1. Vorwort
Neben Erziehungswissenschaft, Gesellschaftswissenschaft und Politikwissenschaft gehört zu den unentbehrlichen Bezugswissenschaften der Literaturdidaktik die germanistische Fachwissenschaft der aufklärenden Literaturwissenschaft, deren Analyse literarischer Phänomene die literaturdidaktischen Aspekte inhaltlich unterbauen und absichern. Insgesamt geht es in dieser Arbeit um das Spektrum Holocaustliteratur im Unterricht und deren erziehungs- und gesellschaftswissenschaftliche Funktion. Anders formuliert, stellt sich die Frage in wieweit uns das vorliegende Buch "Sternkinder" im Unterricht eine erziehungs- und gesellschaftswissenschaftliche Lehrfunktion vermitteln kann. Ferner stellt sich die Frage, ob dieses Buch im allgemeinen für den Einsatz im Unterricht geeignet ist. Der im Seminar erstellte Fragenkatalog, dient hierbei als erste "Kontrollinstanz", der vom Lehrkörper aufmerksam bearbeitet werden sollte. Zudem sind mehrere Faktoren bei der Bearbeitung oder schon bei der Überlegung des möglichen Einsatzes bei der Auswahl eines Buches für den Unterricht zu beachten. Der Dialektik der Aufklärung kommt hierbei eine wesentliche Rolle zu. "Die Erwachsenen und die Halbwüchsigen müssen es lesen. Da hilft keine Ausrede." So begründet Erich Kästner den Einsatz diese Buches im Unterricht, bzw. die Lesenotwendigkeit für den Themenbereich Holocaust insgesamt. Die dabei zu überwältigenden Elemente sind beispielsweise Desinteresse aus Geschichtsmüdigkeit, Konsumablenkung, Anonymität der Grausamkeit und dessen Abstraktion u.v.m.. Die Grausamkeiten in ihrer ganzen Bandbreite aufzuzeigen und mitfühlen zu lassen kann dabei nicht Thema sein. Die Grausamkeiten des Holocausts sind ein Faß ohne Boden, was aus heutiger Sichtweise glücklicherweise für mitteleuropäer nicht zu erfassen möglich ist. Aber "Wer sich daran begeistert, wie schnell und wie hoch der Mensch zu fliegen imstande ist, der muß auch wissen, wie rasch und wie abgrundtief er sinken kann." Ich kann Erich Kästner nur zustimmen. Es wird in dieser Arbeit der Versuch unternommen, Asscher- Pinkhof`s eindrucksvolles Buch unter didaktischer Berücksichtigung zu sehen und schrittweise zu versuchen es kritisch zu betrachten.
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2. Zur Autorin und
Der biographische Hintergrund für die Entstehung des Buches
Clara Asscher -Pinkhof wurde 1896 als Kind einer Großfamilie geboren. Ihre pädagogische Ausbildung zur Lehrerin machte sie in Groningen und lebte dort bis zur Besetzung Hollands 1941. Sodann mußte sie nach Amsterdam übersiedeln. Schon mit vierzehn Jahren schrieb sie für diverse Kinderzeitschriften einzelne Geschichten. Als junge Lehrerin veröffentlichte sie verschiedene pädagogische Schriften. 1935 erschien ihr erster Roman " Der Weg allein". Zuvor wurde 1932 ihr Mädchenbuch "Am Ufer" in einem regionalen Wettbewerb ausgezeichnet. Ihr hier zum Thema gemachtes Buches "Sternkinder"
erschien schon 1946 in Holland und erst 1961 übersetzt von W. Niemeyer in Deutschland 1 Nachdem sie gezwungen war nach Amsterdam überzusiedeln, unterrichtete sie dort jüdische Kinder, denen es verboten wurde öffentliche Schulen zu besuchen. Mit einer Gruppe jüdischer Familien , dann nur mit deren Kindern teilte Asscher- Pinkhof den Weg durch die nationalsozialistischen Konzentrationslager bei Drenste, Westerbork, zuletzt Bergen-Belsen. Durch einen Austausch am 29.6.1944 gelangte die Autorin nach
Palästina. 2 Wie die Clara Asscher- Pinkhof auf die rettende "Pälastina-Liste" gelangte bleibt unklar, zu vermuten ist jedoch, daß es eine willkürliche Auswahl der Nationalsozialisten gewesen ist.
