Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 2
1.1. Zielsetzung der Arbeit 2
1.2. Zur Forschungsliteratur 4
2. Hofmannsthals Ehemetaphysik 5
2.1. Ehe als neue Daseinstufe / das „Zu-sich-selbst-Kommen“ 5
2.2. Die Verwandlung 8
2.2.1. Die Verwandlung durch die Ehe: Voraussetzung für das
Erreichen der „Existenz“ 8
2.2.2. Die Verwandlung in der Ehe 10
3. Das Schicksalhafte der Ehe: Ehe als „höhere Notwendigkeit“ 11
3.1. Die „höhere Notwendigkeit“ als Instrument zur Herstellung
der Ordnung 14
3.2. Hofmannsthals Kritik an Ehe als Geschäft / Ehe auf Kommando 16
4. Ehe als Spiegel der Gesellschaft: Ordnung versus Chaos 18
4.1. Ehe und das Proble m der Treue 19
4.2. „Das weite Land“: Ehe als Abbildung des Chaos 21
5. Schlussbetrachtung 23
Literaturverzeichnis 26
1
1. Einleitung
1.1. Zielsetzung der Arbeit
Die Ehe und die zwischenmenschliche Bindung bilden eines der zentralen Themen bzw. Motiven in den Lustspielen Hofmannsthals und hat eine besondere Funktion. Seine Komödien variieren in unterschiedlichen Kontexten das Problem der zwischenmenschlichen Bindung, die für Hofmannsthal in der Regel die Ehe bedeutet. Das gesamte Komödienwerk bildet geradezu eine Verherrlichung der Ehe. In einem Brief vom 10. September 1926 an Burckhardt schreibt er:
„Mit ist die Ehe etwas Hohes, wahrhaft das Sacrament - ich möchte
das Leben ohne die Ehe nicht denken. (Es ist alles was ich davon
(die Ehe) denke, in meinen Lustspielen gesagt, oft in einer mit Willen
versteckten und beinahe leichtfertigen Weise).“ 1
In der vorliegenden Arbeit soll zunächst aufgezeigt werden, wie Hofmannsthal seine lebensphilosophische Ideen in dem Konzept der Ehe konkretisiert. In diesem Zusammenhang möchte ich näher auf Begriffe aus Hofmannsthals Selbst-interpretationen „Ad me ipsum“ und „Buch der Freude“ eingehen.
Hofmannsthal selbst bezeichnet seine Komödien als „das erreichte Soziale“ (A 226). Das „Soziale“ im Hofmannsthals Sprachgebrauch soll dabei als ein Raum verstanden werden, „in dem der einzelne und die Mitmenschen, das Besondere und das Allgemeine, die Individualität und die Ganzheit einen Zustand der Ausgewogenheit und des Gleichgewichts finden können.“ 2 Die Lustspiele belehren: alle sind miteinander und einander bedürftig.
Die Ehe löst zwei „Antinomien des Daseins“, von denen Hofmannstahl in „Ad me ipsum“ spricht: „die der vergehender Zeit und der Dauer - und die
1 H. v. H. - C.J. Burckhardt, Briefwechsel, S. 226
2 Mauser, S.150
2
der Einsamkeit und der Gemeinschaft“ (A 228). Denn, wie der Dichter meint, „ohne Glauben an die Ewigkeit ist kein wahrhaftes Leben möglich“. 3
Die Figuren der Komödien suchen mit großem Ernst nach Bindung und Gemeinschaft. Die Ehe als soziale Form schlechthin löst die vorhandenen Antinomien, indem sie zwei Menschen verbindet. Der Ehebund verhilft also dem Individuum, seine Einsamkeit zu überwinden und bringt ihn in die Gemeinschaft. Wie es in „Buch der Freude“ heißt, bedeutet „der Weg zum Sozialen“ auch „den Weg zu sich selbst“ (A 217). Der „Weg zu sich selbst“ ist wiederum mit dem Begriff der „neuen Daseinstufe“ verbunden, der für die meine Analyse von großer Bedeutung ist. Die vorliegende Arbeit soll zeigen, wie Hofmannsthal das Konzept der „neuen Daseinstufe“ auf sein Konzept der Ehe überträgt. Im Sinne dieses Konzepts verkörpert die Ehe für Hofmannsthal die „höchstentwickelte“ Lebensform des Individuums, gerade deswegen, weil sie ihn ermöglichst, die Isolation zu überwinden und zum eigenen Selbst zu finden. Das Erreichen dieser Stufe setzt jedoch eine vorherige eine „Verwandlung“ des Individuums voraus. Dieser Aspekt soll ebenfalls näher beleuchtet werden.
