Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und ihre Integration in die Gemeinschaft und Gesellschaft sind vielfältige Prozesse von Bedeutung. Die Heranwachsenden müssen sich integrieren, Normen erfassen, sich ihnen entsprechend verhalten und Lernerfahrungen machen. Das geschieht vor allem durch den Einfluß diverser Bezugspersonen, wie den Eltern oder Gleichaltrigen. Diese Sozialiation findet für jeden Menschen in unterschiedlichen Umgebungen statt, die durch die sozialen Beziehungen und wirtschaftlichen Bedingungen gestaltet werden. Unterschieden wird in der Soziologie dabei nach Schichten bzw. Klassen, die sich hauptsächlich durch ungleichen Besitz an materiellen Ressourcen und deren Kontrolle charaktersieren.
Inwieweit sich das Aufwachsen in verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Lebenslagen auf die kindliche Sozialisation auswirkt und wie sich die Ergebnisse der Forscher dazu von den 1970er Jahren bis heute gestalten; unter welchen Gesichtspunkten schichtspezifische Sozialisation betrachtet wird und was ihre Aufgaben für die Zukunft sein könnten, wird in dieser Arbeit behandelt. Die Forschung dieser Zeit wird aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch beleuchtet. In diesem Zusammenhang werden auch die Ergebnisse der PISA-Studie erläutert und weitere aktuelle Forschungsergebnisse aufgeführt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Aspekte schichtspezifischer Sozialisation
1. Friedhelm Neidhardt
2. Basil Bernstein
3. Beatrice Caesar
4. Zu den Ergebnissen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung
III. Die PISA-Studie und vergleichbare Untersuchungen
IV. Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Sozialisationsprozessen von Kindern und Jugendlichen von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart. Im Fokus steht die Frage, wie ungleiche Lebensbedingungen den Erwerb von Normen, Werten und Kompetenzen beeinflussen und inwieweit sich diese schichtspezifischen Disparitäten in den schulischen Leistungen und Bildungschancen, insbesondere unter Berücksichtigung aktueller PISA-Ergebnisse, manifestieren.
- Historische und theoretische Grundlagen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung
- Einfluss elterlicher Erziehungsstile und Sprachcodes auf die Persönlichkeitsentwicklung
- Bedeutung des sozialen Status für den schulischen Bildungserfolg
- Kritische Analyse von Bildungsungleichheit und Selektionsprozessen im Schulwesen
- Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Lebenslagen und Zukunftsantizipationen
Auszug aus dem Buch
1. Friedhelm Neidhardt
Neidhardt bezeichnet in seinem Aufsatz „Schichtspezifische Elterneinflüsse im Sozialisationsprozeß“ soziale Schichtung als ein „Phänomen gesellschaftlicher Ungleichheit“ (Neidhardt 1968, 174): So haben Menschen mit großem Einfluß, hohem Ansehen und viel Besitz oder Einkommen einen hohen sozialen Status inne. Dieser Status läßt sich am besten durch einen multiplen Index registrieren, der die berufliche Tätigkeit, das Einkommen und die Schulbildung einschließt. Neidhardt begründet dies damit, daß genannte Kennzeichen geeignete Indikatoren für die Bewertungen sind, nach denen sich Menschen selbst und andere beurteilen und aufgrund derer sie miteinander umgehen. So geben die Merkmale Auskunft über den Einfluß des einzelnen im Beruf und im öffentlichen Leben, über Befähigungen und Fertigkeiten, die mit einer bestimmten Schulbildung einhergehen sowie über Konsummöglichkeiten und Lebensstil, die mit einem bestimmten Einkommen verwirklichbar sind. In diesem Sinne definiert Neidhardt soziale Schichtung „als das Phänomen [...], das die ungleichen Chancen des einzelnen bezeichnet, im gesellschaftlichen Bereich Dinge, Symbole und Erfahrungen zu besitzen, die als wertvoll angesehen werden“ (ebd.).
