereich der Liebe“ (ebd.): Der „‘Liebesfreiheit‘“ des Goldnen Zeitalters, wie sie auch innerhalb der „Wahlverwandtschaften“ in der Novelle „Die wunderlichen Nachbarskinder“ dargestellt werde (B, S. 84), stehe die durch „die Sitte gehindert[e]“ (B, S. 85) Liebe in Arkadien gegenüber.
Mit dem Gegensatz zwischen „Liebesfreiheit“ und „gesitteter Liebe“ beschäftigt sich Buschendorf im dritten Absatz des Kapitels, „Erotisches versus gesittetes Arkadien“, eingehender, wobei er - bis auf die Überleitung - nicht auf die Ergebnisse des vorangehenden Absatzes zurückgreift. Als Grundlage dient ihm der Vergleich zwischen Sannazaros „Arcadia“, die - wie schon oben erwähnt - die „Liebesfreiheit“ zum Ideal mache (B, S. 89), und dem „Pastor fido“ von Guarini (B, S. 90), in dem das „‘ursprüngliche[ ] Tugendideal‘“ (ebd.) des Goldenen Zeitalters hervorgehoben werde. Aus diesem Vergleich ergeben sich zwei verschiedene Auffassungen von Arkadien, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stünden: ein „anti-moralistisch-diesseitige[s] Arkadien eines Sannazaro“ (B, S. 93) und ein „in ideologischer Panegyrik verschwebende[s] Arkadien eines Guarini“ (ebd.). Das Spannungsverhältnis dieser beiden Arkadien habe Goethe in den „Wahlverwandtschaften“ auf poetische Art genutzt, indem er diese beiden „konkurrierenden Konzeptionen Arkadiens als konstitutive Ausdruckspotentiale“ (B, S. 94) des Romans verwendet habe. Ausführlich stellt Buschendorf im Folgenden dar, inwieweit die einzelnen Figuren (z.B. Eduard, Charlotte, Mittler) dem „erotischen“ oder dem „sittlichen Arkadien“ zuzuordnen seien, er erläutert auch, inwiefern einzelne Handlungsstränge (z. B. Spaziergang zur Mühle, S. 54 ff.) ein „erotisches“ oder ein „sittliches Arkadien“ evozierten (B, S. 94 - 108). Er kommt zu dem Schluss, dass die Figuren in den „Wahlverwandtschaften“ auf der einen Seite „heidnische Intentionen“ (B, S. 106) aufwiesen, ein „erotisches Arkadien“ herbeisehnten, auf der anderen Seite aber an „christlich-bürgerlichen Werten orientiert“ (ebd.) seien und ein „sittliches Arkadien“
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Arbeit zitieren:
M.A. Marga Marczyk, 2000, J. W. von Goethe: Wahlverwandtschaften - Ikonographischer vs. sozialgeschichtlicher Interpretationsansatz, München, GRIN Verlag GmbH
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