Zum zweiten möchte ich zeigen, dass für Hofmannsthal die Ehe etwas Schicksalhaftes in sich trägt. Außer zur Überwindung von Einsamkeit dient sie auch dazu, die Antinomie von Zeit und Dauer zu lösen. Hofmannsthal entfaltet das Konzept der dauerhaften Bindung, indem er dem „Zufall“ (der zufälligen, unnatürlichen Bindung) die „höheren Notwendigkeit“ gegenübergestellt. Die „höhere Notwendigkeit“ scheint für Hofmannsthal Basis für die Ehe zu sein. Wie im folgenden gezeigt wird, wird sie als maßgebliche Instanz verstanden, die das Zustandekommen einer dauerhaften Bindung ermöglicht.
Schließlich möchte ich zeigen, dass die Ehe von Hofmannsthal in seinen Komödien auch als Mittel zur Herstellung der „Ordnung“ verwendet wird. Der Dichter nimmt eine erzieherische Position ein, in dem er Wege zur Herstellung der „Ordnung“ zeigt.
3 ebenda, S. 228
3
Zur Analyse werden fünf Komödien herangezogen: „Cristinas Heimreise“, „Der Rosenkavalier“, „Der Schwierige“, „Der Unbestechliche“ und schließlich „Arabella“.
Den Abschluss der Arbeit bildet eine kurze Gegenüberstellung der hofmannsthalschen Ehekonzeption mit der von Arthur Schnitzler. Dabei stütze ich mich auf Beispiele aus der Tragikomödie „Das weite Land“. Dieser Vergleich scheint mir vor allem deswegen wichtig, weil, wie im folgenden gezeigt wird, Schnitzler eine grundsätzlich andere Einstellung zwische nmenschlicher Beziehung präsentiert. Sein Konzept beruht nicht auf Idealen; er stellt den Menschen mit seinen Trieben und Schwächen dar und zeigt das Chaos in den zwischenmenschlichen Beziehungen und die „dunklen Seiten“ der Ehe.
1.2. Zur Forschungsliteratur
Aus der Fülle der Forschungsliteratur über Hugo von Hofmannsthal waren vor allem Arbeiten von Bedeutung, die sich mit den späteren Werken Hofmannsthals befassen. In der Untersuchung berücksichtige ich Hofmannsthals Selbstinterpretation „Ad me ipsum“ als primäre Quelle zur Bestimmung des Problems der Ehe als „neuen Daseinstufe“. Ich habe mich dabei auf dort genannten Begriffe gestützt, eine ausführliche Erläuterung erübrigt sich jedoch. Weiterhin stützt sich die Arbeit auf die Interpretationen der Komödien von Rösch 4 und Rech 5 ; in beiden findet man den Bezug zu der Selbstinterpretation Hofmannsthals. Die Frage nach den Daseinstufen wird auch von Rolf Tarot 6 und Heinrich Oft 7 behandelt. Hofmannsthals Komödien werden ebenfalls von Hederer interpretiert 8 . W. Reys Arbeit: „Eros und Ethos in Hofmannsthals Lustspielen“ zeigt die Konfigurationen u.a. in „Cristinas Heimreise“ und im „Rosenkavalier“. Auf die Bedeutung der Figurenkonfiguration im Werke Hofmannsthals hat Alewyn 9 hingewiesen.