Im folgenden widerspricht Neidhardt der in den 1960er Jahren geltenden Annahme, daß sich aus einer Vielfalt unterschiedlicher sozialer Klassen eine ausgedehnte, recht gleichförmige Gesellschaftsschicht gebildet habe. So seien die Unterschiede keinesfalls unwesentlich: „Sie existieren [...] als weitgehend verdeckte, gewissermaßen informelle Ungleichheiten der sozialen Situation“ (a.a.O., 175). So wies Neidhardt empirisch nach, daß die Unterschichten ein geringeres Einkommen, ein niedrigeres Prestige, geringere Macht und weniger Beziehungen und Einfluß haben als Angehörige der Mittel- und Oberschichten. Ohne diese Mißverhältnisse in den sozialen Situationen, sind die enormen Ungleichheiten im Verhalten der Angehörigen unterschiedlicher Schichten soziologisch nicht erklärbar.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Definiert den Sozialisationsbegriff und führt in die Problematik ein, wie soziale Klassen bzw. Schichten die kindliche Entwicklung prägen.
II. Aspekte schichtspezifischer Sozialisation: Analysiert die theoretischen Ansätze von Neidhardt, Bernstein und Caesar zur schichtspezifischen Sozialisation und reflektiert deren Ergebnisse.
III. Die PISA-Studie und vergleichbare Untersuchungen: Diskutiert moderne Befunde zur Bildungsungleichheit und das Zusammenspiel von sozialer Herkunft, Kompetenzerwerb und schulischem Erfolg.
IV. Resümee und Ausblick: Fasst die Erkenntnisse zusammen und plädiert für eine Weiterentwicklung der Sozialisationsforschung unter Einbeziehung differenzierterer Analyserahmen.
Schlüsselwörter
Sozialisation, soziale Schichtung, Bildungsungleichheit, Familie, Erziehungsstil, Basil Bernstein, PISA-Studie, Schulerfolg, soziale Herkunft, Persönlichkeitsentwicklung, Lebensstil, Chancengleichheit, Bildungsnähe, Bildungsferne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Einfluss der sozialen Schichtzugehörigkeit auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, beginnend bei klassischen Studien der 1970er Jahre bis hin zu aktuellen Befunden der PISA-Studie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die elterliche Sozialisation, den Einfluss von Sprachcodes auf die kognitive Entwicklung, die Bedeutung des sozialen Status für den Bildungserfolg sowie die Rolle der Schule bei der Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Vermittlungszusammenhang zwischen sozialem Status der Eltern und der Persönlichkeitsentwicklung bzw. dem schulischen Erfolg des Kindes zu beleuchten und zu hinterfragen, warum Bildungsungleichheiten über Generationen hinweg bestehen bleiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse soziologischer Theorien und empirischer Studien zur Sozialisationsforschung, ergänzt durch eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Bildungsberichten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Betrachtung klassischer Sozialisationsforscher (Neidhardt, Bernstein, Caesar), eine methodische Kritik der Forschung und eine Analyse der PISA-Studie sowie vergleichbarer Untersuchungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialisation, soziale Schichtung, Bildungsungleichheit, Erziehungsstil und Bildungsnähe.
Wie unterscheidet sich laut Bernstein der Sprachgebrauch in den Schichten?
Bernstein unterscheidet zwischen einem „elaborierten Code“ der Mittelschichten, der abstrakte und differenzierte Ausdrucksweisen ermöglicht, und einem „restringierten Code“ der Unterschichten, der stärker auf unmittelbare, kontextgebundene Zusammenhänge ausgerichtet ist.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Entstehung von Ungleichheit?
Die Schule wird als Institution beschrieben, die zwar auf universalistischen Prinzipien basiert, aber durch die Bewertung kultureller Codes und habitueller Voraussetzungen oft bestehende soziale Unterschiede verstetigt oder sogar verstärkt.
- Quote paper
- Ricardo Westphal (Author), 2005, Zur schichtspezifischen Sozialisation der 70er Jahre bis heute - mit einem Ausblick auf die Ergebnisse der PISA-Studie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33037