In Pälastina angekommen, arbeitete sie zuerst in einem Kibbuz, später als Lehrerin für Hebräisch in der Erwachsenenbildung. Die deutsche Übersetzung ihres Buches "Sternkinder" wurde 1962 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Im Alter von achtundachtzig Jahren stirbt Clara Asscher- Pinkhof.
Das Buch ist der Erlebnisbericht der Autorin, dies steht außer Diskussion. Da aber nicht aus der Perspektive einer Erwachsenen erzählt wird, ist die Person Asscher- Pinkhof nicht sofort zu erkennen. Natürlich ist sie es die diese Erfahrungen gemacht hat und alles aus ihrem Erfahrungshorizont stammt, jedoch ist es an einigen Stellen möglich die Autorin als mögliche Charaktere im Buch zu erkennen.
1 Aus: C. Asscher- Pinkhof: De danseres zonder benen, Internationale Jugendbibliothek
2 Kolb, Eberhard (Hrsg.): Bergen Belsen. Geschichte des "Aufenthaltlagers" 1943-1945, Hannover 1962. In
einer Übersicht über die Abgänge aus dem Sternlager (S. 317) werden die Transporte aus dem Lager
dokumentiert.
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Beim aufmerksamen Lesen stößt man auf Situationen, die auf einen klaren biographischen Hintergrund hinweisen.
In der zweiten Geschichte des letzten Kapitels spricht die Autorin von LehrerInnen, die nach dem "Appelruf für Insassen mit Palästina -Papieren" anfangen die Kinder wieder zu unterrichten. Man könnte davon ausgehen, daß hierbei die Tätigkeit der Autorin geschildert wird.
Etwas deutlicher verhält es sich u.a. in der Episode "Hora". Dort wird das Verhalten der Autorin und ihre Tätigkeit klar geschildert "Nach dem letzten Dienstag sind nur ein Lehrer und eine Lehrerin übrig geblieben. Die beiden haben ihre Schüler zu einer Gruppe zusammengefasst. Sie erzählen Geschichten, singen, lassen etwas aufsagen und haben es gut
miteinander, die restlichen Kinder und die restlichen Großen." 3
Weitere biographische Darstellungen, sind sicherlich noch vermehrt zu finden, jedoch macht es hier keinen weiterführenden Sinn, da es im Ganzen des Buches um einen Erinnerungsbericht geht. Vielleicht ist es aus heutiger Stellung wichtig diese biographischen Stellen als nötige Vorgehensweise zu filtrieren, um zu ergründen, wie es eigentlich gewesen ist.
Außer jeglicher Diskussion steht hierbei eine Tatsache: Es gelingt Asscher-Pinkhof, die Wirklichkeit einer besonderen Umwelt und die Kindergestalten trotz ohne jede Namensnennung zu verdeutlichen.
3. Buchgliederung und Text
Text
Die niederländische Autorin, die als Lehrerin ihre SchülerInnen durch Ghettos und das Lager Bergen-Belsen begleitete, erzählt in diesem weit verbreiteten Buch in Form von Kurzgeschichten einzelne Episoden des Leidensweges.
Sie erzählt die verfremdeten Alltagssituationen der "Sternkinder", holländischer Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters denen als erster Bruch des `normalen` Alltags der Besuch von öffentlichen Schulen nicht mehr gestattet wird und von dort an ein `grausamer` Alltag folgt.
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Arbeit zitieren:
Nesrin Taskiran, 1999, Holocaustliteratur im Unterricht am Beispiel von Clara Ascher-Pinkoffs "Sternkinder", München, GRIN Verlag GmbH
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