4 Rösch, Komödien Hofmannsthals
5 Rech, Hofmannsthals Komödien
6 Tarot, Rolf, Hugo von Hofmannsthal. Daseinformen und dichterische Struktur
7 Oft, Heinrich, Das Problem der Autonomie bei Hofmannsthal
8 Hederer, Hugo von Hofmannsthal
9 Alewyn, Probleme und Gestalten
4
W. Mauser ist in seinem Hofmannsthal-Buch 10 auf die den Dichter interessierenden Fragen nach Identitätsbildung und sozialen Verhältnissen im „Rosenkavalier“ und im „Schwierigen“ eingegangen. G. Inackers „Antinomische Strukturen“ 11 haben zwar das Gesamtwerk zum Untersuchungsgegenstand, das Problem der Antinomien wurde jedoch auch am Beispiel vom „Schwierigen“ abgehandelt. Hugo Wyss 12 beschäftigt sich mit der Figur der Frau in der Dichtung Hofmannsthals und zeigt in dem Kapitel „Liebe und Ehe als soziales Sein und Tun des Individuums zur Gemeinschaft“ die Frau auf dem Wege zur Ehe und schildert weiterhin das Problem der Treue und Untreue.
Bei der Untersuchung der Verwandlung und Untreue in der Ehe war mir die allgemeine Analyse von N. Altenhofer 13 hilfreich. Allgemeine Analysen von Schnitzlers Komödienwerk liegen von Kilian 14 und Rieder 15 vor. Die zwischenmenschliche Interaktionen in „Der Schwierige“ und „Das weite Land“ werden von Söhnlein 16 untersucht; er konzentriert sich dabei auf die Dialoganalyse. Jenneke A. Oosterhoff 17 geht auf das Problem der Ehe mit besondrer Berücksichtigung des Männlichkeitskonzepts in den Werken Schnitzlers ein.
Zur Herstellung des Bezug zwischen den beiden Dichtern und ihrer Gegenwart waren mir Werke von Doppler 18 und Althaus 19 hilfreich: beide beschäftigen sich mit der Geschichte im Spiegel der Literatur.
10 Mauser, W., Hugo von Hofmannsthal. Konfliktbewältigung und Werkstruktur
11 Inackers, G., Antinomische Strukturen im Werk Hugo von Hofmannstahls
12 Wyss, Das Bild der Frau in der Dichtung Hugo von Hofmannsthal
13 Altenhofer, Hofmannsthals Lustspiel „Der Unbestechliche“
14 Kilian, Die Komödien Arthur Schnitzlers
15 Rieder, Arthur Schnitzler. Das dramatische Werk
16 Söhnlein, Gesellschaftliche und private Interaktionen
17 Oosterhoff, Die Männer sind infam, solang sie Männer sind.
18 Doppler, Geschichte im Spiegel der Literatur
19 Althaus, Zwischen Monachie und Republik
5
2. Hofmannsthals ‚Ehemetaphysik‘
2.1. Ehe als neue Daseinstufe / das „Zu-sich-selbst-Kommen“
Die ganze Dichtung Hofmannsthals zielt dahin, das Individuum durch die Bindung zu innerer Geschlossenheit zu führen. Ohne Bindung würde das Individuum in der Präexistenz bleiben oder chaotisiert werden. Wie es im „Buch der Freude“ heißt: „Wenn die Liebe einen ,Zweck’ hat, (...) so müsste es der sein, dass in ihrer Glut der beständig in innerste Teile auseinanderfallende Mensch zu einer Einheit zusammengeschmolzen wird“ 20 . Oder wie Wyss sagt:
„Wenn sich ein Individuum zum Du hinwendet, sprengt es den
begrenzten Kreis des selbstsüchtigen Ichs und öffnet sich der
Gemeinschaft.“ 21
Nach Hofmannsthals Auffassung steigt insbesondere die Frau über den Mann hinaus: über den Mann als Abenteurer, ,,Schwierigen, Zwiespältigen und Präexistenten“ 22 . Die Frau tut den entscheidenden Schritt zur Überwindung der Präexistenz; ihre Verwandlung zieht die des Mannes nach.
Hofmannsthal entfaltet in der Darstellung der Ehe sein Konzept der „neuen Daseinstufe“. Die Ehe soll nicht nur als ein Weg zum Sozialen und sondern auch als ein Weg „zu sich selbst“ verstanden werden. Wie im „Ad me ipsum“ gesagt wird, wird der Mensch erst dann zu einer Person, erst dann hat er sich bestimmt und hat ein Schicksal, wenn er sich aus dem Allgemeinen gelöst hat und sich an einen Partner gebunden hat. Leben ohne Bindung würde in diesem Falle ein Leben ohne Bestimmung bedeuten. Damit sie aber zustande kommt, muss sich in einem Individuum erst einmal eine Verwandlung vollziehen, infolge derer eine „neue Daseinstufe“ erreicht wird: nämlich die „Existenz“.
20 Buch der Freude, S. 58
21 Wyss, S. 127
22 ebenda, S. 127
6
Die Figuren der Lustspiele 23 befinden sich am Anfang der Handlung in einem Zustand, den Hofmannsthal „Präexistenz“ nennt. Im „Schwierigen“ scheint Helene eine Verkörperung dieses Zustandes zu sein. Sie sucht aber das Definitive und Endgültige: ihre Bestimmung in der persönlicher Bindung. 24 Sie erkennt diese Bestimmung in der Ehe mit Hans Karl. Diese Erkenntnis verhilft ihr zur Verwandlung und gibt ihr die Kraft zum Handeln. Die Verwandlung vollzieht sich nach dem Gespräch mit Hans Karl im zweiten Akt (14. Szene). Durch die Aussage von Hans Karl wird die Bestimmung (die in der Vergangenheit gegründet ist) deutlich: „ (...), da waren sie meine Frau. (...) Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine Frau ganz einfach. (...) Das Ganze hat eher etwas Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.“ (L II, 263-264). Dieses für sie schmerzliche Gespräch verursacht, dass sie im dritten Akt verändert auf der Bühne erscheint. Hans Karl merkt dies sofort: „Sie sehen anders als sonst. Es ist etwas geschehen!“, worauf sie antwortet: „Ja, es ist etwas geschehen“. (LII, 293).
Die Veränderung gibt ihr Kraft zum Handeln. Sie ist entschlossen und bereit zu kämpfen. Ihre Entschossenheit wird durch ihre Bereitschaft, das Haus zu verlassen und Kari nachzugehen, deutlich. Die Absicht, das Elternhaus zu verlassen bedeutet auch, dass sie „aus der präexistenten Geborgenheit des Familienzusammenhang getreten ist, um eigenverantwortliche Person zu werden.“ 25 Das Handeln unterstreicht die Verwandlung: „Übergang von der Prae-existenz zur Existenz: dies ist in jedem Übergang jedem Tun.“ (A 226). Helene hilft Hans Karl dabei, ihm seine unbewusste Handlung, seinen tieferen Willen bewusst zu machen; sie konkretisiert das, was ihr Kari vorher unbewusst gestanden hat und verhilft ihm damit, sich aus dem Zwischenzustand („Präexistenz“) zu lösen und den Weg zu „Sich Selbst“, zur „Existenz“ zufinden. Sie fordert von ihm „von deinem Leben, von deiner Seele, von allem - meinen Teil!“ ( LII 299).
23 Damit meine ich natürlich nicht alle Figuren, sondern diese, die am Ende der Handlung
die Ehe schließen.
24 Oft, S. 160
25 ebenda, S. 176
7
Arbeit zitieren:
Elwira Zalewska, 2002, Konstruktionen der Ehe bei Hugo von Hofmannsthal und Arthurt Schnitzler, München, GRIN Verlag GmbH
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